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"Liebe Ilse" – der Abschied

"Liebe Ilse" – der Abschied
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So schnell hat sich das Vergessen breitgemacht, dass die Schöners kaum mehr nachkommen mit den Reaktionen. Eine Krankheit hat Ilse Schöner geschwächt und ihre Selbstständigkeit noch mehr eingeschränkt. Wie lange werden sie es noch schaffen alleine? Eine Langzeitreportage über das Leben mit Alzheimer (Teil 3 und Schluss).

März 2011

Der Alzheimer hat so schnell so viel ausgelöscht. Ilse Schöner kann seit Anfang des Jahres keine Treppen mehr steigen, kaum mehr gehen. Vom Krankenhaus kam sie ins Pflegeheim, der Norovirus hat sie zusätzlich geschwächt. So oft ihr Mann sie besuchte, hat sie nur einen Satz gesagt. "Ich will heim." Sie hat es gesagt, wenn er ihr Grüße ausrichtete. Sie sagt es, wenn er von den Kindern erzählt. Dabei kann sie sich kaum mehr bewegen, wie das in dem dreistöckigen Reihenhaus gehen soll, ist unklar. Rainer Schöner ist verzweifelt und am Ende seiner Kraft. Er hat seiner Ilse einen Brief geschrieben. Ein letzter Liebesbrief, ein Schrei der Verzweiflung, ein Abschiedsbrief. In unserer Langzeitreportage soll Rainer Schöner das letzte Wort haben. Ilse Schöner hat die meisten ihrer Worte schon verloren.

Liebe Ilse,                                                                     11. März 2011

Du wirst diesen Brief wohl nie lesen können, Deine Krankheit ist zu weit fortgeschritten.

Ich bin so unendlich traurig, und meine Seele schreit zu meinem Gott: warum tust Du mir so weh? Alles Nachdenken endet in dieser Sackgasse: warum? Und was kann ich noch für Dich tun? Mein Gefühl, mein Verstand sagen mir in dieser schweren Stunde: es wird nicht mehr das alles sein, was ich Dir in Deiner fürchterlichen Krankheit mitgeben wollte. Ich ahne, dass es in Kürze zu unserer räumlichen Trennung kommen wird, und wie weit wollte ich die doch vor uns herschieben!

Als ich am Montagmorgen unter Anleitung der Krankengymnastin mit Dir die Treppe des Krankenhauses bewältigte, verkündete ich hoffnungsvoll den Ärzten, dass ich Dich am Freitag nach Hause nehme. Ich wollte nicht mehr zusehen, wie dieser lange Krankenhausaufenthalt alles kaputtmacht, was wir uns beide seit Ausbruch Deiner Krankheit erarbeitet hatten. Dein leerer Blick, Dein miserabler körperlicher Zustand, die totale Inkontinenz, Folge insbesondere dieses verfluchten Norovirus.  Dein Zimmer in unserem Zuhause war auf Vordermann gebracht, die Vorhänge gewaschen, ein paar neuere Fotos an die Wand gesteckt, der "Treppenaufsteiger" bestellt – damit wir gemeinsam mit dessen Hilfe im schlimmsten Fall unsere Treppe im Haus überwinden.

Doch dann kamen die beiden Nach- mittage am Dienstag und Mittwoch, als es Dir nicht gelang, den Fuß auf die nächste Stufe zu setzen. Als du beide Male zusammengesackt bist und gesagt hast: Ich kann nicht mehr! Als mir jeweils vorbeikommende Ärzte und Krankenschwestern zu Hilfe kamen und wir dich zu viert die Treppe hochschleppten – da wusste ich, so kann ich Dich nicht heimnehmen. Zu Hause angekommen, suchte ich verzweifelt nach einer guten Lösung. Am nächsten Tag saß ich beim Heimleiter des Plochinger Pflegeheims: "Jetzt müssen Sie mir helfen!" Er fand schließlich den Ausweg: Zehn Tage im Zweibettzimmer im Heim, danach ebenfalls zwei Wochen bei uns im Heim. Ich war so erleichtert, aber als ich es Dir sagen musste: Es geht nicht heim, sondern ins Heim, hast Du mich so hilflos angeschaut und gesagt: Mir ist jetzt alles egal. Da hatte ich Mühe, die Beherrschung zu behalten. Am Abend überfiel mich dann plötzlich der Gedanke: dass Du womöglich nicht mehr heimkehrst in unser gemeinsames Zuhause. Es wurde dunkel um mich herum, und die Nacht war fürchterlich. Am Donnerstag, als wir beide es die Treppe doch noch unter der Anleitung der Krankengymnastin einmal hoch- und runterschafften, da keimte Hoffnung in mir auf.

