Fies für Radfahrer: Der Hof der Urbanstraße 49 sinkt ab. Fotos: Joachim E. Röttgers

Fies für Radfahrer: Der Hof der Urbanstraße 49 sinkt ab. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 449
Debatte

S 21: Volles Rohr

Von Anna Hunger
Datum: 06.11.2019
Immer mehr Häuser im Stuttgarter Kernerviertel bröseln. Schuld sind Tunnel, die die Deutsche Bahn unter dem Stadtteil für Stuttgart 21 bohren lässt und Zement, der in den Untergrund gespritzt wurde. Jüngst ist ein Abwasserrohr geplatzt und ein Hof abgesunken.

Man muss sich Stuttgart vorstellen als eine Stadt, die einmal in eine Senke hineingebaut worden ist. Das Zentrum liegt am tiefsten Punkt, drum herum rahmen Hügel und Berge die Stadt ein. Der große Graben, das Loch, in dem gerade der neue Hauptbahnhof entsteht, liegt unten in der Stadt. Südlich davon sind die alten Mehrfamilienhäuser des Kernerviertels den Hang hinauf gebaut. Viele davon sind ausgesprochen hübsch, Gründerzeit, ausgehendes 19. Jahrhundert.

Das Kernerviertel ist der neuralgische Punkt für Stuttgart 21. Die Dichte der nachhaltigen Stuttgart 21-Gegner ist in diesem Stadtteil vergleichsweise hoch, die Tiefe, in der die Bahn ihre Tunnel vom Stadtrand in Richtung Bahnhof bohrt, dafür gering. Schlappe acht Meter sind es beispielsweise von der Tunneloberseite bis zum Kellerboden der Urbanstraße 49, in deren Hinterhof mittlerweile ein großes Loch im Asphalt klafft. Acht Meter, das ist nicht viel.

Bis Ende 2015 schienen die beiden zweigleisigen Tunnelröhren, die unter der Urbanstraße und dem Kernerviertel gebohrt werden, für die Ingenieure der Bahn kein Problem zu sein. Zwar senkt sich beim Tunnelbohren generell der Untergrund ab, auf dem die Häuser obendrüber stehen –"bei einem Abstand von 20 bis 45 Metern zur Tunneldecke", zitiert die Stuttgarter Zeitung 2016 aus einem Gutachten des Ingenieurbüros, das die Bahn berät, etwa "vier bis fünf Zentimeter". Das aber sei in Stuttgart durchaus beherrschbar. Also kein Problem.

Ein paar Monate später, im Dezember, klang das schon anders. Da eröffnete die Bahn den Bewohnern des Kernerviertels, dass einige der dortigen Immobilien ein bisschen angelupft werden sollen. Das Verfahren nennt sich Hebungsinjektion und war 2005 schon mal in der Baugenehmigung für Stuttgart 21 vermerkt gewesen, allerdings nur für ein paar Gebäude. In fächerförmiger Anordnung werden tausende perforierter Rohre unter den Häusern verlegt. Durch die kleinen Löcher in den Rohren wird Beton in den Untergrund gedrückt. Dadurch hebt sich das Areal und soll stabilisiert werden. Wenn sich der Boden wegen des Tunnelbaus absenkt, soll durch einmal anheben und dann wieder absacken bestenfalls das Ursprungs-Niveau erreicht sein. Ganz normales Verfahren, sagte die Bahn.

Pudding lässt sich schlecht anheben

Frank Schweizer vom Netzwerk Kernerviertel, einem sublokalen Zusammenschluss von Stuttgart 21-KritikerInnen, sieht das naturgemäß anders. Der Untergrund sei porös, ausgelaugter und verwitterter Anhydrit mit Löchern und Mulden. In die laufe der Injektions-Zement dann eben auch rein. "Das ist ja nicht so, als würden sie ein Backblech anheben", sagt er. "Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Pudding anheben."

