Ausgabe 252
Editorial

Mitten im Sumpf

Von unserer Redaktion
Datum: 27.01.2016

Was ist da bloß los? In Ellwangen sind am Wochenende 500 Leute durch die Stadt gezogen. Dem Vernehmen nach Russlanddeutsche, einer davon trug ein gelbes Plakat mit dem Satz: "Refugees if you want to fuck go to Merkel". Aufgescheucht wurden sie durch die Meldung im russischen Fernsehen, eine 13-jährige Berlinerin sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden. Wieder eine der vielen Falschmeldungen. Auch in Villingen-Schwenningen, Ulm, Rastatt, Lahr, Schwäbisch Gmünd und Offenburg gingen Hunderte auf die Straße. In Freiburg wird derweil jetzt heiß diskutiert, Asylbewerbern generell den Zutritt zu Diskotheken und Clubs zu verweigern, wegen sexueller Übergriffigkeit. Freiburgs superkonservativ-grüner OB Dieter Salomon hat schon eine "harte Linie" angekündigt. 

Quer durch die Republik schließen sich ganz besonders harte Männer in überbordendem Machismo zu "Bürgerwehren" zusammen, angsterfüllte Frauen kaufen die Pfefferspray-Vorräte Deutschlands auf. In Ladenburg bei Mannheim sind kürzlich 165 Flüchtlinge in eine Unterkunft an einem Feldweg eingezogen. Weiße, lange, schmale Häuser, "Legehennen-KZ" nennt sie ein Leser der "Rhein-Neckar-Zeitung". Seitdem wabern Gerüchte durch den Ort über "Vorfälle" und "Angelegenheiten", Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr mit dem Rad in die Schule, weil der Weg an den dort lebenden schwarzen Männern vorbeiführt. Und mittendrin in all diesem Sumpf hockt die immer fetter werdende AfD, kaut genüsslich die aktuelle oder gefakte Nachrichtenlage und schluckt einen Wähler nach dem anderen. Neueste Umfragewerte (okay, laut "Bild"): 13 Prozent für die Rechten, wäre am Sonntag Bundestagswahl.

Meine Güte, denkt da der oder die nicht ganz verblödete BürgerIn, wo sind wir denn, um Gottes willen? Und vor allem: Wann hört das bloß wieder auf?

Von Mappus hätte Grohmann nix genommen

In solchen Zeiten braucht es kluge Menschen wie Peter Grohmann, Gudrun und Werner Schretzmeier. Ob sie die Staufer-Medaille brauchen, steht auf einem anderen Blatt. Sagen wir es einmal so: Sie haben die höchste Auszeichnung des Landes nicht abgelehnt. "Hätten sie's vergessen, hätten wir sie nicht daran erinnert", sagt Theaterhauschef Schretzmeier. Nein kokett wolle er nicht sein, aber vielleicht sei's halt doch eine Würdigung ihrer jahrzehntelanger Arbeit, während der sie "viel einstecken" mussten. Insofern: "kein schlechtes Gefühl", nicht eine Sekunde. Bei der Bewältigung des Staatsaktes hat auch sein 72. Geburtstag (21. Januar) geholfen, in dessen Rahmen die Ehrung stattfand und wo gelacht werden durfte.

Die Orden überreicht hat die grüne Doppelspitze Jürgen Walter (Staatssekretär) und Brigitte Lösch (Landtagsvize). Über den Schellenkönig pries sie den Einmischer Grohmann, der sich um die politische Kultur, die Integration und das "interkulturelle Verständnis" verdient gemacht habe. Sogar sein "Wettern" in Kontext bereite ihm Woche für Woche Vergnügen, offenbarte Walter. Der Geehrte selbst betrachtet die Angelegenheit ganz praktisch: "Von Mappus hätt ich nix genommen", betont Grohmann, aber immerhin sei das Gold echt – "Ich habe draufgebissen. Man weiß ja nie ..."


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3 Kommentare verfügbar

  • D. Hartmann
    am 27.01.2016
    @ Petzi:
    Bis dato wurden in den Medien noch keine Belege veröffentlicht, die die Behauptung unterstützen, dass es in Freiburger Clubs zu "sexuellen Übergriffigkeiten" durch Asylbewerber kam. Es werden Geschichten erzählt, die sich ereignet haben können oder auch nicht (wie im Fall der 13-jährigen Berlinerin).

    Wenn sich frau/man schon ins Spekulative begibt, darf frau/man auch mal über die wahrscheinlich vorhandenen wirtschaftlichen Interessen der Clubbetreiber spekulieren. Eine Gruppe Asylbewerber, die einen Abend lang einen ganzen Tisch belegt und in dieser Zeit insgesamt nur ein halbes Dutzend kleine Colas schlürft, dürfte keinen Clubbetreiber Freude bereiten, egal ob der Club nun links, rechts, geradeaus oder queer ist.
    Es wäre aus der Sicht des Betreibers gar nicht dumm, Asylbewerber aus seinem Club auszuschließen, vor allem wenn dieser meist gut besucht ist. In diesem Fall nehmen (aus der Sicht des Wirts) Asylbewerber nämlich nur dem fröhlich (Alkohol) konsumierenden Freiburger Ureinwohner den Platz weg und der Betreiber hat beim Umsatz das Nachsehen.
  • Petzi
    am 27.01.2016
    "In Freiburg wird derweil jetzt heiß diskutiert, Asylbewerbern generell den Zutritt zu Diskotheken und Clubs zu verweigern, wegen sexueller Übergriffigkeit. Freiburgs superkonservativ-grüner OB Dieter Salomon hat schon eine "harte Linie" angekündigt. "

    Finde ich absolut korrekt! Übrigens handelt es sich dabei in Freiburg auch um links-alternative Clubs, die jetzt endlich handeln. Als Frau muss ich mir sexuelle Übergriffigkeiten von keinem Mann bieten lassen, egal welcher Herkunft, Ethnie oder Religion.
  • Blender
    am 27.01.2016
    Soweit ich mich erinnere war es ein Deutscher der neulich das Kind von Syrienvertriebenen entführt, vergewaltigt und ermordet hat. Aber die Gesinnungsnazis werden menschenverachtend darauf nur Antworten, "Sie hätten ja nicht zu kommen brauchen". Nein, es geht nicht darum zu relativieren, aber wenn es nun mal juristisch erlaubt ist eine Frau (oder einen Mann) unvermittelt anzufassen (siehe heute-Show vom 22 Jan 2016), dann kann man als Jurist und Politiker nicht von sexuellen Übergriffen und Straftaten sprechen. Die Gesetzeslücke war seit Jahren bekannt, wurde aber absichtlich frauenverachtend nie geschlossen. "Anfassen = Nötigung" und "einmal Nein heißt Nein" gilt juristisch NICHT in Deutschland. Bei Diebstahl und Raub ist das was anderes. Trotzdem wäre es gut, man würde einen "Deutschland-Verhaltens-Führerschein" für die Vertriebenen einführen, vor allem für die Männlichen, um Missverständnisse zu vermeiden.

    Missverständnisse gab es auch schon in den 50-ern mit den Amis beispielsweise aufgrund des unterschiedlichen Stellenwert des Küssens. Für Amis bedeutet es nichts, für die Nachkriegsfrau war es fast ein Heiratsantrag, ... und entsprechend ist es auch heute.

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