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Wenn der Genuss geht

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Die Genussunfähigkeit greift um sich. Beobachten lässt sich das auch in den Fußgängerzonen hierzulande: Leute hetzen, eine Box mit Nudeln oder einen Döner in der Hand, Essen wird zur Nahrungsaufnahme. Ein Plädoyer für mehr Genuss.

Futtern in der Fußgängerzone - natürlich im Laufen. Foto: Martin Storz

Nehmen wir das leckere Tomate-Mozzarella-Brötchen "Olivia". Beim ersten Reinbeißen knackt es, ganz dezent spürt man das Salz auf der Zunge, die Olivenstückchen im Teig wecken Erinnerungen an laue Sommernächte auf sanften Hügeln in der Toskana; beißt man auf sie, nimmt der Teig im Mund plötzlich den Geschmack von Urlaub an. Die Tomatenscheiben angenehm säuerlich, die Mozzarella dezent rahmig, das Basilikum rundet das Essen mit seiner Frische ab. Und dann erst der Geruch! Nimmt man das Brötchen in die Hand, um einen Bissen zu nehmen, tanzen die Düfte vor einem wie einst John Travolta und Olivia Newton-John in "Grease". Nun noch etwas Sonne dazu, vielleicht eine Bank unter einem Baum und die Gesellschaft liebenswerter Menschen, und man kann das Leben schön sein lassen. Und sei es auch nur für ein paar Minuten.

Den Lkw zwischen den Zähnen, Leberkäsebrocken im Rachen, Hände im Fett, Senftropfen ausweichend, sturmtruppenartig vornübergebeugt, Brosamen hinter sich herziehend, eilen sie mit befleckter Krawatte durch die Gassen, die Heere der hetzenden Esser. Zähne mahlen, Beine eilen. Den Blick nicht rechts, nicht links, den Kopf nicht bei der Sache, die Serviette längst fettig. Keine Hand frei, um das Kinn von Resten der Kalorienschlacht zu befreien. Hans Mampf in allen Gassen.

Ein simples Brötchen zu genießen, es könnte ein so schön sinnliches Erlebnis sein. Kurz sich hinsetzen auf der Bank im Schlossgarten. Auf den Teich schauen, wo die Enten ihre Runden ziehen. Sich einen Moment lang ins Gras legen und den Wolken zuschauen. Oder einfach eine Minute die Augen schließen und dem Leben zuhören. Dumm nur, dass der Sinn für die Sinnlichkeit so vielen Menschen abhandengekommen ist. Dumm nur, dass das Olivia-Brötchen normalerweise in den Fußgängerzonen dieses Landes vertilgt wird. Dumm nur, dass das stumpfe In-sich-Reinschieben von Leberkäswecken dort fast schon zum Normalfall geworden ist. Die Konstanz des Lebens, Essen in Ruhe, kommt Zeit, kommt Sattheit, ist im Takt der Laufschritte auf der Strecke geblieben.

Selbst am Sonntag, dem traditionellen Genusstag in christlichen Kulturkreisen, gibt es wenig innehalten. Ein paar Beobachtungen vom Palmsonntag auf der Königsstraße: mit der einen Hand schiebt der Mann das Fahrrad, in der anderen hält er einen Kebap in aufgeblätterter Alufolie. Kaffeeplörre ohne jeden Charakter wird massenweise im Thermo-Pappbecher durch die Gegend getragen, mit einem Kartonring um den Becher, Die Genussunfähigkeit greift um sich. Beobachten lässt sich das auch in den Fußgängerzonen hierzulande: Leute hetzen, eine Box mit Nudeln oder einen Döner in der Hand, Essen wird zur Nahrungsaufnahme. Ein Plädoyer für mehr Genuss. damit man sich die Hände nicht verbrennt. Die 0,5-Liter-Cola-PET-Flasche in der Hand, Crêpes in den Backen, Butterbrezel to go, Eistüten und Schlecksekunden, und fast immer Einweg. Für die Gehfaulen gibt es Hamburger to drive in. Nur eine junge Frau binnen zwei Stunden setzt sich an den Straßenrand und holt eine Sigg-Flasche aus ihrer Stofftasche. Wie viel Essensmasse wird im Vorbeihasten einverleibt, wie viele Pizza-Schnitten "Paradiso" sinnlos zermalmt, wie viele Dumping-Döner im Hetzen gekaut und verdaut?

