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Scientologen zerstritten

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Die Scientologen (SO) stecken in Deutschland in der Krise. Der Organisation fehlen Geld und Unterstützer, sagen Kritiker. Hinter den Kulissen wurde offenbar heftig über den Standort des hiesigen Hauptquartiers gestritten. Die Entscheidung fiel für Berlin, gegen Stuttgart.

Stuttgart soll zu einem Zentrum der Scientologen in Deutschland werden. Dazu hat die vom Verfassungsschutz beobachte Organisation (SO) bereits im Dezember 2010 für acht Millionen Euro ein Geschäftshaus in repräsentativer City-Lage erworben. Das berichtete Kontext in Ausgabe 172. Der Beitrag "Stuttgart verdeckt im Fokus" schilderte auch die Schwierigkeiten, eine sogenannte Ideale Org in der der baden-württembergischen Landeshauptstadt aufzubauen. Die Expansionspläne werden auf internationaler Ebene gesteuert, während hiesige Mitglieder offenbar nur beschränkt Einfluss auf die Einrichtung einer schwäbischen SO-Niederlassung nehmen dürfen. So trat unter anderem ein israelischer Geschäftsmann und Anwalt als Käufer der Immobilie auf. Er sitzt inzwischen wegen Mordverschwörung und anderer Kapitalverbrechen, auch im Zusammenhang mit der Einrichtung des israelischen SO-Hauptquartiers, in Tel Aviv hinter Gittern. Sein Mammutprozess, der im Juni endete, könnte ein Grund sein, warum das Stuttgarter SO-Projekt derzeit stockt. Das Gebäude steht seit Monaten leer.

Der Scientology-Bericht von Kontext stieß auch im Ausland auf Interesse. Der Journalist und Herausgeber Tony Ortega, der den SO-kritischen Blog "The Underground Bunker" betreibt, kontaktierte daraufhin einen ehemaligen Scientologen, der in der Berliner Org tätig gewesen war, und bat diesen um weitergehende Informationen. Mark Tordai bestätigte, dass die Stuttgarter SO-Gemeinde im Jahr 2006 bereits Geld für den Kauf eines neuen größeren Domizils sammelte. Offenbar war bereits eine Immobilie in der engeren Wahl. Offenbar verhinderte aber der oberste Scientologe, David Miscavige, kurzfristig persönlich die Pläne der Stuttgarter, nachdem er diese zuvor noch unterstützt hatte. Stattdessen entschied Miscavige, das Deutschland-Hauptquartier der Organisation in Berlin zu etablieren. Die Eröffnung der Hauptstadtrepräsentanz wurde im Januar 2007 mit Tausenden Gästen gefeiert. Miscaviges Entscheidung wurde von den führenden Mitgliedern der Stuttgarter Gemeinde offenbar heftig kritisiert. Viele betonten, dass der bessere Standort für eine Ideale Org Stuttgart sei, da hier die größte Scientology-Gemeinde Deutschlands existiere.

Laut Tordai versuche die Stuttgarter Gemeinde weiter, ein großes SO-Zentrum in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu etablieren. Als Hindernisse hätten sich neben der Berliner Vorherrschaft zuletzt auch die negativen Berichte über Scientology in den deutschen Medien, speziell in den lokalen Zeitungen, erwiesen. Ob es nach so vielen Anstrengungen der örtlichen Scientologen je zu einer Idealen Org in Stuttgart komme, sei eine spannende Frage. Die Unterstützung durch den SO-Führer Miscavige und die Kaderorganisation Sea Org schätzt Tordai als gering ein. Zumal die Berliner Scientology-Zentrale in finanzieller wie öffentlichkeitswirksamer Sicht ein ärmliches Bild abgebe. "Ich selbst erwarte keine weitere Eröffnung von Idealen Orgs in Deutschland", sagt der Informant. Sollte es (in Stuttgart) dennoch dazu kommen, würde es in einem PR-Albtraum für die Church of Scientology enden, prognostiziert er.

Karibik: Traumziel für Scientologen

Nach dem Bericht "Stuttgart verdeckt im Fokus" bekam die Kontext-Redaktion Leserpost aus Bremen. Geschrieben hat den Brief, der mehrere Seiten Recherchematerial enthält, der ehemalige Kapitän der Bohème. Das 134 Meter lange Kreuzfahrtschiff wurde 1988 an die Scientology-Organisation verkauft und "als religiöses Refugium der Scientology in Dienst gestellt, (...) in dem Gemeindemitglieder studieren und die höchste Stufe spiritueller Seelsorge erleben können, die in der Scientology-Religion erhältlich ist", wie es auf den SO-Internetpräsenz heißt. "Der neue Name des Schiffes ist Freewind, getauft von Tom Cruise", schreibt der 76-jährige Kapitän.

Die ehemalige Besatzung der Bohème, die vor über 40 Jahren Dienst auf dem Schiff tat, trifft sich noch heute jährlich. "Zurzeit sind wir noch circa 30 Aktive", sagt der Kapitän. Ein Thema bei den Treffen ist natürlich der aktuelle Schiffseigner, es werden die neuesten Informationen ausgetauscht. "Ich weiß, dass das Schiff sein Unwesen in der Karibik treibt. Aber wie verzweigt und unterschwellig die Scientologen in den verschiedenen Häfen, teilweise auch über offizielle Stellen, zugange sind, war mir nicht bekannt", schreibt er.

So leisten Scientology-Mitglieder auf mehreren karibischen Inseln soziale Dienste, um Zugang zu Bevölkerung und Verwaltung zu bekommen. Nach eigenen Angaben gibt es offizielle Partnerschaften zwischen der SO und nationalen Polizei- und Militärbehörden. Von einer SO-Werbebroschüre wurden mehr als elf Millionen Exemplare in karibischen und lateinamerikanischen Hafenstädten verteilt. In mehreren Karibikhäfen gibt es Freewind-Denkmale, etwa in deren Heimathafen auf Curaçao, Willemstad. Die Post der Karibikinsel Aruba brachte zum 25. Freewind-Geburtstag sogar eine Gedenkbriefmarke heraus.


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4 Kommentare verfügbar

  • Florian Hinterhuber
    am 01.08.2014
    Antworten
    Dieser "Org"-Verein gibt wohl so leicht nicht auf,wie man lesen kann.Deshalb ist es auch wichtig,diesen Leuten genau auf die Finger zu sehen.Stimmt es eigentlich noch,dass ein nich unbeträchtlicher Teil der Immobilienmakler nicht nur in Stuttgart selbst (mit Ablegern etwa im Kanton Zug in der…
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