Ausgabe 263
Kolumne

Böllermann schlägt zurück

Von Peter Grohmann
Datum: 13.04.2016

Lieber Herr Ergohahn,

wir haben ja in unserer deutschen Republik ein mehr oder weniger seit Menschengedenken hervorragend funktionierendes Rechtssystem – von ein paar Ausrutschern (NSDAP 33 ff., NSU 2011 ff.) mal abgesehen. In § 103 der StVO – sorry, StGB – etwa ist bei uns zu Hause geregelt, wann wir ausländische Staatsmänner beleidigen dürfen. Okay, tät jetzt meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen, da hat Euer Böllermann ja Schwein gehabt! Meine Omi weiß Bescheid – die hat schon Majestäten wie den Kaiser oder Honecker beleidigt, da war Dein Vater noch Küstenschiffer in Stalins Heimat und Du hattest noch nicht mal eine von Deinen verdienten Gefängnisstrafen aufgebrummt bekommen!

Bei uns steht die Justiz mehr oder weniger aufseiten des Volkes! Da kommt nach § 103 derjenige drei Jahre in den Knast, der Leute wie Dich beleidigt, Inland, Ausland, Europa eben. Dein Inland, lieber Recep, sind wir aber noch lange nicht, da braucht 's noch ganz andere Türkenwellen, wie unsere Rechtsausleger aus der Mitte sagen würden.

Nicht erst seit dem "Stürmer" und der "Spiegel"-Affäre wissen wir, wie weh es der Pressefreiheit tun kann, wenn sie sich verletzt. Informationen sind der erste Schritt zu Veränderungen – deshalb fürchten bekanntlich nicht nur autoritäre Regierungen wie Deine eine freie und unabhängige Berichterstattung. Merke, Tayyip: Wo Medien nicht über Unrecht, Machtmissbrauch oder Korruption berichten können, findet auch keine öffentliche Kontrolle statt, keine freie Meinungsbildung und kein friedlicher Ausgleich von Interessen. Aber daran, das wenigstens wissen wir, hast Du ja eh null Interesse.

Ich sag mal so: Nicht der Böllermann macht uns Sorgen, über und unter der Gürtellinie, sondern Leute wie Du. Und der Lech Kaczyński, und der Viktor Orbán. Und die Marine Le Pen, damit auch eine Frau dabei ist. Und der Trump – Du weißt schon. Also, Alterchen, lass die Pferde im Stall, sonst machen wir Ernst mit der Pressefreiheit ...

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.


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3 Kommentare verfügbar

  • Thomas Heubner
    am 14.04.2016
    Ich erinnere mich an den Herbst 1989 in der DDR, als sehr viele Rockmusiker, Liedermacher und Unterhaltungskünstler in einer gemeinsamen Resolution die “unerträgliche Ingnoranz der Partei- und Staatsführung” kritisierten, einen öffentlichen Dialog im Land forderten (http://www.ostmusik.de/deutschland/geschichte/3_1.htm) und diesen Text bei ihren Auftritten vor dem Publikum verlasen. Warum kommt heute keiner der unzähligen Film-, TV-, Rock- und Schlagerstars oder der Kabarettisten und Comedians nicht auf die Idee, Böhmermanns Schmähgedicht ebenfalls öffentlich vorzutragen, sozusagen als kleine Geste der Solidarität im Kampf um künstlerische und Meinungsfreiheit? Wäre doch herrlich, wenn Menschenfreund Erdogan ein paar hundert Strafanzeigen mehr stellen müßte.
  • Stuttgarter Bürger
    am 13.04.2016
    Nun vielen Dank für die klaren Wetterworte.

    Was hätte wohl Max Frisch dazu zu sagen bzw. schreiben gehabt.

    In den Worten sind die Taten schon vorausgeeilt, möchte man
    bei den täglichen Nachrichten aus Nah und Fern, meinen.
    Das gilt international, wenn nicht sogar intergalaktisch.
    Die Satelitten wissen es schon.
  • Peter Meisel
    am 13.04.2016
    Danke für die deutliche Position: Der Böllermann hat gezündet!
    Europa und die Türkei?
    Da ist mir sofort die Ausstellung im Zürcher Kunsthaus eingefallen die Europa als Zukunft der Geschichte dargestellt hat.
    https://www.dropbox.com/s/phrvaxoywjq1a5m/Bildschirmfoto%202016-04-13%20um%2008.25.55.png?dl=0

    Hier spielt sich sich Erdogan als Zeus auf und glaubt er kann Europa entführen und geistige Kinder zeugen? Ja, das jetzige Europa ist schwach, denn es fehlt an Demokratie und einer Regierung in dieser Agglomeration Bruxelles.
    28 schwache egozentrische Einzelstaaten, die zwar auf dem Papier sich einen Vertrag mit Versprechungen gegeben haben, den Vertrag von Lissabon 2010 mit dem Untertitel "Aktion europa"?
    Mehr ist es nicht. Erdogan versucht sich mit Gewalt den Zutritt zu einer "Werte-Gemeinschaft" zu erzwingen, deren Werte er nicht teilt.
    "Starke Satire zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Wahrheitsanspruch hat, dass sie einer wenig beachteten, aber so wichtigen wie fragwürdigen Tatsache durch witzige Überzeichnung die nötige gesellschaftliche Beachtung verschafft und damit vielleicht gar einen Lernprozess auslöst."
    Jahn Böhmermann hat dies mit seinem Böller sichtbar gemacht.

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