Schwer zu sagen. Fakt ist jedenfalls, dass sich eine neue Esskultur herausgebildet hat. Ihre Vorläufer dürften mit den Fast-Food-Ketten eingewandert sein, doch in den vierzig Jahren seit der ersten McDonald's-Filiale haben sich die Gepflogenheiten gewaltig weiterentwickelt. Man kann die Veränderungen als Reduzierungen beschreiben: Klassische Essensrituale sind verschwunden. Weniger Zeit. Und ging und geht das Essen in Fast-Food-Lokalen meist noch an einem Ort vonstatten, ist auch diese Gewissheit gewichen. Inzwischen wird mobil gefuttert: Pasta to go und chinesische Gerichte lassen sich aus Pappkartons in den Mund schaufeln. Die Verpackungen, die nach dem Verzehr übrig bleiben, sind das eine. Doch bedauerlicherweise ist, was im wahren Sinn des Wortes auf der Strecke bleibt: der Genuss. Dabei ist das Genießen doch das, was das Leben erst schön macht.

Man weiß, dass Geschmack in einem komplexen Zusammenspiel entsteht. Zu achtzig Prozent sind Gerüche daran beteiligt und nur zu zwanzig Prozent der Geschmackssinn. Auch aus diesem Grund ist es gut, wenn Essen in Ruhe erfolgt und einen festen Ort hat. Wissenschaftler haben sich ausgiebig mit dem Phänomen des Genießens beschäftigt: Genuss entsteht, wenn "ein positives Geschmackserlebnis entsteht", sagen sie. In Österreich wurden im vergangenen Jahr 500 Menschen von Forschern zu diesem Thema befragt. Jürgen König, Professor für Ernährungswissenschaft, und seine Mitarbeiterin Marlies Gruber haben herausgefunden, dass Genießer signifikant öfter optimistisch sind, dazu glücklich, ausgeglichen und entspannt. Sie schätzen insgesamt ihre Gesundheit und ihr allgemeines Wohlbefinden subjektiv höher ein. Fast die Hälfte der Genießer hat Normalgewicht, bei den sogenannten Genusszweiflern und Genussunfähigen sind es 38 Prozent. Warum also dann das Kauen im Hetzen? Wo man es sich doch so einfach schöner machen kann?

Viele Menschen haben das Genießen einfach verlernt. Mehr als vier Fünftel der Deutschen haben Ernährungs- und Essgewohnheiten, die Wohlbefinden, Lebensqualität und/oder den materiellen Wohlstand langfristig eher verringern als erhöhen, heißt es in einem Thesenpapier zum Thema. Im schaffigen Schwaben mögen sich manche auch nicht trauen, es sich einfach mal gutgehen zu lassen. Es besteht jedoch Hoffnung, denn unser Gehirn bleibt lebenslang fähig zu Veränderungen, wir können es immer wieder neu programmieren und somit das hastige Essen aus ihm löschen – wenn wir nur wollen. Es gibt sogar Wissenschaftler, die argumentieren, dass man damit das subjektive Wohlbefinden hochhalten könne, wenn gleichzeitig der materielle Wohlstand sinke. Genuss wird damit zu einem Baustein einer Wohlfühl-Gesellschaft. "Früher galt die Genussfähigkeit als reiner Luxus, der einer kleinen Elite vorbehalten war", sagt die Wissenschaftlerin Hanni Rützler auf einem Symposium in Wien, "heute wird sie zur Schlüsselkompetenz." Schaut man in die Fußgängerzonen, haben sich noch nicht allzu viele Menschen diese Schlüsselkompetenz angeeignet.


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