KONTEXT:Wochenzeitung
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Harder, faster, coroner

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Im Rewe ist wieder High Life, der Papst ist noch sauber, weil er sich immer die Hände wäscht, aber wo hängen jetzt die ganzen Sprittis ab, wenn alle Kneipen dicht sind? Das Corona-Tagebuch von Elena Wolf, Teil 2.


Mittwoch, 25.3.2020

Ich habe ein verdächtiges Kratzen im Hals. Wenn ich atme, sticht's ein bisschen in der rechten Brustgegend (von mir aus gesehen). Herzanfall. Mindestens Corona. Jetzt passiert's. Klemme einen Tennisball zwischen Rücken und Wand und lasse ihn in komplett lächerlichen Bewegungen über meine Rücken ruckeln. Stelle fest, dass der "Schmerz" von dort kommt und nach vorne strahlt. Klassiker. Ich sterbe nicht. Vorerst. Die Einsicht hat mich 30 Minuten gekostet. Wieder zu spät dran für Arbeit. Zum Bus gehetzt. Offener Hosenladen. Egal. Eh niemand hier, dem es auffallen könnte. Busfahrer wurden mittlerweile durch Schaufensterpuppen ersetzt. Muss so sein. Ein Busfahrer ohne Aggressionsproblem ist wie ein Chrystal-Meth-Suchti mit Zähnen: verdächtig.

Beim Bäcker wurden Plexiglas-Scheiben installiert, die die Verkäuferinnen gegen das Virus schützen sollen. Ein Opa labert Ewigkeiten auf eine Verkäuferin ein, die einfach nur nickt und freundlich lacht, aber kein Wort hinter der Scheibe versteht. Sabbere beim Sprechen gegen die Scheibe, weil ich automatisch näher mit dem Kopf ranrücke, als ich meine Bestellung wiederholen musste: "Eine JohanniSSSSbeer-SCHSCHSCHorle und eine SCHSCHSCHinken-KäSSSSSe-SSSSSeele, bitte". Igitt. Konsonanten werden wahrscheinlich auch bald verboten in der Öffentlichkeit. Im Büro angekommen, hallt die Stimme der freundlichen Androidin aus dem Aufzug in meinem Kopf nach. Bing. Siebter Stock. "Fahrtrichtung Abwärts". Welcome to hell.

Heute erfahren, dass ich endlich ins Homeoffice kann. Verrückt: Vor einer Woche hab' ich noch riesen Terror geschoben, weil alle schon daheim waren und ich noch ins Büro musste. Jetzt realisiere ich, dass es vielleicht gar nicht so dumm ist, sieben Stunden am Tag NICHT zuhause zu sein. Habe immer die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit propagiert und Unternehmen wie Google verdammt, weil sie mit ihrer Bällchen-Bad-Mentalität die Grenzen aufheben und Arbeiter so zu den perfekten Sklaven machen, für die Zuhause und im Office sein irgendwann dasselbe ist. Schrecklich.


Donnerstag, 26.3.2020

Ausgepennt bis 1000 Uhr. 50 Prozent Arbeiten ist das Geilste, was mir in den vergangenen Jahren eingefallen ist. Ich will in den Wald. Gerate in einen Streit mit meinem Quarantäne-Boy, weil er nicht raus will. Auch nachdem ich ihm erklärt habe, dass Corona nicht wie der "Aktenzeichen XY ... ungelöst"-Vergewaltiger hinterm Busch vorspringt, sondern die Runde macht, wenn Menschen auf Menschen treffen. Er bleibt bei seinem Argument, dass zuhause bleiben NOCH weniger Risiko bedeutet, als NUR zu zweit in den Wald zu gehen. Dann 30 Minuten Social Distancing in der eigenen Wohnung.

Haben uns wieder gerafft, weil wir Essen besorgen mussten. Im Rewe wieder High Life. Klopapier und Mehl ist alle. Das kotzt mich brutal an. So viel Scheiße kann doch selbst Deutschland nicht produzieren, wie die Leute Klopapier kaufen! Genieße es trotzdem, einzukaufen, weil sich alle an den Abstand halten. Wie geil wär's, wenn das so bleibt. Für immer. Nie wieder hypovigilante Missgeburten, die einem den Einkaufswagen in die Hacken rammen – ohne, dass sie vom Rewe-Security-Personal richtig schön zusammengedeutscht werden. Lache schadenfroh, wenn die Leute, die auch schon vor Corona immer dumm im Weg rumgestanden sind, jetzt richtig geil gemobbt werden. Karma is a bitch, ihr Penner.

