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Zum Tod von Jürgen Habermas

Zwangloser Zwang

Zum Tod von Jürgen Habermas: Zwangloser Zwang
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Jürgen Habermas war öffentlichkeitswirksamer Denkwegebahner von sozialliberal bis linksradikal. Zum Tod des Philosophen und zur Aktualität seines Denkens.

"Jetzt wird der August aber Augen machen", soll der schwäbische Pfarrer Christoph Blumhardt gesagt haben, als er vom Tod seines Freundes, des Sozialisten und Atheisten August Bebel, erfuhr. Ob jetzt auch der Jürgen Augen macht, ist doppelt ungewiss: An seinem Unglauben kann man ebenso zweifeln wie am Glauben an ein Jenseits.

Jürgen Habermas – marxistisch beeinflusster Philosoph, öffentlichkeitswirksamer Denkwegebahner von sozialliberal bis linksradikal – ist am vergangenen Samstag 96-jährig gestorben. In den letzten 25 Jahren seines langen Lebens hatte er die Religion entdeckt. Fromm geworden ist er nicht, auch nicht 2004 im Dialog mit Joseph Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation. Habermas besteht gegen die Religion nach wie vor auf der Souveränität der selbstkritisch reflektierten Vernunft. Aber er gesteht religiös begründeter Ethik eine normative Legitimität zu, die auch dann nicht nur als Opium das Volk benebelt, wenn man nicht an sie glaubt. Exemplarisch im Fall der Bio- und Neurowissenschaften oder auch der transhumanen Phantasien der Digitalisierung. Gegen diese drohende Disruption des Menschlichen errichtet die religiöse Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen eine Bastion des Widerstands, deren Fundamente die Vernunft allein nicht legen kann, ohne in einen Zirkelschluss zu geraten: Die auf Vernunft gegründete Kategorie des Humanen kann stets von der Vernunft wieder gestürzt werden. Es mag Vernunftgründe etwa für humangenetische Manipulationen geben, doch die Universalität der Menschenrechte hat an der Vernunft allein eine wankende Stütze. 

Habermas' spätes Interesse an der Religion ist somit kein Rückfall ins geschlossene Weltbild der Metaphysik, sondern das Gegenteil: ein Ausdruck des nachmetaphysischen Zeitalters nach der kritischen Aufhebung religiöser oder ideologischer Absolutheitsansprüche mit ihren ewigen Wahrheiten und repressiven Folgen. Nachmetaphysisch ist eine aufklärende Befreiung mit doppeltem Risiko: einerseits dem subjektiver oder kollektiver Verlustempfindungen, die eine Wiederkehr vermeintlicher Gewissheiten, also autoritärer Gesellschaftsformation provozieren. In diesem Sinne war der sogenannte real existierende Sozialismus für den Sozialisten Habermas "metaphysisch". 

Das andere Risiko birgt die Vernunft selbst in Gestalt ihrer zweckrationalen Verkürzung bei gleichzeitiger Verabsolutierung. Im Kapitalismus vermittelt diese instrumentelle Vernunft die als Logiken, Sachzwänge oder Zweckmäßigkeiten ausgegebenen ökonomischen Interessen. Über das Ökonomische hinaus analysieren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer "Dialektik der Aufklärung" das Scheitern der Vernunft an ihrem aufklärerischen Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit, ihr Umschlagen in Totalitarismus, Faschismus und Völkermord. Als Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie sucht Habermas eine Antwort auf die Frage, welche die "Dialektik der Aufklärung" aufgeworfen hat: Wie kann das "unvollendete Projekt Moderne" – die Entwicklung einer emanzipierten und gerechten Gesellschaft – zumindest weitergeführt werden, ohne erneute Barbarei hervorzurufen? 

Die Macht des herrschaftsfreien Diskurses

Habermas' Antwort ist eine Diskursethik, die auf der Möglichkeit sprachlicher Verständigung basiert. Sie führt zu keinen absoluten Wahrheiten, sondern erreicht im argumentativen Aushandeln eine rational plausible, gemeinsam vertretene Handlungsoption jenseits fauler Kompromisse. In seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" hat Habermas diese Macht des herrschaftsfreien Diskurses auf einen formelhaften, berühmt gewordenen Ausdruck gebracht: den "eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments".

Selbstverständlich hat der zwanglose Zwang eine Flut an Einwänden ausgelöst. Habermas unterstelle eine ideale Diskurssituation, die es nicht gebe. Er überfordere die allgemein verständliche Sprache und die Sprachkompetenz ihrer Sprecher. Sein argumentativer Rationalismus unterschlage die handlungsmotivierende Bedeutung von Gefühlen. Bei Lichte betrachtet widerlegen diese Einwände allerdings nicht den Habermas'schen Ansatz, sondern belegen seine Dringlichkeit – gerade in Zeiten der digitalen Sprachverstümmelung, der Memes und Emojis, der Aufmerksamkeitsspannen von maximal zehn Sekunden. Eine Kommunikation der (Zu-)Stimmung und schnellen Emotionalisierung bewirkt keine andere oder gar bessere Verständigung, sondern sabotiert Verständigung überhaupt. Sie führt zu einer Kommunikation der manipulativ konditionierten Reflexe. 

