Ohne das Wachstumsdogma wäre besseres Zusammenleben möglich. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 358
Debatte

Wo geht's nach Links?

Von Gastautor Frank Adloff
Datum: 07.02.2018
Der Soziologe Frank Adloff sieht die Zukunft moderner linker Politik in der Konvivialität. Es geht darum, sagt er, wie wir zusammenleben wollen. Identitäts- und Verteilungsfragen müssten mit ökologischen Fragen verknüpft werden. Eine Erwiderung auf die Debattenbeiträge in Kontext-Ausgabe 357.

Natürlich stimmt es, dass die Linke materialistischer werden muss (Heisterhagen/Jörke im "Freitag"). Das Kapital muss wieder reguliert, die Billiglohnpolitik beendet und die Gewerkschaften müssen gestärkt werden. Und natürlich sollte es einen dritten Weg geben zwischen kosmopolitischem Liberalismus und rechtspopulistischem Nationalismus (Nachtwey in der "Zeit"). Doch reicht das? Ist nicht das Problem vielmehr, dass die Identitäts- und die Verteilungsfragen mit einer anderen Krise aufs Engste verknüpft sind, nämlich der ökologischen Krise? Diese droht wieder im Zeichen anempfohlener neuer Verteilungspolitiken unter den Teppich gekehrt zu werden. Eine Vision für die kommenden Jahrzehnte kann man politisch jedoch nur gewinnen, wenn man radikaler den Produktivismus und immer noch vorhandenen Industrialismus der Sozialdemokratie und der Linken überhaupt überwindet – ohne dabei auf krude Konzepte einer sogenannten Green Economy des linksliberalen Milieus der Realo-Grünen zu setzen.

Porträt Michael Weingarten

Frank Adloff, Jahrgang 1969, ist Professor für Soziologie an der Universität Hamburg. Im Fachbereich Sozialökonomie forscht er zu den Themen Konvivialität, Zivilgesellschaft, Nachhaltigkeit und Postwachstum. (ana)

Es geht nicht um die Frage Identitätspolitik oder Verteilungsfrage, es geht um eine sozialökologische Transformation und damit um die Frage, wie wir mit den (menschlichen und nichtmenschlichen) Anderen zusammenleben können. Mit anderen Worten: Wie kann man ein gutes Leben für alle anvisieren, ohne bestimmte Gruppen – seien dies nun abgehängte Arbeiter des globalen Nordens oder die Näherinnen in Bangladesch, seien es Geflüchtete, seien es Bienen oder Eisbären – auszuschließen oder sich gar ein gutes Leben auf ihre Kosten zu machen.

Alte Fortschrittserzählungen – Erzählungen von Sozialismus, Aufklärung, einer Zähmung des Kapitalismus durch Sozialstaatlichkeit und von Fortschritt durch Technik – haben sich verbraucht. Deshalb reicht es auch nicht, die Sozialdemokratie rituell auf Jeremy Corbyn hinzuweisen, der in Großbritannien erfolgreich Labour nach vorne bringt. Umverteilung ist jetzt politisch zwar richtig und wichtig, aber kein Zukunftskonzept, wenn sich an den Konturen der "Externalisierungsgesellschaft"  sonst nichts ändert. Doch wie lautet die gemeinsame Lösung aller politischen Lager? Wirtschaftswachstum wird weiter als Allheilmittel beschworen, obwohl man weiß, dass wir faktisch im globalen Norden auf ein Nullwachstum zusteuern und diese Wachstumsrücknahme auch aus ökologischen Gründen notwendig ist.

Wenn die Diagnose zutrifft, dass im globalen Norden ein Wachstum des BIP in Zukunft ausbleibt, wird der Kuchen nicht mehr größer, der verteilt werden kann. Neue soziale Konflikte, Spannungen und das Schüren von Ängsten wären damit programmiert. Der Konflikt zwischen den Gruppen, die sich mit dem Rassismus der AfD verbunden fühlen, und denen, die für die offene Gesellschaft eintreten, ist nur der Anfang weiter drohender Verwerfungen der deutschen Gesellschaft, wenn nicht grundsätzlich umgesteuert wird. Vielfältige Ideen für die Richtung einer fundamentalen gesellschaftlichen Transformation gibt es zwar durchaus. Aber sie werden kaum von der Politik wahrgenommen und auch nicht laut genug von Wissenschaftlerinnen und Intellektuellen in die Debatte eingebracht.

