Dieses ganze Debakel mit dem Klima lässt sich besser verdrängen, wenn es draußen gerade arschkalt ist. Kopfüber im Eisbad gelingt es womöglich auszublenden, dass das jetzt immer schlimmer wird. In nicht klimatisierten Notaufnahmen sterben Patient:innen vermeidbare Tode. Zugleich vervierfachen sich die Preise für Klimaanlagen, weil ist halt Angebot und Nachfrage. Diese Horrorhitze rund um den 28. Juni, den tödlichsten Tag in der Geschichte der Bundesrepublik – diese Episode werden sich Grundschüler:innen von heute vielleicht mal als einen der mildesten Sommer ihres Lebens zurücksehnen.
Zu den Hochphasen der Fridays-for-Future-Proteste wurde von verschiedener Seite so getan, als sei es durchaus realistisch, die globale Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Entschlossenes Handeln vorausgesetzt. Stattdessen häufen sich gerade die Entschlüsse, nicht zu handeln – oder einmal beschlossene Handlungen lieber doch bleiben zu lassen. Beispiel Stuttgart: Vor vier Jahren stimmte eine Mehrheit im Gemeinderat dafür, dass die Stadt bis 2035 klimaneutral werden solle. Dazu gab es sogar einen konkreten Fahrplan mit 13 zentralen Maßnahmen. Die Umsetzung ist aber kompliziert und teuer. Deswegen versucht sich die Stadtverwaltung an einem schwierigen Spagat: Nach außen hin heißt es, "Klimaneutralität bis 2035 bleibt das ambitionierte Ziel". Aber klimaneutral meint dabei jetzt nicht mehr volle 100 Prozent klimaneutral – sondern nur noch 85 Prozent klimaneutral, was dann eben nicht mehr klimaneutral wäre. Aber so klingt es besser.
Auch der grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg bereitet der Klimaschutz Kopfzerbrechen. Wichtig ist das Thema, daran lässt der Koalitionsvertrag für die anlaufende Legislaturperiode keine Zweifel. Darin heißt es aber auch, der Klimaschutz dürfe "Wertschöpfung, Beschäftigung und industrielle Substanz unseres Landes" nicht gefährden. Ein ziemlich sonderbares Bonmot, zeigt sich doch gerade allerorten: Kein Klimaschutz ist noch viel teurer. Die Beratungsfirma Prognos hat berechnet, dass ein einziger Tag mit Temperaturen über 30 Grad bundesweit Kosten von etwa 430 Millionen Euro verursacht. Vorzusorgen wäre da nicht die schlechteste Idee.
Klar sind derzeit viele Staatskassen klamm. Umso stutziger macht, an welchen Plänen festgehalten wird. So waren ein paar Stuttgarter Nasen gekränkt, dass Megastar Taylor Swift auf ihrer Welttournee nicht in Baden-Württembergs Landeshauptstadt vorbeischauen wollte – was ja wohl an der viel zu kleinen Hanns-Martin-Schleyer-Halle gelegen haben müsse. Mit einer größeren Veranstaltungsarena, am besten der größten in ganz Süddeutschland, sollte Stuttgart auf der kulturellen Landkarte künftig nicht mehr zu übersehen sein. Dann kam aber ein Hinweis aus den Ämtern, dass bei so vielen Besucher:innen ja auch mit viel mehr Emissionen durch den Verkehr zu rechnen sei. Der neue Plan sieht vor, dass die neue Halle nur um 500 Plätze größer sein soll als die bisherige. Aber es soll weiterhin eine neue Halle gebaut werden. Statt die bestehende klimaschonend und kostengünstig zu sanieren, droht ein klimabelastender und kostenintensiver Neubau ohne nennenswerten Kapazitätsgewinn.
Ohne die gedankenmörderische Hitze der letzten Wochen wären solche Ideen kaum erklärbar. Laut Oberbürgermeister Frank Nopper hängen düstere Wolken über dem Stuttgarter Haushaltshimmel. Dabei explodieren nicht nur beim Milliardengrab Stuttgart 21 regelmäßig die Projektkosten. So sollte die Sanierung der Stuttgarter Oper ursprünglich nur 18 Millionen Euro kosten – inzwischen liegt die Prognose bei etwa 1,5 Milliarden. Allein das Interim soll 289 Millionen Euro kosten, während andere Städte da mit einem Bruchteil ausgekommen sind. Kassel zum Beispiel mit 20 Millionen.
Parallel dazu schmiert mit der Autoindustrie die Quelle des baden-württembergischen Wohlstands ab. Doch gibt es hier im Südwesten nicht nur Verlierer. Während sich die Klagen aus der Wirtschaft häufen, macht zumindest die Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch gerade blendende Geschäfte, Kleinwaffen verkaufen sich in dieser Weltlage wie geschnitten Brot. Vielleicht gelingt es der Rüstungsindustrie nicht nur, den deutschen Wohlstand zu retten. Wenn es eine Branche doch noch schafft, Ökonomie und Ökologie zu versöhnen, dann ja wohl die innovationsfreudigste von allen. Zum Beispiel mit biologisch abbaubarer Munition. Oder besser noch: kompostierbaren Seriennummern, die über einen smarten Sensor registrieren, ob sie illegal in ein Krisengebiet gelangen und sich bei Bedarf selbst zersetzen.
Na gut, diese Idee war wahrscheinlich ein Stückchen zu albern. Die Hitze. Der Kopf geht jetzt zurück in die Eistonne.




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