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Die grüne PS-Diät

Die grüne PS-Diät
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Rezzo Schlauch war einmal Porsche-Werbeträger, obwohl er nie einen besaß. Winfried Kretschmann steigt in eine kleinere Benzinkutsche, Verkehrsminister Winfried Hermann fährt elektrisch. Der Regierungschef will Schildkröte in einer Welt rasender Geschwindigkeit sein. Autor Anton Hunger hat da so seine Bedenken, nachdem auch noch die "taz" eine Hymne auf den 911 Carrera verfasst hat. Panamera-Fahrer Hunger muss es wissen: Er war einst Sprecher von Porsche.

Die Grün-Roten stehen eher auf weniger PS – hier ein bewährtes Modell aus friedensbewegten Zeiten.

Bei Winfried Kretschmann weiß man, woran man ist. Wenn der bekennende Katholik in der evangelischen Friedenskirche zu Stuttgart predigt, irritiert das allenfalls Gutgläubige jenseits der Mainlinie oder in Bayern. Den früheren CDU-Amtsinhaber Erwin Teufel, wie Kretschmann Katholik, jedenfalls nicht. Die beiden sind Brüder im Geiste, entstammen dem gleichen Milieu und einem ähnlichen Landstrich.

Kretschmann wählte für seine Predigt den Vers 7a aus Jeremia, Kapitel 29: "Suchet der Stadt Bestes." Der Mann will entschleunigen, er anerkennt die Überlegenheit der Schildkröte in einer Welt rasender Geschwindigkeit. Und ist damit dem Teufel ganz nah. Na ja, dem Erwin. Er wirke auf andere wie eine "Geißel in den Händen der Spaßgesellschaft", sagte Martin Walser über ihn. Das Bild passt auch auf Kretschmann. Beide lassen die Illusion zu, das Gute sei möglich. Und dicke, schnelle Staatskarossen stören diese Illusion.

Bei seinem Verkehrsminister Winfried Hermann ist das so nicht ausgemacht. Auch er will dem Staatsapparat eine PS-Diät verordnen, fährt sogar ein Elektroauto, eine Mercedes A-Klasse E-Cell, wie das surrende Gerät vom Hersteller in Marketing-Deutsch genannt wird, und freut sich, dass er keine Schadstoffe emittiert. Er hat nach seinem eigenen Bekenntnis "kein libidinöses Verhältnis zum Autofahren". Und beschleunigt trotzdem mit bleiernem Gasfuß. Wenn auch nicht im Auto.

Der "Spiegel" hat dem Minister jüngst eine Hommage gewidmet. Er habe sich vorgenommen, "sich so wenig wie möglich zu verwandeln". Er wolle an der Macht sein, aber sie solle ihn nicht berühren. Das sei zwar "ein sympathischer Ansatz", aber er entziehe ihm auch den politischen Handlungsspielraum: "Hermann kann eigentlich immer nur nach vorn rennen. In den Angriff. Aber nie zur Seite. Oder zurück."

Als Grüner sollte man die Gnadenlosigkeit der Natur kennen

Dabei sollte er als Grünen-Politiker die Gnadenlosigkeit der Natur eigentlich kennen. Wer "immer nur nach vorn rennt", läuft in die Falle, in die Beschleunigungsfalle:

"Jeden Morgen erwacht in Afrika eine Gazelle. Sie weiß, dass sie schneller sein muss als der schnellste Löwe, sonst wird sie gefressen. Und jeden Morgen erwacht in Afrika ein Löwe. Er weiß, dass er schneller sein muss als die langsamste Gazelle, sonst wird er verhungern. Es ist gleichgültig, ob du Gazelle bist oder Löwe. Wenn die Sonne aufgeht, empfiehlt es sich, dass du losrennst." Nachzulesen im Buch "Die Beschleunigungsfalle oder Der Triumph der Schildkröte".

Wer ein Solar-Elektro-Rad fährt, braucht keine Angst vor zu großer Beschleunigung zu haben – Tour de Sol 1989 in der Schweiz.

