Ausgabe 186
Editorial

Auf der Strecke geblieben

Von unserer Redaktion
Datum: 22.10.2014

Sonntagnachmittag im Bahnhof in Faurndau, einem Stadtteil von Göppingen. Zwei ältere Damen warten an Bahnsteig 1 auf die Regionalbahn Richtung Stuttgart. Stundenlang. Vergeblich. Denn an diesem Tag fährt kein Zug. Nicht nach Stuttgart und auch sonst nirgendwohin. Die Lokführer streiken, das gesamte vergangene Wochenende. Eine Computerstimme verkündet den nächsten Zugausfall und empfiehlt, sich im Internet über die Streikfolgen zu informieren. Doch die Frauen besitzen keine Smartphones.

Zum Wochenanfang machen es die Lufthansa-Piloten den Lokführern nach: Die Flieger der Kranich-Airline bleiben am Boden. Deutschland ist lahmgelegt. Auf den Autobahnen quält sich ein nicht endender Blech-Lindwurm im Stop-and-go. Tankstellen geht der Sprit aus. Das neue Geschäftsfeld Fernbus freut sich über die Anschubhilfe der Bahn.

Unsere scheinbar mobile Gesellschaft bleibt auf der Strecke. Genauso wie die streikenden Lokführer, die unserem Gastautor Stephan Hebel zufolge mit ihrem Arbeitskampf ein hohes Risiko fahren. Die Männer und Frauen, die für wenig Geld einen aufreibenden Job erledigen, werden zwischen Allmachtsfantasien von Gewerkschaftern und Politikern zerrieben.

Und noch einer blieb fast auf der Strecke. Geplant war sein Besuch am vergangenen Samstag. Der Grüne Gerhard Schick wollte in die Redaktion kommen, um mit Kontext-Frau Susanne Stiefel zu sprechen. Und um zu sehen, wo das Online-Magazin gemacht wird, das der Mannheimer Bundestagsabgeordnete aufmerksam verfolgt. Schließlich saß schon Günther Oettinger vor dem Framebild der Künstlerin Karmen Vracun, das unseren Konferenzraum schmückt. Und Bernd Riexinger, Fritz Kuhn, Walter Sittler und die Stuttgarter Großautoren Heinrich Steinfest und Wolfgang Schorlau sowieso.

Der Samstag war also reserviert für den finanzpolitischen Sprecher der Grünen, der Termin schon vor Wochen vereinbart. Doch dann streikten die Lokführer, und Schick steckte übers Wochenende in Berlin fest. "Streiks gehören dazu", sagt er, als es zwei Tage später mit einem Ersatztermin klappte. Notgedrungen voll unökologisch war er mit dem Flugzeug angereist, zum Glück hatte er nicht bei der Airline gebucht, deren Kapitäne just am Montag auch streikten. Im schicken silbergrauen Anzug stand er vor der Tür, flott bepackt mit einem dicken Rucksack, am Mittag noch Fernsehauftritt bei "Frontal 21", am Abend eine Veranstaltung in Heilbronn. "Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass die Infrastruktur funktioniert, müssen wir das staatlich organisieren, und dann haben wir das Problem nicht mehr", sagt der Buchautor ("Machtwirtschaft – Nein danke!"). Das Interview mit Schick, den der Spiegel als "Ludwig Erhards linken Erben" bezeichnet, ist kommende Woche in Kontext zu lesen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

11 Kommentare verfügbar

  • Kontext-Redaktion (Freudenreich)
    am 23.10.2014
    Wir empfehlen die Lektüre von Stephan Hebel ("3000 Euro - ist das gerecht?") in dieser Ausgabe. Hier ist die Gegenposition formuliert.
  • Schwabe
    am 23.10.2014
    Ich verstehe auch nicht warum Kontext ins gleiche Horn bläst wie Dobrint und Nahles, die schlagkräftigen Gewerkschaften wie GDL und Cockpit das Streikrecht nehmen möchte - ganz im neoliberalen Stil!
    Sicherlich sind auch früher schon ältere Damen uninformiert gewesen. Doch deshalb sollte man nicht gleich den weitreichendeh Sinn von effektiven Streiks in Frage stellen. Übrigens, auch ein Albrecht Müller kann mal irren.
    Was wäre für Kontext denn eine adäquate Alternative zu solch effektiven Streiks?
    Und übrigens, die DB AG sorgt das ganze Jahr über für Chaos, da freue ich mich über Gewerkschaften wie die GDL.
  • Statistiker
    am 23.10.2014
    @Redaktion
    Danke für die Klarstellung und Entschuldigung für meine Unterstellung.

