(Zu) hoch gepokert um Griechenland. Fotos: Winfried Rothermel

Ausgabe 221
Gesellschaft

Krise spielen

Von Annette Hoch
Datum: 24.06.2015
Die Akropolis gibt's derzeit zum Schleuderpreis, Waffenkäufe sind gar kein Problem, und wer kein Geld mehr hat, quetscht einfach einen EU-Staat aus. "Euro Crisis" bringt sozusagen die Wirklichkeit auf's Spielbrett. Das Ziel: Geld scheffeln. So viel wie möglich. Unsere Autorin hat Probe gespielt.

Ob Frankreich, Spanien, Irland oder Griechenland: Bei "Euro Crisis" wird alles zu Geld gemacht, was sich so im Staatsportfolio findet. Neben La Tour Eiffel, der Akropolis und den Fußballjungs wären das etwa auch die französische Bahn SNCF, der spanische König und das Bierparadies Guinness. Äh, Guinness ...? Ist das nicht in Privatbesitz?

"Na ja, es war ganz schön schwierig, attraktives Staatseigentum zu finden. Wir haben das ein wenig großzügig gehandhabt", sagt Julian Schärdel, während er Staatspläne, Waffen und Gold – jeweils in Würfelform –, Privatisierungsfiguren, Aktionskarten und Ereignischips (Wirtschaft und Volkszorn) auf dem Tisch verteilt. Es sieht extrem kompliziert aus, was er und seine vier brettspielbegeisterten Studienfreunde sich da in dreijähriger Knobelarbeit ausgedacht haben. Scheint viel Guinness im Spiel gewesen zu sein, denke ich, als Julian Schärdel mir die Aktionskarten von "Euro Crisis" erklärt.

Als Erstes soll ich mal nach Frankfurt und mir bei der EZB Geld holen – "da gibt's die Milliardenpakete, garantiert garantiefrei und zu günstigen Zinsen" –, dann muss ich nach London und die Kohle an der Börse vermehren, und dann fahre ich nach Moskau und kaufe dort Gold. Oder waren es Waffen? Hm, egal, auf jeden Fall ist es böse.

"Euro Crisis" ist nichts für Gutmenschen, weil jeder der drei bis vier Spieler nur ein Ziel kennt: als gewissenlose Bank soviel Geld wie möglich scheffeln. Am besten geht das mit Privatisierungen. Die immer dann stattfinden, wenn sich ein Staat ein Milliardenpaket zu überzogenen Zinsen holt und das Staatseigentum an den Höchstbietenden geht. Ähnlichkeiten mit real existierenden Ereignissen und Ländern sind, logo, gewollt.

Die fünf Brettspiel-Aficionados Nikolai Diekert, Claudio Bierig, Simon Eich, Philipp Täger und Julian Schärdel wollen mit ihrer ersten serienreifen Spiele-Erfindung die derzeitige politische Lage auf den Punkt bringen und greifen dafür tief in die Trickkiste erprobter europäischer Patentrezepte.

Staatsreformen werden zum Beispiel per Bunga-Bunga-Party eingeleitet (ich ziehe die Aktionskarte "Rom".) Und der Volkszorn wird entweder per Verstaatlichung – das wäre die Regierungsvariante – oder mit einem Waffen-Upgrade in Schach gehalten. Selbstverständlich ist Letzteres bei "Euro Crisis" die bevorzugte Methode – Panzer & Co. gibt's in Moskau zum Schnäppchenpreis, da ist dann auch gleich der Gewinn höher und ich, die böse Bank, muss mein mühsam Privatisiertes nicht gleich wieder für Petitessen zum Fenster raushauen.

Apropos Demokratie: Regierungen gibt's ebenfalls. Konservative und Sozialisten sind ebenso im Angebot wie Kommunisten und Liberale, allein die Extremisten haben auf dem Spielbrett nichts verloren. Macht nix, schließlich ist die Idee, eine nicht genehme Regierung per Gang nach Brüssel abzusetzen, per se schon extrem charmant.