Schnell sein ist also ein Überlebensstrategie, jedenfalls in der wilden Natur. Und Stuttgart ist wie die Wildnis. "Immer schneller" war lange das Dogma von Politikern und Wirtschaftsmanagern. Es wurde oft auch schneller gehandelt als gedacht. Und als das gängige Übung wurde, spülte es Grün-Rot in Baden-Württemberg an die Macht. Im Land von Porsche und Mercedes. Im Land der schnellen Autos also. Und in dem Land, in dem jetzt auch Elektroautos gebaut werden. Elektroautos, die den Prototypenstatus noch nicht hinter sich gelassen haben.

"Wir werden bei der ökologischen Modernisierung der Fahrzeugflotte vorangehen", heißt es im Koalitionsvertrag ziemlich mutig, "mit elektrisch betriebenen bzw. mit alternativen Antrieben." Das Ganze soll "Vorbildcharakter" bei der "Umsetzung nachhaltiger Mobilität" haben. Es scheint offensichtlich: Die Regierung will nicht in die Beschleunigungsfalle tappen.

Die Elektrovariante der A-Klasse ist der reinste Luxus

Nur Hermann beschleunigt. Und ohne, dass er es weiß, spielt er die Gazelle. Nicht den Löwen: "Er rennt immer weiter weg vom Stuttgarter Hauptbahnhof, der ihn zu fressen droht" ("Spiegel"). Der Hauptbahnhof, das ist der Löwe. Und der will ihn einholen. Dem hat Hermann nur eine Symbolik entgegenzusetzen, die allenfalls in der Presse und bei den politischen Gleichgesinnten Beifall findet: die PS-Diät der Landesregierung – und seiner Mercedes A-Klasse E-Cell. Von der rauen Wirklichkeit sind diese Schattenspiele so weit entfernt wie die Gazelle von dem schützenden Versteck.

900 Euro monatlich kostet die Elektrovariante der A-Klasse, Full Service, ohne Anzahlung und mit einer Laufleistung von 60 000 Kilometern. Kaufen kann man das Fahrzeug noch nicht. Daimler hat lediglich 500 solch "grüner" A-Klassen gebaut und verleast sie nur an ausgewählte Kunden. Verständlich: diese Karossen sind der reinste Luxus. Sie fahren überhaupt nur, weil das Unternehmen bisher gigantische Mittel in die Entwicklung von Elektrofahrzeugen gesteckt hat. Eine Abgrenzung innerhalb des Forschungs- und Entwicklungsetats ist schwierig, und Zahlen werden nicht veröffentlicht. Aber Hermann darf davon ausgehen, dass mindestens neun Zehntel der Kosten, die sein Fahrzeug bisher verschlungen hat, vom Untertürkheimer Weltunternehmen mit dem Dreizackstern getragen werden. Deshalb fordert ja Daimler-Chef Dieter Zetsche eine staatliche Unterstützung für die Kundschaft von Autos mit alternativen Antrieben. Klar, irgendwer muss es ja bezahlen, wenn es ein Erfolg werden soll. Was den Banken recht ist, ist den Autoherstellern billig: Der Steuerzahler muss ran. Heiliger Jeremias. Suchet der Stadt Bestes.

Richtig teuer würde es für den Steuerzahler aber nur dann, wenn viele Menschen auf ein E-Mobil umsteigen würden. Aber danach sieht es nicht aus. Natürlich reagieren sie auf die steigenden Spritpreise, Elektroautos haben sie dabei aber nicht auf dem Radarschirm. In einer Umfrage unter Firmenchefs kam die Lease Trend AG zu dem Schluss, dass die meisten eine verbrauchsoptimierte Routenplanung vorziehen (62 Prozent) oder die Fahrten auf das Nötigste beschränken (61 Prozent). Manche neigen auch zum sogenannten Downsizing, schaffen sich also kleinere Wagen an. Aber die Mehrheit will auch das nicht. Sie optimieren ihre Fahrten, nicht ihren Fuhrpark. "Ohne staatliche Förderung ist das E-Mobil schwer zu finanzieren", stimmt Gerhard Fischer, Vorstandsmitglied von Lease Trend, dem Kollegen Zetsche zu. Bisher jedenfalls trägt Daimler die Kosten für die Entwicklung seiner Elektrofahrzeuge alleine. Davon profitieren auch Kretschmann und Hermann. Vielleicht wird es ja mal ein großes Geschäft für Daimler, aber das kann dauern.