Neue Formen der Konvivialität (von lat. convivere: zusammenleben) müssen gefunden und eingefordert werden. Das Ziel der Konvivialisten ist eine Gesellschaft jenseits der Wachstumslogik, in der die Verbindungen von Individuen, Gruppen und Gemeinwesen auf neue Art und Weise sichtbar sind, Menschen einander in ihrer Unterschiedlichkeit achten und dabei zum Wohle aller – unter konstruktiver Austragung von Konflikten – kooperieren. Eine reale Utopie zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation. Die aktuelle Debatte um die Zukunft der Linken verstrickt sich hingegen in der dichotomen Gegenüberstellung von Staat und Markt. Doch sind es vor allem soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Gruppen, in denen nach neuen Formen der Konvivialität gesucht wird. Praktisch wird Konvivialität ohnehin in einer Vielzahl von sozialen Konstellationen gelebt: im familiären und freundschaftlichen Rahmen, in dem im Allgemeinen die Logik des Teilens und nicht die des individuellen Profits zählt. Dann in hunderttausenden von assoziativen Projekten der Zivilgesellschaft weltweit, im freiwilligen Engagement, im Dritten Sektor, in der solidarischen Ökonomie, in Kooperativen und Genossenschaften, im moralischen Konsum, in NGOs, in Peer-to-Peer-Netzwerken, Wikipedia, sozialen Bewegungen, Fair Trade, der Commons-Bewegung und vielem mehr. Allerdings stehen diese konvivialen Experimente bislang oft unvermittelt nebeneinander und erfahren durch die Politik eher eine Behinderung als eine Förderung. 

Die Idee des ökonomischen Wachstums radikal in Frage stellen

Eine konviviale Gesellschaft muss die Idee des ökonomischen Wachstums radikal in Frage stellen. Neue Formen des Wirtschaftens sind gefordert, die den Kreislauf der permanenten Kreation von immer mehr und prinzipiell unbegrenzten Bedürfnissen – geschaffen durch die Profitlogik – durchbrechen. Diese Idee wird in der immer größer werdenden Postwachstums- oder Degrowth-Bewegung diskutiert und praktisch umzusetzen versucht. Es wird Zeit, sich kulturell und politisch aus den Fesseln des Ökonomismus zu befreien. Vielleicht brauchen wir gar kein Wachstum, um ein gutes Leben zu führen? Genossenschaften, Nonprofit-Unternehmen und viele mittelständische Betriebe haben noch nie primär auf Wachstum gesetzt. Befreit man sich vom Glauben an die Notwendigkeit des Wachstums, kann man sich auch trauen, den Auswüchsen des Neoliberalismus endlich Einhalt zu gebieten: Steueroasen austrocknen, höhere Kapitalsteuern und eine Finanztransaktionssteuer erheben, Vermögens- und Erbschaftssteuern anheben, einen Schuldenerlass für Griechenland und andere Staaten vornehmen.

Die größte Herausforderung für eine linke Vision einer Postwachstumsgesellschaft besteht darin, wie sich die Abkehr vom Wirtschaftswachstum mit der Notwendigkeit, das materielle Niveau der unterprivilegierten Schichten anzuheben, verbinden lässt. Wenn der Kuchen nicht mehr wächst, sondern gar schrumpft, muss den Privilegierten viel radikaler etwas genommen werde. Dies geht nur, wenn wir uns von der Macht der Ökonomie befreien. Nicht nur die Ökonomie zu verstaatlichen, sondern sie gleichsam zu verlassen, dies wäre ein linkes Projekt.

Konkret bedeutet dies, die Abhängigkeit der Bürgerinnen und Bürger von Unternehmen und Märkten abzumildern. Dazu braucht es einerseits einen funktionierenden öffentlichen Sektor und andererseits vor allem neue Formen der Kooperation zwischen Unternehmen, der öffentlichen Hand und zivilgesellschaftlichen bzw. Nonprofit-Organisationen. Gemeingüter sollten nicht privatisiert, sondern erhalten und neu kreiert werden, Genossenschaften (die die Trennung von Kapital und Arbeit aufheben) gilt es zu fördern, regionale Komplementärwährungen sind zu unterstützen. Konsumgüter brauchen eine längere Haltbarkeit, ein Leben ohne Autos muss möglich gemacht werden, und schließlich muss die Abhängigkeit nicht nur von Märkten und Unternehmen, sondern auch vom Geld durch Formen nicht-monetären Austausches verringert werden.

