KONTEXT:Wochenzeitung
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Pandemie ohne Aufzüge

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Wie geht es Unternehmen in der Corona-Krise, wie Kunstschaffenden, was sagt die WG dazu oder die DKP, und wie geht die Bevölkerung in Mexiko mit dem Thema um? Ist Lachen gerade erlaubt? Ein Schnipsel-Stück unserer AutorInnen zur Krise, die keinen, aber wirklich keinen kalt lässt.

Über den richtigen Umgang mit der Corona-Pandemie gehen die Meinungen weit auseinander – auch in der Kontext-Redaktion. Deswegen haben wir hier ein paar persönliche Einordnungen zusammengetragen, wie unsere AutorInnen die Krise erleben.

Kultur ohne Zuschauer

Von Dietrich Heißenbüttel

Alexander Kluge, Regisseur und Filmemacher, war nach Stuttgart gekommen, ebenso einige überregionale Kritiker. Die Ausstellung, die letzte in Kluges dreiteiligem Projekt über die Rolle der Kunstform Oper, ist komplett aufgebaut. Der Pressetermin im Württembergischen Kunstverein "Der Tempel der Ernsthaftigkeit" fand noch statt. Am Freitagmittag der vergangenen Woche war auch noch vorgesehen, Besucher in begrenzter Zahl einzulassen, um die Ansteckungsgefahr klein zu halten. Mit Gedränge war allenfalls bei der Eröffnung zu rechnen. Alle freien Mitarbeiter werden weiter bezahlt, ob sie Aufsicht machen wollen, hätten sie selber entscheiden können. Doch dann kam die Anordnung des Ordnungsamts, sämtliche Ausstellungen und Museen bis vorerst 19. April zu schließen und alle Kulturveranstaltungen abzusagen.

"Nun kommt es ganz auf Sie an", sagt Kluge zu den anwesenden Pressevertretern, nachdem er per Telefon informiert worden ist, dass auch die zwei Ausstellungen in seiner Geburtsstadt Halberstadt geschlossen sind. Eine unwirkliche Situation: Eine Handvoll Kritiker hat zwei Stunden Zeit, sich das umfassende Projekt erklären zu lassen und in den einen oder anderen der Filme noch reinzuschauen, die insgesamt acht Stunden dauern. Dann ist Schluss.

Bizarr schon die Fahrt im Bus dorthin. Der Fahrerbereich ist bis hinter die ersten Sitzreihen mit rot-weißem Absperrband vom Fahrgastbereich getrennt, so als hätte sich ein Kapitalverbrechen ereignet. Die Fahrgäste stellen einige berechtigte Fragen. Kein Fußball, kein Frühlingsfest: Die Schausteller hätten den ganzen Winter über nichts verdient, jetzt müssten sie Einnahmen machen, gibt ein Mann zu bedenken: "Sollen sie alle Hartz IV beantragen?" Eigentlich fände sie das völlig übertrieben, antwortet eine Frau. Corona beträfe ja nur die Älteren. Wie sie selbst, fügt sie etwas nachdenklich hinzu.

Großbetriebe arbeiten weiter. Aber Freiberufler, ob Schauspieler oder Künstler, die auf jeden Termin angewiesen sind, sehen sich plötzlich ihrer Einnahmen beraubt. Eine Petition fordert den Bundestag und das Finanzministerium auf, sich ihrer anzunehmen.

Galgenhumor

Von Minh Schredle

"Und wer warst du vor dem Virus?" Prä-apokalyptischer Galgenhumor am WG-Küchentisch. Immerhin noch Gelächter. Ein Mitbewohner schafft im Filmverleih. Da brechen gerade reihenweise Jobs weg. Später kommt ein Kellner heim. Gastro, besonders schwierig. Sie sind dort eigentlich eine Bar, bieten aber Panini an. So können sie vorgaukeln, ein Restaurant zu sein und dürfen den Laden noch aufmachen. Trotzdem ist jetzt früher Schicht im Schacht, also werden am Monatsende grob 800 Euro auf dem Konto fehlen. Ersparnisse waren auch bei vollem Lohn nicht drin.