Zunächst ging es nur um acht anzuhebende Immobilien. Wenig später waren es schon zwanzig Gebäude, die mit Hebung wie Stabilisierung beglückt werden sollten. Auf keinen Fall aber, weil sich da ein Problem anbahnte, nein, die Technik für solcherlei Hebungsinjektionen sei weiterentwickelt worden und könne nun größere Flächen anheben, ließ die Bahn verlauten. Na Gott sei dank, kein Grund zur Sorge.

Das erste Gebäude, das Schaden nahm, war die Kernerstraße 30. Dort tauchten im Februar dieses Jahres plötzlich Risse in der Fassade auf. Das Nebenhaus, die Schützenstraße 14, sollte eigentlich per Beton-Injektion angehoben werden. Dabei ging der Bahn aber das Detail verloren, dass das Haus Kernerstraße 30 mit einem etwa drei Meter breiten Zwischenbau direkt mit dem Haus Schützenstraße 14 verbunden ist. Die Schäden an diesem Zwischenbau sind mittlerweile so groß, dass der Gebäudeteil abgerissen wird – Einsturzgefahr. Laut Bahn sei zwar die Tunnel-Bohrerei tatsächlich schuld an der Rissbildung. Die Ursache allerdings liege in den Gebäuden selbst, denn die seien nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg "nicht fachgerecht" wieder aufgebaut worden. Die Rissbildung: ein Einzelfall.

Risse und Alpträume im Kernerviertel

Gegenüber der Kernerstraße 30 liegt die Kernerstraße 47. Unter diesem Haus wird kein Tunnel gebohrt, es wird auch nicht angehoben und stabilisiert, es scheint sozusagen auf sicherem Terrain. Dieses allerdings hat an den Ecken des Gebäudes jeweils ungleich nachgegeben: Auf der einen Seite ist es zwei Zentimeter abgesunken, auf der anderen 6,4. Im Flur klaffen breite Risse, ebenfalls in den einzelnen Wohnungen. In einer davon ganz besonders, handbreit fällt der Putz von der Wand, die Risse, sie sind überall. Die Bewohnerin der Wohnung ist von Angst und Alpträumen geplagt. Nachts, im Traum, wird sie von Trümmern des eigenen Zuhauses begraben. Ursächlich für die Zerstörung sei vor allem die spezielle geologische Situation unter dem Haus, sagt die Bahn.

Auch das Gebäude Werastraße 33, ein Stück die Straße rauf, hat seit dem Frühjahr Risse in der Wand. Die Türen und Fenster lassen sich nicht mehr normal öffnen und schließen, weil sich das Haus verzogen hat.

Mitte Oktober begann es im Keller des Wohnhauses Urbanstraße 49 furchtbar nach Fäkalien zu stinken. Der Keller war feucht, außen im Hof hat sich der Asphalt abgesenkt – sichtbar an Rissen an den Hofrändern, in den Ecken, in den Kanten zu den Häusern 49A und 49. Handwerker haben nun einen Schacht gegraben und das Abwasserrohr gereinigt. Soweit es ging, denn die Rohrreinigungsspirale steckte nach zehn Metern fest. Befund: Zement im Rohr. Hebungsinjektionen sind ins Rohr anstatt in den Untergrund gelaufen. Die Bahn sieht sich "für die von uns verursachten Schäden (...) schon immer und auch weiterhin absolut in der Pflicht." Das ist erfreulich.

Schräg gegenüber der Urbanstraße 49 ist der Hof der Urbanstraße 64 mit quadratischen Betonplatten ausgelegt. Normalerweise sind sie ebenerdig, mittlerweile wölben sie sich nach oben wie kleine Zeltstädte für Mäuse. "Verformungen durch den Tunnelbau hatten zu Spannungen im Plattenbelag des Innenhofs geführt", schreibt ein Sprecher der Bahn zur Erklärung. Die Bahn hat auch einen Zettel an die Haustüre geklebt: "Um schnellstmöglich einen verkehrssicheren Zustand herstellen zu können, hat sich die DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH entschlossen, vorerst provisorische Maßnahmen einzuleiten". Dann ist es ja gut.

