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Die Neue Mitte fährt Porsche

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Die alte Sicht trägt nicht mehr: Nach 150 Jahren muss die SPD umdenken. Die Arbeiterklasse ist längst Geschichte, der bürgerliche Habitus ist das Wunschbild. Oder wie Altkanzler Gerhard Schröder einst sagte: Die Neue Mitte fährt Porsche. Und selbst der Kapitalist hat keine Melone und Zigarre mehr. Ein Essay von Christian Marquart.

Schröder und Wiedeking – im Porsche auf dem Weg zur Neuen Mitte. Foto: Joachim E. Röttgers

Da die Deutschen, so sie nicht Hoeneß heißen, ihre Notgroschen lieber auf einem Sparkonto lagern und nicht im Dschungel der Finanzindustrie auf Safari schicken, sind nur wenige Bundesbürger mit jener Floskel vertraut, die mancher glatte Anlageberater seinen Kunden im Falle einer Havarie des angelegten Kapitals mit auf den Weg gibt: "Das Geld ist ja nicht weg. Es ist nur woanders."

Amüsant, aber ein Kernsatz des Kapitalismus modernster Prägung. Und der Fall Zypern hat gezeigt, dass künftig auch ganz gewöhnliche Eigner von Sparguthaben in der Europäischen Union mit solchem Trost zu rechnen haben. Im Zweifel lässt man sie zahlen für Fehler und Versäumnisse ihrer Regierungen, die unter dem Banner eines befriedeten, geeinten Europas nicht nur die atemlose Ausweitung kontinentaler Exportmärkte vorantrieben, sondern nebenbei praktisch flächendeckend für eine immer krassere Verteilung von Privatvermögen sorgten.

Der Fabrikherr mit Zigarre und Melone hat ausgedient

Wird aus jenem europäischen (Klein-)Bürger, der vorerst nur an den nördlichen Rändern des Mittelmeeres in sichtbarer Zahl auf die Straße geht, um gegen die Finanzwirtschaft der EU zu protestieren – gern mit Plakaten, die unsere deutsche "Mutti" Merkel mit aufgemaltem Hitlerbärtchen und NS-Uniform zeigen –, demnächst vielleicht ein "revolutionäres Subjekt"? Dieses ist ja in den rund 150 Jahren Arbeiterbewegung, auf welche die deutschen Gewerkschaften und die Sozialdemokratie aktuell mit Stolz zurückblicken, irgendwie verloren gegangen. Dafür hat die Figur des skrupellosen Kapitalisten, die früher als beleibter Fabrikherr mit Melone und Zigarre karikiert wurde, ein ganz neues Profil bekommen: Es sind nicht mehr Profiteure in der sogenannten Realwirtschaft, die öffentlichen Unmut auf sich ziehen, sondern gesichtslose, aber "systemisch" um so relevantere Finanzinstitute der Globalwirtschaft, gegen die demonstriert wird, eher zaghaft und ziellos. Für letzeres Phänomen war die sanft entschlafene Bewegung Occupy Wall Street ein gutes schlechtes Beispiel. 

Der Fabrikant als Produzent realer Dinge ist uns mittlerweile schon fast lieb geworden. Unheimlich dagegen jene grauen Herren des Finanzsektors, die uns damit einlullen, dass Staatsbürgschaften für Banken in Schieflage ja gutes Geld abwerfen, solange diese nicht vollends zahlungsunfähig sind. Dass das Lebensglück der Deutschen sich darin realisiere, dass wir vor den Ferien im Ausland kaum noch Devisen kaufen müssen (was früher Teil der Vorfreude war!), und dass der Wohlstand in Europa davon abhänge, wie man ihn buchhalterisch errechnet.

Schade nur, dass jetzt mit der Krise der Staatsfinanzen in Europa auch alte, nationale, nationalistische Ressentiments fröhliche Urständ feiern. Rechte Populisten machen damit politisch Kasse – zuerst in Ungarn, dann in Griechenland, und wo demnächst? Die Bürger verstehen das System nicht im Ansatz, das sie ihrer Zukünfte beraubt. Die Sorge um das Schicksal der europäischen Idee ist deshalb keineswegs übertrieben. Aber man sollte schon genau hinsehen, wo destruktive Potenziale sich im beziehungsweise hinter dem schwer durchschaubaren Dickicht wirtschaftlicher Interessen und finanzieller Verflechtungen aufbauen und in ihrer Sprengkraft wirksam werden.