Kurz nachgedacht: Wie viele Menschen waren das in der Republik, die sich keine Rücklagen leisten können? 11 Millionen? 14? Google muss helfen. Knapp ein Drittel der Haushalte hat keinerlei Ersparnisse, lese ich. Zusammen mit der Lage am Wohnungsmarkt … noch Wein?

Ärger über Sozialdemokraten, die das Land für den besten Niedriglohnsektor in Europa loben. Angst vor rechten Arschlöchern, die erfahrungsgemäß von Krisenschüben profitieren. Und, trotz alledem, gerade viel Anerkennung für Regierungen, die sich zu radikalen Einschnitten durchringen, um das Risiko für Schutzbedürftige abzumildern. Jetzt noch eine verbindliche Zusage, dass auch die Menschen in finanzieller Not nicht allein gelassen werden, das wäre schön.

Unfähiger Kapitalismus

Von Josef Otto Freudenreich

Sonntag, 15. März, 16 Uhr, Marienplatz. Die Schlange vor dem Eiscafé ist sicher 30 Meter lang, die Kellner kommen mit dem Bierbeibringen kaum nach, ein junger Barde singt zur Gitarre. Leute, lasst euch nicht klein kriegen, trägt er vor, das einzige, was uns einschränkt, sind unsere Ängste. Don’t worry, be happy.

Eigentlich ist es wie immer, hier im Westen, wenn die Sonne scheint. Junge Menschen hängen ab, Väter tragen ihre Sprösslinge herum, Mütter schieben teure Kinderwagen hinterher, der gentrifizierte Hotspot scheint out of space, eine Insel der Unversehrbaren, fernab der bösen Realität. Fuck Corona.

Am Montagmorgen, 16. März, 9 Uhr, schreibt die DKP, also die Deutsche Kommunistische Partei, dass sich die "herrschende Klasse" nicht um die Gesundheit des Volkes sorge, sondern um die Profite des Monopolkapitals, dem sie 500 Milliarden hinten rein stecke, während der prekär Beschäftigte seine Miete nicht mehr zahlen kann. Grundsätzlich gelte, dass der Kapitalismus unfähig sei, die grundlegenden Probleme der Menschen zu lösen. So ist’s halt auch wieder.

Vier Stunden später, um 13 Uhr, sitzen Joe Bauer, Tom Adler, Goggo Gensch und Peter Jakubeit zusammen, um eine Art Notfonds für Künstlerinnen und Künstler aufzulegen. Dort brennt der Kittel. Dasselbe gilt für den Wirt, der in der Tübinger Straße ein kleines Asia-Restaurant betreibt. Um 14 Uhr freut er sich über den ersten Gast. "Schön, dass Sie sich trauen", sagt er.

Pandemie und Party

Von Moritz Osswald

In ganz Mexiko sind bislang weniger Corona-Fälle bekannt als in Stuttgart. Offiziell natürlich, Präsident Andrés Manuel López Obrador wird öffentlich beschuldigt, Zahlen zu "schminken". Die Pandemie wird in der mexikanischen Öffentlichkeit erst nach und nach ernst genommen. Großer Beliebtheit erfreut sich hingegen die "Cumbia del Coronavirus", eine musikalische Umsetzung verschiedener Präventions-Tipps. Mehr als vier Millionen Aufrufe hat das beherzte Tanz-Stück. Der YouTube-Hit war so erfolgreich, dass inzwischen auch eine Reggaeton-Version online steht. Pandemie und Party sind in der mexikanischen Republik kein Gegensatz.

Ein virales Video, seit Anfang März im Netz, zeigt einen Karneval in Ocampo im nördlichen Bundesstaat Tamaulipas. Ein Kind verkleidete sich als Coronavirus, begleitet von Arzthelferinnen mit überdimensionierten Spritzen – ein virales Virus-Video. Frenetischer Applaus im Publikum, Bedenken: keine. Vielleicht eine Fortführung der mexikanischen Tradition, sich in allen erdenklichen Formen über den Tod lustig zu machen.