Und wie verkauft man so ein extrem politisches Spiel? Gibt's einen Verlag, der sich so viel political uncorrectness auf die Fahnen geschrieben hat? "Wir haben ein Crowdfunding gestartet und wollen die ersten 500 Spiele selbst finanzieren." Knapp 14 000 Euro sind angepeilt, um die Druckerei-Mindestauflage finanzieren zu können, und ein großer Teil davon ist schon jetzt – gut drei Wochen vor Ende des Crowdfundings – zusammengekommen. Auf traditionellem Weg, versteht sich, ohne Umwege über London, Moskau oder Rom.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die fünf Satirefans, ganz kleinebrötchenbackig in so seriösen Berufen wie Politikwissenschaftler oder Arzt. Und wenn das mit dem Crowdfunding erfolgreich weitergeht, startet "Euro Crisis" in eine Ergänzungsrunde. Zwei Staaten können noch dazukommen – die Castings laufen derzeit.

 

Den Link zum Crowdfunding finden Sie hier.


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7 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Frank
    am 30.06.2015
    @Leser, 29.06.2015 14:55 - Muß mich den VorkommentatorInnen anschließen: gehöre leider auch zu denen die dieses Spiel, so wie es dargestellt wird, nicht gut, nicht originell und nicht konstruktiv finden. - Schon sehr naiv die Apologetik dieser mehrfachen Ausbeutungen: man will eigentlich niemandem weh tun: den Banken nicht, der europäischen Union nicht, usw.. Da wird "friedlich" alles zusammengeworfen. Auf eine durchaus wahrzunehmende Weise offenbaren Spielidee und Spielrealisation eine beklagte VERROHUNG auch des gepflegten bürgerlichen Bewußtseinzustandes.

    Einiges weist darauf hin daß es nicht nur Zocken/Spiel ist, nicht nur Krise, sondern Krieg - in welchen auch die europäische Idee eingespannt ist. S. "Deutschlands Wirtschaftskrieg", http://www.heise.de/tp/artikel/45/45302/1.html
  • Leser
    am 30.06.2015
    @Schwabe

    Ich kann Ihre Meinung nicht ganz nochvollziehen:
    1. Inwiefern ist es unsympathisch, dass ich Ihnen auf Ihre Frage nach der Motivation hinter dem Spiel die Antwort der Macher weiterleite?
    2. Ich finde die Spielidee nicht phantasielos, sondern im Gegenteil äußerst kreativ (auch wenn es nicht meine ist). Zumindest kenne ich kein anderes Spiel mit diesem Thema.
    3. Dass das Spiel politisch motiviert sein soll, erscheint mir nur teilweise nachvollziehbar. Die Macher schreiben ja, dass sie sich freuen, wenn das Spiel zum kritischen nachdenken anregt, wenn man das als politische Motivation sieht, dann sind wir einer Meinung, daran kann ich aber erstmal nichts Falsches erkennen.

    Fazit: Das Spiel ist nicht politisch korrekt, aber das ist Satire ja oft. Ob man mit dieser Art Humor etwas anfangen kann ist ja jedem selbst überlassen, aber im Vergleich zu einem Spiel wie Risiko, wo es darum geht die Welt mit Waffengewalt zu erobern, erscheint mir das doch eigentlich vergleichsweise intelligent.
  • Schwabe
    am 29.06.2015
    @Leser
    Ich halte Ihre Aufklärung für äußerst unsympathisch und Ihre Spielidee für phantasielos und evtl. sogar für politisch motiviert.
    Unter einem spannenden und unterhaltsamen Gesellschaftsspiel stelle ich mir etwas anderes vor.
  • Leser
    am 29.06.2015
    @Schwabe

    "Das Ziel des Doppeldenk-Spiele-Teams ist es, ein spannendes und vergnügliches Brettspiel mit einer interessanten Thematik und Spielmechanik einem breiten Publikum vorzustellen. Das Spiel richtet sich an alle, die Spaß an Gesellschaftsspielen haben und ein bisschen satirischer Überspitzung nicht abgeneigt sind.