    Was bleibt ist die nachweislich missverständliche - und leider eher ins allgemeine Bashing passende als sachlich korrekte - Darstellung, als wäre am ganzen Wochenende kein einziger Zug irgendwohin gefahren! Dies richtig zu stellen war mein Anliegen, passt Ihre Darstellung doch nicht zum geschätzten KONTEXT-Anspruch!

    Wie zuvor angemerkt, konnte ich zumindest am Sa. in Faurndau aus einem dort haltenden Zug aussteigen und sah unterwegs einige weitere Regionalzüge auf der Strecke vorbeifahren...
    Nach meinen punktuellen Recherchen wurden an besagtem Wochenende die meisten RB/RE-Strecken (Region Stuttgart) im 2h-Takt bedient. Soviel zu den (im Artikel fehlenden) Fakten.
  • Redaktion Kontext:Wochenzeitung
    am 23.10.2014
    @statistiker:
    Nein, die beiden Damen entspringen nicht der redaktionellen Fantasie, sondern waren tatsächlich aus Fleisch und Blut. Wie auch ihre Antworten auf die Fragen eines neugierigen Journalisten zeigten. Und schön, dass sie in Bietigheim umfassend informiert wurden. Nur ist der Bahnhof Bietigheim eben nicht "nächster Halt Faurndau".
  • F: Popp
    am 23.10.2014
    Liebe KONTEXT-Redaktion,

    sonst schätze ich KONTEXT sehr und empfehle es weiter, wo ich nur kann -- ausgerechnet auch hier dann überraschenderweise das übliche Gewerkschafts-"Bashing" anzutreffen ("Allmachtsphantasien", "Gesellschaft bleibt auf der Strecke"), ärgert mich daher ganz besonders.

    Von KONTEXT hätte ich etwas anderes erwartet, als sich in den Reigen der großen Medienhäuser einzureihen, die die Öffentlichkeit für die von Frau Nahles offensichtlich beabsichtigte Beschneidung des Art. 9 GG sturmreif "berichten". Ich bin sehr enttäuscht.
  • Statistiker
    am 23.10.2014
    @Redaktion
    "Sonntagnachmittag im Bahnhof in Faurndau, einem Stadtteil von Göppingen. Zwei ältere Damen warten an Bahnsteig 1 auf die Regionalbahn Richtung Stuttgart. Stundenlang. Vergeblich. Denn an diesem Tag fährt kein Zug. Nicht nach Stuttgart und auch sonst nirgendwohin. (...) das gesamte vergangene Wochenende."

    Ein Szenario der redaktionellen Fantasie, nehme ich an, eine absurde Übertreibung! Warum?