Sorgen sollte man sich tatsächlich, wenn sich das Virus beispielsweise in dem Mega-Moloch Mexiko-Stadt ausbreitet. 22 Millionen Menschen auf engem Raum, ein schlecht funktionierendes Gesundheitssystem – die Überlastung ist vorprogrammiert. Das gilt leider für die meisten Länder Lateinamerikas. In Venezuela etwa sind bereits erste Fälle gemeldet worden. In den dortigen staatlichen Krankenhäusern mangelt es an allem: Strom, Desinfektionsmittel, Medikamente. Sollte sich das Coronavirus dort verbreiten, ist die ohnehin stark gebeutelte Bevölkerung des Maduro-Regimes sich selbst ausgeliefert.

Einsamkeit gebiert Ungeheuer

Von Verena Großkreutz

"Sozialkontakte" war bisher ein rares Wort, das man nur benutzte, wenn man sie nicht hatte. Zum Beispiel, wenn man aus Jobgründen in eine fremde Stadt ziehen, ganz von vorne beginnen musste. Jetzt wird das Wort inflationär verwendet. Wir sollen auf sie verzichten. Was ist das für ein unmenschlicher Rat, jetzt, da auch in Deutschland bald der Katastrophenfall gelten wird? Wo Politiker mit ernstem Gesicht in die Kamera sagen: "Es werden Menschen sterben"? In Zeiten der bevorstehenden beruflichen Bankrotte und anderer persönlicher Tragödien? Gerade jetzt sollen wir auf Sozialkontakte verzichten, uns damit asozial verhalten?

Vor ein paar Tagen sahen sich im Hospitalhof, dem evangelischen Bildungszentrum in Stuttgart, zwei weißhaarige Männer zufällig wieder. Sie stutzten kurz, zögerten, dann rief der eine "Scheiß auf Corona!", und man schloss sich beherzt in die Arme. Darüber können sich andere aufregen, ich finde die beiden sympathisch. Gestern traf ich einen Bekannten auf der Straße, einen kommunikationsfreudigen Rentner, der mir traurig erzählte, sie hätten gerade seine Stammkneipe geschlossen, im vorauseilenden Gehorsam und "aus Solidarität zu den Risikogruppen" – zu denen mein Bekannter gehört. Wo solle er jetzt hin? Gute Frage. Was sollen die Menschen jetzt tun? Sich flächendeckend monatelang zuhause isolieren und der Betrachtung ihres Bauchnabels hingeben? Aus Einsamkeit ist noch nie etwas Gutes entstanden. Sie gebiert Ungeheuer. Also, bitte: pflegt in dieser Krise eure Sozialkontakte. Damit ihr sie danach noch habt.

Solidarität. Mach mal, Mario!

Von Stefan Siller

Mit dem Optimismus ist das so eine Sache. Ohne wirst Du nicht glücklich. Mit kannst Du manchmal unglücklich werden. Ich war – wie viel andere – in Sachen Corona anfangs zu optimistisch. Jetzt müssen wir mit Einschränkungen leben, die sich niemand vorstellen konnte. Alle müssen finanzielle Einbußen hinnehmen. Meine private Altersvorsorge z. B. geht inzwischen davon aus, dass ich in meinem Alter einer Risikogruppe angehöre, die nicht mehr so viele Jahre ihr Aus- bzw. Einkommen braucht. Aber fast noch schlimmer ist, dass wir das, was unser Menschsein ausmacht, unser Miteinander, unsere sozialen Kontakte, einschränken oder gar unterlassen müssen.

Doch genau da zeigt sich, dass der Mensch nicht nur von Gier und Egoismus getrieben ist. "Andra tutto bene" haben viele Italiener auf ihre Plakate und Bettlaken gemalt und sich von Balkon zu Balkon zugesungen – und waren sich auf die Entfernung näher als zuvor. Das gibt mir meinen Optimismus zurück.