Gebäude verhalten sich planmäßig, sagt die Bahn

Über dem Durchgang vom Hof zur Straße und zwischen den Häuser 62 und 64 ist ein Übergang von einem Haus zum nächsten gebaut. Auch diese Fassade zieren feine Risse. Dort sei es "erwartbar zu Bewegungen" gekommen, schreibt die Bahn, "Grund zur Sorge besteht nicht." Die Gebäude Urbanstraße 62 und 64 hätten sich "nach Abschluss der Hebungsinjektionen und des Tunnelbaus planmäßig verhalten."

Auch links der Einfahrt von Nummer 64 zieht sich ein Riss bis in die vierte Etage unters Dach. Die Bahn schickte Gutachter, erzählt der Immobilienbesitzer. Zwei Tage später habe ein Mitarbeiter angerufen und mitgeteilt: die Brandmauer zwischen Nummer 64 und Nummer 66 sei nur einfach ausgeführt, dabei müsste die doppelt gemauert sein. Baurechtlich sei quasi schon die Grundsubstanz des Hauses nicht in Ordnung.

Der Hauseigentümer sagt: "Wenn die Bahn mitten im Orkan bauen möchte, sollte man doch meinen, sie habe alle verfügbaren Informationen vor dem Baustart eingeholt". Alle Daten über den Untergrund des Viertels, die Architektur der Gebäude, die Leitungen und Rohre, die im Boden verlaufen. Damit nicht im Wochentakt an jeder Ecke ein neues Haus bröselt. Der Eigentümer bringt es auf den Punkt: "Es ist ganz schön viel, was die Bahn im Sinne des Allgemeinwohls von uns verlangt."


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19 Kommentare verfügbar

  • Die Lerche
    vor 2 Tagen
    Alle, die sich hier über die (Nicht-)Berichterstattung der Stuttgarter Zeitungen (zu Recht) beschweren, sollten bedenken, dass hier nicht der richtige Platz für solche Klagen ist. Sie sollten sich zusammentun und auf der "Säufzerbrücke" der StZ (Leserbriefseite) ihren Unmut über die mangelhafte Berichterstattung kund tun. KONTEXT braucht seine Berichterstattung nicht zu verbessen, die ist top.
    • Abdreas Spreer
      vor 2 Tagen
      @ Die Lerche:
      Die Stuttgarter Zeitung kriegt schon mit, was hier über sie geschrieben wird, davon kann man ausgehen. Dass ich hier kommentiere, ist mein Protest gegen deren Ungenauigkeit, Unvollständigkeit und dadurch auch Falschheit bei diesem Thema. Davon abgesehen sind dort längst nicht alle Artikel zum Kommentieren freigegeben und wenn, dann wird längst nicht alles angenommen.
      Ich bin Abonnent der Stuttgarter Zeitung und werde das auch bleiben. Und ich ärgere mich nur bei diesem Thema.
  • Eisenbahner
    vor 3 Tagen
    Bei allem Respekt zu manchem Kommentar ist festzustellen, dass die Akteure den unsäglichen Unsinn im Projekt Stuttgart 21 nicht verstanden haben oder wollen.
    Die unmittelbar Betroffenen müssen diesen Schwachsinn erdulden und auch noch mit unwägbaren Kosten in der Zukunft rechnen.
    Sankt-Florian lässt grüßen.
  • Thomas A
    vor 4 Tagen
    Im Zusammenhang mit dem Baugrund des Kernerviertels gibt es eine ganze Reihe von Ungeheuerlichkeiten. Bei der öffentlichen Erörterung des Grundwassermanagements ging die die Projektgesellschaft in die Vollen.
    Die Grenze von Planfeststellungsabschnitt 1.1(Tiefbahnhof) zum Kernerviertel (zu PfA1.2) wird durch GWM-Pumpaktionen überschritten. Im 1.1 hat sich die Wasserdurchlässigkeit um 3000 bis 5000% gegenüber dem Planfeststellungsbeschluss erhöht, im Kernerviertel um 90% verringert. Entlang der Grenze wurde jedoch ein Streifen mit der nirgends vorhandenen vormals angesetzten Wasserdurchlässigkeit behauptet. Damit wurde aberwitzig eine unveränderte Wasserübergabe von 1.1 zu 1.2 einfach festgelegt. Dadurch wurde Planfeststellungabschnitt 1.2 aus dem Planänderungsverfahren zum GWM ausgeschlossen .