Freitag, 27.3.2020

Konnte meinen Freund von einem Spaziergang überzeugen. Wetter wieder bombe. Wir latschen zwei Stunden fast stumm nebeneinander am Kesselrand von Stuttgart Ost. Er müsse sich halt konzentrieren, wenn wir "so schnell" laufen und könne nicht gleichzeitig reden. Ich sage lieber nix dazu. Habe heimlich eine Flasche Müller-Milch Pistazie als Überraschung eingepackt, die ich ihm in der nächsten Raucherpause auf einem abgesperrten Waldspielplatz präsentiere. Sitzen selig zwischen verlassenen Schaukeln und Wippen auf einer Bank und süffeln das grüne Gold. Ein Mann mit zwei Kindern läuft an uns vorbei und steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. "Papaaaaaa, dürfen wir wippen?" Komplett überreizt reibt er sich – warum auch immer – seine Augenbrauen. "NEIN! Seht ihr nicht, dass die SCHEISS Wippe ABGEFLATTERT IST?!!" Kinder weinen. Ein Hund wälzt sich im Sandkasten in etwas, das mal eine Maus oder sowas war. Telefonseelsorge-Hotlines sollen gerade heiß laufen, hab' ich gelesen.

Till Lindemann von Rammstein liegt irgendwo in Berlin auf der Intensiv-Station. Selbstredend, dass "Bild" ihn sofort für ein Corona-Opfer hält: "Till Lindemann hat Corona!" Stimmt aber nicht. Kurz darauf dann erneut in "Bild": "Doch kein Corona!" Was für ein Drecksblatt. Und die schämen sich nicht mal für solche Aktionen. "Das Virus, das mich bezwingen will, muss erst noch erschaffen werden", postet Lindemann dann selbst auf Instagram. Könnte auch von Donald Trump sein. Dessen America ("it's huge") ist jetzt mit den Infektionszahlen Corona-Country Number One. Sogar vor China – allem Wohlstands-Trotz zur Folge.

Wer das Virus und die Folgen immer noch für eine Inszenierung von "denen da oben" hält, dem kann echt niemand mehr helfen. Frage mich, warum Deutsche noch Freigang haben. Vielleicht, weil sich die Saubergermans nicht wie Spanier und Italiener ständig gegenseitig ablecken zur Begrüßung. Kann eigentlich nicht sein. Die Ergebnisse meiner vieljährigen empirischen Forschungen zum Verhältnis von Deutschland und ausbleibenden Wasserhahn-Geräuschen nach dem Toilettengang waren schon vor Corona alarmierend. Papst Franziskus hat noch kein Corona. Wäscht sich wohl immer die Hände nach dem Heiligen Stuhl. Gott sei Dank. Erdoğan scheint by the way auch zu schnallen, dass Corona nicht nur Ungläubige befällt. Sieht ganz gut bedröppelt aus in einer Pressekonferenz im TV. Vor den Göttern und Corona sind wir alle gleich. Ein schöner Gedanke.

Muss jetzt noch schnell alles für die Scooter-Watchparty vorbereiten, die ich organisiert habe. Wie unzählige andere Bands in den vergangenen Tagen spielen auch Scooter heute Abend ein Konzert in einer leeren Halle und streamen es via Youtube in die Wohnzimmer der Fans. Habe von einigen Bekannten jetzt schon gehört, dass sie im Homeoffice zu gar nichts mehr kommen, weil sie den ganzen Tag Einladungen zu Live-Streams nachkommen MÜSSEN. Habe rund 50 Leute eingeladen, um gemeinsam auf einem virtuellen Dancefloor zu "How much is the fish?" durchzudrehen. Mal sehen, wer den Quatsch mitmacht.


Samstag, 28.3.2020

Watchparty war jetzt kein Riesenhit. Aber lustig. Haben sich neun Leute in den von mir erstellten Konferenzraum "Harder, Faster, Coroner!" eingewählt, ihre Handys so positioniert, dass man sie sehen kann und das Scooter-Konzert zusammen geschaut. Mindestens vier waren komplett zugekifft. Der Rest auf unraffiniertem Zucker oder besoffen. Drei Katzen waren auch dabei. Als H.P. Baxxter die brennende Flying V spielt, stürzt der Chat kurz ab, weil sich alle so hart bepissen, dass Rückkopplungen mein Handy in die Knie zwingen. Für eine Stunde war die Welt wieder ein bisschen in Ordnung. Klar, kann so ein Chat keine echte Party ersetzen – aber es tat gut, in Gesichter von Freunden zu schauen, als säßen sie neben mir in der Kneipe. Das fehlt mir. Als die Band den letzten Ton spielt, rufe ich "Zugabe". Als würd's was bringen.

Habe den Eindruck, dass die ganz große Panik im Corona-Newsticker in Deutschland gerade ein bisschen stagniert. Vielleicht hab' ich mich aber auch einfach nur an das Elends-Staccato gewöhnt. Seit den Ausgangsbeschränkungen und dem Shutdown von Spaßmeilen gibt's grade nicht so viel Neues. Alle sitzen daheim und schlagen ihre Kinder und Katzen. Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert, weil sie befürchten, dass häusliche Gewalt während der Quarantäne-Situation zunimmt. Wie an Weihnachten halt. Nur schlimmer. Kann ja niemand wegrennen. So wie die Rentner auf der MS Zaandam. Die hängen mit 1.800 anderen Urlaubern auf einem Kreuzfahrtschiff vor Panama fest. "Frau Merkel, holen Sie uns nach Hause" titelt eine Zeitung. Vielleicht fährt Angie auf nem Jetski ja mal vorbei und schmeißt Brühwürfel über die Reling.


