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Sabine schlägt Mappus

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Glaubt man der "Süddeutschen Zeitung", stirbt Sabine irgendwann aus. Also der Name. Der sei in Deutschland nämlich vor allem in den 1960er-Jahren beliebt gewesen, doch nach 1990 sei fast keine Sabine mehr dazugekommen. Wird der Frauenname, dem die Minimal-Pop-Großmeister "Trio" 1981 schon ein Denkmal setzten, später Geborenen dereinst so kurios vorkommen wie uns heute Kunigunde, Waltraud oder Baldegund? Wir wissen es nicht. Doch wie um zu zeigen, ich bin noch da!, fegte jüngst eine besonders stürmische Sabine durch Europa. Gut, wer sich noch an "Lothar" oder "Kyrill" und deren zerstörerische Böen erinnern kann, der zuckte angesichts der Wucht des diesmal weiblich getauften Orkantiefs nur mit den Schultern. War ja gar nicht so schlimm, kennwa schon, sonst noch was?

Doch nachher ist man immer klüger, und Vorsicht bekanntlich die Mutter der Porzellankiste, in der sich ja gerne mal der Teufel, der bekanntlich ein Eichhörnchen ist, versteckt, um ... oder so ähnlich. Jedenfalls wurde vielerorts Vorsorge getroffen, und so schaffte Sabine etwas, was weder die Deutsche Bahn, die Staatsgewalt, Stefan Mappus oder die Grünen je geschafft haben: eine Montagsdemo gegen Stuttgart 21 zu verhindern. An dieser Stelle muss man Sabine besonders gutes Timing attestieren, denn es wäre die 501. Demo gewesen, nachdem vergangene Woche die 500. Jubiläumsdemo von meteorologischen Phänomenen (abgesehen von leichtem Nieselregen) recht unbeschadet über die Bühne ging.

Doch Sabine verhinderte nicht nur eine Demo gegen ein Bahnprojekt, sondern auch Bahnfahren: Die DB stellte vorübergehend ihren Fernverkehr ein, in Stuttgart fuhren am Montag bis 11 Uhr keine S-Bahnen und Regionalzüge. Was weniger beunruhigend war als die Ursache der Zugausfälle wenige Tage zuvor: Am Dienstag, den 4. Februar hatte ein Kabelbrand im Stuttgarter Hauptbahnhof den Nah- und Fernverkehr um Stuttgart lahmgelegt und zu einer Evakuierung des Bahnhofs geführt. Bis diese über die Bühne war, dauerte es fast eine Stunde, was wiederum Fragen für den im Bau befindliche Tiefbahnhof aufwirft: Dort sollen auch rund 4000 Fahrgäste pro Bahnsteig in weniger als einer Viertelstunde den Bahnhof verlassen können, um nicht vom Rauch (der hier nicht so schnell wie im Kopfbahnhof abziehen kann) eingeholt zu werden. "Wie hätte die Feuerwehr einen Brand vergleichbarer Dimension im S-21-Tiefbahnhof löschen können?", ist denn auch ein Antrag der Stuttgarter Gemeinderatsfraktion Die Fraktion vom vergangenen Donnerstag überschrieben.

Zum Löschen eines Brands braucht es – meist – Wasser, und das gibt es in manchen Bereichen der S-21-Baustelle wiederum zu viel. In den Tunnelabschnitt bei Obertürkheim sprudeln seit eineinhalb Jahren täglich drei Hallenbäder voll Wasser, und für die Arbeiten am umgeleiteten Nesenbach-Düker muss unter Wasser betoniert werden. Und das zieht sich, wie Dietrich Heißenbüttel in dieser Ausgabe dokumentiert. Putzig dabei: Sowohl für den Düker als auch den gewässerten Tunnelabschnitt übt sich die Bahn in exakt wortgleicher Bagatellisierungs-Prosa: "Wie bei großen Bauprojekten üblich, werden auch beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm Bauabläufe ständig optimiert. Verbindliche Voraussagen für das Erreichen einzelner Teilschritte im Bauablauf sind deshalb nicht möglich." Natürlich werde Stuttgart 21 trotzdem Ende 2025 in Betrieb genommen. Aber klar doch.


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