KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Denk mal

Denk mal
|

Datum:

Kontext:Wochenzeitung putzt Denkmuster wieder blank, in einer fortlaufenden Erzählung. In dieser Ausgabe geht es um eine Denkpose, die mit Wahrheit und Trauer zu tun hat - mitunter aber missverstanden wird

Selbst in Stuttgart wird gedacht: die Skulptur Denkpartner von Hans-Jörg Limbach

Die vier schwäbischen Romantik-Reisenden schlenderten unter azurblauem Himmel durch das Mittelalter, schauten in all seine Ecken und Winkel, bestaunten seine Kirchen, Türme und Plätze. Genauer gesagt: sie ließen sich durch das touristisch eroberte Stück Mittelalter treiben.

San Gimignano war fest in der Hand von Toscana-kreuzfahrenden Deutschen, Franzosen, Schweizern, Amerikanern und Japanern. Der zusammengewürfelte Trupp belagerte das Einfallstor, stieß in Heeresstärke weiter vor zur Piazza Cisterna und Piazza Duomo und drang, schwer bewaffnet mit digitalen Kameras und Reiseführern, ein in den Palazzo del Podesta ("mit offener Bogenhalle") und den Palazzo del Popolo ("mit schönem Innenhof") – wahlweise auch in die umliegenden Eisdielen.

Das Quartett, von Piazza-Angst gepackt, floh zu den Rocca, Treppen steigend und textkritisch.

"Die Ruinen der ehemaligen Festung am höchsten Punkt von San Gimignano bieten einen schönen Ausblick auf den Ort und die Landschaft", las Doris vor.

Dann schaute sie prüfend auf die leicht gewellten Hügel mit Ölbaumhainen, Gehöften und Zypressenreihen, blickte runter auf das Städtchen mit der berühmten mittelalterlichen Skyline.

"Stimmt. Hier ist es wunderschön."

Manuela kicherte. "Diese Geschlechtertürme sind schon was Seltsames. Da wussten die reichen Familien nichts Besseres, als solche Dinger hinzustellen, wenn's ging, höher als die anderen, nur aus Prestigegründen." Dann kniff sie die Augen zusammen. "Das konnte doch nur Männern einfallen. Diese Türme sind nichts anderes als steinerne Phallussymbole."

"Mann, hast du aber eine Fantasie", sagte Stefan und schmunzelte.

Doris beschwor die Texttreue. Sie legte einen Finger auf die aufgeschlagene Seite ihres Reiseführers. "Hier steht's: Im Mittelalter gab es 72 davon, heute stehen noch 15. Die Türme im Kampf besiegter Familien wurden kastriert, was man noch immer an einigen Beispielen sehen kann. Kastriert steht in Anführungszeichen."

Stefan stieß feixend Manuela an. "Sag mal, hast du den Reiseführer geschrieben?"

Manuela gab Stefan den Knuff zurück. "Tja, Form ist eben Inhalt. Und Inhalt ist Form."

Heiteres Beruferaten

Plötzlich erklang Musik, irgendwo in der Nähe. Sie brachen den Talk über den Turm ab und gingen den Klängen nach. Die Szene war Reiseführer- und Toscana-bildbandreif: Über San Gimignano, an einem besonders schönen Aussichtspunkt, saß ein junger Mann an einem Cembalo und spielte – Bach, ja, es war Bach. Staunend standen sie da. Die Landschaft, diese Traumlandschaft, bekam eigene Töne. Doris summte die Barockklänge versonnen mit. Als der junge Mann eine Pause machte, sprach sie ihn an. Er war ein italienischer Musiker, der von einer kirchlichen Stelle in San Gimignano die Erlaubnis bekommen hatte, hier auf dem Cembalo zu spielen. "Wenn's Ihnen gefällt, es gibt eine CD mit meinen Stücken", sagte er lächelnd in gebrochenem Deutsch. Dann setzte er sich wieder ans Cembalo und begann zu spielen. Mit geschlossenen Augen.

Die vier setzten sich etwas abseits auf einen breiten Stein, der im Schatten lag. Die Musik klang nach. Doris schlug die Beine übereinander, beugte sich leicht nach vorne, stützte den rechten Arm auf den Oberschenkel und legte eine Hand an die Wange. So schaute sie auf die Landschaft und das mittelalterliche Städtchen.