Schließlich brauchen wir ein radikal verändertes Verständnis von Unternehmen. So kommt ihnen beispielsweise im Konzept der Gemeinwohlökonomie Christian Felbers nicht nur die Aufgabe zu, rentabel zu sein, sie sollten auch Gemeinwohlaspekte berücksichtigen und weniger als privatwirtschaftliche denn als gemeinschaftliche Unternehmen verstanden werden, die darauf hinarbeiten, gemeinsame Werte zu erzeugen, die über Monetäres hinausgehen und die vor allem nicht mehr ökologische und soziale Kosten externalisieren.

Eine konviviale Politik müsste im Namen der Natur und der Gleichheit aller Menschen einen Kampf gegen Maßlosigkeit einerseits und Ungleichheit andererseits führen, konkret: gegen Armut und extremen Reichtum. Ein bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen sowie die maximale Begrenzung von Einkommen wären eine Möglichkeit dafür. Ein Grundeinkommen böte die Chance, unsere Fixierung auf Erwerbsarbeit abzuschwächen. Existenzängste könnten dadurch deutlich reduziert und kreative Räume des Zusammenlebens sowie der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation eröffnet werden.

Die Ausbeutung der Natur muss aufhören

Auf der anderen Seite müssten die explodierenden Einkommensentwicklungen am oberen Rand eingedämmt werden. So könnten zum Beispiel öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, dessen Vorstand in Relation ein etwa 25-faches des Einkommens einer einfachen Angestellten des Unternehmens verdient (statt aktuell das Hundertfache und mehr). Moralisch würde sich darin ausdrücken, dass sich niemand für seine Existenz zu schämen braucht, dass aber die Hybris, sich über andere zu stellen, alles für machbar zu halten und sich dem Gemeinwohl zu entziehen, inakzeptabel ist. Die Perspektive der Konvivialität zielt nicht darauf ab, den Gürtel enger zu schnallen, sondern auf Fülle, die aus der Begrenzung entsteht: auf die Fülle, die entstehen könnte, wenn die Stadt nicht Entfaltungsraum für Kapital und Autos, sondern Lebensraum für Menschen wäre. Wenn das oberste Ziel nicht das Trimmen für den globalen Wettbewerb sein müsste, wenn das Leben nicht primär aus Lohnarbeit bestünde, sondern viele Arten des Tätigseins gleichberechtigt nebeneinander stehen könnten.

Doch nicht nur zwischen Menschen und Kulturen müsste eine neue Politik der Konvivialität Einzug halten, auch im Verhältnis der Menschen zur Natur. Die Erderwärmung, der drastische Rückgang an Artenvielfalt, die kapitalistische Inwertsetzung der Natur – diesen Schwierigkeiten wird man kaum technokratisch begegnen können. Konvivialität bedeutet auch, nicht nur auf die deutsche Ingenieurskunst zu vertrauen, sondern eine neue Ethik der Mitwelt zu finden. Technokratische Projekte sind häufig Teil des Problems und nicht die Lösung. Stattdessen brauchen wir eine neue breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Technik wir haben wollen. Eine konviviale Technik wägt die ökologischen und sozialen Auswirkungen, die jede Technik mit sich bringt, genau ab und stellt diese wieder zur Diskussion. Sie bevorzugt Ziele in Sicht- und Reichweite, das heißt offene gegenüber proprietären Lösungen, Anpassungsfähigkeit gegenüber Einheitslösungen, und Angemessenheit in der Anwendung. 

Es kommt also insgesamt darauf an, das bisher dominierende neoliberale Wettbewerbsdenken zu brechen, ohne in überkommenen Umverteilungsvisionen durch wirtschaftliches Wachstum zu schwelgen, die ja immer schon schädlich waren. Dies wussten noch die Entfremdungskritik der Kritischen Theorie oder der Ökosozialismus eines André Gorz. Mittelfristig brauchen wir eine Politik der Selbstbeschränkung, den Ausstieg aus der Ökonomie und eine Gegenhegemonie der Konvivialität.