    Die Hebungsinjektionen seien nirgends nötig außer dem IHK-Nebengebäude und einem Gebäude Nähe des Feuerbacher Bahnhofes als geringste Unterfahrungshöhe. So vielleicht als ergänzende Sicherung blabla.. zum Zeitpunkt des letzten angehängten Anhörungstages verhandelte die Projektgesellschaft mit der IHK jedoch bereits über den Abriss des Referenzgebäudes.

    Der Wagenburgautotunnel hob sich an der betroffensten Stelle um 1mm pro Monat von 1953 bis 1993. Dann wurde keine Kurve mehr veröffentlicht. Die letzte Glättung des Tunnels war 2008. Danach konnte man anhand der Hebungshöhe eine Heberate von 8-10mm pro Monat ausrechnen. Diese Beschleunigung gibt es seit Erkundungsbohrungen.
  • musil
    vor 5 Tagen
    Man könnte fast meinen, wir würden von kriminellen Banden "regiert". Wer dachte, dass die Zusammenarbeit zwischen Mafia, Wirtschaft und Politik ein rein italienisches sei und war, der irrt sich gewaltig. War bei uns nie anders, ist heute noch schlimmer. Heutzutage macht sich die OK nicht einmal die Mühe, ihr Handeln zu verschleiern.

    Und: Die Rechten wählen, ist auch keine Lösung. Die sind nicht besser, eher noch schlimmer und unverfrorener. Es braucht einen Aufstand der Zivilgesellschaft. Der Staat muss sich von Politikern und den (meist korrupten, weil bespendeten) Parteien befreien. Wir Bürger müssen uns die Macht zurückholen.
  • Steiner
    vor 1 Woche
    Vermutung: Es gibt Kriminelle die andere Kriminelle decken, vielleicht sogar bei der Bahn.
  • Ernst-Friedrich Harmsen
    vor 1 Woche
    Die Chuzpe der vielen Bahnfürsten , die sich hier ein Denkmal setzen wollten und der jetzige noch immer nicht Einhalt gebietet - was wohl möglich und angesagt ist - dient die Beamtenschaft im Bundesministerium für Verkehr usw.. Und wer wird denn schließlich zur Verantwortung gezogen bei Fertigstellung des Programms, wenn die Tunnel der Starkregen wegen schließlich monatelang - hoffentlich ohne Schaden an Menschenleben - absaufen?
  • Andreas Spreer
    vor 1 Woche
    Warum muss ein kleines Magazin wie dieses das öffentlich machen?