Motorleistung bei Neuwagen steigt – trotz der PS-Diät von Grün-Rot

Als ob das mangelnde Interesse an E-Mobilen für die Grünen nicht schon ärgerlich genug wäre. Einer Studie des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen zufolge steigt die Motorleistung bei Neuwagen stetig an. Im ersten Halbjahr 2011 waren es mit durchschnittlich 134 PS so viel wie noch nie. Dieser langjährige Trend sei nur einmal unterbrochen worden: im Jahr der Abwrackprämie 2009. Und der Aufwärtstrend wird anhalten, trotz koalitionär selbst verordneter PS-Diät, weil diese Fahrzeuge auch mit höherer Motorleistung immer weniger verbrauchen und emittieren. Und weil eine höhere Fahrleistung auch größere Sicherheit bedeutet. Genauso wie größere Premium-Autos sicherer sind als Kleinwagen. Und weil das Auto noch immer mehr ist als ein reines Fortbewegungsmittel – ein Selbstbestätigungsmittel eben, für manche sogar so etwas wie ein Charmebolzen. Jedenfalls für diejenigen, die ein "libidinöses" Verhältnis zum Auto pflegen. Und diesen Status hat das Elektroauto noch nicht geschafft.

Die zehn Ministerien, einschließlich des Staatsministeriums, haben einen üppigen Fuhrpark. Alle können nicht auf Elektroantrieb umgestellt werden, weil auch lange Überlandfahrten anstehen und das Batterieladen mindestens sechs bis acht Stunden braucht. Noch. Realistisch ist also nur Downsizing. Immerhin: Kretschmann hat die Mappus-Bestellung einer hochmotorisierten Mercedes S-Klasse bereits korrigiert – in ein Fahrzeug mit einem Verbrauch von weniger als zehn Liter Sprit pro hundert Kilometer. Und Hermann will sich für längere Fahrten lediglich eine Mercedes C-Klasse zulegen. Zumindest aus grüner Sicht sinnvolle Maßnahmen.

Seit Geißlers Schlichtung ist die Verwirrung komplett

Hermann ist der für den Stuttgarter Bahnhof zuständige Minister. Und seit Heiner Geißler "Frieden für den Bahnhof" gefordert hat, ist die Verwirrung in den Köpfen von Gegnern und Befürwortern komplett. Immerhin: die Mehrheit ist für die Kombilösung. Für den Frieden also. Im Koalitionsvertrag ist aber von Volksabstimmung über "Stuttgart 21" die Rede, nicht von Geißlers neuer Variante. Die Debatte über den Bahnhof entgleist denn auch zusehends – auch der Regierung. Der Koalitionspartner SPD lehnt den Friedensvorschlag rundweg ab. Peter Ramsauer und die Bahn sowieso. Städtetag und Landkreistag ebenfalls. Der Abstand vom jagenden Löwen zur gejagten Gazelle wird geringer.

Nachhaltigkeit ist ein Kostenfaktor. Nachhaltigkeit beim Bahnhof auch. Scheitert Stuttgart 21, kostet das auch eine Stange Geld. Am Ende wird die Mehrheit dem Rechenstift folgen: Er wirkt radikaler als alle Appelle. Dem Bahnhofsprojekt müsste eigentlich eine Pause als Muße zum Nachdenken gewährt werden. Aber dafür ist es zu spät. Dafür ist Grün zur falschen Zeit in der Opposition gewesen. Und regiert jetzt mit einem Befürworter des Ausbaus.

Der Grüne Rezzo Schlauch, eher dem Genuss zugeneigt, hier vor elf Jahren in einem Wasserstoff-Go-Kart von Daimler.