Im Mannheimer Technomuseum geht's durch die Nacht zum Licht

Inmitten dieses düsteren Szenarios beeindruckt eine Ausstellung umso mehr, die gegenwärtig im Mannheimer Technoseum gezeigt wird. Bis zum 25. August, danach wandert sie weiter nach Chemnitz. Denn sie zeigt, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist, aber nicht von selbst in Gang kommt. Dass es gelingen kann, politische Kräfte zu sammeln, zu bündeln und ihnen eine klare Richtung zu geben. Wenn sich denn in einer Gesellschaft hinreichend Leidensdruck aufgebaut hat, der von genügend Individuen und sozialen Gruppen auch als solcher empfunden wird. Wenn organisatorische Strukturen entstehen, die ein kollektives, strategisches Handeln in Opposition zu "herrschenden" Verhältnissen möglich machen – und dieses dann auch demokratisch legitimieren können.

"Durch Nacht zum Licht" lautet der Titel dieser Ausstellung, die den Zeitraum von 1863 bis 2013 umgreift. Kalendarischer Anlass ist die 150. Wiederkehr des Gründungsdatums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der sich damals in Leipzig konstituierte. Später bildeten sich einzelne Gewerkschaften, 1869 gründeten August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Lang, lang ist's her. Plakat aus der Mannheimer Ausstellung Bemerkenswerte Parallele: Die Vorbereitung der Mannheimer Schau verlief in etwa zeitgleich mit dem Entwurf des neuen "Armuts- und Reichtumsberichts", der im Auftrag der Bundesregierung verfasst wurde. Der erste dieser Berichte war Anfang des dritten Jahrtausends in Auftrag gegeben worden. Im Herbst 2012 nun veranlassten die einschlägigen Fachressorts der Ministerien einige redaktionelle Änderungen des aktuellen Berichts. Die schwarz-gelbe Koalition wollte (was Regierungsvertreter natürlich abstreiten) rhetorisch ein wenig verschleiern, wie dramatisch die Umverteilung der Vermögenszuwächse in der Bundesrepublik seit etwa zwei Jahrzehnten tatsächlich vonstatten geht.

Ein paar knackige Zahlen? Vor 20 Jahren verfügten die "oberen" zehn Prozent der Deutschen über etwa 44 Prozent des privaten Nettovermögens. Zu Beginn des Jahrhunderts waren es rund 60 Prozent; derzeit besitzen diese Reichsten der Reichen schon zwei Drittel des privaten Vermögens. Die Schere zwischen den wohlhabenden und den "unteren" Schichten der Gesellschaft wird sich aber noch weiter öffnen. In der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts wird in großen Portionen rund drei Billionen Euro privates Geld vererbt – und in Deutschland ist die Erbschaftssteuer notabene recht niedrig, im Vergleich zu anderen Staaten.

Warum kein "richtiges" Museum der Arbeiterbewegung?

Die Ausstellung im Mannheimer Technoseum, das früher Landesmuseum für Technik und Arbeit hieß, ist in etlichen Details durchaus kritisierbar. Aber sie lässt mit der Fülle ihrer Exponate und ihrem gestalterischen Ehrgeiz doch ahnen, wie sinnvoll und nützlich es wäre, die deutsche Museumslandschaft um eine größere Institution zu bereichern, welche sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung befasst. Nicht zuletzt auch mit deren Beitrag zur Kulturierung und Demokratisierung der Gesellschaft. 

Ein "richtiges" Museum der deutschen Arbeiterbewegung existiert bisher nicht. Wie müsste es funktionieren? Das Ausstellungsprojekt "Durch Nacht zum Licht"beantwortet eine zentrale Frage positiv: die nach der "sinnlichen" Dastellbarkeit der historischen Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Nach der auratischen Kraft ihrer Relikte, nach den szenografischen Potenzialen, mittels derer sich historische Prozesse und soziale Konflikte in so einem Museum in spannende "Geschichten" verwandeln lassen.

