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WLB ohne Instagram

Richtig lesen – aber wie?

WLB ohne Instagram: Richtig lesen – aber wie?
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Die Württembergische Landesbibliothek sieht in Social Media eine Ursache für schwindende Lesefertigkeiten. Deshalb hat sie ihre Kanäle dort aufgegeben. Ob der Rückzug von Instagram und Co. der richtige Weg für die Vermittlung von Wissenschaft ist, bleibt umstritten.

Ausgerechnet das ist der Beitrag, der die meiste Resonanz auf dem Instagram-Kanal der Württembergische Landesbibliothek (WLB) erhält: das Statement, mit dem sich die in Stuttgart sitzende Bibliothek von ihrem letzten Social-Media-Kanal verabschiedet. Der Abschiedspost richtet sich gegen die Plattform selbst. Darin heißt es, soziale Netzwerke und vor allem die Bevorzugung zugespitzter Formulierungen seien ein Grund für die abnehmende Lesefertigkeit in der Gesellschaft. Das führe zu "ernsthaften Folgen" für "Gesundheit und politische Kultur".

Dass sich Menschen in Sozialen Medien gerne über Beiträge empören, die sie nicht richtig gelesen haben, ist erst einmal nichts Neues. Dennoch ist die Tendenz, auf die die Bibliothek hinweist, erschreckend. Im Gespräch mit Kontext erklärt WLB-Direktor Rupert Schaab, es gehe bei der Entscheidung um Grundsätzliches: "Social Media ist dem eigentlichen Zweck der Bibliothek diametral entgegengesetzt. Die wissenschaftliche Bibliothek dient dazu, Wissen aufzubauen. Aber Social Media verringert die Fähigkeit der Menschen, Wissen aufzubauen." 

Mehrere Studien der letzten Jahre kommen zu dem Ergebnis, dass die Lesekompetenzen der Deutschen tatsächlich abnehmen. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) stellte 2021 fest, dass rund ein Viertel der damaligen Viertklässler:innen unter dem internationalen Standard liegen, der für den Übergang von "Lesen lernen zum Lesen, um zu lernen" nötig wäre. Auch die Pisa-Studie zeigt 2022, dass sich die Lesekompetenzen von Fünfzehnjährigen deutlich verschlechtert haben. Und selbst 22 Prozent der Erwachsenen fallen bei einer Erhebung der Organisation wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in oder sogar unter die Kompetenzstufe I, deren Niveau einfache und kurze Texte nicht übersteigt. Zwar liegt Deutschland weiterhin bei all diesen Studien über dem internationalen Durchschnitts, aber der Negativtrend ist eindeutig.

Gehirne müssen üben, um fit zu bleiben

Das macht sich auch im universitären Bereich bemerkbar. Clarissa Henning vom Institut für Digitale Ethik an der Stuttgarter Hochschule der Medien beobachtet, dass Studierende zunehmend Schwierigkeiten haben, längere Texte aufmerksam zu lesen. Für sie ist dabei nicht allein die bloße Lesefähigkeit wichtig: "Es geht hier um Denkstrukturen, die wir durch das Lesen lernen, sodass wir zum Beispiel komplexe Sachverhalte wahrnehmen können. Wir müssen unser Gehirn darin schulen, zu denken." Denn Lesen dient nicht nur der Informationsbeschaffung, es fördert die Empathiefähigkeit, trainiert das Gehirn in vielfältiger Weise und kann beim Stressabbau helfen. Auch Rupert Schaab betont, wie wichtig Lesen für die Menschen ist: "Lesefertigkeiten ermöglichen den Menschen ganz basale Dinge. Zum Beispiel den Umfang des Wortschatzes erweitern, analytisches Vermögen und Abstraktionsvermögen."

Gleichzeitig spielt Social Media eine immer größere Rolle in der Gesellschaft. Kürzlich ermittelte das Reuters Institute, dass 67 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sich mindestens wöchentlich über Social Media informieren. Für Rupert Schaab ist das ein großes Problem: "Die Stunden des Tages haben sich nicht verlängert. Aber es sind mitunter bis zu drei Stunden Social-Media-Aktivität dazugekommen, die anderes Lesen verdrängen. Insbesondere das Lesen längerer Texte und Zusammenhänge."

Schon jetzt bietet die Landesbibliothek Schulungen mit Titeln wie "Lange Texte lesen lernen" an. Das Lesen von Social-Media-Inhalten ähnelt oftmals eher einem Scannen oder Überfliegen statt einer tiefergehenden Auseinandersetzung – doch genauso kann man sich auch das Lesen längerer Texte wieder antrainieren. Nur: Wie lässt sich das den Menschen schmackhaft machen? Wäre es nicht als erster Schritt eine gute Idee, die Leute genau dort abzuholen, wo sie sowieso unterwegs sind? 

Algorithmen lieben Zuspitzung

Seitens der Landesbibliothek heißt es, der Rückzug habe weiterführende Gründe. Denn Social Media würde "durch sein Geschäftsmodell und seine Algorithmen kein neutrales Angebot" darstellen. Auch das Statement zum Abschied klagt an, dass mediale Informationen immer zugespitzt werden müssten. Das fördere Desinformation und Verschwörungstheorien, was die Landesbibliothek wohl nicht mehr mittragen möchte. 

