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Fünf Euro für die Mathe-Hausis

Fünf Euro für die Mathe-Hausis
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Wenn ErzieherInnen streiken, müssen die Eltern ran. Ein Vater hat es im Hort Große Falterstraße in Stuttgart-Degerloch versucht und dabei eine Menge gelernt. Na klar, sagen die Kinder, müssen ihre BetreuerInnen mehr Geld kriegen, sie haben doch die Verantwortung für uns. Und fünf Euro für die Mathe-Hausi wären auch noch drin gewesen.

Zugegeben: Ein Tag als Erzieherersatz in einem städtischen Hort hat etwas Guido-Wolf-Artiges. Der baden-württembergische CDU-Spitzenkandidat und Kretschmann-Herausforderer hatte unlängst den Kellner in einem Stuttgarter Lokal gegeben. Zwei Stunden mit dem Tablett jonglieren und hinterher die SPD-Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wegen des Mindestlohns und der damit verbundenen Bürokratie anmachen. So sieht offenbar Street-Credibility für einen Ex-Landrat aus Tuttlingen aus. Meine Glaubwürdigkeit als Ein-Tages-Hort-Mann reicht indes auch nicht viel weiter.

Am Anfang des Streiks steht eine Liste. Vom Elternbeirat ins Netz gestellt. Für Freiwillige für den Hort in Stuttgart-Degerloch. Die Liste füllt sich. Jeden Tag müssen sich mindestens zwei Erwachsene finden, um die Kinder während des Streiks zu betreuen. Die Liste lebt. Mal wollen mehr, mal weniger in die Einrichtung. Vergangene Woche waren für den folgenden Montag erst sieben Kinder eingetragen. Das erscheint machbar, doch übers Wochenende ereignet sich eine Art Anmeldeboom. Zwölf Kinder haben offenbar keine Omi fürs verlängerte Wochenende finden können. Doch Rettung naht mit Mutter Petra. Die ist im richtigen Leben Vermögensberaterin und mein Betreuungs-Buddy. Und Bankerin Petra geht die Sache mit einem kulinarischen Investmentplan an. Am Sonntag hat sie Kartoffelsuppe gekocht – und die Saitenwürstchen am Montagmorgen beim Metzger eingekauft. Die Kosten für Essen und Getränke ersetzt die Stadt. Man hätte also auch Pizza bestellen können. Das wäre mein Plan gewesen. Um elf Uhr steht die Suppe auf der Herdplatte. Gegen eine Unterschrift bekommen die Eltern den Hort inklusive voll ausgestatteter Küche überlassen. 

Suppe mit Würstchen ist okay

Gegen 11.30 Uhr trudeln die ersten beiden Zweitklässlerinnen ein. Leicht ungläubig bestaunen die Mädchen mich männliche Aushilfskraft. Der letzte Mann in diesem Hort war bis vor einem Jahr der langjährige Leiter Robert Böhm, der als Pädagogenlegende im Großraum Stuttgart gilt. Auf große Vorstellungsrituale legen die beiden Mädchen ohnehin keinen gesteigerten Wert. "Was gibt's zu essen?", lautet die routinierte Einstiegsfrage. Suppe mit Würstchen finden sie "okay". Na dann. Petra scheint den Geschmack zu treffen. Selbst als nach zwei Stunden Geköchel die Suppe bereits indische Schärfegrade erreicht hat. Die beiden Nachzügler Elias und Michalis finden das Essen immer noch lecker. Hinterher erzählen einige Kinder im Vertrauen, dass sonst das Essen im Hort "oft eklig" und eigentlich gar nicht richtig gekocht, sondern nur aufgewärmt sei.

Tatsächlich kommt das Essen aus einer Großküche eines Großkrankenhauses und wird über die gesamte Stadt an Kitas, Horte, Alten- und Pflegeheime verteilt. Während die einen noch essen, machen sich die anderen am Nebentisch bereits an die Hausaufgaben. Den eigentlichen "Hausi-Raum" im ersten Stock können wir mangels Personal nicht nutzen. Was am meisten erstaunt: Die Kinder machen ihre Hausis sofort, freiwillig und unaufgefordert. Allerdings erwarten sie, wenn es beim Verstehen stockt, Hilfe. Jetzt. Kleines Einmaleins – machbar. Mehrzahl von Haus. "Heuser?" Bitte noch einmal nachdenken. Englisch, fünfte Klasse. Fragesätze mit "to do" bilden. Die erste Enttäuschung. Die beiden Junggymnasiasten fragen nicht mich, sondern einen Viertklässler. Der ist aus Irland und als Native Speaker offensichtlich vertrauenswürdiger.

Dafür gibt es von mir spontan eine Fragerunde in Gemeinschaftskunde: "Warum streiken eigentlich eure Erzieherinnen?" Antwort: "Die wollen mehr Geld." "Findet ihr das in Ordnung, dass die mehr Geld wollen?" Antwort: "Na klar." "Und warum?" Antwort: "Weil die voll die Verantwortung tragen." "Verantwortung? Für was denn?" Antwort: "Für uns natürlich." Stimmt, hätte ich selber drauf kommen können.

Im Schnitt verdienen ErzieherInnen monatlich 2519 Euro in Westdeutschland und 2239 im Osten. Alles brutto, nach einer vier- bis fünfjährigen Ausbildung. Ein Maurer kommt auf 2720, ein Paketzusteller auf 2966 Euro.