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9 Kommentare verfügbar

  • Paul Koop
    am 09.09.2018
    Konvivialität ist der Wohlfühllabel der Eliten des globalen Feudalismus: Almosen der feudalen Finanzeliten statt Sozialstaat und Demokratie
  • Schwa be
    am 10.02.2018
    Stimme R.Z. grundsätzlich zu. Interessant finde ich den Artikel dennoch nur bedingt, da m.E. beim Autor bzw. im Artikel m.E. noch viel Verwirrung herrscht bzw. versucht wird das Rad neu zu erfinden.

    "Der Soziologe Frank Adloff sieht die Zukunft moderner linker Politik in der Konvivialität (von lat. convivere: zusammenleben)."
    oder
    "Eine konviviale Gesellschaft muss die Idee des ökonomischen Wachstums radikal in Frage stellen."
    oder
    "So könnten zum Beispiel öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, dessen Vorstand in Relation ein etwa 25-faches des Einkommens einer einfachen Angestellten des Unternehmens verdient (statt aktuell das Hundertfache und mehr). Moralisch würde sich darin ausdrücken, dass sich niemand für seine Existenz zu schämen braucht, dass aber die Hybris, sich über andere zu stellen, alles für machbar zu halten und sich dem Gemeinwohl zu entziehen, inakzeptabel ist."

    Die von mir beispielhaft herausgegriffenen Sätze bzw. deren Inhalte halte ich für absolut zustimmungs- und unterstützungswürdig. Gleichzeitig ist das alles nichts Neues. All die positiven Aussagen dieser Sätze bzw. des Artikels und noch weit mehr positives sind schon immer Bestandteil eines demokratischen Sozialismus (wichtigster Bestandteil ist die praktizierte Hierarchie von unten nach oben - Beispiel dafür ist eine Räte Demokratie). Leider wurde und wird der Begriff des Sozialismus schon immer massiv von offizieller (pro kapitalistischer) Seite öffentlichkeitswirksam bekämpft. Dies hat Spuren in den Köpfen der überwiegenden Zahl der BürgerInnen hinterlassen (ohne das die meisten sich dessen bewusst sind) und sich niemand mit dieser alternativen, Mensch, Tier und Umweltschonenden Politik ernsthaft auseinandersetzen möchte. Meist kommt nur eine sachlich völlig unbegründete Ignoranz oder eine abwertende Handbewegung zum Thema Sozialismus.
  • R. Z.
    am 08.02.2018
    Interessanter Beitrag.

    Das sind Ansätze und Ideen, die Lust auf die Zukunft machen und die versuchen, vorstellbar zu machen, dass eine postkapitalisische Welt und ein gutes Leben darin für alle möglich ist.

    Blöd nur, dass das Kapital, wenn es daran geht, solche Ideen, wenn sie über ein Kietz-Projekt hinausgehen und wirklich gefährlich für den bestehenden, globalen Wirtschaftsterrorismus werden, gnadenlos wegzubomben versucht - wie gerade in Rojava/Afrin live miterlebt werden kann. Dann kennt das Kapital sozusagen seine eigene Großmutter nicht mehr.

    Oder S21: Als der Protest mit über Hundertausend auf der Straße plötzlich wirklich gefährlich wurde und die Mächtigen eine Eigendynamik befürchten mussten ("das Volk, der größe Lümmel"), wurde - neben paramilitärisch auftretender Polizei - das ganze Arsenal postdemokratischen Zirkus' aufgeboten, um diese progressive Entwicklung zu unterdrücken (mit Erfolg, muss man heute sagen).