Tatsächlich sind soziale Medien keineswegs neutral. Das wurde spätestens 2024 klar, als Bilder kursierten, in denen Instagram-Chef Mark Zuckerberg mit US-Präsident Donald Trump kumpelhaft und medienwirksam dinierte. Nachdem Multimilliardär Elon Musk Twitter gekauft hatte, veränderte sich die politische Schlagseite der Plattform deutlich.

So gab das Statistische Bundesamt 2025 an, dass allein im ersten Viertel des Jahres insgesamt 54 Prozent der befragten Internetnutzer:innen auf sogenannte "Fake News" stießen. Die Landesbibliothek hat also durchaus recht: Social-Media-Plattformen sind nachweislich so aufgebaut, dass sie Zuspitzungen immer mehr Reichweite geben. Denn Emotionalität und Aufmerksamkeit wiegen bei den Algorithmen mehr als neutrale Fakten. Ob Meldungen dabei einen faktischen Kern haben oder völlig erfunden sind, ist für den Algorithmus der Plattformen meist irrelevant. Konsequenzen für die, die Falschinformationen verbreiten, gibt es meist keine.

Auch Clarissa Henning sieht Akteure, die sich Wissenschaft, Demokratie und Aufklärung verschrieben haben, auf Social Media in der Bredouille: "Leider haben die großen Social-Media- und KI-Kanäle unsere Werte gar nicht in ihrem Geschäftsmodell abgebildet." Eigentlich müsste die Politik hier eingreifen, doch das sei oft schwierig, denn die Betreiber der Plattformen seien mächtig und vor allem reich genug, um sich über entsprechende Regulation hinwegzusetzen. Insofern sieht die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Henning in der Entscheidung der Landesbibliothek eine "Haltungsfrage", die sich eine solche Institution leisten könne. 

Allerdings wird Social Media weiterhin genutzt, und die Mechanismen der Netzwerke werden sich auf absehbare Zeit erstmal nicht ändern. Wäre es nicht sinnvoller, gegenzuhalten und über Desinformation auf den betreffenden Kanälen aufklären? "Wegen der Algorithmenlogik der Plattformen funktioniert Gegenrede de facto nicht", erklärt Henning. Um Aufmerksamkeit zu generieren, müsse man sich immer der Plattformlogik unterwerfen und Aussagen zuspitzen.

Fußnoten müssen nicht auf Papier stehen

Auf der einen Seite ist Social Media also der ideale Nährgrund für Desinformation, auf der anderen sind diese Kanäle für immer mehr Menschen Teil des Alltags. Inwiefern die Lesefähigkeiten in Deutschland davon profitieren, wenn sich Bibliotheken aus den Netzwerken zurückzuziehen, bleibt fraglich. Immerhin gehört es nicht nur zu den Aufgaben einer wissenschaftlichen Landesbibliothek, Literatur zu sammeln und aufzubereiten, sondern auch, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und Öffentlichkeit ist heute nicht mehr ausschließlich analog.

Clarissa Henning glaubt, dass kreative Lösungen möglich sind. Die allgemeine Devise sollte demnach sein: Umdenken, anstatt zu verteufeln: "Im Zuge von Medienkompetenzvermittlung sollten wir von früh auf lernen, bewusst zu entscheiden, wofür wir Social Media verwenden wollen und wofür wir Bücher lesen." Es sei durchaus möglich, die Plattformen mit Wissenschaft zu verknüpfen, denn neben reiner Unterhaltung könnten sie auch Denkanstöße bieten. Posts können als Aufhänger dienen, die zum Weiterlesen anregen. Wenn das Interesse entsprechend geweckt ist, können durch Links und Quellenangaben auf weiterführendes Material hinweisen, darunter richtige Bücher. Henning zufolge ließen sich so neue Zielgruppen erreichen, die sich sonst vielleicht nicht für gewisse Themen interessieren würden.

Schon heute gibt es genug Beispiele von Menschen, die erfolgreich Wissenschaftskommunikation auf sozialen Medien betreiben. Natürlich müssen auch sie sich den Plattformstrukturen unterwerfen, um erfolgreich zu sein. Doch hier können Zuspitzungen als Köder helfen, um Interesse zu wecken. Einige Wissenschaftler:innen geben sogar persönliche Einblicke in ihre Arbeit. Dadurch wird Forschung nahbarer und wirkt erreichbarer selbst für jene, die sich sonst vielleicht nicht damit beschäftigt hätten.

Andere Landesbibliotheken zeigen, wie es gehen kann. Die Badische Landesbibliothek bewirbt auf ihren Kanälen – wie viele andere –Veranstaltungen, gibt Tipps zur Bibliotheksnutzung sowie Einblicke hinter die Kulissen und scheint damit Erfolg zu haben. Im Vergleich dazu wirkt der Auftritt der Württembergischen Landesbibliothek etwas lieblos. Auf Anfrage teilt die WLB mit, dass sie für Presse- und Öffentlichkeit nur ein kleines Team aus etwa fünf Personen verfügbar haben, von denen mehrere auch für andere Aufgabenbereiche zuständig sind. Zudem sei der Aufwand für die Social-Media-Kanäle der WLB "nicht allzu groß" gewesen. In diesem Sinne betonen sie, dass der Ausstieg nicht aufgrund von Kapazitäten erfolgt sei, sondern rein "prinzipielle Gründe" gehabt habe.

Hinter dem Schritt mögen noble Gründe stehen, die schwindenden Lesefähigkeiten sind ein offenes Problem. Aber ein Lösungsansatz wird durch den Rückzug nicht ersichtlich. Und so liest sich das Statement zum Abschied vor allem als Eingeständnis von Resignation.

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