Ausgabe 263
Editorial

Zeitungen ohne Seele

Von unserer Redaktion
Datum: 13.04.2016

Alles hängt mit allem zusammen. Briefkästen, Böhmermann, Erdoğan, Idomeni, und niemand weiß, wie's ausgeht. Diese Erkenntnis, sorry für die Binse, bringt Kontext immer wieder dazu, nach Erklärungen zu suchen, warum etwas so ist, wie es ist, und den Bogen weiter zu spannen. In der Hoffnung, das zu haben, was selten geworden ist: der besondere Blick. Entsprechend ist die Auswahl der Artikel, entsprechend weit reicht diese Ausgabe über den Kesselrand hinaus. Von Stuttgart bis Panama.

Die FAS hat's kapiert.
Die FAS hat's kapiert.

Das Besondere im Allgemeinen zu sein, ist notwendig, weil das Allgemeine immer mehr wird. In Stuttgart steht dafür das Konstrukt STZN, das sich seit einer Woche mühsam zusammenrüttelt und der Kundschaft eine hohe Frustrationstoleranz abverlangt. Sie liest in diesem Blatt mal dieses, im anderen mal jenes, entdeckt neue Namen, nur den (versprochenen) qualitativen Schub nicht. Den kriege sie, versichert die Konkurrenz aus Frankfurt, mit der FAS am Sonntag. So viel Spott müssen sie jetzt eben ertragen, die Sparkommissare im Stuttgarter Pressehaus, die meinten, parallel zur Fusion der Redaktionen auch noch "Sonntag Aktuell" einstellen zu müssen.

Lustig ist das freilich nicht, weil etwas sehr Ernstes dahintersteckt. Die Demontage des demokratischen Pressewesens. Der Zeitungswissenschaftler Horst Röper hat für Kontext aufgeschrieben, woran das liegt. Am Drang der Verlage, Monopole zu bilden, mit der Folge "öder Landschaften", in denen sogenannte Zombie-Zeitungen erscheinen, deren Unterscheidbarkeit sich im Titel erschöpft.

Interessanterweise regt sich dagegen Widerstand. Nicht hierzulande, sondern im Osten der Republik. Während in Baden-Württemberg die Politik schweigt, debattiert der Erfurter Landtag über das Pressewesen in Thüringen, das von einem Konzern beherrscht wird. Die Funke-Gruppe (früher WAZ) setzt zum Kahlschlag der Redaktionen an, ohne Rücksicht auf Angestellte, und vor allem, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was ihre Leserinnen und Leser wollen. Sergej Lochthofen war einst dort Chefredakteur und erzählt in Kontext, warum Zeitungen aufhören, Zeitungen zu sein, wenn sie keine Seele mehr haben. Auch das ist eigentlich eine Binse, sorry, aber eine, die nicht oft genug betont werden kann.

Der Fotograf und die Katze.
Der Fotograf und die Katze.

Lustiger war es kürzlich bei einem Termin am Bodensee, wo sich unser Fotograf Joachim E. Röttgers tierisch wohlfühlte. In Überlingen züchtet Inga Günther das Ökohuhn der Zukunft. Das schmeckt gut, ist nicht vollgestopft mit Antibiotika und auch noch glücklich. Vertrauensvoll nahm das Federvieh den Fotografen in die Mitte. Der war ganz angetan, dass er mit Hahn Moses und seinem Harem Hühner kennenlernte, "die keinen Herzinfarkt kriegen, sobald sie einen Menschen sehen". Sein Herz allerdings hat er an die Hofkatze mit dem stolzen Namen Gloria Amanda verloren. Die bewegte sich unter den gefiederten Hofbewohnern als sei sie eine von ihnen. Und unterstützte den Fotografen nach Kräften. Mit einer Katze auf dem Buckel, stellte der fest, fotografiert es sich gleich viel beschwingter. Die Gemeinschaftsproduktion von Gloria Amanda und Joachim E. Röttgers sehen Sie in unserer Reportage über das glückliche Zweinutzungshuhn vom Bodensee ("Die Gockelretterin").


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