KONTEXT:Wochenzeitung
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Seltsame Ignoranz

Seltsame Ignoranz
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Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) hat den Protest jetzt auf dem Schreibtisch. In ihrem Brief fordern Autoren, unter ihnen Felix Huby sowie Theaterhauschef Werner Schretzmeier, dass die Stuttgarter Staatsanwaltschaft endlich in der Sache Grohmann ermittelt. Wie berichtet, hatte der Anstifter nach einer Kontext-Kolumne Morddrohungen erhalten.

Felix Huby, bürgerlich Eberhard Hungerbühler, ist auch mit seinen 75 Jahren noch empörungsfähig. Der gebürtige Dettenhausener (bei Tübingen) und Krimiautor ("Bienzle") ist Schwabe genug, um die Verhältnisse im Land zu kennen. Auch die Staatsgewalt. Er weiß, welchen Verfolgungseifer die Justiz bei Stuttgart 21 an den Tag gelegt hat, und kritisiert jetzt, dass die Anzeige Grohmanns "einer so seltsamen Ignoranz" begegnet. Ausgerechnet gegenüber einem "kritischen Mann, der sein Wächteramt ernst nimmt und nun gerade deswegen bedroht wird". Dies sei nicht hinnehmbar.

Auslöser der Angriffe war ein "Wettern der Woche" von Grohmann in Kontext. Unter der Überschrift "Hosenscheißer" hatte der Kabarettist das Cannstatter Gottlieb-Daimler-Gymnasium gescholten, sich wegzuducken vor den "gehässigen Bemerkungen aus den bekannten Rassistenküchen". Das war vor Weihnachten 2013, als die Lehrer ein offenes Multikultifest absagten, nachdem ihnen vom rechten Rand gedroht worden war. Darauf ist ein Shitstorm über Grohmann hereingebrochen, in dem offene Drohungen ausgesprochen wurden, bis hin zu: "Volksverräter, an die Wand mit ihm."

Initiator des Protestbriefs ist der Stuttgarter Schriftsteller Rainer Wochele ("Sand und Seide"). Als Erstunterzeichner sind unter anderen die frühere Verdi-Landesvorsitzende Sibylle Stamm, der einstige IG-Metall-Bevollmächtigte Jürgen Stamm, der Fernsehjournalist Uli Röhm sowie der Dresdner SPD-Landtagsabgeordnete Karl Nolle dabei. Die Liste kann über kontakt--nospam@die-anstifter.de noch erweitert werden.

Der Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Justizminister Stickelberger, sehr geehrter Herr Leitender Oberstaatsanwalt Mahler,

aufgrund einer politischen Glosse von Peter Grohmann, die am 25. 12. 2013 in den Print- und Online-Ausgaben der Wochenzeitung Kontext erschienen und u. a. über Youtube verbreitet wurde, reagierten etwa 3000 Nutzer auf den Beitrag, entweder über die Kommentarfunktionen oder via E-Mail direkt an den Autor. Weil eine Reihe von Kommentaren auch offene Drohungen, Beleidigungen und Verleumdungen enthielten – etwa "Unbekannter Vollidiot"/"Arschloch"/"Schade, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, diesen Gutmenschen nach alter Sitte zu teeren und zu federn ..."/"... Volksverräter, an die Wand mit ihm!!" – entschloss sich der Verfasser zu einer Anzeige.

Die Anzeige erfolgte am 27. Januar 2014 mit umfangreichen Kopien der Kommentare. Eine Bestätigung erhielt Grohmann nicht und wandte sich deshalb am 20. April 2014 noch einmal an die Staatsanwaltschaft mit der Aufforderung um Auskunft. Auch auf dieses Schreiben kam keine Antwort.

Nachdem Peter Grohmann in der Vergangenheit schon mehrfach nicht nur körperlich bedroht wurde (u. a., weil er sich für den Erhalt des Hotels Silber eingesetzt hatte), begreifen wir nicht, aus welchem Grunde die Staatsanwaltschaft Stuttgart weder den Eingang der Anzeige vom Januar 2014 bestätigt noch die nachfolgenden Fragen nach dem Verfahrensstand beantwortet.

Darüber sind wir sehr verwundert. Betroffene müssen sich unbedingt und ohne jede Einschränkung auf die Hilfe der Justiz verlassen können, sonst geht das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit verloren.

Mit freundlichen Grüßen
Rainer Wochele

 

Erstunterzeichner: Burkhard Baltzer, Kunst + Kultur, Thomas Barth, Bruno Bienzle, Autor, Barbara Döhl, Reiner Graner, Rechtsanwalt, Milenko Goranovic, Regisseur, Felix Huby, Autor, Sandrine Kirschenbilder, Karl Nolle, SPD-MdL Dresden, Rosi Röhm, Künstlerin, Uli Röhm, Fernsehjourmalist, Werner Schretzmeier, Intendant, Sybille und Jürgen Stamm, Verdi.


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6 Kommentare verfügbar

  • Dies und andere Dinge sind doch absolute Gründe
    am 07.08.2014
    Antworten
    für einen schnellen, zügigen und unverzüglichen Rücktritt von Herrn Stickelberger. Ich schrieb das früher schon mehrfach an anderer Stelle: menschliches Versagen, dies hier auch fachlich, kombiniert mit anti-sozialem und nicht-rechtsstaatlichem Verhalten. Ich unterstreiche diese meine ganz…
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