Ausgabe 149
Gesellschaft

Wer zerstört die Natur?

Von Susanne Stiefel
Datum: 05.02.2014
Antonietta F. hat Bäume im Stuttgarter Rosensteinpark mit weißen Kreuzen bemalt. Als Zeichen für die Zerstörung der Grünanlage durch das Bahnprojekt Stuttgart 21. Demnächst steht sie vor Gericht. Vorgeworfen wird ihr, das Erscheinungsbild der historischen Parkanlage "erheblich verändert" zu haben.

Eigentlich wollte Antonietta F. einmal Richterin werden. Die Frau mit italienischen Wurzeln hat sich dann doch für den Erzieherinnenberuf entschieden. Nun wird die ehemalige Leiterin des deutsch-italienischen Kindergartens demnächst selbst vor dem Kadi stehen, ohne Anwalt, denn dafür gibt die schmale Haushaltskasse der Witwe mit ihren drei Kindern das Geld nicht her. Den Strafbefehl über 400 Euro akzeptieren will die 50-Jährige auf keinen Fall. "Ich habe nichts Strafbares getan", sagt Antonietta F.

Am Nachmittag des 3. November 2012 war Antonietta F. in den Rosensteinpark aufgebrochen, um, wie sie sagt, "mit meiner Aktion mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und auf die Stadtzerstörung durch das Unsinnsprojekt S 21 hinzuweisen". Bestückt mit einem Eimer Kalkfarbe kennzeichnete die S-21-Gegnerin 63 Bäume mit einem weißen Totenkreuz. Sie diskutierte mit Spaziergängern und Passanten, "die oftmals nicht wussten, dass auch am Rosensteinpark für S 21 Bäume fallen sollen". Sie diskutierte auch mit den zwei Polizisten, die bald kamen, um ihre Personalien aufzunehmen. Zum Prozess am 12.2. im Amtsgericht Bad Cannstatt sind diese Beamten als Zeugen geladen.

Antonietta F. wird "gemeinschädliche Sachbeschädigung" vorgeworfen in Zusammenwirken mit Rüdiger N. und weiteren nicht ermittelten Personen. Das liest sich im schönsten Juristendeutsch im Strafbefehl dann so: "Die Angeklagte versah ... im Rosensteinpark im Bereich zwischen dem Schloss Rosenstein, der Wilhelma und der Neckartalstraße mehrere Bäume mittels weißer Farbe ... jeweils mit einem Kreuz in der Größe zwischen 30 x 50 cm und 50 x 70 cm und in einer Strichbreite von ungefähr 8 cm ... Eine solche Anbringung von Farbe auf die oberste Rindenschicht ist zwar für den Baum nicht schädlich, jedoch wurde dadurch das Erscheinungsbild des Teilbereichs Rosensteinpark, bei dem es sich um eine historische Parkanlage handelt, die der Erholung der Bevölkerung dient, erheblich verändert."

Erhebliche Veränderungen im Erscheinungsbild wird es in der Tat geben, vor allem jedoch mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten für Stuttgart 21. Das zeigt schon die Schlammwüste im Mittleren Schlossgarten, wo bereits vor zwei Jahren 170 Bäume dem Milliardenprojekt der Bahn weichen mussten. Wovor Antonietta F. mit ihrer symbolischen Aktion warnen wollte, ist nun Wirklichkeit geworden: Im Rosensteinpark will die Bahn in der sogenannten vegetationsfreien Zeit bis Ende Februar 2014 insgesamt 110 Bäume fällen. Man fühlt sich an Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" erinnert, die Sache mit dem Einbruch und der Gründung einer Bank, und möchte fragen: Was ist das Bemalen eines Baumes gegen das Fällen eines Baumes?

Der Rosensteinpark in Bad Cannstatt gilt als der größte englische Landschaftspark Südwestdeutschlands. Er gehört dem Land Baden-Württemberg, besitzt die höchste Hasendichte Deutschlands (98,9 Exemplare auf 100 Hektar) und steht außerdem unter Denkmalschutz. Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hat den von der Bahn beantragten Fällarbeiten bereits zugestimmt. Die Bäume müssen weichen, weil auf der Fläche nahe der Ehmannstraße soll ein Zugkreuzungsbauwerk? entstehen soll. 