    Die Titelseite der heutigen Stuttgarter-Zeitung stellt - zu recht - die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung ins Rampenlicht. Nichts läge mir ferner als das zu kritisieren. Allerdings, schwingt da nicht auch ein gewisser Anteil an Selbstbeweihräucherung mit? Es erschiene mir angemessener, wenn sich diese Zeitung ein klein wenig selbstkritischer der Frage stellen würde, ob sie selbst denn nun diesen hehren Zielen auch immer gerecht wird. Etwa die Berichterstattung über S21 im allgemeinen und hier über das Kernerviertel im Besonderen folgt undurchschaubaren Proporzabwägungen zwischen Interessengruppen anstatt der Sache, die nämlich zum Himmel stinkt, so mein Eindruck. Was wäre das für ein herrliches weites Betätigungsfeld für die gerade heute gefeierte journalistische Ehrlichkeit...
    • F. Fischer
      vor 1 Woche
      "Unabhängige Berichterstattung" oder " journalistische Ehrlichkeit" sind im Zusammenhang mit den vereinigten Stuttgarter Blättchen die unangemessensten Bgriffe, die zu finden wären. Was dort ... gerade auch in Sachen S 21, aber nicht nur ... abläuft, spottet jeder Beschreibung. Es ist an verlogener Heuchelei kaum zu überbieten, wenn ausgerechnet die StN/ StZ so etwas für sich in Anspruch zu nehmen sich erdreisten. ...
    • Andrea K.
      vor 1 Woche
      Manchmal tut ein kleines Magazin das, was alle anderen unterlassen.

      Es muss 2010 oder 2011 gewesen sein, als Rüdiger Grube auf Einladung des Haus & Grundbesitzervereins eine Rede zu S21 im Theaterhaus hielt. Dabei sagte er, die Bahn habe keinerlei Risikorückstellungen für die Entschädigung von Hausbesitzern gebildet, da keinerlei Risiko bestünde. Kein Hausbesitzer hat das damals geglaubt - doch sowohl Haus & Grund als auch die Zeitungen waren sich damals einig: Wenn der Herr Grube das sagt, dann stimmt das.

      Später dann wurden die Hausbesitzer von den Stuttgarter Blättle noch ausgiebig diffamiert und als kleingeistige, emotionale Angsthasen dargestellt. Von dort ist wohl keine "kritische Berichterstattung" zu erwarten.
    • Andreas Spreer
      vor 1 Woche
      Da muss ich widersprechen. Es gibt etliche Bereiche, z. B. das Thema Rechtsextremismus, da nimmt die Stuttgarter Zeitung eindeutig Stellung. Außerdem fallen mir spontan 5 oder mehr Redakteure ein, die ich gerne lese und deren Urteil ich schätze. Es scheint aber eben doch manchmal schwierig zu sein, im Alltag mit einem Verleger oder Chefredakteur oder mit der Kundschaft im Nacken der Wahrheit und nichts als der Wahrheit zu dienen, die im Übrigen auch unter Verschweigen und unterschiedlichem Gewichten leiden kann. Bei S21 hat sich die Stuttgarter Zeitung m. E. vergaloppiert. Da muss sie irgendwann wieder rauskommen, am besten gleich ;-)
    • Andreas Spreer
      vor 1 Woche
      So war mein Eintrag nicht gemeint. Wenn wir so anfangen, dann sind Begriffe wie Lügen- oder Systempresse nicht mehr weit, und wir sitzen mit den falschen Leuten im Boot. Es gibt etliche Bereiche, z. B. das Thema Rechtsextremismus, da nimmt die Stuttgarter Zeitung eindeutig und richtig Stellung. Außerdem fallen mir spontan 5 oder mehr Redakteure ein, die ich gerne lese und deren Urteil ich schätze. Es scheint aber eben doch manchmal schwierig zu sein, im Alltag mit einem Verleger oder Chefredakteur oder mit der Kundschaft im Nacken der Wahrheit und nichts als der Wahrheit zu dienen, die im Übrigen auch unter Verschweigen und unterschiedlichem Gewichten leiden kann. Bei S21 hat sich die Stuttgarter Zeitung m. E. vergaloppiert. Da muss sie irgendwann wieder rauskommen, am besten gleich ;-)
    • F. Fischer
      vor 1 Woche
      Mein lieber Herr Spreer,