Diese Solidarität brauchen wir in der Krise mehr denn je. Indem wir füreinander da sind und uns gegenseitig schützen. Auch etwa bei der schönsten Nebensache der Welt, dem Fußball. Erst Geisterspiele und der mögliche Ausfall der EM und der restlichen Bundesligaspiele haben vielen erst den Ernst der Lage vor Augen geführt. Karl-Heinz Rummenigge hat gesagt: "Am Ende des Tages geht es um Finanzen". Es gibt Menschen, denen fehlt es an Herz, und andere, den fehlt es an Hirn. Aber offenbar geht auch beides. DFB und DFL beklagen Verluste bei Fernsehgeldern und Zuschauereinnahmen. Sie werden vielleicht nicht um Staatsgelder bitten wie etwa die Lufthansa. Aber der Fußball kann sich auch selbst helfen. Braucht der Bestverdiener 15 Millionen im Jahr? Oder kann er für seine Leidenschaft und seinen Verein auch mal ein Jahr lang mit zehn Millionen auskommen. Auf die zweiter Liga runtergebrochen: Reichen auch mal drei der vier Millionen, die Mario Gomez verdient?

Mach es, Mario! Sei solidarisch.

Der Lufthansa-Vorstand verdient genauso viel wie Gomez – und damit 85 Mal so viel wie seine Mitarbeiter im Durchschnitt. Geht auch er mit gutem Beispiel voran?

Vorerst keine Aufzüge

Von Gesa von Leesen

Corona hat die Aufzugsproduktion von Thyssenkrupp in Neuhausen auf den Fildern gestoppt. In einer Information an die Beschäftigten heißt es: "Um eine Weiterverbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 zu verlangsamen, gelten ab dem 16.3. bis voraussichtlich 9.4. folgende Regelungen für den Standort Neuhausen inklusive Multie-Team Mercedesstraße und Testturm Rottweil." Es folgen eine ganze Reihe Verhaltensmaßnahmen. So sollen möglichst viele mobil – also von zu Hause aus – arbeiten, die Beschäftigten der Produktion allerdings, rund 300, können das natürlich nicht. Sie haben jetzt frei. "Bezahlte Freistellung", betont der Betriebsratsvorsitzende vom Aufzugswerk in Neuhausen, Georgios Triantafillidis. Das sei gut. Und die Sache mit dem mobilen Arbeiten werde derzeit geklärt. "Viele hatten ja schon die Möglichkeit, aber für alle anderen muss das jetzt noch geregelt werden. Da ist die IT dran."

Wer Corona ins Werk gebracht hat, mag niemand sagen. Die zuständige Pressesprecherin der Thyssenkrupp Elevator AG erklärt auf Anfrage, zwei Mitarbeiter im Aufzugswerk seien positiv getestet worden. Einer von ihnen "hatte sich in einem zwischenzeitlich offiziellen Risikogebiet (Madrid) aufgehalten, bevor dieses aber zum Risikogebiet ernannt wurde". In Spanien stehen auch zwei Thyssenkrupp-Aufzugswerke. Das legt nahe, dass es kein Produktionsmitarbeiter war, der mit Corona zur Arbeit gegangen ist, sondern wohl eher jemand aus dem Management.

Ob auch andere Metall-Unternehmen im Südwesten schon Werke geschlossen haben, ist unbekannt. "Stand heute, weiß ich von keinem", sagt der Sprecher von Südwestmetall Volker Steinmaier am Montagnachmittag. "Fragen Sie mich in den nächsten Tagen nochmal." Er rechne auf jeden Fall damit. Allerdings, so betont er, ginge es im Moment nicht nur um Corona. "Da kommen drei Faktoren zusammen: Lieferketten brechen weg, die Nachfrage bricht ein und dann noch Corona-Infizierungen." Wenn zudem Beschäftigte nicht mehr arbeiten gehen können, weil sie keine Kinderbetreuung bekommen, werde auch Personal fehlen. "2008/09 hat es ja vor allem die Metall- und Elektroindustrie getroffen", sinniert Steinmaier weiter. "Diesmal sind es fast alle Branchen. Gastronomie, Tourismus, Kultur ..." Steinmaier seufzt. "Und wie lange das noch geht, weiß ja niemand."