Darauf hatte Wolf den ganzen Tag gewartet. "Spielen wir heiteres Beruferaten?", fragte er. Verdutzte Mienen.

"Doris hat die typische Handbewegung schon gemacht. Und auch die typische Beinbewegung."

Stefan verdrehte die Augen: "Welches Schweinderl hätten's gern?"

Manuela schaute auf Dagmar. "Irgendwie sieht sie so aus, als ob sie nachdenken würde."

"Nicht schlecht", sagte Wolf. "Für welchen Beruf steht diese Pose?"

Stefans Tipp kam prompt: "Klarer Fall: das ist ein Beamter. Und zwar kurz vor der Mittagspause oder der Pension."

Wolf winkte ab. "Zwei Euro ins Schweinderl."

"Dann ist es ein Journalist, dem mal wieder nichts einfällt."

"Zwei Euro ins Schweinderl."

Stefan war schwer in Rat-Fahrt: "Wie wär's mit einem schlechten Zahnarzt nach misslungener Selbstbehandlung?"

"Zwei Euro ins Schweinderl."

Jetzt griff Manuela ein. "Es könnte ein Künstler sein. Die mögen doch so 'ne Denkerpose."

"Treffer", sagte Wolf. "Leider ist das Schweinderl nicht voll geworden."

Das Vor-Bild: Walther von der Vogelweide.Doris schaute immer noch fragend auf ihre eigene Sitzposition, als Wolf, Robert Lembke eingedenk, das Was-bin-ich-Spiel auflöste. "Bei dieser typischen Hand- und Beinbewegung wäre für mittelalterliche Ratefüchse die Sache sofort klar gewesen. Weil die beiden gestischen Motive eine Tradition haben, die damals bekannt war: Die übereinandergeschlagenen Beine stehen für den Autor, den Dichter oder Propheten. Aufgestützter Arm, der Kopf in der Hand ruhend, manchmal liegt die Hand an der Schläfe: das ist die Haltung dessen, der beansprucht, weise zu sein, ob als Dichter oder Prophet. Da sitzt einer in der Rolle dessen, der Wahrheit sieht und ausspricht. Wahrheit, die nicht menschlichen Ursprungs ist. Es ist eine Geste mit Geschichte."

Stefan griff sich an den Kopf. Die klassische Autoren-Pose verrutschte dabei allerdings, er kratzte sich eher am noch üppigen Haupthaar: "Jetzt weiß ich, worauf du rauswillst. Dein alter Walther von der Vogelweide sitzt doch so auf dem Stein, in diesem komischen Gedicht: Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf hatte ich den Ellenbogen, oder so ähnlich, dann kommt das mit dem Kinn, das er in die Hand gesmogen... ach, ich weiß nicht mehr, wie's genau geht. Vielleicht hatte er auch den Kopf unterm Arm."

"Du bist ja doch ein Mittelalterfreak! Ich bin tief beeindruckt", sagte Wolf.

Stefan winkte ab: "Veräppeln kann ich mich selber. Du willst uns doch nur wieder irgendeine Geschichte unterjubeln."

Das konnte Wolf nicht dementieren. Er startete seine Erklärungen: Walther hat dieses Leitbild bekannt gemacht, in der Manesse-Handschrift ist der Dichter auf einer Miniatur in dieser Pose verewigt. Doch ihre Geschichte geht weiter zurück, bis in die griechisch-römische Antike. Alte Quellen zeugen davon. König Hiskia, der auf der Reichskrone zu sehen ist, sitzt so da, die Beine übereinandergeschlagen und das Kinn in die Hand "gesmogen" – von Gottes Wort, also Wahrheit hörend. Auch Johannes, der apokalyptische Seher, wird in dieser Pose gezeigt. "Ich hörte und sah", sagt Johannes im Buch der Offenbarung. Und auch Joseph wird auf manchen Weihnachts-Bildpostkarten so gezeigt. Nicht etwa als frustrierter Komparse in einer wundersamen Geschichte, sondern als einer, der im Traum Wahrheit hört und danach handelt.

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.