      Ihr Bemühen um Ausgewogenheit in allen Ehren. Sie sollten aber bedenken, daß Begriffe wie "Vergaloppieren" im Zusammenhang mit der Berichterstattung der StZ/StN zu S 21 ... udn darum gehet es hier ... Verharmlosungen der wahren Absichten und Zustände diesbezüglich im Pressehaus sind. Ich nenne nur mal zwei Namen, die sich da besonders "rühmlich" hervorgetan haben: Molitor und Hamann. Letzterer ja inzwischen bekanntlich von der DB "aufgekauft". Er darf nun ganz offiziell seine "alternativen Fakten" für die DB "sprechern". Die unprofessionelle "Digital unit" der Blätter, zu deren unverantwortlichem Agieren in Sachen S 21 man Romane schreiben könnte, lasse ich mal beiseite. Vielleicht können Sie mit mir darin übereinstimmen, daß eine Zeitung mit Anspruch sich in Sachen S 21 nicht zum propagandistischen Handlanger von Privatinteressen der DB , Teilen der Bauindustrie nebst dubiosen Anhängen und von Teilen größenwahnsinniger Politiker machen sollte. Und genau das ist nämlich der ganz konkrete Vorwurf der StZ und StN zu machen ist. ...
    • Norbert S.
      vor 1 Woche
      Ich habe bei der Veranstaltung damals diese Frage gestellt. Ich kriege das nicht mehr wortgetreu zusammen, aber nachher sagte mir der Geschäftsführer von Haus und Grund, Herr Wecker, dass die Bahn auf Grund des Aktienrechtes aus diesem oder jenem Grunde gar keine Rückstellungen bilden darf (sinngemäß, da sie dem Aktionär verpflichtet sei als AG und die Risiken für die DB irgendwie nicht existieren würden. Damit hat er - sicher nicht absichtlich - schön auf den Punkt gebracht, wo der Grundfehler der Privatisierung bzw. das Kalkül gewisser Interessengruppen beim System "Privatisierung" liegt.
      Der ehemalige Erste Bürgermeister Dr. Klaus Lang (CDU), Vorstandsvorsitzender von Haus und Grund, Stuttgart, fragte mich schwäbisch-jovial, wo ich wohne. Auf die Antwort (anderer Stadtbezirk, irgendwo nn.: ich wohne in dark side of the moon :-)) meinte er, weshalb ich mir dann überhaupt Gedanken machen würde, das sei ja weit weg und ich garantiert nicht betroffen.

      "Noch Fragen Kienzle?" "Nein Häuser!" (Aktenvernichter summt).
    • Michael Heller
      vor 6 Tagen
      Tja, da kann man nur sagen: da haben die Medien ganze Arbeit geleistet, wenn die Leute so viel Angst davor haben "mit den Falschen in einem Boot zu sitzen" dass sie ihre Meinungen und Anliegen lieber nicht äußern. So ist die Situation mittlerweile im besten Deutschland aller Zeiten.
  • Roland Morlock
    vor 1 Woche
    Nicht die Anwohner bohren einen Tunnel unter ihren Häusern, sondern die Bahn. Und die Bahn bohrt einen Tunnel unter einer Bebauung, wie sie ist und nicht wie sie die Bahn gerne haben will. Die Bahn hat dafür Sorge zu tragen, daß ihre Maßnahme ohne Auswirkungen auf den Zustand der darüberliegenden Bebauung bleibt. Und die Bahn wurde vor der Komplexität und dem Risiko dieses Projektes immer wieder gewarnt.

    Aber man hört auf Warnungen unabhängiger Fahchleute nicht gerne, sondern man läßt lieber von einem selbst bezahlten Fachmann behaupten, man habe alles im Griff. Dies ist hier bei weitem nicht so, und das müßte auch ein bezahlter Experte wissen (der als Lohn für sein Wissen dann aber keine Folgeaufträge mehr bekommt). Dazu ein möglichst bildhaftes Beispiel:

    Ein Hang besteht im Grund aus Fels/Gestein mit einer Auflage an Boden (wie auch im Kernerviertel). Der Boden hat die Angewohnheit, der Schwerkraft zu unterliegen und daher den Hang hinunter zu streben. Liegt unten genug Material, gelangt dies aber in ein Gleichgewicht.
    Regnet es nun, und es gelangt Wasser in den Boden, so wird das Gleichgewicht gestört, und der Hang über dem Felsen rutscht so lange nach, bis sich wieder ein neues Gleichgewicht einstellt.

