Ausgabe 394
Editorial

Es staubt so fein

Von unserer Redaktion
Datum: 17.10.2018

Der Herbst ist da, hurra, und mit ihm so manche Sinnenfreude. In den Wäldern ist Pilzsaison, in den Mittelgebirgen beste Wandersaison, in der Gastronomie Zwiebelkuchen-plus-Neuer-Wein-Saison – und im Stuttgarter Kessel Feinstaubsaison! Am 15. Oktober hat die, wie es amtlich heißt, "Feinstaubalarm-Periode" wieder begonnen. Von diesem Datum an begünstigen saisonale Wetterlagen eine erhöhte Konzentration der garstigen Kleinpartikel. Und diese haben sich auch minutiös daran gehalten und gleich zum Saisonbeginn der Stadt den ersten Feinstaubalarm beschert.

Die Stadtverwaltung übrigens führt stolz an, dass es in diesem Jahr bislang nur 16 Tage gegeben habe, an denen der Feinstaub-Grenzwert überschritten wurde, und es bestünde Grund zur Hoffnung, für 2018 unter den zulässigen 35 Überschreitungstagen zu bleiben. Damit das auch gelingt, vertraut man auf den bekannten Mix aus freundlichen Erinnerungen an die Autofahrer, vielleicht unter Umständen doch nicht unbedingt mit dem Auto in die Stadt zu fahren, und dezent gesenkten ÖPNV-Tarifen. Aber damit nicht genug: Die "Straßenreinigung Feinstaub" werde fortgeführt, informiert uns der Pressedienst der Landeshauptstadt. Und zwar mit um drei Kilometer erweiterter Reinigungsstrecke! "Durch die Reinigung", so die Pressemitteilung, "sollen die Vorprodukte des Feinstaubs – zum Beispiel Reifenpartikel, Bremspartikel, Streugut – beseitigt werden, sodass diese sich gar nicht erst zu Feinstaub entwickeln können."

Und das bringt was? Aber hallo: Auswertungen der ersten Projektphase im März und April 2017 hätten gezeigt, und jetzt kommts, "dass es erste Indizien gibt, dass diese Form der Straßenreinigung einen positiven Effekt auf die Feinstaubwerte 'Am Neckartor' haben kann." Indizien, sapperlot. Und auf was für positive Effekte, also in Zahlen, jetzt nur mal so ganz grob Pi mal Daumen, dürfen sich die Stuttgarter Lungenflügel freuen? "Aufgrund der großen Bedeutung der meteorologischen Einflüsse", belehrt uns die Stadt, "lässt sich die Wirkung der Reinigung jedoch nicht genau quantifizieren." Hm.

Genau quantifizieren lässt sich dafür was anderes: Im Doppelhaushalt der Stadt "sind für das Jahr 2018 Mittel in Höhe von 655 000 Euro und für das Jahr 2019 von 378 000 Euro eingeplant."

Freilich gibt es auch Indizien, dass bestimmte Arten der Reinigung, des Putzens, auch feinstaubkonzentrationsförderlich sind. Zumindest, seitdem der Schwabe den Laubbläser für die Kehrwoche entdeckt hat. Wer in den letzten Jahren samstags durch die Straßen der Stadt flanierte, musste die zunehmende Zahl derer registrieren, die selbstvergessen unter ohrenbetäubendem Lärm Kehricht auf dem Trottoir vor sich her blasen und dabei mitunter ganze Straßenzüge in Wolken aus Staub und Abgasen hüllen. Ein Antrag der Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-Plus im Stuttgarter Gemeinderat richtete sich gegen dieses Unwesen, das aus Kontext-Sicht übrigens auch eine schwere Zweckentfremdung eines Werkzeugs der Performancekunst darstellt (mehr dazu hier).

Frönen die vielen Berliner Exil-Schwaben möglicherweise auch, um ihr Heimweh zu bekämpfen, dem exzessiven Laub- und Staubblasen? Das könnte zumindest erklären, warum die Stadt an der Spree drauf und dran ist, Stuttgart den Titel als Feinstaubhauptstadt Deutschlands streitig zu machen. In Berlin sollen 2018 die Grenzwerte an 26 Tagen überschritten worden sein, gegenüber den schlappen 16 im Kessel. Und teure öffentliche Straßenreinigungsmaßnahmen mit "nicht quantifizierbaren Wirkungen" kann sich die notorisch klamme Bundeshauptstadt vermutlich nicht leisten. Ach, das ist die Berliner Luft.

Kontext-Vortrag zu Menschenrechten in Tübingen

Am kommenden Dienstag, dem 23. Oktober, wird Kontext-Redakteur Minh Schredle im Rahmen der Attac-Veranstaltung "Menschenrechte in Gefahr" im Tübinger Schlatterhaus einen Vortrag mit anschließender Diskussion halten. Anlass ist der bevorstehende 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. Schredle hatte in einem Artikel Anfang August angesichts des unablässigen Sterbens im Mittelmeer an die Unveräußerlichbarkeit der Menschenrechte erinnert – und an ihre Gefährdung durch extrem einseitige Wohlstandsverteilung. Das hat die Veranstalter von Attac Tübingen überzeugt. Und wir kommen immer wieder gerne in die Universitätsstadt. Das nächste Mal bereits am 9. November, wenn Susanne Stiefel im Alte-Weberei-Carré in Tübingen-Lustnau berichtet über erschreckende Fälle von brauner Gesinnung, Antisemitismus und Angriffen auf die Pressefreiheit.


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