KONTEXT:Wochenzeitung
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Reporter und Schleuser

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Eigens aus Köln war eine Zuhörerin angereist, um Wolfgang Bauers Lesung nicht zu verpassen. Und vom Bodensee, aus Radolfzell, fand sich ein Mann im Weltcafé am Stuttgarter Charlottenplatz ein, um mit dem "Zeit"-Reporter über Flüchtlingspolitik zu diskutieren. Zusammen mit rund hundert anderen Gästen, was wir von Kontext als Veranstalter natürlich prima finden. Genauso wie die Anstifter, die den Abend mitgetragen haben. Ihr Oberanstifter Peter Grohmann hat sogar einen Euro für den Sitzplatz gezahlt.

Sie alle haben in dem Journalisten einen kenntnisreichen Augenzeugen erlebt, der eine klare Haltung zu nationaler und europäischer Flüchtlingspolitik hat. Der 44-jährige Reutlinger hatte sich im vergangenen Jahr auf die gefährliche Reise übers Mittelmeer gemacht und über seine Erlebnisse ein Buch ("Über das Meer") geschrieben. Er ist auf einer Insel vor der ägyptischen Küste gestrandet und hat sich anschließend, wieder zurück in Deutschland, auf den Weg gemacht, seine syrischen Mitflüchtlinge, die zu Freunden geworden sind, nach Deutschland zu holen. Seine Recherchen haben ihn auf seiner Undercover-Flucht übers Mittelmeer in Lebensgefahr gebracht, sie bedeuteten Gefängnis in Ägypten und sogar in Österreich. In der Alpenrepublik war Bauers Wagen mit den syrischen Flüchtlingen von der Polizei angehalten worden, und der Journalist wanderte als Schleuser in einen Knast bei Innsbruck. Fluchthelfer oder Schleuser?

Seit der Tragödie mit mehr als tausend Toten im Mittelmeer, seit einem EU-Flüchtlingsgipfel mit vielen warmen Worten und wenig Taten ist Wolfgang Bauer ein viel gefragter Gesprächspartner in Funk und Fernsehen, über die Landesgrenzen hinaus. Im Weltcafé fragen die BesucherInnen, warum Flüchtlinge in zentralen Heimen eingepfercht werden, während in Stuttgart viele Wohnungen leer stehen? Viel gescheiter wäre doch, sie mitten unter den Menschen unterzubringen. Aber das kann eher der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn beantworten. Oder Australien. In Down Under werden Flüchtlinge zwar aus dem Meer geholt, aber dann sofort nach Papua-Neuguinea und Kambodscha abgeschoben. Bauer kennt das alles, plädiert für eine europäische Flüchtlingspolitik, die nicht an nationalen Grenzen haltmacht. Dafür, dass sich Deutschland auf die Flüchtlingswelle vorbereiten muss, die zukünftig zu erwarten ist: mit vernünftigen politischen Konzepten.

Nicht immer sind an diesem Abend Publikum und Autor einer Meinung. Etwa, wenn es um die Frage grenzenloser Reisefreiheit geht, die als Menschenrecht vom Publikum vehement eingefordert wurde. Die hohe Anzahl von Immigranten würde in der deutschen Bevölkerung keine Akzeptanz finden. Stattdessen warb Bauer für eine Greencard und für eine Legalisierung der Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Syrien.

Das Geld, das an diesem Abend in den Spendentopf wanderte, kommt dem Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach zugute. Dort werden kommende Woche die ersten Bewohner in der neuen Unterkunft erwartet. Der Freundeskreis will mit dem Geld Fahrkarten zu Deutschkursen finanzieren und Schulranzen und Malstifte für die Kinder kaufen.


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