    Diese Prozesse sind bereits vor der Bebauung dagewesen, und deshalb war der Hang zunächst stabil. Aber auch die Bebauung hat seinerzeit das Gleichgewicht gestört. Die Häuser selbst wurden dadurch nicht stark beeinträchtigt, denn es war ein Prozeß, der sich kleinräumig über Jahre vollzog, und immer wieder konnte sich ein neues Gleichgewicht einstellen. Außerdem wurde ja beim Bau auch Maßnahmen zur Sicherung des Hanges durchgeführt, die auf die Hausbau-Projekte jeweils zugeschnitten waren.

    Fazit: Jede Störung eines Gleichgewichtes führt zu Hangbewegungen, bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat. Diese Bewegungen können lagsam, fast unmerklich über längere Zeiträume stattfinden. Man bemerkt sie nicht, bis Risse auftreten oder der Boden den Spannungen ausweicht bzw. nachgibt.

    Die Tunnelbaumaßnahme stört nun dieses Gesamt-Gleichgewicht großflächig in mehrfacher Hinsicht:

    1. Durch die Bohrung kommt es zu nachgelagerten Setzungen im Untergrund. Diese sollten durch die im Artikel beschriebenen Hebungsinjektionen ausgeglichen werden.
    2. Durch nachgelagerte Setzungen kommt es zur Nachverdichtung im Boden, z.T. auch zum Verschluß von Wasserläufigkeiten. Gleichzeitig können aber auch neue Wasserwegsamkeiten entstehen.
    3. Durch die in 1. genannten Hebungsinjektionen baut man großfläching ein unterirdisches Dach, durch das Wasser nicht mehr wie gewohnt abfließen kann.

    Die hier im Kernerviertel angewandten Bauverfahren beruhen auf eine Folge festgelegter Maßnahmen: Man sondiert mit einem Meßnetz den Boden, achtet peinlich genau auf Hebungen und Senkungen und gleicht diese dann durch Injektionen wieder aus. (Bzw. man prognostiziert Setzungen, hebt die Gebäude ein weng an, um die Setzungen im Vorfeld auszugleichen.) Dies könnte man - wenn man will - auch als "Bauen auf Sicht" bezeichnen.

    Vergessen hat man dabei, daß eine Veränderung des Hangwasser-Regimes auch langfristige Folgen haben muß. Denn das Wasser muß sich nun einen anderen Weg suchen, wo es bisher beispielsweise durch Wegsamkeiten im Boden schnell in tiefere Schichten versickern konnte, muß es sich nun zunächst entlang der Oberfläche einen Weg suchen. Und Wasser findet immer seinen Weg. Änderungen der Hangstruktur sind hier pro Vorgang kaum meßbar, summieren sich aber in einer ähnlichen Weise langsam auf wie ein kleiner Haarriß in einer Staumauer. Wird dieser nicht erkannt, kann er über lange Zeit die ganze Mauer zum Bersten bringen.

    Um solche Effekte wirklich auch nur ansatzweise im Griff zu haben, müßte man ein sehr detailliertes und komplexes Hangmodell im Computer entwickeln, was in diesem Fall mehrere Jahre gedauert hätte und natürlich ein erheblicher Kostenfaktor ist. Aber auch ein solches Modell ist alleine auf Grund der Komplexität der Wirklichkeit nach dem heutigen Stand der Technik nie in der Lage, die Realität wirklich prognosesicher abzubilden. Mit einem "Bauen auf Sicht" kann man nur unmittlebare Schadensfolgen mildern, nicht aber Langzeitfolgen vorhersehen. Insofern hat die Vorhabensträgerin Bahn in diesem Punkt einen erheblichen Mut zur Lücke.

