Ausgabe 324
Editorial

Ausgeschlafene Alb

Von unserer Redaktion
Datum: 14.06.2017

Der alte Theatersaal war proppenvoll. Dort, wo sonst die Melchinger Mimen kleinere Aufstände proben, drängten sich 110 Menschen von der Alb, um Zeichen zu setzen. Gegen den reaktionären Bürgermeister von Burladingen Harry Ebert und für eine bunte, vielfältige Gemeinschaft am Ort. Es war auch ein erster Schritt, die Angst zu überwinden. Eingeladen hatten Kontext, taz.meinland und das Theater Lindenhof.

"Farbe bekennen gegen braun". Unter diesem Motto versammelte Kontext-Redaktionsleiterin Susanne Stiefel die Burladinger Gemeinderätinnen Dörte Conradi (CDU) und Rosi Steinberg (Freie Wähler), Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer, Bonita Grupp von Trigema, Linken-Kreisrat Andreas Hauser sowie Gregor Götz, den Melchinger Büttenschreiber mit scharfer Gosch. Kleine Kostprobe: "Wia der Ebert hot seine Räte verbal rasiert, ond rechte Parola uf Facebook rom schmiert, do kasch blos no sage – ond zwar mit guatem Gwissa, dem Ebert hot äbert kräftig ins Hirn nei gschissa."

Bunte Runde im Theater Lindenhof. Foto: Kontext
Bunte Runde im Theater Lindenhof: Rosi Steinberg, Andreas Hauser, Stefan Hallmayer, Susanne Stiefel und Bonita Grupp (von rechts). Foto: Kontext

Berichtet haben Schwarzwälder Bote, Südwestpresse, SWR4, Deutschlandfunk und die taz, was die Menschen womöglich noch etwas mutiger machen kann. Immerhin: Der katholische und der evangelische Pfarrer verkündeten im Saal, sie würden die Unterschriftenliste, die im Ort kursiert, in der Kirche auslegen. Gemeinderätin Steinberg will ihren Kosmetiksalon zur Verfügung stellen, damit es mehr als die bisher 120 Namen werden, die sich öffentlich gegen Beleidigungen durch den Burladinger Bürgermeister aussprechen und seinen Rücktritt fordern. Zu lange, so kritische Stimmen aus dem Publikum, habe man sich in politischer Gemütlichkeit eingerichtet.

Viele wollen nun genau hinschauen. "Burladingen", schreibt der Kollege von der Südwestpresse, "scheint aus seinem schwäbischen Dornröschenschlaf zu erwachen." Dazu trägt Kontext doch gerne bei.

Demnächst diskutieren wir in Rottenburg

Gerne auch in Rottenburg. Am 28. Juni fragen wir von 19. 30 Uhr an in der Zehntscheuer: Wie geht eine Stadt, Sitz der Diözese und des Kopp-Verlags, mit eben diesem Verlag um, der mit den Fluchtbewegungen nach Deutschland und im Kielwasser von AfD und Pegida einen enormen Aufschwung genommen hat? Wie haben die politischen Akteure diese Entwicklung erlebt? Wie soll und kann eine Stadt mit Hass als Geschäftsmodell umgehen? Und wer sponsert jetzt den Sportverein? Diese Fragen diskutiert Kontext-Redakteurin Anna Hunger (Moderation) mit der ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Rita Haller-Haid, mit Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher, mit dem Rottenburger Stadtrat Hermann Josef Steur sowie Albert Bodenmiller, Ex-Stadtrat und Kopp-Kritiker der ersten Stunde. Und mit dem Publikum.

Nochmals zu den Obertürkheimer Eidechsen

Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erhöht den Druck auf den BUND, die gemeinsamen Finanzen offenzulegen. Wie in Kontext berichtet, streiten die beiden Parteien darüber, ob das Geld auf dem Spendenkonto korrekt verwendet worden ist. Tom Adler sah sich bei der 372. Montagsdemo als Anwalt vieler BürgerInnen, die mit ihren Spenden nicht die Personalkosten des BUND finanzieren wollten. Eines Verbandes, so der Co-Fraktionsvorsitzende von SÖS-Linke-PluS im Stuttgarter Gemeinderat, der "seinen Frieden mit S 21 macht und Projektkritik auf den Schutz der Obertürkheimer Eidechsen reduziert". Adlers Rede ist hier zu finden.

Bei seiner Rede auf der 372. Montagsdemo in Stuttgart: Tom Adler (Linke). Foto: Joachim E. Röttgers
Auf der 372. Montagsdemo in Stuttgart: Tom Adler (Linke). Foto: Joachim E. Röttgers

Der Baldriantropfen Gauland

Knapp 700 Kilometer weiter nördlich, in Hamburg, war Jahrestagung beim Netzwerk Recherche. Dort trat Alexander Gauland auf, der einmal Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen" war, heute besser bekannt ist als AfD-Bundesvize. Der frühere CDU-Staatssekretär, inzwischen 76 Jahre alt, sollte sich zur "Lügenpresse" äußern, was ihm eigentlich ein g'mähts Wiesle hätte sein müssen. Aber siehe da: Nix ist's mit Pinocchio. Alles bestens mit der Presse, sagt Gauland, der Baldriantropfen der AfD. Und deshalb könne er auch die baden-württembergischen Frontleute, die Alice Weidel und den Jörg Meuthen, nicht verstehen. Warum die Presse bei Parteitagen ausschließen? Ein "schwerer Fehler", den er, der Grundgesetzgläubige, nie machen würde. Das habe er den beiden auch schon oft gesagt, behauptet er, aber leider, leider, könne er in Landesverbände nicht hineinregieren. Das bringen wir doch gerne aus Hamburg mit. Mit dem kleinen Hinweis, dass Gauland zu denen gehört, die nicht vor solchen Parolen zurückschrecken: "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land."


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