In Mannheim kann man sehen, dass alle Zutaten einer attraktiven Aufbereitung solcher Themen und Stoffe vorhanden sind. In den Archiven vieler Institutionen schlummern zahllose interessante, auch ästhetisch faszinierende Exponate, mit denen sich die Arbeiterbewegung anschaulich darstellen und perspektivisch in die Gegenwart beziehungsweise Zukunft fortschreiben ließe: teilweise brillant gestaltete Plakate und Flugschriften, aussagekräftige fotografische Dokumente, Urkunden, gravierte Medaillen, Pokale und Uhren, Büsten bedeutender Persönlichkeiten.

All dieses Material kann zum Motiv und Aufhänger differenzierter Erzähl- und Darstellungsformen werden. Andererseits entsteht (nicht nur in dieser Schau) der Eindruck, als hätten jene Kräfte, die man noch vor zwei, drei Jahrzehnten als "progressiv" beschrieb, so ziemlich aus dem Blick verloren, dass die alte Sicht nicht mehr reicht: auf eine Schicht von Lohn- und Gehaltsempfängern zu reflektieren, die sich heute viel eher als Individuen mit ausgeprägt "bürgerlichem" Habitus verstehen (oder als Bohemiens, die ihre Arbeit lieber im Internetcafé erledigen) denn als "Klasse", die sich wie vor hundert Jahren gegen eine vergleichbar homogene Phalanx von Wirtschaftsbossen in Stellung zu bringen hätte. Auch die existiert nicht mehr.

Ein deutsches "Empört Euch!" steht noch aus

Denn die Frontverläufe ökonomischer Interessen verlaufen heute entlang jener neuen, so abstrakten wie diffusen Trennlinie zwischen "Realwirtschaft" und "Finanzindustrie". Wettspiele an der Börse sind für das Kapital mittlerweile viel rentabler als fast jede Warenproduktion. Wie also organisiert man das aktuell gefährdete, soziologisch gänzlich anders strukturierte "Mittelschicht-Proletariat" – und in welcher Tonlage wäre es anzusprechen, zu mobilisieren? Kaum jemand mag sich heute noch zur Arbeiterklasse zählen, das Proletariat von vorgestern zählt heute schon zur Mittelschicht. Ganz "unten" in der Gesellschaft, da leben kaum noch Arbeiter, sondern Menschen, die liebend gerne Arbeiter wären, aber kaum noch Jobs finden, von denen sie auch leben können. Die "Neue Mitte", soll Altkanzler Gerhard Schröder mal gesagt haben, "fährt Porsche".

Die aktuelle Krise des Euroraums liefert mehr oder minder zufällig den Hintergrund für die Mannheimer "Jubiläums"-Ausstellung, die ihrerseits aus einem breiten Fundus an Exponaten schöpfen kann, der die deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte illustriert. Wäre das aber nicht Anlass und Material genug, daraus ein paar frische, ambitionierte Konzepte für ein neues, vielfältige soziale Gruppen und Staatsgrenzen übergreifendes "Klassenbewusstsein" zu entwickeln? Auf dessen Grundlage dann auch modernisierte Vorstellungen von Solidarität (notabene auch schlüssigere "Feindbilder" und Handlungsstrategien) entstehen könnten?

Historischer Ballast: SPD-Schriftzug als Briefbeschwerer. Foto Joachim E. Röttgers

Jedenfalls irritiert die Gelassenheit, mit der die deutsche Öffentlichkeit bisher auf die krasse Schieflage der Chancen-, Einkommens- und Vermögensverteilung in der Bundesrepublik reagiert. Ein deutsches "Empört Euch!"-Manifest, wie das des jüngst verstorbenen französischen Exdiplomaten Stéphane Hessel, steht noch aus. Aber es gibt ein paar renommierte Intellektuelle, die Fragen stellen: an die Medien, an die Gewerkschaften, an die Sozialdemokratie, generell an die Politik. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler kritisiert in seinem neuesten Buch "Die neue Umverteilung" die soziale Schieflage der Bundesrepublik, und der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann beklagt den "Relevanzverlust" öffentlich geführter Diskurse: "Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden?" 

Es sei daran erinnert – auch Ausstellungen und Museen sind Medien. Wenn die ihre Arbeit richtig tun, dient das der öffentlichen Debatte nicht minder. Und Museen werden nicht so schnell verrückt, Herr Naumann!

Auch die Stuttgarter SPD feiert. Unter anderem mit einer Wanderausstellung ("150 Jahre Sozialdemokratie – Für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität"), die bis zum 4. Mai im Stuttgarter Rathaus zu sehen ist.

 


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