Ausgabe 1
Debatte

Öko-Rebellen

Von Beate Seidel
Datum: 06.04.2011
Das neue Theaterprojekt von Volker Lösch und Beate Seidel wird ein Stuttgart-Drama. Mit Elementen aus Fritz Langs Metropolis und Texten von Edward Abbey – und von Stuttgarter BürgerInnen: „Metropolis/The Monkey Wrench Gang“. Die Dramaturgin Beate Seidel berichtet bis zur Premiere am 21. Mai aus dem Innenleben der Produktion.

An die Rettung der Welt rührt der Stuttgarter Bahnhofsstreit sicherlich nicht, der die Stadt zerreißt - in diejenigen, die, „oben“ agierend, ihren Moderne- und Fortschrittsbegriff ans „Unterirdische“  knüpfen, und diejenigen, die, „unten“ protestierend, „oben bleiben“ wollen. Und nun, da der Ausgang der Wahl die Machtverhältnisse neu ordnet, verschieben sich die Kampflinien ganz und gar und gibt es natürlich die große Hoffnung, man könne wenigstens diesmal die Wahlsieger beim Wort nehmen.

Das grundsätzliche Verständnis von Demokratie, die politische Basis dieses Landes also, steht jedoch immer noch oder nun gerade erst recht auf dem Prüfstand. Bei unserem Theaterprojekt geht es deshalb nicht zuerst um ein ästhetisches Experiment, das zwei Stoffe, die sich beide mit dem sogenannten Fluch der Moderne auf sehr verschiedene Weise auseinandersetzen, verknüpfen soll, sondern um etwas Drittes, das ganz  unmittelbar mit den Menschen, die in Stuttgart leben, zu tun hat: nämlich um die praktische Fragestellung, wem diese Stadt künftig gehören soll.

Das Theater zu öffnen für die Ereignisse der Stadt, in der es steht, es als Brennspiegel zu nutzen und aus dem Kunstraum einen öffentlichen Ort zu machen, der zur tagespolitischen Debatte einlädt, ist Konzept des Theaterregisseurs Volker Lösch und seines Teams. Das drückt sich nicht nur in der Wahl der Stoffe und Themen aus, die immer den lokalen, politischen und sozialen Bezug suchen. Löschs Theater holt auch die Bürger selbst als Anwälte ihrer eigenen Sache auf die Bühne und bietet ihnen so im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiel-Raum, in dem die eigenen Biografien, die soziale Stellung, die Herkunft, Existenznöte, Zukunftsträume und Wünsche oder Forderungen an das Gemeinwesen laut formuliert und eben auch gehört werden können. Es ist ein Theater, das auf Konfrontation aus ist: des klassischen, hohen Stoffs mit der Profanität der Tagespolitik; des Theaterabonnenten, der auf ein abgerundetes ästhetisches Kunsterlebnis aus ist, mit einer strikt an die Gegenwart gebundenen Inszenierung, die polemisieren will, die Streit sucht.

Es geht um  die Folgen einer Stadt- und Landespolitik, die an den berechtigten Einwänden von immer mehr Menschen aller Generationen und aller Bevölkerungsschichten vorbeigearbeitet hat.

K-21-Aktivisten stehen mit auf der Bühne

Die Bürger, die sich neben den Schauspielern in der Arena (Türlenstraße) anhand von  Textvorgaben von "Metropolis" und der Romanvorlage von Edward Abbey mit dem aktuellen Zustand der Stadt auseinandersetzen werden, sind zum Teil Aktivisten der K-21- und Parkschützer-Bewegung.

Sie, 26 Männer und Frauen, sind auf den Montags- und Samstagdemonstrationen, sie haben an Blockaden teilgenommen. Sie haben am 30. September 2010 (wie viele andere auch) im Schlosspark gestanden, und sie wollen das Theater als Ort nutzen, ihre Überzeugungen öffentlich zu machen. Womit wir beim Verbindungsstück zwischen Lang/Harbou und Abbey wären: Denn auch die Positionen dieser Akteure  werden als eine weitere Textebene Bestandteil der Aufführung sein.

"Metropolis", schreibt Manfred Nagel, ist ein „unterschwelliger Disziplinierungsappell“, eine „einzige Stillhalteparole“.  Der darin von einer künstlich erschaffenen Maschinenfrau manipulierte Aufstand gegen die Herrschaft der Technokraten wird als politisches Mittel verteufelt. Stattdessen verteilen die von der Masse abgetrennten, bürgerlichen Figuren die Idee eines Messias, der zwischen den Konfliktparteien vermitteln soll. Aber auf den Messias muss man warten, bis er irgendwann erscheint. Und bis dahin gilt es, das Leben, ohne aufzubegehren, zu ertragen.

Ganz anders die vier Ökoterroristen von Edward Abbey, die sich Monkey Wrench Gang nennen (Schraubenschlüsselbande) und die die Lust an der Subversion, an der Unterhöhlung des Systems mit immer kruderen und radikaleren Sabotageakten zusammenhält.

Der subversive Blick von unten

Sie leben den permanenten Aufstand gegen das Establishment und den herrschenden Begriff von Fortschritt und Gewinnmaximierung. Sie sind der anarchisch-bösartige Gegenentwurf zur dumpfen Metropolis-Masse, die ohne Sinn und Verstand Maschinen stürmt.  Auch die Monkey Wrench Gang zerstört Maschinen, aber das ist ihr Programm – und sie hat Spaß an dieser Don-Quijotterie.

Und so kreuzen sich in unserer Theaterversion zwei Perspektiven auf die brodelnde Auseinandersetzung um den Weg, den unser Gemeinwesen nehmen soll: der Blick von oben, der die Befriedung und Beschwichtigung der Systemkritiker mit allen Mitteln verlangt, sonst drohe die Apokalypse, und der subversive Blick von unten, der die Zuspitzung will, nach Taten ruft und den Einsatz von Gewalt (gegen Sachen) nicht ausschließt - der die mystifizierende Formel vom Fluch der Moderne in ihre konkreten Bestandteile zerlegt: in Konzernnamen, in Wirtschafts- und Profitinteressen und in das ausbeuterische Geschäft mit den natürlichen Ressourcen.

Unsere SpielerInnen, allesamt K-21-Cowboys, sind einerseits Teil unserer Metropolis-Farce über die Angst derer, die in den Schaltzentralen von Politik und Wirtschaft regieren, und sie träumen andererseits mit der Monkey Wrench Gang einen zwar aus der Vergangenheit geborgten, aber in die Zukunft gerückten Traum.

Save the earth, aber lasst’s dabei richtig krachen!


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