Ausgabe 392
Editorial

Bäume und Menschen

Von unserer Redaktion
Datum: 03.10.2018

Wenn der Politikredakteur den Feuilletonisten in sich entdeckt und erweckt, kann es gefährlich werden. Zu beobachten in den letzten Wochen wiederholt, wenn es um Baumbesetzer und Proteste im Hambacher Forst ging. Darin manifestiere sich irgendwie auch das besondere Verhältnis der Deutschen zum Wald, hieß es, dieses irrational romantische Verhältnis zum Baum in Singular wie Plural, das sich dem kühl rationalen Fortschrittsdenken entgegensetze, waberte es mystisch durch so manchen Text. Vielleicht erinnert sich ja noch die Eine oder der Andere, dass es so ähnlich vor acht Jahren in Artikeln zum Protest gegen Stuttgart 21 waberte. Herrje – ist erst die Romantikkeule geschwungen, haben es vernünftige Argumente schwer, egal ob gegen die Abholzung eines Waldes zugunsten eines überkommenen und nicht mehr gebrauchten Energieträgers oder gegen die Rodung eines Parks zugunsten einer unnötigen, kapazitätsmindernden Tunnelhaltestelle.

Kein Wunder also, dass beide Themen am vergangenen Samstag bei der Demo zum achten Jahrestag des Schwarzen Donnerstags zur Sprache kamen. Den jungen Linken-Bundestagsabgeordneten Michel Brandt etwa, der dort auftrat, erinnerte vor kurzem nicht nur der Polizeieinsatz im Hambacher Forst an den in Stuttgart am 30.9., sondern auch die beiden Projekte, die zu ihnen geführt haben. Sowohl S 21 als auch die Unterstützung von RWEs Tagebauerweiterung seien "Beispiele einer Politik der Ignoranz", stünden "für eine Verachtung der Regierenden und der Konzerne für demokratische Prinzipien".

Es gebe eine Idee und eine Energie, die den Stuttgarter Schlossgarten und den Hambacher Forst verbinden, sagte auf der Demo Monika Lege von Robin Wood, deren Rede wir in dieser Ausgabe dokumentieren. Im Bemühen, die alten Bäume zu schützen, zeige sich eben nicht "anti-zivilisatorische Naturtümelei", "nicht die naive Verklärung vormoderner Verhältnisse", so Lege. "Alte Bäume und alte Wälder erinnern uns daran, was das Tagesgeschäft überdauert. Der Aufenthalt in der Krone eines Baumes mit dem Vielfachen des eigenen Alters kann tatsächlich dazu führen, über den Moment hinaus zu denken. Was bleibt? Was will ich behalten? Was kann weg?"

Bei RWE scheint man derweil etwas dünnhäutig und würde die ganzen kritischen Stimmen im Internet wohl am liebsten löschen. Was bisweilen offenbar auch geschieht: Über eine IP-Adresse, die zum Unternehmen gehört, soll der Wikipedia-Eintrag "Hambacher Forst" zugunsten von RWE verändert worden sein, allerdings ohne die Änderung transparent zu machen, was gegen die Wikipedia-Regeln verstoßen würde. Es wäre nicht die erste Manipulation von RWE in der Online-Enzyklopädie.

Indessen wächst der Widerstand gegen die Rodungspläne. Sind es vier, fünf, sechs oder gar noch mehr Reisebusse, die aus Stuttgart zur Großdemo am 6. Oktober in Kerpen-Buir fahren? Aktuell scheinen es täglich mehr zu werden. Der BUND Stuttgart, der (mindestens) drei Fahrten organisiert, warnt Reisende vor: "Buir (4000 Einwohner) ist ein kleiner Ort, und auch das vorhandene Catering wird nicht die erwarteten Zehntausende versorgen können. Bitte denkt daran, Euch entsprechende Verpflegung inkl. Getränke einzupacken." Und sogar 2 500 Kilometer im Südosten stößt der geplante Kahlschlag auf Ablehnung: Vor der deutschen Botschaft in Athen demonstrierten am 30. September einige Aktivisten gegen RWE und die Räumung des Hambacher Forst. Finden wir prima. Hoch die Internationale Solidarität!

Protest für den Hambacher Forst in Athen. Foto: Indymedia
Protest für den Hambacher Forst in Athen. Foto: Indymedia

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