Bei Verdi klingt das so: "In den Tarifverhandlungen geht es nicht um die Erhöhung der Gehälter zum Ausgleich der Teuerungsrate, sondern um eine Aufwertung der Berufe." Aufwertung findet auch Werner Wölfle gut. Doch soll die bitte nicht so viel kosten. Stuttgarts Verwaltungsbürgermeister hat den undankbaren Job, auf der anderen Seite des Verhandlungstischs zu sitzen. 25 Millionen Euro kostet die von Verdi geforderte Höhergruppierung um vier Stufen die Landeshauptstadt im Jahr, rechnet der Grüne vor. Bei 550 Millionen Personalbudget kein ganz kleiner Betrag. Doch damit nicht genug.

Werner Wölfle fürchtet, dass ihm das Tarifgefüge um die Ohren fliegt

Die Erzieherinnen und Erzieher mit Führungsfunktionen, die aktuell bereits die höhere Tarifstufe erklommen haben, müssten dann ja auch höhergruppiert werden, argumentiert der gelernte Sozialpädagoge. "Und die Arbeit von Alten- und Krankenpflegern ist emotional auch nicht leichter. Die müssten dann auch mehr Gehalt bekommen." Wölfle sieht also bereits das Schreckensszenario, dass ihm das gesamte Tarifgefüge um die Ohren fliegt. Sein Vorschlag: Das Einstiegsgehalt soll eine Tarifstufe höher beginnen. Doch zum Streik muss er auch noch etwas loswerden. "Das ist viel Getöse zulasten der Eltern. Gesellschaftspolitisch ist es eben von Verdi am leichtesten zu behaupten, wir machen das für die Kinder."

Klar, Kinder haben eine bessere Lobby als Lokführer. Und Verdi zeigt auch keinen Gewerkschafter vom Schlag eines Claus Weselsky, der die Klischeefigur für einen Hardcore-Funktionär abgibt. So gesehen ganz schön clever. Oder neudeutsch gesprochen, nutzt Verdi das Momentum, das Erzieherberufe gerade haben, weil der Ausbau der Ganztagsschullandschaft auf der politischen Prioritätenliste ganz oben steht. Damit soll ein echter Klassiker noch zu seinem Recht kommen: "Wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen." Forderte Karl Marx im "Kommunistischen Manifest". Vielleicht muss man eines Tages gar nicht mehr Fabriken und Eisenbahnen bestreiken, um alle Räder zum Stillstehen zu bringen, sondern nur noch Ganztagsschulen, Kitas und Horte.

Inzwischen wird's im Degerlocher Hort richtig kapitalistisch. Ich bekomme von einer Viertklässlerin das unmoralische Angebot, ihre Mathe-Hausaufgaben zu machen – gegen Geld! Sie streckt mir einen Fünfeuroschein entgegen. "Mach sie selber, wenn du willst, auch später bei dir zu Hause", stammle ich. Dann doch lieber draußen mit den Jungs Fußball spielen. Ein blonder Zehnjähriger mit seiner Mähne erinnert an Günther Netzer, nur als er mir den Ball vor dem Tor um die Ohren bolzt, erinnere ich nicht an Sepp Maier. Zum Glück naht das Ende. 16 Uhr ist Abholzeit. Der sonst übliche Spätdienst bis 17 Uhr entfällt. Ich darf den Geräteschuppen im Hof abschließen. Letztes Erfolgserlebnis: Auf mein Geheiß bringen die Kids Schubkarren und Roller in den Schuppen. So, das war's. Als nächste Streik-Aushilfskraft für den Hort schlage ich Guido Wolf vor.

Info:

Der Streik in den kommunalen Kindertagesstätten dauert an, und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Gewerkschaft Verdi sagt, so lange kein Angebot der Arbeitgeber vorliege, werde der Ausstand der ErzieherInnen andauern. In Baden-Württemberg sind es 30 000, davon 98 Prozent Frauen. Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier kritisiert die "totale Verweigerungshaltung" der Arbeitgeber: "Wenn nahezu die gesamte Gesellschaft die Aufwertung dieser Berufe befürwortet, dann sind die Kommunen legitimiert, diese umzusetzen." Am Mittwoch (20. Mai) ruft die Gewerkschaft zu einer Kundgebung am Stuttgarter Schlossplatz um 12.30 Uhr auf. In vielen anderen Städten im Land sind ebenfalls Demonstrationen geplant. Unterdessen nutzt die Softwarefirma SAP den Streik für eine Testreihe. Die Mitarbeiter loggen sich von zu Hause in ihre Computer ein und arbeiten dann, wenn Ruhe ist. Da man ohnehin auf flexible Arbeitszeiten setze, so das Walldorfer Unternehmen, könne man dieses Modell jetzt ausgiebig prüfen.


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3 Kommentare verfügbar

  • Kornelia
    am 24.05.2015
    Antworten
    Zynisch ist dass auch der ErsatzErzieher und der Wolf(le) nicht mal das"Verantwortung" tragen thematisieren!
    Haben nicht gerade die Stadträte ihr Gehalt im Federstreich um knapp 400 Euro erhöht? Von den neben-Einnahmen und VorteilsBoni ganz zu schweigen!
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