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Franzl

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Nicht, dass Sie mich richtig verstehen: Ich bin fürs Himmelreich auf Erden, und alle sollen dran teilhaben – Rechtgläubige und Andersgläubige und Ungläubige wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau. Denn wenn vor dem Gesetz alles gleich ist und sich da die UN-Konvention für Menschenrechte auf eine Stufe stellt mit dem Grundgesetz unserer Republik, dann kann nichts schiefgehen in Sachen Gerechtigkeit.

Nicht, dass Sie mich richtig verstehen: Ich bin fürs Himmelreich auf Erden, und alle sollen dran teilhaben – Rechtgläubige und Andersgläubige und Ungläubige wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau. Denn wenn vor dem Gesetz alles gleich ist und sich da die UN-Konvention für Menschenrechte auf eine Stufe stellt mit dem Grundgesetz unserer Republik, dann kann nichts schiefgehen in Sachen Gerechtigkeit.

Himmlisch ist gerecht, auch wenn die wenigsten Ungläubigen auf bessere Zeiten im Himmel warten wollen. Undankbares Gesinde, tät da der Rechtgläubige sagen. Benno hat sich in seinen alten Jahren – sagt man! – furchtbar aufregen müssen und schließlich das heilige Handtuch geworfen. Klar, da ist manches schiefgelaufen in dieser Kurie rund um den gesegneten Erdball: Missbrauch, Prunk und Protz, krumme Geschäfte auf der Bank hinterm Dom – so etwas geht gar nicht mit einem ordentlichen Deutschen. Allerdings kommt nie alles raus – das ist wie mit der Spitze der Eisberge. Wenn's kracht, ist man überrascht, was da so alles untergetaucht wurde. Doch merke: ER sieht alles.

Franzl, wie er von deutschen Einwanderern in Argentinien gern genannt wird, hat einen Riesenkranz an Lorbeeren bekommen – und ein paar gehässige, besser wissende Hinweise aufs Vergangene der katholischen Kirche. Nein, ich meine nicht die gefolterten Priester, die sich gegen die Obrigkeit erhoben haben, der man doch allezeit Untertan sein soll. Ich spreche von den Herren Adolf Eichmann, Josef Mengele, Erich Priebke, Gerhard Bohne und Josef Schwammberger, ich will dem Stellvertreter bewusst nur die fünf nennen, stellvertretend für tausend andere, die der Gerechtigkeit entkamen und kirchlicherseits ihr Himmelreich auf Erde erhielten – im Argentinien der herrschenden Militärs.

Unter der "Rattenlinie" versteht alle Welt eine Fluchthilfeoperation, die die Täter des Massenmordens in Sicherheit brachte – unter der Schirmherrschaft von Papst Pius XII., der zum Holocaust geschwiegen hatte. Die christliche Nächstenliebe erstreckte sich insbesondere auf östliche Kollaborationsregime der Nazis, die von katholischen politischen Parteien geführt worden waren. Unterdessen kämpften die Überlebenden hier und da ums tägliche Brot, um Arznei, um Wahrnehmung, um Rente, oft vergeblich.

Peter Grohmann.Doch, hie und da bekam auch einer was ab von den Brosamen der sogenannten Wiedergutmachung. Ob der alte Cardinale seinerzeit in seiner Diözese seine Priester hätt retten können oder nicht – und etliche von den 30 000 Opfern in Argentinien –, ob er den Segen den Militärs gegeben hat oder nicht, ist mir egal. Die Zeugen – außer ihm – sind wohl tot. Aber es möcht sein, dass er erleuchtet wird und eine päpstliche Kommission einsetzt, so etwas wie die Wahrheitskommission in Südafrika, und die auf die Suche nach der großen Schuld schickt, die niemals erlischt. Es wäre die bescheidene Wiedergutmachung der anderen Art, mit Gottes Segen.

 

Peter Grohmann ist ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.

 


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