    Unser Ziel ist keine Pauschalkritik an Banken, der EU oder sogar einzelnen Mitgliedstaaten. Im Gegenteil erscheint uns die Europäische Union sowie der Euro als große Errungenschaften hin zu einem friedlichen Europa, deren Erhaltung und Weiterentwicklung durchaus wünschenswert sind.

    Insofern freuen wir uns natürlich, wenn €uro Crisis über den Spielspaß und Ärger über eigene Pläne durchkreuzende MitspielerInnen hinaus zu einer kritischen Reflexion über bestehende Probleme und mögliche Lösungswege anregt. Wir raten den SpielerInnen aber im realen Leben von panikartigen Gold-Hamsterkäufen ab." https://www.startnext.com/crisis
  • S. Hauptkorn
    am 26.06.2015
    Ob die Menschen, die unter diesem realen System, in der realen Welt tatsächlich leiden müssen, dieses Spiel wohl auch so spaßig finden würden?
  • Peterwmeisel
    am 26.06.2015
    Europas Werte gespielt? Es ist bereits wie im realen Leben!
    Unser Problem der EU ist die Unaufrichtigkeit und die fehlende Kommunikationskultur der Politik, fehlende Wahrhaftigkeit, fehlendes Vertrauens und fehlende Verlässlichkeit". eine Optimierungsfalle der Beteiligten. Nachzulesen bei Julian Nidda Rümmelin DIE OPTIMIERUNGSFALLE (S. 66/67) und bei Janis Varoufakis DER GLOBALE MINOTAURUS (S. 64/65).
    Jürgen Habermas schreibt am 22. Juni 2015 in der Süddeutschen: Warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist. Nicht Banken, sondern Bürger müssen über Europa entscheiden, das fordert der berühmte Philosoph Jürgen Habermas. Angela Merkel habe die Krise mitverursacht. Der Kanzlerin seien die Anlegerinteressen wichtiger als die Sanierung der griechischen Wirtschaft. Man ist versucht zu sagen, das Recht der Europäischen Verträge muss von deren Hütern nicht direkt gebeugt, aber doch gebogen werden, um von Fall zu Fall missliche Konsequenzen jener Fehlkonstruktion der Währungsgemeinschaft auszubügeln, die - wie Juristen, Politologen und Ökonomen seit vielen Jahren immer wieder nachgewiesen haben - nur durch eine Reform der Institutionen behoben werden kann.
    Varoufakis bekennt: Über Jahre hatte eine durch die Verkäufer finanzierte Kauforgie nordeuropäische Darlehen in BMWs für Griechen verwandelt, ein Wachstum durch ein von den Konsumenten unterstütztes Schneeballsystem. Aber als Lehman Brothers zusammenbrach, stockten die Kapitalflüsse, unsere Wirtschaft glitt in die Rezession, die Anleiherenditen schossen hoch, und Berge von Schulden konnten nicht länger bedient werden.
    Als Wirtschaftswissenschaftler sage ich er hat Recht. Es wurden die Verluste der Privatbanken auf Steuerzahler abgeladen.
    Die Optimierungsfalle schnappt zu. Europa ist nur noch durch den politischen Willen zu retten. Aber die Gier macht dumm.
    CHARLIE HEBDO Titelseite aktuell www.charliehebdo.fr empfindet IWF (fr. FMI) Waterboarding für Griechen zur Durchsetzung der Europäischen Werte
  • Schwabe
    am 25.06.2015
    Scheint ne Mischung aus Monopoly und Risiko (Kriegsspiel) zu sein.
    Es wäre interessant gewesen zu erfahren was die Hauptintention (welche Hauptmotivation) die fünf kleinbrötchenbackigen Ärzte, Politikwissenschaftler, etc. wirklich hatten bzw. haben! Satire, Aufklärung, makabere Unterhaltung? Oder doch die Hoffnung auf den großen Geldsegen?
    Ich würde mir dieses Spiel nicht kaufen.

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