Das Volkshaus in Weißwasser, sagt Lokaljournalist und Anwohner Andreas Kirschke, stehe wie kein zweites Gebäude für die Geschichte der Stadt im Landkreis Görlitz. Die war bis ins späte 19. Jahrhundert noch ein Dorf, 1866 lebten hier laut den amtlichen Dokumenten 572 Menschen. Der Aufschwung kam mit der Eisenbahn. Seit 1867 verkehren Züge zwischen Berlin und Görlitz, der neue Bahnhof ganz in der Nähe bedeutet für Weißwasser rasantes Wachstum. Dank einer ergiebigen Rohstoffbasis mit Sand, Holz und vor allem Kohle lockt der Ort Geschäftsleute wie Wilhelm Gelsdorf an, die Migration bringt Wohlstand. Vom ersten Glasschmelzofen im Jahr 1872 dauert es nur wenige Jahrzehnte, bis aus dem Dorf nicht nur eine Stadt, sondern der größte Glasstandort weltweit geworden ist. Um 1925 zählt die örtliche Gewerkschaft 4.000 Mitglieder, deren Monatsbeiträge den Bau des Volkshauses finanzieren. Es wird zum kulturellen Herz der Stadt.
Doch dieses Herz, beschreibt Kirschke, schlägt seit Mai 2004 nicht mehr: Da musste das Gebäude wegen baulicher Mängel geräumt werden. Seither steht es leer und verkommt. Die Glasindustrie in Weißwasser ist nach der Wiedervereinigung zusammengebrochen, heute gibt es nur noch ein einziges Werk in der Stadt, die Bevölkerung hat sich seit 1990 mehr als halbiert auf aktuell 15.000 Einwohner:innen. Überlegungen und Ambitionen, das alte Volkshaus wieder in Schuss zu bringen, gab es in der Kommunalpolitik immer mal wieder – ohne so recht voranzukommen, auch weil Bemühungen um Fördermittel ins Leere liefen. 2021 haben dann drei Jugendliche das alte Haus in Brand gesetzt und damit die Sanierungskosten weiter in die Höhe getrieben. Daraufhin wurde es in der Politik erst einmal still um das Thema.
Nun soll es aber einen erneuten Versuch geben, die Ruine zu beleben. In diesem Juni hat der Stadtrat einen Grundsatzbeschluss zur Sanierung gefasst, berichtet Kirschke, der die Debatte um das Volkshaus seit vielen Jahren mitverfolgt. Laut dem Antrag könnten hier wieder Hochzeiten, Jugendweihen und Tanzabende stattfinden, das Gebäude soll zum Innovations-, Kultur- und Verwaltungszentrum werden. Zugestimmt haben 14 von 22 Stadträten. Gestellt hat den Antrag die AfD. Sie ist mit sieben Sitzen die stärkste Fraktion, hätte alleine aber keine Mehrheit.




0 Kommentare verfügbar
Schreiben Sie den ersten Kommentar!