Sonntag, 29.3.2020

Bin komisch drauf heute. Habe Schiss, so langsam das Zott'sche "Weekend-Feeling" zu vergessen (dachte als Kind immer, dass die affige Familie in der Zott-Joghurt-Werbung "Wikänfili" singt). Okay, seit ich meine Lohnarbeitszeit auf fünfzig Prozent reduziert habe, ist bei mir eh vier Tage die Woche Wikänfili. Die Prophezeiung eines sehr weisen und langzeitarbeitslosen Freundes von mir, dass sich drei Tage nach ner Weile auch wie ne ganze Woche anfühlen, hatte sich längst erfüllt. Dienstagmittags war ich meistens schon gerädert wie Fulltime-Jobber donnerstagmittags, was zur Folge hatte, dass ich bereits mittwochabends reif fürs Express am Ostendplatz war. Denn die Arbeit im Büro hatte eine Struktur erzeugt, die die Geldbeschaffungsmaßnahme vom eigentlichen Leben trennte und belohnt werden durfte. Jetzt hab' ich Angst, dass ich die Schnaps-Latte im Express nicht mehr wirklich verdiene. Verdienen würde! Frage mich, wo die ganzen Sprittis jetzt abhängen, wenn alle Kneipen dicht sind und am Klohäuschen mit der Bierbande rumasseln auch nicht mehr erlaubt ist.

Lenke mich von mir selbst mit ein paar Folgen "Tiger King" auf Netflix ab und frage mich, wie eine Corona-Episode mit Joe Exotic, dem durchgeknallten Tigerpark-Besitzer in den USA, aussehen würde, wenn er nicht eh im Knast zwangsisoliert wäre. Wahrscheinlich würde er das Virus einfach in einem Tanga von der Ladefläche seines Pick-Ups mit einem Maschinengewehr in pinker Camouflage abknallen. Bestes Zeitdokument seit der Bhagwan-Doku "Wild Wild Country". Nur Wahnsinnige.


Montag, 30.3.2020

Erster Tag im Homeoffice. Habe unruhig geschlafen, weil ich aufgeregt war. Ob alles mit der Technik klappt. Ob ich durchdrehe bei der Fusion der Lebenswelten. Ob ich das Telefon mit aufs Klo nehme, im Ernstfall rangehe und dann voll seriös so tu', als würde ich nicht grade die Keramik sprengen. Das obligatorische Gedankenkarussell in der Nacht von Sonntag auf Montag funktionierte also noch. Gutes Zeichen. Hatte alle Worst-Case-Szenarien durchgedacht und bin dabei wohl eingeschlafen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hätte, waren Freunde in Quarantäne, die mich, während ich auf einen wichtigen Anruf meines Teamleiters warte, beim After-Hour-Machen anrufen.

Während ich frisch gestriegelt im Kabelsalat sitze, ahne ich, dass der Video-Anruf, der da gerade reinkommt, nichts Gutes verheißt. Hatte bereits gegen neun Uhr die neu hochgeladene Insta-Story des Anrufers gesehen, die einen Beistelltisch voll leerer Flaschen Stuttgarter Hofbräu zeigte. Klar, ich hätte auch einfach nicht rangehen können. Aber Malle ist ja bekanntlich nur einmal im Jahr! Mit der Annahme des Video-Anrufs bestätigte sich mein Verdacht: der Anrufer und alle seine Mitbewohner brotfertig und rattendicht auf einer Couch komplett in Zigarettenrauch gehüllt, der kunstvoll in einem Lichtkegel vor dem Fenster wabert. "Wie bei Marijke Amado in der Mini-Playback-Show, wenn die Zauberkugel aufging", muss ich denken. Einfach nur wow. "Was machst DU denn da?", fragt mich der Anrufer bierselig grinsend.

"Ich arbeite."

"WAAAASSS?? ECHT?? BIST DU JETZT GERADE AUFGESTANDEN, GELL, UND SITZT SO AM RECHNER, NEEE ODER!!!?"

"Ja, doch schon."

"OHHH FUUUCK!!"

"Ja, nö, geht."

"OkAAy, krAAASS, WAS IsTDsA da FüR EINE MANNER-Tüte iMhintERgrUnd??!! Sind da KEEEKSE drin?"

Nach einem Kamera-Schwenk über die Gesichter der anderen winkenden Knalltüten wird mir ganz warm ums Herz. Hätte jetzt zwar nicht gerne ihren Kopf. Wäre aber gerne mit einer Tüte frischer Brötchen vorbeigekommen. Winke zurück und muss auflegen. Mein Chef ruft an. Halleluja – das kann ja noch heiter werden im Homeoffice. Langweilig wird's mit Corona definitiv nicht.


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1 Kommentar verfügbar

  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 01.04.2020
    Antworten
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    den letzten Satz "Langweilig wird's mit Korona garantiert nicht" kann ich ganz und gar unterstreichen! Gerade für mich als ehrenamtlichem Helfer der redlichen Polizei tun sich hier völlig neue Betätigungsfelder auf.

    Am Samstag letzter Woche habe ich mich -…
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