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Gepflegter Rassismus

Gepflegter Rassismus
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Immer mehr Betreuer von pflegebedürftigen Menschen in Deutschland kommen aus dem Ausland. Rassistische Beleidigungen in Heimen sind an der Tagesordnung. Fremdenfeindlichkeit auf Pflegestationen – ein Tabuthema.

Die Puppen haben hübsche Kleidchen an, tragen blonde und braune Ringellocken. Unter den Klapplidern glitzern blaue Augen. Rosa Kaiser liebt ihre Puppen, sie dürfen bei ihr im Bett schlafen. Die Nächte im Seniorenheim sind manchmal einsam. Als es an die Tür klopft, ruft sie: "Herein!" Vor ihr steht Alima Kiwanika in weißem Kittel, weißer Hose und weißen Schuhen. "Nein, nein, nein!" Rosa Kaiser sitzt aufrecht im Bett. "Von einer Schwarzen lasse ich mir nicht den Rücken waschen! Fass mich nicht an!" Alima Kiwanika macht einen Schritt zurück, geht hinaus und schließt für einen Moment die Augen.

Ein paar Wochen später sitzt die 38-Jährige auf einer Bank am Stuttgarter Schlossplatz und spricht noch einmal über die Begegnung mit Rosa Kaiser. Die echten Namen der beiden Frauen bleiben geheim. Nur unter dieser Voraussetzung will Alima ihre Erfahrungen öffentlich machen. Es könnte dem Ruf des Heims schaden, wenn bekannt würde, dass dort Ewiggestrige ihren Lebensabend verbringen und dabei die eigenen Pfleger anpöbeln. "Ich liebe meine Hautfarbe!", ruft Alima Kiwanika und reißt dabei kurz ihre Hände in die Höhe. "Und ich liebe alte Menschen", die Finger ihrer rechten Hand umfassen fest ihr linkes Handgelenk. Schmerz. Wut. Enttäuschung.

Fremdenfeindlichkeit ist alltäglich

Rassistische Angriffe von Senioren auf ausländische Pflegekräfte sind in deutschen Altersheimen kein unbekanntes Phänomen. Es spricht nur niemand darüber. Der Beruf des Alten- oder Krankenpflegers ist nicht leicht, das ist bekannt. Warum sollte man Bewerber aus dem Ausland also auch noch abschrecken, indem man sie darauf hinweist, dass Fremdenfeindlichkeit in deutschen Seniorenheimen oft dazugehört? Doch mit dieser Taktik schadet sich die Pflegebranche nur selbst. Denn das Personal auf kritische Situationen vorzubereiten würde es einfacher machen, mit diesen umzugehen. Bereits jetzt stellen Migranten ein Drittel aller Pflegekräfte in Deutschland. Und Deutschland wird immer älter. 20,6 Prozent der Bevölkerung sind 65 Jahre alt oder älter. Der steigende Bedarf an Fachpersonal kann mit deutschen Pflegern nicht mehr gedeckt werden. Auf 100 offene Stellen kommen gerade einmal 37 Bewerber, so die Bundesagentur für Arbeit. Bis 2030 müssten jedes Jahr 20 000 neue Pflegekräfte aus dem Ausland "importiert" werden.

Alima Kiwanika kneift die hellbraunen Augen zusammen, legt die Stirn in Falten und starrt ihrem Gegenüber grimmig ins Gesicht. "So!" Auf diese Art habe Rosa Kaiser sie auch schon vor dem Vorfall angesehen, wenn sie ihr auf dem Flur begegnete. "Eine sehr böse Frau!" Die Pflegerin schüttelt langsam den Kopf, ihre schwarzen Locken rollen über ihre Schultern. In ihrer Heimat, der Elfenbeinküste, freuten sich die alten Menschen, wenn sie sich um sie kümmerte, erzählt sie. Hier in Deutschland wirkt die Sozialisierung aus dem Zweiten Weltkrieg bei vielen bis ins Altersheim.

Gezielt rassistische Beleidigungen

In der offiziellen Version vieler Pflegeheime bilden deutsche, türkische, somalische, kroatische, chilenische, spanische oder japanische Mitarbeiter ein buntes und vor allem gewünschtes Mosaik. Doch das Multikulti-Seniorenheim ohne Rassismus "gibt es einfach nicht", stellt Michael Matzberger fest. Der Pflegepädagoge aus München war selbst jahrelang Pfleger und kennt die Schattenseiten des Berufs. "Mindestens einmal im Monat wurde jeder Kollege beleidigt oder diskriminiert. Teilweise in extremem Ausmaß." Das sei nichts Außergewöhnliches."Pollacken-Schwein", "Türken-Sau", "Russen-Schlampe", gängiges Vokabular. Den "Negern" verboten viele Senioren, ihre Möbel anzufassen. Denn "die machen mit ihren schwarzen Fingern die Schranktür dreckig". Das hat Alima Kiwanika noch niemand vorgeworfen. Aber "mir wurde schon einmal direkt ins Gesicht gespuckt", sagt sie.

