Es kann sehr schnell gehen. Am 16. März 1933 übernahm der Nationalsozialist Karl Strölin die Macht im Stuttgarter Rathaus, erst als Staatskommissar, später als Oberbürgermeister, und innerhalb weniger Wochen war die kommunale Demokratie zerstört. Fast 200 städtische Angestellte und Beamte wurden entlassen, weil sie den Nazis als politische Gegner galten oder nicht deren Rassevorstellungen entsprachen, schon davor waren Gemeinderäte aus dem Amt getrieben oder verhaftet worden.
Andererseits kann es im Stuttgarter Rathaus auch ziemlich lange dauern – bis dort erinnert wird an diesen "geräuschlosen Umbau", wie es der frühere Stadtarchivar Roland Müller nannte. Über viele Jahre hatten Aktivist:innen wie Harald Stingele von den Stolperstein-Initiativen dafür gekämpft, das Wirken Strölins und die Opfer der Säuberungen sichtbar zu machen. Im Juli 2021 schien mit der Aufführung des im Rahmen des Projekts "Stolperkunst" entstandenen Films "Die doppelte Lücke" im Stuttgarter Gemeinderat ein erster Schritt gemacht (Kontext berichtete). Nun folgte der zweite: Am 14. Juli wurde im Foyer des Rathauses eine Raum- und Medieninstallation eröffnet, in der an alle aus der Verwaltung entfernten Personen namentlich und mit Hintergrundinformationen erinnert und außerdem der Stolperkunst-Film gezeigt wird. Nicht anwesend bei der Eröffnung war Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) – was einerseits ein Armutszeugnis ist, ging es doch um Maßnahmen seines Vor-Vor-Vor-Vor-Vorgängers im Amt. Andererseits hielt der Erste Bürgermeister Fabian Mayer (CDU) eine in Ton und Inhalt so angemessene und auch an Selbstkritik nicht sparende Rede, dass man Noppers zu herausfordernden Sprachbildern neigende Rhetorik nicht wirklich vermisste.
Hut ab, Herrenberg!
Vor etwa einem Monat besuchte Kontext-Redakteur Minh Schredle die Generalprobe für ein "lebendiges Windrad" in Herrenberg, einen Weltrekordversuch von Windkraftbegeisterten, um a) generell für Regenerative zu werben und b) ganz konkret für einen zukünftigen Windpark im Herrenberger Spitalwald – den wiederum ein Verein namens "Freie Horizonte" mittels eines Bürgerentscheids verhindern wollte. Den Weltrekord haben die Herrenberger:innen mit 598 Menschen, die ein Windrad mit sich drehenden Rotoren performten, schon am 29. Juni geholt. Am vergangenen Sonntag haben sie dann auch noch gezeigt, dass sie nicht nur Rekorde können, sondern auch konkreten Klimaschutz: 59,5 Prozent stimmten beim Bürgerentscheid für einen möglichen Windkraftstandort Herrenberg. Chapeau!
Stuttgart-21-Fläche: Abstimmen über Bebauung
Seit Dienstagabend werden auch in Stuttgart Stimmen gesammelt: für ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung eines Teils der Gleisflächen, die im Zuge des Tiefhaltestellenprojekts Stuttgart 21 frei werden sollen (Kontext berichtete). Kurz davor, am Dienstagvormittag, hat der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik der Stadt Stuttgart einen ersten Schritt zur Bebauung getan: mit einer satten Mehrheit, sogar einem Ja der Grünen, und bei nur drei Nein-Stimmen wurde der Aufstellungsbeschluss für das direkte Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs gefasst.
Die Beschlussvorlage verweist noch einmal umfangreich auf die Historie des "Städtebauprojekts" und darauf, was alles Tolles auf dem Areal entstehen soll. Was ganz und gar ausgespart blieb: dass die DB für einen funktionierenden Fern- und Regionalverkehr zumindest einen Teil der Gleise am Bahnhof noch sehr gut wird brauchen können. Deshalb müssen es jetzt die Bürger:innen richten. Drei Monate bleiben jetzt Zeit, um 20.000 Unterschriften für ein Begehren zusammenzubringen.
Lidl lohnt sich – für wen?
1,5 Millionen Jahre – so lange würde es dauern, bis eine Lidl-Kassiererin genauso reich wäre wie Lidl-Chef Dieter Schwarz. 44.000.000.000 Euro ist der Mann schwer, also 44 Milliarden, und damit der reichste Mann Deutschlands. Ein Milliardär, der in seiner Heimatstadt Heilbronn als großer Mäzen auftritt. An ihm "kommt keiner vorbei", hat Kontext-Mitgründerin Susanne Stiefel 2021 geschrieben, "denn Heilbronn ist seine Stadt".
Am kommenden Wochenende wollen Aktivist:innen die Lidl-Stadt deshalb in eine Protest-Metropole verwandeln. Unter dem Motto #unserlidl richtet sich die "kreative Interventionsphase" gegen die "gefährliche Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen weniger – exemplarisch verkörpert durch Dieter Schwarz". Am Freitag, 18. Juli 2025 gibt's eine Podiumsdiskussion im Sozialen Zentrum Käthe (mehr hier), alles andere ist noch geheim, soll aber "bunt, kreativ und spektakulär werden" (mehr hier).
1 Kommentar verfügbar
Willi Schraffenberger
am 16.07.2025Zu Ihrem Lücke Strölin Artikel
Rund um die Lücke
Hegel schreibt „Das Bekannte ist darob bekannt, weil es nicht erkannt ist“. Und dann ein weiteres Zitat: „Das Ganze ist das Wahre“. Nun, was hat das mit Karl Strölin zu tun?
Hierzu ein kurzer Umriss:
Ich denke, daß der 1.Mai…