Die Radlerin, sie lebe hoch! Foto: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 404
Gesellschaft

Wenn Stuttgart fällt, fällt die Republik

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 26.12.2018
Die Stadt Stuttgart will einen Radverkehrsanteil von 20 Prozent erreichen. Und hinkt dem selbst gesetzten Ziel meilenweit hinterher. Die Initiative Radentscheid Stuttgart möchte ihr da ein bisschen auf die Sprünge helfen. Noch vor der Gemeinderatswahl.

35 249 Unterschriften hat die Initiative Radentscheid Stuttgart nach eigenen Angaben gesammelt und am 13. Dezember an Oberbürgermeister Fritz Kuhn übergeben. Das sind keine 100.000 wie in Berlin, aber Berlin ist schließlich auch mehr als fünfmal so groß. Der Hintergrund ist ein ernster: Zwar waren Radfahrer im Jahr 2017 nur in ein Prozent der Verkehrsunfälle in Stuttgart verwickelt. Doch es gab viele Verletzte und Schwerverletzte.

Soldat in Afghanistan mit Kindern

Roter Teppich für alle Radler

Ausgabe 388, 05.09.2018
Von Dietrich Heißenbüttel

Fahrradfahren in Stuttgart? Das ist an vielen Stellen noch immer mit Gefahren und Hindernissen verbunden. Um das zu ändern, hat Thijs Lucas die Initiative Radentscheid Stuttgart ins Leben gerufen. Vergangenen Samstag hat die Initiative für ihr Anliegen den Teppich ausgerollt.

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Dabei ist Radfahren in Stuttgart prinzipiell erwünscht. OB Kuhn möchte den Anteil auf 20 Prozent steigern. Doch noch immer dürfte die Landeshauptstadt unter dem Landesdurchschnitt liegen. Der beträgt acht Prozent, in Freiburg etwa sind es 34 Prozent. In Stuttgart gibt es auf jeden Fall zu wenige Radfahrer und viele sind nicht sicher. Sogar Kleinkinder auf Gehwegen wurden überfahren.

Die erste Forderung lautet daher: Sichere Radwege! "Der Radentscheid Stuttgart fordert, dass jedes Kind in Stuttgart selbstständig und sicher mit dem Rad zur Schule kommt": Das steht so auf der Website der Initiative.

Der Stuttgarter Radentscheid ist übrigens der erste in Baden-Württemberg .

Nun ist die Stadtverwaltung am Zug. Sie muss juristisch prüfen, ob das Begehren zulässig ist. Manch einer wird sich an das Bürgerbegehren gegen Stuttgart 21 im Jahr 2011 erinnert fühlen, das bei ebenfalls 35.000 Unterschriften für unzulässig erklärt wurde. Doch der Radentscheid ist ein anderer Fall. Bamberg hat sieben von zehn Forderungen übernommen, die verbleibenden drei Punkte hätten einen Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung bedeutet, erklärt Thijs Lucas, der Initiator des Radentscheids. Berlin hat auf der Grundlage des Radentscheids gleich ein ganzes Mobilitätsgesetz verabschiedet.

Und Stuttgart? "Wir wollen den Gemeinderat mit einbeziehen", sagt Lucas. Alle Parteien hätten Gesprächsbereitschaft gezeigt, wenn auch nicht in gleichem Maße. SÖS-Linke-Plus waren von Anfang an dafür, ebenso Christine Lehmann von den Grünen und Sibel Yüksel von der FDP. Aber in den Bezirksbeiräten gäbe es auch Zustimmung von CDU-Abgeordneten. Hintergrund ist die Gemeinderatswahl im kommenden Jahr. Manche Politiker haben bisweilen versucht, aus dem Murren der Autofahrer Kapital zu schlagen. Aber wenn eine Mehrheit mehr Radverkehr will, kann sich diese Haltung schnell ändern. Stuttgart ist eine Autostadt, das weiß auch Thijs Lucas. Der Daimler-Mitarbeiter prophezeit: "Wenn Stuttgart fällt, fällt die Republik."


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