Wenn der Wurzelbrecher Alarm schlägt

Von Jürgen Lessat

Wir leben in Zeiten, in denen bislang wichtige Dinge auf einen Schlag völlig unwichtig werden. Fußballspiele zum Beispiel. Oder Autobahnen ohne Tempolimit. Umgekehrt bekommt manches eine Wertigkeit, die vor wenigen Tagen noch unvorstellbar war. Für mich ist dies mein Taschenrechner. Marke "Sigma", Model "DDC 200". Aufgrund seines Alters inzwischen schmutziggrau. Mit einem kleinen Solarpanel, womit er auch ohne Batterien arbeitet. Wurzelbrecher, habe ich ihn getauft. Den gestrigen Abend (Montag, 16. März 2020) habe ich mit ihm verbracht, weil ich wissen wollte, ob und wie wir diese Corona-Krise überstehen. Ob Talkshows, Pandemie-Pläne und Einschränken-Appelle reichen, das Virus noch in den Griff zu bekommen?

Zuletzt hatte ich daran immer mehr Zweifel, dass die Ketten, die Corona um uns wickelt, entschieden genug unterbrochen werden. Etwa, als am Montag vergangener Woche (9. März) der VfB in Stuttgart vor 50.000 Zuschauern gegen Bielefeld kickte. Während der grüne Sozialminister Manne Lucha zeitgleich ein Verbot für Versammlungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern ankündigte. Oder als am Freitag die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach quälend langen Beratungen verkündete, Schulen und Kitas im Südwesten zu schließen – Lehrer und Schüler aber noch am Montag in die Schulen zitierte, um "einen geordneten Übergang in die unterrichtsfreie Zeit zu gewährleisten". "Angesichts der Shutdowns in anderen Ländern eine geradezu anachronistische Position. Denn zwei, drei Tage sind in Zeiten von viralen Pandemien eine Ewigkeit", schrieb der "Spiegel" dazu.

Also habe ich meinen Sigma-Taschenrechner mit Zahlen gefüttert: Mit 83 Millionen Einwohnern in Deutschland, von denen das Corona-Virus laut Charité-Virologe Christian Drosten bis zu 70 Prozent befallen wird. "58,1 Millionen", quantifiziert Wurzelbrecher die Zahl der Angesteckten. Ich frage ihn, wie viele davon so krank werden, dass sie ins Krankenhaus müssen (laut Experten rund 14 Prozent aller Infizierten). "9,3 Millionen", antwortet der Schmutziggraue ohne zu zögern. Ok, das ist angesichts von deutschlandweit rund 500.000 Krankenhausbetten beeindruckend. Wie viele der Corona-Befallenen müssen intensivmedizinisch betreut werden, will ich anschließend wissen. Laut Experten sind es etwa 6 Prozent der Infizierten: "3,5 Millionen", verrät mir der Rechner – was erste Schweißperlen auf die Stirn zaubert. Weil wir nur 28.000 Intensivbetten in Deutschland haben, von denen mehr als die Hälfte bereits durch "normale" Intensivpatienten belegt sind.

Den Magen verdreht es mir endgültig, als der Graue verrät, wie viele an Corona hier wohl sterben werden: "406.700 Menschen", verkündet Wurzelbrecher emotionslos. Und das ist noch die günstigste Annahme, die auf einer Mortalitätsrate von 0,7 Prozent basiert. "Influenza ist viel schlimmer, sie hat bereits mehr als 200 Tote in diesem Winter gefordert ", hieß es anfangs, als die Corona-Epidemie begann. Inzwischen ist das Virus pandemisch, das ohne Impfstoff und wirksame Medikamente weltweit mindestens rund 50 Millionen Tote fordern wird. Auch das hat mir Wurzelbrecher vorgerechnet.

Mein Taschenrechner hat nicht nur Zahlen ausgespuckt. Er hat auch gesagt, dass wir in Deutschland einen absoluten Shutdown brauchen, um das Virus noch einigermaßen in den Griff zu bekommen! Mit einer totalen Ausgangssperre wie in Italien und Frankreich. Sofort, ohne weitere Verzögerungen.
Wer das für überzogen hält: hier eine Studie dazu, die deutsche Übersetzung hier. Zeit zu lesen, in der häuslichen Isolation, haben wir genug.