    Das wirft die Frage auf, ob sich allein mit der "Gandhi-Technik" solche Ideen verwirklichen lassen. Oder ob man besser eine Art YPG für alle Fälle mit dabei hat. Denn: Freiwillig werden die maßlos Privilegierten sicherlich nicht so ohne Weiteres von ihren Privilegien lassen.
    • Anna Deparnay-Grunenberg
      am 09.02.2018
      Schade, dass die sehr gewagte städtische Initiative zur Gemeinwohl-Ökonomie nicht erwähnt wird:

      PRESSEMITTEILUNG

      "Das Gute muss sich auch wirtschaftlich lohnen! "
      Veranstaltung zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie im Stuttgarter Rathaus

      Stuttgart/Freiburg 17.01.2018: Die Gemeinwohl-Ökonomie Baden-Württemberg und die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN informieren über die Pionierrolle der Stadt Stuttgart bei der Verankerung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und der Gemeinwohl-Ökonomie erläutern diesen Prozess, zeigen exemplarisch anhand der beiden städtischen Eigenbetriebe und zwei privatwirtschaftlichen Unternehmen die Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanzierung auf und geben einen Ausblick auf die weitere Entwicklung in Stuttgart.
      Städte und Gemeinden haben grundsätzlich die Aufgabe den Bürger*Innen und somit dem Gemeinwohl zu dienen. Auch die Wirtschaft sollte, laut den Verfassungen unserer Gesellschaften, dem Wohl aller dienen. Die Realität sieht häufig anders aus. Inzwischen wünschen sich ca. 85 Prozent der Menschen in Europa eine „neue Wirtschaftsordnung“. Genau dort setzt die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) an: sie misst Erfolg an der Steigerung des Gemeinwohls. Auf Initiative der Grünen Gemeinderatsfraktion hat die Stadt Stuttgart das Wirtschaften unter nachhaltigen Aspekten im aktuellen Haushaltsplan verankert. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist inzwischen in 20 Ländern vertreten, in Baden-Württemberg gibt es 13 Regionalgruppen.
      Mehr als 100 Unternehmen haben sich GWÖ-bilanziert, darunter Vaude Sport GmbH Co. KG, Sparda-Bank München eG, Sonnentor Kräuterhandels GmbH und eben das kommunale Eigenbetrieb Leben & Wohnen, Stuttgart.
      Daniela von Pfuhlstein, Pressebeauftragte der GWÖ Regionalgruppe Stuttgart, freut sich über die sehr positive Resonanz die das Konzept in Ba-Wü bekommt: „Dass die Stadt Stuttgart das Thema Gemeinwohl-Ökonomie als Vorreiterstadt soweit vorantreibt, stimmt uns sehr positiv. Es ist aber wichtig, dass deutlich mehr privatwirtschaftliche Unternehmen, aber auch Institutionen wie Kommunen und Non-Profit Einrichtungen sich der Frage‚ ‚was trägt mein Wirtschaften dem Gemeinwohl bei?‘ systematisch nachgehen.“

      Anna Deparnay-Grunenberg, Fraktionsvorsitzende der Grünen, die seit 2015 in Stuttgart das Projekt vorantreibt, ist überzeugt: „Das Gute muss sich zukünftig auch wirtschaftlich lohnen! Das ist heute leider nicht immer der Fall und deswegen müssen wir anfangen, in alternativen Wirtschaftssystemen zu denken!“

      Jürgen Linsenmaier, Ethik- und Reputationsexperte, erklärt: „Das Thema Ethik und Nachhaltigkeit ist in vielen Chefetagen und Unternehmerköpfen angekommen. Nachhaltiges Handeln in Unternehmen ist eine ganzheitliche Aufgabe. Das zeigt sich auch und vor allem im schonenden Umgang mit Ressourcen, in der Führung von Mitarbeitern, in der Qualität der Produkte und der Lieferkette sowie in der eigentlichen Leistungserbringung.“

