Ausgabe 335
Editorial

Sexistische Software

Von unserer Redaktion
Datum: 30.08.2017

Eine Frage an Kolleginnen und Kollegen: Haben Sie in den letzten Jahren was Türkei-Kritisches geschrieben? Und wollen Sie demnächst ins Ausland? Dann sollten Sie davor beim Bundeskriminalamt einen Antrag auf Selbstauskunft stellen. Das riet zumindest am 19. August "dringend" der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) "allen Türkei-kritischen Journalistinnen und Journalisten". Als Reaktion auf die Festnahme des deutschen Schriftstellers Dogan Akhanli in Spanien, die aufgrund eines über Interpol gestellten Fahndungsaufruf ("Red Notice") der Türkei erfolgt war. Mittlerweile ist Akhanli zwar wieder frei und die "Red Notice" gelöscht, der DJV hält seine Empfehlung aber nach wie vor aufrecht, "weil sich an der Situation in der Türkei nichts geändert hat", sagt DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner.

Ohne die Situation in Deutschland mit der in der Türkei gleichsetzen zu wollen: Dass die Pressefreiheit auch bei uns relativ leicht ausgehebelt werden kann, wenn man auf eine schwarze Liste des BKA kommt, hatte sich vor einigen Wochen in Zusammenhang mit den entzogenen Akkreditierungen beim G20-Gipfel in Hamburg gezeigt (Kontext berichtete ausführlich). Auch deshalb hofft der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, dass sich die Wiesbadener Behörde gegenüber den Anfragen türkeikritischer Journalisten kooperativ zeigt: "Nach den Pannen bei den Journalistenakkreditierungen zum G20-Gipfel erwarten wir vom BKA unbürokratische Hilfe."

Nun könnte allerdings das BKA möglicherweise darauf pochen, dass es sich nicht nur um Pannen gehandelt habe. Denn zwei der 32 in Hamburg betroffenen Journalisten hätten zu den mutmaßlichen Betreibern der am vergangenen Freitag verbotenen Internetplattform "linksunten.indymedia.org" gehört, berichtete noch am Tag des Verbots die dpa. Kontext hat mit einer Anwältin der Beschuldigten gesprochen, die im Interview ausführt, warum das Verbot "unter Berücksichtigung von Presse- und Meinungsfreiheit extrem problematisch" sei.

Um Gefahr von der Bevölkerung abzuwenden, hat unser Staat neben dem Verbot linker Internetplattformen bekanntlich noch einiges mehr auf der Pfanne. Zum Beispiel die international beliebte Videoüberwachung, die mittlerweile Dank entsprechender Software sogar intelligent sein soll. Was fraglich ist, schreibt unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer.

Apropos intelligente Software: Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, beobachtete der US-Informatiker Vincente Ordóñez kürzlich ein seltsames Muster bei einer Bilderkennungssoftware: Bekam das Programm das Foto einer Küche gezeigt, assoziierte es automatisch "Frau" – selbst wenn ein Mann am Herd zu sehen war. Ordóñez fand zudem heraus, dass zwei große, auch von Facebook und Microsoft für ihre Softwareentwicklung genutzten Bilddatenbanken entsprechende, sexistische Tendenzen zeigten. Stellt sich die Frage: Wie sexistisch ist Innenminister de Maizières Gesichtserkennungssoftware und was bedeutet das für die Innere Sicherheit?

Mit Sexismus kennt sich auch die AfD gut aus, mit Rassismus ebenfalls, und damit kapere sie momentan den politischen Diskurs in Deutschland, warnt der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn. Was die Ziele und Methoden der neurechten Demokratiefeinde sind und wie man dem begegnen könne, beschreibt er in seinem neuen Buch "Angriff der Antidemokraten", aus dem Kontext einen Auszug veröffentlicht. Mit den gesellschaftlichen Vorstellungen der AfD hat sich auch gewohnt bissig und pointiert der Plakatkünstler Klaus Staeck befasst, dazu mehr in unserer Schaubühne.

Kontext lesen bildet

Übrigens, ohne jetzt selbstgefällig klingen zu wollen: Kontext bildet. Hätte das Ehepaar Hientzsch aus Kaisheim im Kreis Augsburg unser Editorial von vergangener Woche gelesen, hätte es gleich gewusst, was für eine "schwammartige Masse" sich da in seinem Garten verlustierte. Die "Augsburger Allgemeine" titelte jedenfalls einigermaßen ratlos "Was ist das für ein Ding?" Selbst die örtliche Polizei tappte im Dunkeln und mutmaßte, "es müssen wohl Fäkalien sein, die aus einem Flugzeug heruntergefallen sind". Zwei Tage später gab die Zeitung Entwarnung – Rätsel gelöst! Es war ein – na? Genau! – Schleimpilz. Für die Zukunft: Wir helfen gerne.

Nicht zu helfen ist allerdings laut "Spiegel" dem Stuttgarter Daimler-Konzern. Weil der die Entwicklung eines Elektrotransporters für den Paketdienst offenbar selbst nicht hinbekommt, besorgte er sich vor einigen Monaten unter Nennung einer Briefkastenfirma einen der gut funktionierenden E-Transporter von der Deutschen Post. Was schnell aufflog und Vorwürfe von "Industriespionage" nach sich zog, die Daimler mit dem Argument abzutun versucht, solcherart Fahrzeugbeschaffungen seien in der Branche "üblich". Wir haben für dieses Vorgehen, inspiriert von den Diesel-"Schummeleien", schon mal den Kontext-Euphemismometer angeschmissen (in Anlehnung an den Schlagzeil-O-Mat des "Bildblog"). Bislang beliebtestes Ergebnis: Daimler hat bei der Post "gespickelt", woraus sich eine "Affäre um die E-Auto-Spickeleien" entwickeln könnte. 


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