KONTEXT:Wochenzeitung
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Biologische Zeitbombe

Biologische Zeitbombe
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Noch in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war es so, dass bei Haushaltsgründungen in neun von zehn Fällen eine abonnierte Tageszeitung zur Grundausstattung des neuen Hausstands gehörte. Heute ist das in einem von zehn Fällen so. Was es für eine Branche bedeutet, wenn bei der Kundschaft der Nachwuchs einfach ausbleibt, kann man sich im Falle Tageszeitung also an den Fingern zweier Hände ausrechnen. Da tickt schon lang eine biologische Zeitbombe, und das Ticken wird lauter.

Die Verlage, die immer noch ordentliche Renditen erzielen, reagieren darauf mit Sparmaßnahmen beim Personal der Redaktionen. Woanders gibt's auch so gut wie nichts mehr zu sparen, denn in kaum einer Branche hat sich der Produktionsprozess aufgrund technischer Entwicklungen so rationalisieren lassen wie bei der Tageszeitung: Wo es in den Achtzigerjahren noch Texterfasser gab, Korrektoren, Setzer, Reprografen und Metteure, gibt es heute nur noch den Redakteur. Der macht am Computer alles selber, drückt am Ende aufs Knöpfle und jagt seine Seite direkt in die Druckmaschine. Der inhaltlichen Qualität ist das natürlich nicht förderlich.

Und gelohnt hat sich das, was Journalisten sich an zusätzlichem Know-how aneignen mussten, für sie selber nicht. Seit einem Jahrzehnt stehen sie bei der Einkommensentwicklung unter allen Berufen am unteren Ende der Skala. Und die Verleger fordern weiterhin Verzicht. 300 Tageszeitungsredakteure haben deshalb am Montag die Arbeit niedergelegt und bei einer Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz ihrer Forderung nach 5,5 Prozent mehr Gehalt Nachdruck verliehen. Nur 300.

Angesehen hat das den Blättern, die am Dienstag erschienen, nur, wer von dem Streik wusste. Sie waren so dünn, wie sie immer dünn sind an Dienstagen. Und die Verlage konnten sich sogar den Hinweis ersparen, dass es sich um eine Streikausgabe handelte. Die Öffentlichkeit mobilisieren und für Qualitätsjournalismus werben, wie es die Streikenden wollten, sieht anders aus. Aber es war ja nur der Anfang.

Dabei ist die Frage, was aus der Tageszeitung wird, eine wichtige. Und eine, die reichlich Interessenten findet. Wir bei der Kontext:Wochenzeitung stellen jedenfalls fest, dass unsere beiden meistgelesenen Geschichten im Jahr 2013 solche waren, die sich mit dem Thema Tageszeitung beschäftigten. Und auch unsere Serie über Zeitungsverlage in Baden-Württemberg, die seit sechs Wochen läuft, erfreut sich hohen Leserzuspruchs.

Die Serie macht jetzt erst mal Pause, mit der Medienlandschaft und dem Wandel, dem sie unterworfen ist, beschäftigen wir uns aber auch in dieser Ausgabe gründlich. Am Beispiel des SWR-Fernsehens. Dort fehlt es zwar weniger am Geld, aber ebenfalls am Nachwuchs, der sich noch vor die Glotze setzen will. Auch bei der zweitgrößten Sendeanstalt der ARD könnte das eine Menge mit Qualität zu tun haben: und zwar mit dem Fehlen derselben.


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3 Kommentare verfügbar

  • CharlotteRath
    am 11.10.2013
    Antworten
    Tageszeitung hat für mich viel mit Berichterstattung zu tun - im Sinne eines Zeit-Zeugnisses. Und Berichterstattung hat viel zu tun mit der Auswahl von Fakten, der Beschreibung von Tatsachen.

    Wenn ich feststelle, dass die Berichte in einer Zeitung allerdings mit dem, was ich bei den Ereignissen…
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