      Prof. Dr. Klaus Gourgé, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, gibt eine wissenschaftliche Erläuterung zur Gemeinwohl-Ökonomie. Demnach ist "unsere bisherige Lebens- und Wirtschaftsweise alles andere als nachhaltig und bedarf daher einer grundlegenden Transformation. Die Gemeinwohlökonomie bietet dafür ein durchdachtes und auch schon ansatzweise praktisch erprobtes Modell.“
      Der Haushaltsantrag der Grünen im Stuttgarter Rathaus hat dem Eigenbetrieb Leben & Wohnen (ELW) ermöglicht, als erstes städtisches Unternehmen diese Art der Bilanzierung durchzuführen.
      Sabine Bergmann-Dietz, ELW-Geschäftsführerin, sagt über den Prozess: „Es war sehr spannend zu eruieren, in welchen Geschäftsfeldern, wir bereits sehr gemeinwohl-orientiert handeln und wo wir Nachholbedarf sehen. Wir freuen uns sehr, dass der Gemeinderat die Mittel zur Verfügung stellt unsere Lieferkette noch nachhaltiger zu gestalten.“
  • Tobias Rein
    am 08.02.2018
    Es ist richtig und wichtig, darauf hinzuweisen, dass Wachstum und Nachhaltigkeit sich gegenseitig ausschließen. Und auch das Naturverhältnis wieder auf die Agenda zu setzen, wie es sich für die Linke gehören sollte. Aber das Naturverhältnis reduziert sich nicht auf Bienen und Eisbären. Arten haben keinen Wert an sich. Individuen schon. Und jährlich werden über 60 Milliarden Individuen, die wir den Kategorien Schweine, Rinder, Hühner, Ziegen, Schafe usw. zuordnen, in den Schlachthäusern dieser Welt getötet. Von den Linken hört man da keine Empörung. Stattdessen werden beständig Menschen- gegen Tierrechte ausgespielt. Aber die Befreiung der Menschen ist ohne die Befreiung der Tiere nicht machbar. Wer die Frage der Tierrechte für nebensächlich hält, versteht nicht, dass dieselbe Logik der Abwertung, die Tiere erfahren, immer auch auf Menschen angewendet wird. Es kann keine gemeinsame Menschheit geben, solange empfindungsfähige Tiere noch unterdrückt werden.
    Und man werfe einen Blick, wer in den Schlachthäusern arbeitet (Billiglöhner*innen aus strukturschwachen Staaten) . Unter welchen Bedingungen das Futter für die Tiere, die wir essen, angebaut wird (die Zerstörung von Regenwald für Sojaschrot (das mitnichten nicht nur ein Abfallprodukt der Sojaölgewinnung ist)). Welche Auswirkungen der Verkauf von Schlachtabfällen hat (die Zerstörung lokaler Märkte z.B. in Westafrika). Wie Leder produziert wird (der Einsatz von giftiger Chemikalien macht die Menschen, die das Leder bearbeiten (teilweise Kinder) krank).
    • Mia Paule
      am 10.02.2018
      Und ich finde, wir müssen uns endlich die Sprache zurückholen!
      #Wachstum ist das ureigenste Tun von Lebewesen!
      Sie können gar nicht nicht-wachsen!
      Man(n) hat nun das Lebe-Wort auf ein künstl.System übertragen!
      Wachstum UND Nachhaltigkeit bei Mensch, Natur und Umwelt geht super und ist Ursprung!
      (Wachstum bei Glas, Beton und Stahl nicht)

      Immer noch genial:
      Kapitalismus erklärt von Pispers! Am Beispiel eines Löwens!
  • Fritz Rau
    am 07.02.2018
    "Es kommt also insgesamt darauf an, das bisher dominierende neoliberale Wettbewerbsdenken zu brechen, ohne in überkommenen Umverteilungsvisionen durch wirtschaftliches Wachstum zu schwelgen, die ja immer schon schädlich waren. Dies wussten noch die Entfremdungskritik der Kritischen Theorie..."
    Was für einen Murks (nicht Marx) heutige Soziologen schreiben dürfen und müssen. Wir erfinden ein neues Wort, stellen ein paar falsche Alternativen auf, positionieren uns in einer guten dritten Lage und fertig ist das neue Konzept zur Rettung von Identitäts- und Verteilungsfragen und Ökologie. Nun: Frauenfrage vergessen, aber die wird wohl unter Identität mit gelöst.
    Wenn ich "Transformation" höre, dann wird schon klar, dass da ein "linker" Sozialdemokrat sich die Welt zurecht fantasiert.
    Im Markt der Theorien wirft hier einer eine neue, etwas trübe Münze hinein.
    Man kann nur empfehlen, sich tatsächlich mal wieder Marcuse, Adorno und z.B. Marx vorzunehmen. Bei letzterem muss es ja nicht das Kapital sein, auch das Kommunistische Manifest wirkt immer noch erhellend.
    Und dann kann man noch mal überlegen, was einem hier an "Analyse" geboten wird. Und wohin uns das bringt.
    • Mia Paule
      am 07.02.2018
      Frauenfrage.... Was für ein Wort!
      Nee #Frauenthemen, und damit Menschheitsthemen! (Frauen repräsentieren die absolute Mehrheit der Bevölkerung!)