War ich das?

Von Anna Hunger

Die Zahl der Handy-Spiele, die ich mir jemals aus dem App-Store geladen habe, ist mit insgesamt dreien überschaubar. Warum am 5. Januar 2020 Plaque inc. auf meinem Telefon landete, kann ich so genau auch nicht sagen. Das Ziel: Die Weltbevölkerung strategisch geschickt durch Bakterien, Pilze, Viren oder Parasiten auszulöschen.

Für die Verbreitung gibt es DNS-Punkte, mit denen man seine Krankheit entwickeln und den Gegebenheiten einzelner Länder (Klima, Bevölkerungsdichte, Finanzstärke, etc.) anpassen kann. Übertragung durch Vögel kostete 12 Punkte, der "Ausstoß von infiziertem Material durch projektilartiges Erbrechen" 4 Punkte und so weiter. Ein Spiel mit Suchtfaktor, viel schwarzem Humor (als Soundtrack dienen trockenes Husten und weinende Kinder) und manchmal gar nicht so einfach. Meine Krankheit hatte ich "Pflupf" getauft.

Die Spielentwickler behaupten, es basiere auf hyperrealistischen Daten, die Centers for Disease Control and Prevention, eine Abteilung des US-amerikanischen Gesundheitswesens, hat es 2013 als prima gelobt, weil es die Spielenden für Gesundheits-Themen sensibilisiere. Selbst als Anschauungsmaterial an Unis und Schulen wird es laut dem Amt genutzt. Beim Ausbruch von Ebola schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe, derzeit steht Plaque inc. in der Liste bezahlter Spiele-Downloads auf Platz eins. Zeiten wie diese sind eine Goldgrube für die Entwicklerfirma. Vielleicht, weil der Mensch Krisen gerne mit Galgenhumor begegnet.

China hat das Spiel laut Medienberichten kürzlich aus den App-Stores löschen lassen. Weil es, so wird vermutet, ein schlechtes Licht auf das Land werfen könnte. Denn wer die Seuche in China startet, möglichst so, dass es erstmal keiner merkt und die Symptome nicht sofort zu erkennen sind, hat allerbeste Chancen zu gewinnen. Dicht besiedelt, großes Land, mit Häfen und Flughäfen gut angebunden. "Pflupf" hat ein paar Wochen lang inflationär und sehr erfolgreich die Weltbevölkerung dahingerafft. Nur manchmal bin ich gescheitert, vor allem an der Infektion von Grönland. Dann kam Corona und die Nachricht einer Freundin: "Scheiße, das ist wie in deinem Spiel."

Mittlerweile spiele ich es nicht mehr, weil es mir pietätlos erscheint. Und ich bin froh, dass ich nur auf Level 2 von möglichen vier gewonnen habe: Stufe "normal": "67,3 % waschen sich die Hände, Ärzte arbeiten drei Tage/Woche, Kranke werden ignoriert."

Coronagoals

von Elena Wolf

Oioioi, ihr Verlausten im "Home Office"! Wer nach Powernapping, Calls mit dem Yum-Disc-Delivery-Service, Konferenzen mit der rechten Hand (Hanko) und wichtigen Shit-Off-Meetings auf der Keramik immer noch Kapa hat, der sollte asap as soon as possible seinen Head of Sofa anslacken, diese Fortbildungsmaßnahme zu finanzieren, um Learnings in Sachen GEILER SCHEISS zu generieren. OK tschau. Und bitte AA-Fingers aus dem Gesicht. Danke. #coronagoals – was ich täte in Quarantäne.


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1 Kommentar verfügbar

  • Giuseppe
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Danke für den Plaque - Tip: Ebenso großartig wie zeitgemäss.
    Was zu kurz kommt hier leider nach meiner Meinung: Italien, ziemlich schlimmer Hotspot, singt und trommelt gemeinsam von den Balkonen. Deutschlang hingegen, vergleichsweise mässig betroffen, gönnt sich gegenseitig keine Kloopappe.
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