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Es steht viel zu viel auf dem Spiel

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Hochschreiben? Größer machen, als es ist, jenes Häuflein von fünf- oder sechshundert Demonstranten am Samstagnachmittag auf dem Stuttgarter Marktplatz, bewacht von mehreren Hundertschaften Polizei. Oder schweigen? Darüber hinwegsehen im Innenstadt-Trubel des langen Einkaufstags? Sicher nicht! Nur Informierte können den Anfängen wehren, erkennen, wie viel auf dem Spiel steht.

Die Gegner und Gegnerinnen der Bildungsplanreform in Baden-Württemberg wollen sich verhundertfachen nach französischem Vorbild. Diese dritte Demonstration, angesetzt auf Samstag, den 5. April, soll nach den Vorstellungen ihrer Veranstalter Wiege sein einer vor allem im Netz heftig angeheizten bundesweiten Bewegung. Es geht nicht mehr allein um das Verständnis von Elternrechten, um Erziehungsfragen, um die Online-Petition, gegen die grün-rote Landesregierung und die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Schulunterricht. Es geht um Grundwerte, um Moral und Anstand, gegen die Vereinten Nationen und die Europäische Union, gegen Pro Familia und die Bundeszentrale für gesundheitlichen Aufklärung, gegen die Gleichstellung von Mann und Frau.

Zwei gestylte Mädchen in High-Heels kreischen vor Begeisterung, wenn "Frühsexualisierung" angeprangert wird. Elternbeiräte von Stuttgarter Schulen, so wird verschwörerisch per stilles Post durch die Reihen geraunt, sollen geschlossen vor dem Rathaus angetreten sein. Pausbäckige Kinder, deren Eltern und Großeltern sich bedroht fühlen vom "ideologischen Gender-Wahnsinn", freuen sich an bunten Luftballons, die später zum Hilferuf umgedeutet in den Himmel stiegen werden. Gabriele Kuby, die Harry Potter für "ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur" hält, das "in der jungen Generation die Hemmschwelle gegenüber Magie zerstört", wettert gegen Meinungsmanipulation, den Verlust von geschlechtlicher Identität und einen Staat, der "nach den Kindern greift, um sie umzuerziehen".

Die Oppositionsführer schicken Grußworte

Mittendrin im trüben Strom schwimmen die Stuttgarter CDU, die Evangelischen Christen in der Union, die Alternative für Deutschland (AfD), die Auf-Partei, Russlanddeutsche, Neonazis aus Göppingen und jede Menge Rechtspopulisten. Irgendwann beginnt sogar der Himmel zu weinen. Kein innerer Kompass warnt die Vorsitzenden der Oppositionsfraktionen im Landtag, Peter Hauk (CDU) und Hans-Ulrich Rülke (FDP), davor, hier Grußworte verlesen zu lassen. Er wünsche der "Kundgebung mit einem bedeutsamen Anliegen viel Erfolg", teilt Rülke mit. Und in Hauks Augen sind die Sorgen der Menschen "angesichts dieser hochemotionalen Diskussion, die alle am Schulleben Beteiligten erfasst hat", nachzuvollziehen.

Die Sorgen der Menschen, die auf Bannern und Plakaten, auf selbst gebastelten Transparenten und in Broschüren ihren Niederschlag finden genauso wie im Applausverhalten, sind irreal. Irgendwelche Belege dafür, dass Grün-Rot den Elternwillen tatsächlich brechen und "bereits die Kleinsten mit Sex-Themen konfrontiert", werden nicht vorgebracht, und von "Kuschelecken für sexuelle Doktorspielen in Kitas" weiß nur ein Flugblatt. Niemand mag zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei der von der UN, der EU, in Regierungen, Unternehmen und Kommunen festgeschriebenen Praxis des Gender-Mainstreaming darum handelt, "bei jeder staatlichen Aktion grundsätzlich auch die geschlechtsspezifischen Folgen abzuschätzen und zu bewerten". Auch, nicht ausschließlich! Eltern werden aufgefordert, ihre Kinder in Stunden, in denen angeblich Sexualkunde auf dem Programm steht, aus dem Unterricht zu nehmen. Als Hero verehren hier Versammelte einen Familienvater aus der Nähe von Meschede in NRW, der sich der Schulpflicht, gutem Zureden und angedrohten Strafen so lange widersetzte, bis er im Knast landete.

Passende Vorbilder jenseits des Rheins gefunden

Die französischen Kulturkämpfer (manif pour tous) versprechen, solch ein Verhalten massenhaft in den Alltag zu tragen. Vor über einem Jahr gingen Hunderttausende in Paris und anderswo auf die Straße, als die Regierung die Homo-Ehe (mariage pour tous) einführte. Inzwischen unterstellen Radikalkonservative, der nächste Schritt sei, der Vielweiberei Tür und Tor zu öffnen. Öffentliche Büchereien werden gestürmt, um angeblich anstößige Kinderbücher – Harry Potter – eigenmächtig zu entfernen. Bei den Kommunalwahlen im März sind die Gleichstellungsgegner entgegen ihren ursprünglichen Pläne doch nicht angetreten. Lieber unterstützten sie vielerorts die ultrarechte Nationale Front von Marine le Pen. "Wir fangen sehr spät an", so Pierre-Louis Santos, der eigens nach Stuttgart gekommen ist, "deswegen müssen wir schnell und stark sein, denn wir müssen gewinnen." Die gestylten Mädchen kreischen wieder.


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30 Kommentare verfügbar

  • Judith
    am 14.04.2014
    Antworten
    @guua
    es geht nicht darum dass Sie anders denken, sondern darum, dass Sie anders fühlenden Menschen das Recht menschlich wahrgenommen und behandelt zu werden absprechen. Das ist Menschen verachtend und abstoßend!
    Gibt es in Ihrem "Glauben" so etwas wie Toleranz bzw. noch besser Akzeptanz…
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