Antonietta F. will nicht klein beigeben. "Was wiegt eigentlich schwerer?", fragt sie sich, "die Zerstörung einer Stadt oder das Bemalen von Bäumen?". Sie akzeptiert weder die verhängten 400 Euro Strafe, noch die Kosten von 1311,98 Euro, die dem Land laut Strafbefehl durch das "händisches Enfernen" der Kreuze entstanden sind, und erstattete ihrerseits Strafanzeige gegen das Land Baden-Württemberg wegen Betrugs. Ob die Kreuze nun mit einer trockenen Bürste in weniger als fünf Minuten entfernt werden können, wie Ferri behauptet, oder nicht: Mutet es nicht bizarr an, dass mit Paragraphen gegen eine Frau vorgegangen wird, die in einer symbolischen Aktion Bäume bemalte, während gleichzeitig Bäume im Rosensteinpark abgehackt werden? Hannes Breucker, Direktor des Amtsgericht Bad Cannstatt, will sich vor dem Prozess inhaltlich nicht äußern: "Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass Frau F. den Einspruch gegen den Strafbefehl zurücknimmt und es gar nicht zum Prozess kommt."

Doch die Frau, die als Kind Richterin werden wollte, denkt nicht daran. "Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass vor Gericht die Gerechtigkeit siegt." Der Prozess vor dem Amtsgericht in Bad Cannstatt findet am 12. Februar statt.

Der Rosensteinpark in Bad Cannstatt gilt als der größte englische Landschaftspark Südwestdeutschlands. Er gehört dem Land Baden-Württemberg, besitzt die höchste Hasendichte Deutschlands (98,9 Exemplare auf 100 Hektar) und steht außerdem unter Denkmalschutz. Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hat den von der Bahn beantragten Fällarbeiten bereits zugestimmt. Die Bäume müssen weichen, weil auf der Fläche nahe der Ehmannstraße ein Tunnel entstehen soll.

Antonietta F. will nicht klein beigeben. "Was wiegt eigentlich schwerer", fragt sie sich, "die Zerstörung einer Stadt oder das Bemalen von Bäumen?" Sie akzeptiert weder die verhängten 4oo Euro Strafe noch die Kosten von 1311,98 Euro, die dem Land laut Strafbefehl durch das "händisches Enfernen" der Kreuze entstanden sind, und erstattete ihrerseits Strafanzeige gegen das Land Baden-Württemberg wegen Betrugs. Ob die Kreuze nun mit einer trockenen Bürste in weniger als fünf Minuten entfernt werden können, wie F. behauptet, oder nicht: Mutet es nicht bizarr an, dass mit Paragrafen gegen eine Frau vorgegangen wird, die in einer symbolischen Aktion Bäume bemalte, während gleichzeitig Bäume im Rosensteinpark abgehackt werden? Hannes Breucker, Direktor des Amtsgerichts Bad Cannstatt, will sich vor dem Prozess inhaltlich nicht äußern: "Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass Frau F. den Einspruch gegen den Strafbefehl zurücknimmt."

Doch die Frau, die als Kind Richterin werden wollte, denkt nicht daran. "Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass vor Gericht die Gerechtigkeit siegt." Der Prozess vor dem Amtsgericht in Bad Cannstatt findet am 12. Februar, 13.15 Uhr statt.

Sechs Tage nach Erscheinen dieses Artikels und zwei Tage vor Prozessbeginn wurde das Verfahren gegen Antonietta F. und Rüdiger N. wegen geringer Schuld eingestellt. Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht haben sich darauf geeinigt, dass Antonietta F. ihre Strafanzeige gegen Unbekannt zurückzieht und die Kreuze von den Bäumen abwischt. Anders als im Strafbefehl behauptet, ist das bisher nicht geschehen.  

 

 


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