Hermann kann es drehen und wenden, wie er will: Der Bahnhof wird ihn einholen. Da hilft ihm die Symbolik einer Elektroflotte in den Ministerien nicht weiter, auch wenn er in diesem Punkt dem Koalitionsvertrag gerecht wird. Den Bahnhof "wegsaufen", wie der Grüne Rezzo Schlauch dem "Spiegel" als bewährtes Mittel aus seiner Amtszeit als Staatssekretär verriet, passt auf Hermann nicht. Die beiden sind von ihrem Genussverhalten völlig unterschiedlich veranlagt. Und Schlauch ist wesentlich pragmatischer.

Rezzo Schlauch als Werbeträger von Porsche – obwohl er nie einen besaß

Als ihn an seinem 60. Geburtstag der Zuffenhausener Sportwagenhersteller zum "besten Werbeträger für die Marke" erkor, weil ihn die Gazetten öfters als Porsche-fahrenden Bonvivant feierten, fand Schlauch anerkennende Worte, obwohl er nie einen Porsche besaß und angeblich auch nie in einem solchen Fahrzeug gesessen habe. Diese Dialektik kann zwar nicht jeder nachvollziehen, aber Schlauch pflegt mit Klischees so umzugehen, dass sie ihm nicht schaden. Und vor allem versteckt er sich nicht vor der Wirklichkeit, die in aller Regel andere Präferenzen hervorbringt als die Weltverbesserung.

Das musste auch einmal die taz erfahren. Zum 26-Jahr-Blattjubiläum erbat die damalige Chefredakteurin Bascha Mika als "Geburtstagswunsch" eine Woche lang einen 911 Carrera für die Redaktion. Das war schon kühn. "Kann man sich denn in diesem Land auf nichts mehr verlassen?" antwortete der Porsche-Chef – und spendierte den Sportwagen. Der Mut hatte sich für ihn gelohnt, die Kritik in der taz war das Beste, das man in Zuffenhausen über das verruchte Auto lesen konnte: "Die Mission, den Porsche zu zerstören, hatte ich nicht vergessen. Ich sah nur überhaupt keinen Sinn mehr darin. Wie konnte ich jemals auf den Gedanken kommen, so etwas Schönes zerstören oder beschädigen zu wollen wie diesen wunderbaren Porsche Carrera mit seinem muskulösem Heck, seiner schlanken Taille und seinem markanten Bug? Waren wir Menschen nicht eigentlich zum Genuss geschaffen? Hat man nicht bei aller Liebe zur Umwelt Wesentliches vergessen: die Eleganz und die Dynamik und das Fahrvergnügen?" Nicht einmal FAZ oder die "Süddeutsche" würden sich zu so einer Hymne hinreißen lassen.

Ideologie verraucht beim Genuss

Man konnte sich tatsächlich noch nicht einmal mehr auf die taz verlassen. Bascha Mika bedankte sich artig und übersandte ein Exemplar der Geburtstagsausgabe. Der Kunstgriff funktionierte so, wie er seit Menschengedenken funktioniert: Ideologie verraucht beim Genuss. Man kann es auch "Wegsaufen" nennen. Und es steht noch nicht einmal in Widerspruch zu Jeremias "Suchet der Stadt Bestes".

Immerhin, zur Stallwächterparty vor den Sommerferien in der Berliner Landesvertretung durften Kretschmann und Hermann einen Porsche Boxster mit Elektromotor bestaunen. Von "pornografischen Autos" redete der Ministerpräsident da nicht mehr. Die Symbolik hat ausgereicht. Wenn es auch der einzige Elektro-Boxster ist, den Porsche vorzuzeigen hat und der nun wirklich alles andere als käuflich ist. Aber keusch war er. Noch dazu sauteuer und ohne wirklich praktischen Wert.

Wie der Bahnhof. Sagen Kretschmann und Hermann. Man könnte auch sagen: Wie die Mercedes A-Klasse E-Cell. Beim Elektroauto hinken sie halt mit der Wahrheitsfindung noch hinterher. Und der Bahnhof spielt derweil den Löwen in der Wildnis.


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