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Pfeifen tabu

Pfeifen tabu
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Raue Sitten herrschen an deutschen Staatstheatern – man spuckt auf den Boden und tritt sich in den Hintern. Das lindert den Weltschmerz und senkt das Lampenfieber.

An Theatern herrscht oft berufsbedingter Aberglaube. Foto: Martin Stor

Schauspielergarderobe. Die Tür öffnet sich. Der Kopf des Intendanten schiebt sich durch den Spalt: "Habe ich hier schon gespuckt?" Der elegant gekleidete Intendant und eine im schlabbrigen Unterrock kostümierte Schauspielerin fallen sich in die Arme. Spucken sich dreimal gegenseitig über die Schulter. Über die linke Schulter, sonst kommt das Pech. Pfeifen im Theatergebäude bringt ebenfalls Unglück. Klatschen nach der Generalprobe ist genauso verpönt. Man darf nie mit einem Hut über die Bühne gehen und auf der Bühne nicht rennen. Schuhe dürfen nicht auf Tischen liegen und Kostüme nicht auf Betten. Einige der vielen Rituale, die an jedem deutschen Staatstheater zu beobachten sind. Was soll das?

"Berufsbedingter Aberglaube" nennt die Psychologie dieses Phänomen. Bei Matrosen und Dachdeckern gibt es solche Riten, da in diesen Berufsständen Lebensgefahr lauert. Der Aberglaube fühlt sich auch da zu Hause, wo Scheitern in der Öffentlichkeit droht. Er mindert die Furcht vor dem Unberechenbaren. Und unberechenbar ist eine Premiere zweifelsohne.

Sind die Theatertabus nun spirituelle Helfer der Künstler oder doch nur esoterischer Hokuspokus? "Das Ritual zu befolgen, das heißt für mich: 'Es ist mir nicht egal, was wir tun'", sagt ein Stuttgarter Schauspieler. "Wir produzieren ja nichts. Wenn man einen Tisch bauen würde, dann wäre es klar, dass es nicht egal ist, ob er eine Kerbe hat oder nicht. Bei uns ist es aber nicht so offensichtlich wie eine Kerbe im Holz." Schauspieler, Schreiner, Schneider, Beleuchter, Souffleure – an die 50 Berufe im Theater – setzen ihre gesamte Arbeitskraft ein, damit die Prinzessin sich in das Tier verliebt, dieses von seinem Fluch erlöst und mit dem Prinzen, der es eigentlich ist, zusammenleben kann.

Bitte kein Glück wünschen

Keiner dieser Beteiligten darf dem anderen viel Glück vor der Premiere wünschen. "Toi, Toi Toi" ist stattdessen erlaubt. Aber bloß nicht mit Danke antworten! Wem ein Danke herausrutscht, dem wird in den Hintern getreten, um das drohende Pech abzuwenden. "Das Ritual gehört dazu. Das ist wie ein Kodex, dass man das Theater damit achtet. Es ist einfach eine Geste, dass man Respekt hat, vor dem, was da passiert auf der Bühne", erklärt eine Stuttgarter Schauspielerin.

Manche Bräuche sind nur Überbleibsel aus alten Zeiten. Legenden erklären etwa das Pfeifverbot ganz praktisch. Als die Theaterbeleuchtung mit Gas betrieben wurde, war ein dünnes Pfeifen ein Zeichen dafür, dass irgendwo Gas ausströmt und Explosionsgefahr bestand. Jedes Pfeifen hätte früher Panik ausgelösen können. Andere glauben, arbeitslose Matrosen, die sich als Bühnenarbeiter im Theater verdingten, hätten diesen Aberglauben mitgebracht. Ein Stuttgarter Inspizient beschreibt heute sein Verhältnis zu den Theaterritualen: "Ich beachte die Regeln, weil es Schauspieler gibt, die darauf bestehen. Das ist einfach ein spezieller Gruß im Theater, der verbindet." Die Psychologie bestätigt diese Wirkung des Aberglaubens. Er stärkt das Gruppengefühl. Gleichzeitig trägt der Gruppenzwang zur Überlieferung dieser Tradition bei.

Die beruhigende Wirkung des Rituals

Manche Schauspieler zelebrieren ihren Individualismus. Einer trägt zur Premiere die gleiche (ungewaschene) Unterwäsche wie zur Generalprobe, ein anderer berührt den Bühnenboden mit den Händen, bevor er ihn betritt. Manche essen rohes Fleisch am Tag der Premiere. Andere besuchen am Premierentag immer die gleiche Toilette, und wieder andere küssen die Bühne vor jeder Aufführung. Und wenn diese Rituale nicht eingehalten werden? "Es passiert nichts", erzählt eine Schauspielerin aus Freiburg, "aber man hat die Angst, dass was passiert, und das ist viel schlimmer. Aber da ist so eine Aufregung in Gemüt, die man nicht gern hat, deswegen macht man es, um sich zu beruhigen." Die beruhigende Wirkung des Rituals, ob abergläubisch oder nicht, ist wissenschaftlich belegt. Rituale erleichtern den Arbeitsprozess in aufregenden und gefährlichen Momente. Aber wo versteckt sich das Risiko an einem Theaterabend?

Ein Ritter steht auf der Bühne. Er greift nach seinem Schwert. Seine Tat sieht spontan aus. Aber sie folgt Verabredungen. Wenn er mit dem Schwert ausholt, geht bei einem bestimmten Stichwort von ihm das Licht an und sein Rivale springt vom Tisch. Klemmt das Schwert, geht das Licht nicht an. Der andere springt trotzdem vom Tisch, weil er das Stichwort gehört hat, und trifft denjenigen, der sich erst dann von der Stelle wegbewegt, wenn das Licht angeht. Die Gefahren im Theater sind für die Zuschauer im besten Fall nicht erkennbar. Jeder Fehler kann gefährlich werden. Kieferbruch, gerissenes Trommelfell, Gehirnerschütterung, Beinbruch und Meniskusriss sind keine Seltenheit.

Dennoch haben die wenigsten Künstler Angst vor Verletzungen. "Eigentlich ist die größte Gefahr im Theater nicht so sehr, dass dir auf der Bühne etwas auf den Kopf fällt", erklärt ein Stuttgarter Schauspieler, "die Gefahr ist eher die gesellschaftliche Ablehnung. Dass die Zuschauer und Kritiker schlecht finden, was du machst. Du bist ständig der gesellschaftlichen Meinung ausgeliefert." Die öffentliche Ablehnung beeinträchtigt das Wohlbefinden einer Person. Bewusst oder unbewusst will der Mensch von der Gesellschaft akzeptiert werden, so beschreibt es die Forschung zur öffentlichen Meinung.

So werden die Rituale des Aberglaubens weiter am Theater praktiziert und gepflegt werden, auch wenn die Schauspieler nicht an deren magische Kraft glauben. Mag das Theater auch ein Ort der Aufklärung sein und Schauspieler moderne Menschen: Hier bleibt niemand unbespuckt.


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