      Als die Demokratisierung dr Mehrheit der Bevölkerung sichtbar wurde, hätten Männer dieflache Hand gegen den Schädel sagen müssen: ups unsere Demokratie-Erzählung stimmt nicht!
      Stattdessen haben sie Frauen und Frauenthemen als gegen sich gerichtet gesehen! Und bekämpft.... Den Frauen haben sie -erfolgreich- eingeredet: ihr könnt nur geldwerte Positionen bekommen wenn ihr beweist, dass ihr besser als Männer seid!
      Heute kriegt eine Frau genauso ein Kind wie jahrtausenlang der Mann:
      9 Monate tut sie so als sei nix, dann schnell Geburt und ab das Kind ins Heim!
      Endlich kann sich Mann also mit Frau auf seinen Feldern messen!
      Hinzu kommt: zwischen Windel und Windel ist einfach zuviel "männliche" Zeit, ergo denkt Mann: er kann immer allein den einsamen Heldenwolf spielen!

      Die ÖkonomieDiktatur ist eine männlich geprägte lebensfremde Diktatur!
      Von Männer für Männer zwischen 25 und 55, voll fit, ohne Kinder, ohne Familie, mit Auto! Und mit dem Glauben: mache dir die Welt untertan und "lonesome wolf": Gewinne werden ICHisiert/privatisiert und Verluste sozialisiert!

      Wir bräuchten eine weibliche Linke! (Nein, keine Männermitbusenlinke!)
  • Fritz Meyer
    am 07.02.2018
    Wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt, muss sicherlich wieder ein wichtigeres Thema werden. Allerdings ist dabei das Festklammern an Ideologien und Dogmen im höchsten Masse kontraproduktiv. Und bereits die "Etikettierung" in eine politische Richtung schreckt viele Diskutanten ab.

    Denn eine "linke" oder "rechte" Position wird heute leider meist nur noch durch den Umstand, eine abweichende Meinung zu sein, "charakterisiert". Und bereits mit der Bezeichnung findet der Versuch statt, sie pauschal abzuwerten. Und, ja, das machen beide Seiten. Das tötet jeglichen Diskurs und endet in Geschrei und pauschalen Unterstellungen - von der "neuen Rechten" bis zur "regressiven Linken".

    Die Probleme unserer Gesellschaft und Zeit werden so aber nicht gelöst. Die eine Seite des politischen Spektrums kann nicht einfach diese Debatte an sich reissen und das Problem "lösen". Nur gemeinsam und im Konsens wird das funktionieren.

    Dummerweise sind unsere Parteien im Parlament aber schon völlig deckungsgleich in ihren politischen Bestrebungen. D.h. das politische Establishment ist nicht mehr in der Lage und bereit, differenziert und vor allem FÜR das Gemeinwohl zu agieren. Die letzten Jahre/Jahrzehnte haben das überdeutlich bewiesen. Befangenheit und politischer Zynismus sind heute prävalent.

    Aussenparlamentarische Lösungsansätze werden von dieser Seite sowieso komplett ignoriert (oder mit Vorliebe auf die EU als Verursacher verwiesen). Von Petitionen (34.000 Stimmen), die man - vergeblich - der Kanzlerin überreicht, über Volksbegehren bis hin zur Pegida, deren Marschieren nur als "Rechtsextremismus" abgetan wird.

    Und diejenigen, die diesen Diskurs führen (wollen), dürfen eben NICHT die Bevölkerungsmehrheit und deren Probleme einfach ausklammern. Wenn man den Leuten die Zukunft quasi verordnen will, ist man nicht besser als die Politik, die derzeit vorrangig Partikulärinteressen zum Schaden des Gemeinwohls durchsetzt.

    Persönlich bin ich nicht optimistisch, dass das Problem überhaupt noch lösbar ist. Die Spaltung unserer Gesellschaft wird immer tiefer und es ist bezeichnend, dass die Planungen der Bundesregierung und Bundeswehr - aber vor allem auch der EU - immer stärker in die Bespitzelung und Einschüchterung der eigenen Bevölkerung und (militärisch) dem Niederschlagen von Unruhen tendieren. Die sind sich durchaus darüber im Klaren, dass es auf der derzeitigen Schiene früher oder später schiefgehen wird.

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