    Der BUND hat im Vorfeld der Erörterungen zu diesem Tunnelvorhaben einen Geologen aus Österreich beauftragt, sich ein Bild zu machen. Dieser führte unter anderem sogenannte Inklinometermessungen durch, wobei festzustellen war, daß im Prinzip alle Häuser am Hang um 1 bis 2 Grad in Talrichtung geneigt sind. Dies zeugt seiner Aussage nach von geringen Rutschungen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, und die inzwischen wieder zur Ruhe gekommen sein könnten.

    Im Rahmen der Planfeststellung haben wir über den BUND auf diese Problematik in einer ausführlichen Stellungnahme hingewiesen und die Anfertigung eines komplexen computergestützten Hangmodells für erforderlich gehalten. Das Gutachten der Bahn, in dem die Stabilität und die Sicherheit des Vorhabens bescheinigt wurde, belief sich auf vier Seiten A4. Das war sowohl der Anhörungsbehörde, die der Fachaufsicht eines Ministeriums und damit der Landespolitik (die sich wiederum gerne als Projektpartner sieht) unteliegt, als auch der Genehmigungsbehörde, die der Fachaufsicht des BMVI unterliegt, offensichtlich fundiert genug.

    Ein weiterer, in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommener Punkt ist: Die Bewohner haben sich bis zuletzt geweigert, ein Nutzungsrecht ihres Grund und Bodens per Vertragsentwurf der Bahn hinzunehmen. Hintergrund: Bei Langzeitfolgen muß der Eigentümer beweisen, daß die Schäden mit dem Tunnelbau ursächlich zusammenhängen. Die Eigentümer wollten hier eine Beweislastumkehr, auf die die Bahn wiederum nichteinging. Dann hat das Regierungspräsidium der Bahn dahingehend geholfen, daß man die Eigentümer im Rahmen einer sogenannten "vorzeitigen Besitzeinweisung" quasi enteignet hat. Wer will, könnte hierin eine einseitige Begünstigung der Bahn durch die Behörde erkennen, wo eigentlich der Schutz und der Ausgleich mit den Interessen der Betroffenen angezeigt wäre.

    Es darf darüber spekuliert werden, wie es ausgegangen wäre, wenn es Erwin Teufels Verwaltungsreform (mit der Angliederung damals unabhängiger Fachbehörden an die Regierungspräsidien) nicht gegeben hätte.
  • chr/christiane
    vor 1 Woche
    Unser zerstörter und abgeholzter Wald ist nach dem 2. Weltkrieg auch nicht wieder fachgerecht als Mischwald aufgebaut worden.2 Jahre Dürre etliche Jahrzehnte später und schon hilft der Staat mit bis zu einer Milliarde und der Bundeswehr.

    Wenn jetzt der "Stuttgart 21-Orkan" die nicht fachgerechte Bebauung nach dem 2. Weltkrieg zu Tage befördert--dann wird unser Staat doch sicher auch Milliardenhilfen und Manneskraft zum Wiederherstellen der Gebäude zur Verfügung stellen.

    Also, würde ich dort ein Haus besitzen, ich hätte auf diesen Staat keinen Bock mehr!
    Die AfD braucht sich doch gar nicht mehr anstrengen, die Wähler werden schon von alleine kommen.
    • C.Maier
      vor 1 Woche
      Da wird die rechtsgerichtete AfD auch nicht helfen können! Unglaublich...
    • D. Hartmann
      vor 1 Woche
      Aber genau die Leute, die das nicht erkennen können ( / wollen), sind doch das Kernklientel dieser Partei.

      Leute, die glauben, dass die AfD für sie aus der Erdkugel (wieder) eine Scheibe macht. In einer zweidimensionalen Welt lebte es sich doch so viel besser (weil einfacher) als in der dreidimensionalen!

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