Rassismus wird von Heimleitungen allzu oft bagatellisiert. Verwiesen wird auf geistige Verwirrung oder Demenz. Es sei ja nicht so gemeint, sagen sich Pfleger dann oft. Das ist leichter, als in dem normalerweise netten alten Herrn den rassistischen Rentner zu erkennen. Schließlich handelt es sich um alte, schwache Menschen, die ein langes Leben hinter sich haben. Im Pflegeheim sollen sie Ruhe und Geborgenheit erleben. Aber Rassismus kennt keine Altersgrenze. Die Demütigung, die die Senioren durch rassistische Beschimpfungen bei ihren Opfern erreichen, gibt wohl Genugtuung und hilft offenbar, die starke Abhängigkeit von den Pflegern, das Gefühl des Ausgeliefertseins und vor allem die Angst vor der Zukunft auszublenden. Schon öfter hat Alima Kiwanika von anderen ausländischen Pflegern gehört, dass ihnen Ähnliches passiert sei. "Denen hat niemand geholfen, weil sie nicht darüber gesprochen haben." Kopfschütteln. "Aber mich kriegt niemand klein!"

Schweigen nährt Rassismus

Viele Pfleger hoffen, dass das Problem irgendwann von allein verschwindet. Doch Rassismus löst sich nicht einfach auf, wenn die Person altert, die ihn in sich trägt. Natürlich kann man argumentieren, dass sich ein Mensch, der schon sein Leben lang einen Hass auf Fremde hat, nicht mehr ändern wird. Aber dadurch wird der Nährboden für Rassismus nur noch mehr gehegt und gepflegt. Fasst ein betroffener Pfleger doch den Mut und spricht den Vorfall an, kommen Vorhaltungen und Schuldzuweisungen gerade von dort, wo er auf Zuspruch und Hilfe gehofft hatte: Kollegen und Heimleitung beschwichtigen eher, statt sich hinter ihre Kollegen zu stellen.

Vor einer Anzeige wegen Beleidigung schrecken viele Betroffene zurück. Der Skrupel und die Angst, nicht ernst genommen zu werden, überwiegen. Juristische Beratung bekommen Betroffene bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin. Doch "im Pflegebereich ist es extrem schwierig, Hilfe zu vermitteln", weiß Sebastian Bickerich von der Beratungsstelle aus Erfahrung. "Ein absolutes Tabuthema in einem sehr sensiblen Arbeitsumfeld. Die Fälle, in denen sich jemand bei uns meldet, können wir an einer Hand abzählen."

Die Pflicht, den eigenen Mitarbeiter zu schützen, liege aber eindeutig beim Arbeitgeber. Doch die Heimleitung unternimmt häufig einfach nichts. Jeder rassistische Angriff gilt laut Sozialgesetzbuch VII als "Arbeitsunfall". Eine unversehrte Psyche ist geschütztes Rechtsgut. Dieses Gut büßen viele Pfleger durch Angstzustände, Depressionen, Schlafstörungen und ein geschundenes Selbstwertgefühl ein.

Kulturelle Kompetenzen lernen

An der Berufsfachschule Paulo Freire in Berlin werden Migranten zu Sozialassistenten im Pflegeberuf ausgebildet. Im Unterricht lernen die Schüler "kulturelle Kompetenzen". Die verschiedenen Esskulturen, Traditionen oder Riten zu respektieren ist wichtig, um Missverständnisse zu verhindern. Die Kommunikation zwischen Betreuer und Betreutem ist besonders wichtig. Daher müssen die angehenden Pflegekräfte gut Deutsch sprechen können.

Jeder der Schüler hat schon einmal Diskriminierung erlebt. "Es saßen schon oft erschrockene Schüler vor mir, die von Senioren aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe beleidigt wurden." Schulleiter Marco Hahn setzt daher auf offene Gespräche. Einmal in der Woche findet im Unterricht eine sogenannte "Praxisreflexion" statt. "Die Motivation der Schüler ist zu Beginn der Pflege fast grenzenlos", sagt Hahn. "Wenn ihnen dann aber Misstrauen und Feindseligkeit begegnen, ist das wie ein Schlag ins Gesicht." Wenn es im Heim zu unschönen Szenen zwischen Pfleger und Bewohner kommt, muss "die Situation durch Konfrontation sofort geklärt werden". Das hält Hahn für die einzig sinnvolle Methode. Lässt sich der in die Jahre gekommene Rassist dennoch nicht davon überzeugen, mit einem ausländischen Pfleger zusammenzuarbeiten, wird er von einer anderen Fachkraft betreut. Das ist keine Lösung, aber mehr als verbale Überzeugungsarbeit geht nicht.

In den kommenden Jahren und Jahrzehnten werden immer mehr Pfleger aus dem Ausland nach Deutschland ziehen. Rassismus ist nicht nur ein Problem der Nachkriegsgeneration. Deswegen muss man darüber sprechen.


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12 Kommentare verfügbar

  • Detlef
    am 02.02.2014
    Antworten
    Puh - wie viel Rassismus hier aus den Kommentaren spritzt.
    Von Marga Meller die ihr Recht auf Unwohlsein zum Recht auf Rassismus hoch stilisiert (würde sie auch einer korpulenten deutschen Pflegeperson sagen : Von so einer fetten Schlampe lasse ich mich nicht anfassen?).
    Katharina denkt wenn man…
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