Heute Morgen dann die kalte Dusche. Als ich kurz vor Deiner Entlassung aus dem Krankenhaus einer gestandenen Krankenschwester sagte, dass ich schon hoffe, Dich in Bälde wieder nach Hause zu nehmen, da traf mich ihre Antwort wie ein Schwert: "Das schlagen Sie sich aus dem Kopf! Ich habe sie heute schon geduscht, das war wie Karussell fahren – allein schaffen Sie das nicht." Ich habe mir während der Fahrt mit dem Krankenwagen verstohlen ein paar Tränen aus den Augen gewischt – Du hast es nicht bemerkt.

Ich weiß, jeder, der sieht, wie ich Dich vom Stuhl hochziehen muss, wie ich mit Dir gehe – jeder, der unsere Geschichte der letzten Tage verfolgt hat und der die Treppensituation vor unserem Haus bis zur Straße kennt, rät mir: es ist besser, Dich in ein Heim zu geben, wo Du wenigstens hin und wieder etwas Abwechslung hast, ja, und ich würde zu Hause überfordert sein. Vielleicht sehe ich es zum Schluss auch ein. Es ist die Hölle für mich! Und am liebsten würde auch ich schreien: Ich kann und will nicht mehr!

Vor wenigen Tagen ist mir beim Aufräumen eine Kiste mit Briefen aus unserer langen "Anbahnungszeit" vor unserer Hochzeit in die Hände gefallen. Briefe aus unserer Fernbeziehung, als wir ja stets 250 Kilometer voneinander getrennt waren. Kurz vor unserer Hochzeit hast Du mir geschrieben: "Ich bin so froh, dass Du da bist, und ich wünsche Dir: Du mögest nicht enttäuscht sein von mir und unserem gemeinsamen Leben, das wir bald beginnen und auf das wir uns so freuen." Und ich habe Dir in einer Nacht kurz vor unserer Hochzeit geschrieben: "So komme ich jetzt zu Dir mit dem festen Willen, ein gutes Leben mit Dir zu teilen."

Es war nicht immer "gut", und manchmal war es auch recht schwer, aber unsere Liebe hat gehalten.  Im Verlauf Deiner Krankheit haben wir noch einmal zu einer so tief gehenden Liebe, einer Vertrautheit gefunden, die wir wohl kaum für möglich gehalten haben. Und weißt Du, als wir heute früh auf den Krankenwagen war- teten, da hast Du mir ein großes Geschenk gemacht. Ein Lächeln, das ich in letzter Zeit so oft vermisste, huschte über Dein Gesicht, und als ich Dich fragte: "Was ist?", sagtest Du: "Was Schönes!" Ich versuchte lange herauszubekommen, was schön ist, ein Gegenstand, ein Ort, eine Person? Du konntest es mir wieder einmal nicht sagen, und ich wollte schon aufgeben. Doch dann sprudelte es aus Dir heraus: "Du gehörst mir!"  Und dann umarmtest du mich ganz spontan. Wie hat mich das doch tief berührt!

Wirst Du es noch sagen können, wenn ich Dich nicht mehr heimhole? Habe ich dann mein Wort gebrochen, in guten und in schlechten Tagen zu Dir zu halten? Kann ich das vor mir verantworten? Muss ich für den Rest meines Lebens mit dem Vorwurf leben, dass ich feige war? Oder ist es wirklich besser für Dich und für mich, wenn Du im Heim lebst und ich Dich so oft wie möglich besuche?

Es ist tiefe Nacht. Nacht auch in mir. Es ist kalt. Die Wohnung ist so leer ohne Dich. Aber noch ringe ich mit mir.

Dein Rainer

 

April 2011

Das Ringen ist zu Ende. Seit April 2011 besucht Rainer Schöner seine Ilse jeden Tag im Pflegeheim.

 

Teil eins unserer Langzeitreportage: Ich gehöre nicht in diese Welt

Teil zwei unserer Langzeitreportage: Ich weine, weil ich dich mag


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1 Kommentar verfügbar

  • Justaman
    am 25.04.2011
    Antworten
    Hallo Frau Stiefel, vorab ich habe Ihre drei Artikel gelesen und danke das Sie sich diesem Thema auf diese Art und Weise angenommen haben. Sehr offen und ehrlich geschrieben, ohne Übertreibungen.
    Meine Großmutter ist vor einem Jahr verstorben und ich, bzw unsere Familie hat die Demenzerkrankung…
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