    Persönlich war ich sowohl am Sa. (u.a in Furndau ausgestiegen) wie auch am So. mit der Bahn in der Region unterwegs - stets mit weniger als zwei Stunden Wartezeit. Info an jedem DB-Automaten über die fahrenden Züge möglich - ganz ohne Smartphone. In Bietigheim z.B. wurde zudem gut und ganz ohne Automatenstimme über die nächsten Anschlüsse/Ausfälle informiert - zusätzlich zur passenden Anzeige auf den elektronischen Abfahrtstafeln. Schade nur, dass die fahrenden Züge vergleichsweise viele freie Plätze aufwiesen... die Stimmung war nämlich irgendwie sympatischer (wertschätzender, dankbarer, humorvoller) als gewöhnlich. Schließlich war jede/r froh, dass überhaupt ein Zug fuhr. Einer von vielen am vergangenen Wochenende in der Region.
  • DenBaadersihrAndy
    am 23.10.2014
    "Allmachtsfantasien von Gewerkschaftern"da hat wohl jemand bei der Bildzeitung abgeschrieben was.
    Es ist jedesmal das gleiche.Kaum organisiert sich der kleine Mann mal und nutzt seine einzig wirklich scharfe Waffe schon setzt die Propagandamaschine ein.
    Im zweiten Schritt schreitet dann die Politik ein und verbietet den Streik.Unverhältnismäßig...Volkswirtschaft wird geschädigt...
    Streik und Mitbestimmung ja...aber es darf bitte schön nur so das alles wie gewohnt weiter läuft und keinem weh tut.
    Die Pseudodemokratie zweig mal wieder eine ihrer häßlichen Fratzen.
    Erkundigt euch lieber mal was die Bahn heutzutage für Löhne zahlt.Bei welchen Arbeitsbedingungen.Was für ein Schichtmodel so ein Lokführer oder Sbahnfahrer bringen muß ihr Sesselfurzer.
  • tillupp
    am 23.10.2014
    @Werner, 22.10.2014 11:27
    Natürlich tut jeder Streik weh und führt zu Belastungen, sonst bewirkt er auch nichts. Aber ich halte das Streikrecht eines jeden für ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt.
  • CharlotteRath
    am 22.10.2014
    Wer kann sich noch erinnern?
    Die BRD bot in den 70-er Jahren "autofreie Sonntage".
    Pappa zu Hause, Kinder mit Rollschuhen und dem Fahrrad auf der Autobahn. Falls mich die Erinnerung nicht täuscht, ist damals nichts zusammengebrochen, sondern es gab plötzlich wieder Zeit füreinander.
    Die Streiks sind angekündigt. Wer sich darauf nicht einstellen kann, erscheint mir eher weniger mobil. Zumindest nicht im Kopf bzw. in seinen Gewohnheiten.
    Gemessen an den Streiktagen in anderen europäischen Ländern haben wir noch großen Nachholbedarf!
  • Werner
    am 22.10.2014
    Recht hat er, der tillupp. Wenn die Lufthansapiloten streiken, fliegt man einfach mit Air India, BA oder KLM von Stuttgart nach Dresden oder Bremen. Wenn die zufällig diese Strecke nicht in ihrem Flugplan haben und gerade auch die DB nicht fahren kann, dann steigt Otto Normalverbraucher halt in ein Taxi um sich durch Deutschland chauffieren zu lassen. Bezahlen kann er es ja mit seinem künftigen Gehalt als Vorstandsvorsitzender einer AG. Tillupp muss uns jetzt nur noch verraten, wie man sich erfolgreich als solcher bewirbt. Bei ihm scheint dies ja anstandslos geklappt zu haben.
    Für Manchen wäre es tatsächlich besser, seine Weisheiten (oder ist es nur Stuss?) für sich zu behalten.
  • tillupp
    am 22.10.2014
    Hört doch endlich mit dem Märchen auf, dass Deutschland lahmgelegt ist weil von einer Firma ein paar Mitarbeiter streiken! Es gibt noch so viele andere Fluggesellschaften auf die man zurückgreifen kann, und die nicht streiken. Oder statt der Bahn gibt es Fernbusse, Taxies und Mietwagen. Was in den Medien hochgepuscht wird dient einzig und allein der Beschneidung des Streikrechts. Es war immer schon schmerzhaft, wenn gestreikt wird, egal ob Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die 6 Tage Woche, oder den Inflationsausgleich). Arbeitgeber (Kapitalisten vom Typ Homo Ökonomikus) geben nichts freiwillig, wollen immer alles so billig wie möglich, und falls möglich akzeptieren sie auch sklavenartige Ausbeutung (Textilbranche in Bangladesh) und Tierquälerei (Fleischindustrie). NEIN, die Piloten haben das Recht zu streiken, egal aus welchem Grund. Berechtigt sind am Schluss alle Forderungen die sie durchsetzen können. Und diese Neiddebatte, wie viel Geld der eine Beruf (Krankenschwester, Kindergärtnerin) oder der andere Beruf (Pilot, Profifußballer, Politiker, Vorstandsvorsitzender, etc.) verdienen darf kann ich auch nicht mehr hören. Jeder hat die Möglichkeit sich als Pilot (oder Fußballspieler oder Politiker, oder Vorstandsvorsitzender, etc. ) zu bewerben. Wenn ihr die jeweiligen Tests gut genug besteht, steht euch auch das höhere Gehalt zu. Punkt.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!