Olle Kamellen? Von wegen. Die Geschichte der Denkpose reicht sichtbar bis in die Neuzeit. Motiv-Tradition verpflichtet. Künstler nutzten sie, Caspar David Friedrich etwa. In einem Selbstbildnis sitzt er an einem Tisch, die rechte Hand an der Wange. Auch Autoren der Moderne wie Helmut Heißenbüttel haben auf Fotos demonstrativ diese Pose eingenommen.

Verrutschte Denkpose: er übt noch ...Doch Vorsicht: wenn die Künstler der Berliner oder Stuttgarter Polit-Bühne bei Reden ihrer Kontrahenten oder bei der Veröffentlichung neuer Steuerschätzungen die Hand vors Gesicht schlagen, darf nicht vorschnell auf diese Tradition geschlossen werden. In den seltensten Fällen handelt es sich dann um die denkwürdige Geste jener, die Wahrheit sehen und sie aussprechen. Sie üben noch dran.

Wer tatsächlich die Wahrheit der Welt erkennt, wird nicht unbedingt Optimist. Nicht ohne Grund sitzt der alte Walther von der Vogelweide in dieser Pose auf einem Stein – von altersher das Symbol für Trauer. Schon Kaiser Karl saß klagend auf einem Stein, im frühen mittelalterlichen "Rolandslied", genauso König Rother im gleichnamigen Roman: "Rother ûf einem steine saz, / wie trûrig im sîn herze was." Auch Adam sitzt, wegen fehlendem Sozialkontakt traurig, auf einem Stein, in Valentin Rathgebers "Augsburger Tafelkonfekt" aus dem 17. Jahrhundert:

Adam saß auf einem Steine
Und gafft halt hin und her,
er war nun gantz alleine,
das kränket ihn gar sehr.
Der Stein darauf er saße,
Der war gantz kalt und naß,
da frierts ihm aufs Gesäße
legt bald sich hin ins Gras.

Adams Klage über seine missliche Lage muss zum Steinerweichen gewesen sein. Der Herrgott hatte jedenfalls ein Einsehen und formte, als der traurige Single schlief, aus seiner Rippe "Eva, das schöne Weib".

Der steinerne Motiv-Weg führt auch zu Friedrich Schillers "Wilhelm Tell": "Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen, / Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet – / Denn hier ist keine Heimat – ..." Auch Volkslied-Mariechen sitzt auf einem Stein. Genauso der Student Morten, frustriert über die Macken einer gewissen Tony Buddenbrook. Stein-Zeit bei Thomas Mann. Dass die Melancholie in Albrecht Dürers Bild auf einem Stein sitzt und sich an die Stirn langt, ist nur konsequent.

Au backe, weil ihre Denk-Geschichte nicht mehr vertraut war, wurde die Pose zuweilen gründlich um- oder fehlinterpretiert: als Ausdruck ganz schnöden Zahnwehs. Schon im 16. Jahrhundert passierte es, in Tirol:

Sant Peter sas auf ainem stain
Und hub sein wange in der hant.
Da chom unser herre und sprach zu ym:
'Peter, was hastu?'
Da sprach sant Peter:
'Herre, die würm haben mir
die czende durchgraben!'
Da sprach der herre:
'Ich beswör euch würme
pey dem vater und bey dem sun
und pey dem heiligen gaist,
daz ir hinfur chainen gewalt mer habt,
Petro sein czenden ze graben!'

Stefan horchte auf. "Das klingt ja ähnlich wie dieser germanische Zauberspruch, von dem du kürzlich in der Kneipe erzählt hast." Dann zwinkerte er mit den Augen: "Vater, Sohn und heiliger Geist. Quadratisch, praktisch gut. Der Hattrick."

"Das nennt man angewandtes Mittelalter", sagte Wolf zu ihm.

"Pass auf, dass du von diesem Kram nicht zu sehr infiziert wirst. Das kann irreparable Schäden verursachen."

Stefan grinste. "Mach dir da mal keine Sorgen. Jedenfalls lag ich vorhin mit meinem miesen Zahnarzt gar nicht so schlecht, oder?"

Doris stand auf und rieb sich den rechten Arm. Sie hatte für die Gesten-Geschichte lange Modell gesessen. Ihr Arm war eingeschlafen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!