Ähnliches gilt für den von der Soziologin und Medienkritikerin Eva Illouz vorgebrachten Befund, das Habermas'sche Modell demokratischer Verständigung scheitere, wenn große Minderheiten oder gar Mehrheiten an rationaler Handlungsorientierung nicht mehr interessiert sind und lieber den offenkundigen Lügen populistischer Demagogen folgen. Gerade in der "postfaktischen" Gegenwart, wo die Wirklichkeit zur fraglichen Hypothese erklärt wird, ist Habermas' kritische Theorie von erneuter Aktualität. Dass nachweislich falsche Behauptungen – etwa die Erfindung eines Wahlbetrugs oder das Leugnen des anthropogenen Klimawandels - ohne jegliche Faktizität politische Geltung beanspruchen, ist eben keine Manifestation von postmodern-freizügigem "Anything goes". Sondern von handfesten Interessen, die ihre eigene Faktizität mit diktatorischer Gewalt in die Gesellschaft rammen. Nothing goes, wenn es dem Neo-Autoritarismus nicht passt. 

Habermas setzt dem keinen idealistisch-absoluten Vernunftbegriff entgegen, sondern erkennt gerade das subjektive Interesse als notwendige Voraussetzung der erkennenden Vernunft. Programmatisch formuliert das der Titel von Habermas' "Erkenntnis und Interesse", ein Buch, das die scheinbare Objektivität wissenschaftlicher Methodik kritisiert – nicht um sie der Irrationalität zu überführen, sondern um ihre interessengeleitete Rationalität zu verstehen. "Als Methodologie der Forschung setzt die Wissenschaftstheorie die Geltung der formalen Logik und der Mathematik voraus. Diese wiederum sind als autochthone Wissenschaften von einer Dimension abgeschnitten, in der die Genesis ihrer grundlegenden Operationen erst zum Thema gemacht werden kann", schreibt Habermas. Der reine Formalismus der Vernunft ignoriert die Bedingungen seines Gebrauchs. Unreflektiert wird er zur Scheinobjektivität, sobald es um lebensweltliche Bezüge geht. Und um die geht es letztlich immer.

Keine Scheu vor Debatten

Auf dem Jahrmarkt der Theorie-Moden, so wechselhaft wie Frühjahrskollektionen, nur mit etwas längeren Zyklen, wurde seine dialektische Vernunftkritik ab den späten 70er-Jahren freilich übertönt von einer undialektischen, wenn auch politisch ebenfalls links positionierten Vernunftkritik: der des französischen Poststrukturalismus, in Deutschland lange ignoriert, auch unter tätiger Mitwirkung von Habermas selbst, dann aber in etlichen Semestern und Seminaren ausgerufen als Objekt paradigmenwechselnder Denkbegierde.

Was Foucault, Derrida, Lyotard, Deuleuze, Guattari, Baudrillard – bei allen Unterschieden – eint, ist die Prägung durch Nietzsche und Heidegger, die Abkehr vom Subjekt, ein Denken in transsubjektiven Dispositiven, Intensitätsströmen und Simulationsordnungen. Dessen Dekonstruktion von Machtstrukturen in der Sprache, in Institutionen und in verordneten Wirklichkeiten zielt zwar ebenfalls auf Emanzipation, aber diese hat kein Subjekt mehr, weil das Subjekt selbst dekonstruiert wird. Und damit auch die gleichberechtigte Intersubjektivität à la Habermas. 

Verschiedentlich wurde der Dekonstruktion die Heraufkunft des Postfaktischen, ein politisches Umkippen von Emanzipation in Populismus und Autorität angelastet. Solche Kritik verwechselt zwar Diagnose mit Propaganda. Dennoch fordern die gegenwärtigen Kipppunkte – Klimakatastrophe, Erosion der Demokratie, Wiederkehr des Krieges als Mittel der Politik, exzessive Kapitalkonzentration und zunehmende soziale Ungerechtigkeit, Social Media als Massenbetrug – eine gesellschaftliche Verständigung über Wahrheit und Wirklichkeit. So betrachtet ist die Dekonstruktion und ihr Nachlass eine nötige Herausforderung für die Habermas'sche Vernunftdialektik, an der sich ihre Aktualität ohne Rückgriff auf ein eindimensionales Rationalitätsprinzip bewähren muss. 

Habermas selbst hat öffentliche Debatten nie gescheut. 1967, beim SDS-Kongress nach den tödlichen Polizistenschüssen auf den Demonstranten Benno Ohnesorg, warf er dem zur militanten Aktion drängenden Rudi Dutschke "linken Faschismus" vor (was er später als "Überreaktion" zurücknahm). In den 1980er-Jahren wetterte er gegen Versuche, den Nationalsozialismus und seine Verbrechen zu relativieren, und löste damit den Historikerstreit aus. Er äußerte sich kritisch zu Gen- und Gehirnforschung, plädierte für die europäische Integration und streckte bei etlichen weiteren Themen den Denkerkopf lauthals aus dem akademischen Elfenbeinturm. Noch im vergangenen Jahr legte er sich mit Google an, weil der Tech-Konzern eine Streitschlichter-KI "Habermas-Maschine" nannte. Der unfreiwillige Namenspatron wollte damit nichts zu tun haben. Zur Konfliktlösung, ließ er wissen, gehören immer noch Menschen.

Jetzt hat sich sein Menschenleben einem sprachlosen Zwang gefügt: dem Tod, der zum Leben gehört. Ob Jürgen Habermas im Jenseits Augen macht, wissen wir nicht. Dank ihm wissen wir aber, dass wir sie im Diesseits offenhalten müssen. 

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Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / Peter Peh / vor 4 Tagen 13 Stunden
Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 15 Stunden
AfD = Agitation-für-Dumme


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