Kasten Bildungsprojekt
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Seit 1959 hatte sich in einem ehemaligen Corpshaus am Neckar, dem Schwabenhaus, ein offener Jugendtreff etabliert. Nachdem der Landkreis allerdings die Trägerschaft aufgab, erwog der Tübinger Gemeinderat abzureißen. Und nach einem ungeklärten Schwelbrand im Schwabenhaus nutze die Stadt 1972 die Gunst der Stunde und entschied: "Das Haus soll weg!" Aus ihren eigenen Reihen wählten die Tübinger Jugendlichen daraufhin fünf Vertreter:innen für den Kontakt zur Stadt, sammelten Unterschriften zum Erhalt des Schwabenhaus und stellten Oberbürgermeister Hans Gmelin sowie dem Gemeinderat ein Ultimatum. Zeitgleich verteilten sie ein Flugblatt mit einer Konzerteinladung, denn wenn die Stadt sich nicht bewege, müssten das eben die Jugendlichen tun.
Bernd Melchert war damals 19 Jahre alt und einer der Vertreter:innen des Jugendzentrums: "Unser Vorbild war das Berliner Georg-von-Rauch-Haus, das im September 1971 besetzt wurde. In Berlin war der Hausbesetzung ein Konzert von ‚Ton Steine Scherben‘ vorausgegangen. Darum haben wir die Band eingeladen und uns vorgenommen: Nach dem Konzert werden wir zur Besetzung aufrufen." Frontsänger Rio Reiser und die "Scherben", wie sie in der Szene genannt wurden, brachten am 23. Juni 1972 die Stimmung in der Mensa Wilhelmstraße zum Kochen. Alle schwitzten, tanzten und grölten die Texte mit: "Wir brauchen keine Hausbesitzer, denn die Häuser gehören uns!" Dass der Titel des neuen "Scherben"-Albums "Keine Macht für niemand" später als Graffito auf einer Tübinger Hausfassade prangen würde, ahnte noch keiner.
Nach dem Konzert versprach zunächst der städtische Jugendreferent Roland Ensinger, die Saalmiete der Mensa zu übernehmen und bald Räumlichkeiten für ein neues Jugendhaus bereitzustellen. Die "Scherben" aber winkten ab: "Ihr redet unheimlich viel, ihr prüft unheimlich viel, aber herauskommen tut dabei nie etwas. Das ist überall so." Aus der Menge rief Melchert wenig später: "Wir hol'n jetzt unser Haus!" Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Jugendlichen marschierten geschlossen in die nahegelegene Karlstraße, verteilten sich in einem leerstehenden Gebäude und übernachteten auch gleich dort. Ein Akt des zivilen Ungehorsams, der die Stadt aber nur indirekt traf: Den Jugendlichen war bei der Planung ein Schönheitsfehler unterlaufen. Denn das von ihnen besetzte Haus gehörte gar nicht der Stadt. Eigentümerin war die Tübinger Kreissparkasse, die es zum Abriss vorgesehen hatte. Der Verwaltungsratsvorsitzende, der parteilose Landrat Oskar Klumpp, forderte eine umgehende Räumung.
Dachterrasse für den weiten Blick. Foto: Jens Volle
"Zuerst waren wir gelähmt, geschockt", erinnert sich Bernd Melchert. Was sich schnell wieder löste, denn auch der Oberbürgermeister saß im Aufsichtsrat der Kreissparkasse. "Dann war uns egal, ob das Haus jetzt Stadt oder Kreissparkasse gehört." Am nächsten Morgen rückte die Polizei mit großem Aufgebot auf den Plan. "Wir dachten, dass sie jetzt räumen. Wir hatten uns darauf vorbereitet: Türen und Fenster waren verrammelt, überall lag etwas im Weg. Aber es ist Gott sei Dank nicht so passiert, was wir ein paar Gemeinderäten zu verdanken hatten, die sich direkt engagiert haben, und auch dem Schwäbischen Tagblatt, das sehr wohlwollend berichtet hat."
Neben DKP und SPD solidarisierte sich ein Großteil der Tübinger:innen mit den Jugendlichen. Laut einer Straßenumfrage des Schwäbischen Tagblatts hielten über 90 Prozent die Besetzung für notwendig oder zumindest gerechtfertigt. Also zeigte sich die Stadt mehr oder weniger freiwillig gesprächsbereit. Diesmal endeten die Gespräche mit einem Erfolg für die rebellische Jugend: Die Stadt mietete das besetzte Haus vorerst von der Kreissparkasse und kaufte es später – die Jugendlichen sollten ihr Haus durch einen eigenes geschaffenen Trägerverein selbst verwalten. Bis heute gilt die Besetzung der Karlstraße 13 deutschlandweit als eine der wenigen friedlichen Hausbesetzungen, die nicht in Gewalt und Polizeieskalation endeten. Melchert resümiert über 50 Jahre später: "Heute gilt dasselbe wie damals, wenn man gehört werden möchte. Man muss sich wehren, sich zusammenschließen, für seine Interessen kämpfen und wenn es sein muss, auch einfach mal ein Haus besetzen – das tut keinem weh."
Den Namen "Richard-Epple-Haus" erhielt das Jugendzentrum in Erinnerung an einen wenige Monate vor der Besetzung erschossenen Mechaniker-Lehrling. Der 17-jährige Richard Epple aus dem benachbarten Dorf Breitenholz entzog sich am 1. März 1972 auf der Tübinger Wilhelmstraße einer Polizeikontrolle. Angetrunken und ohne Führerschein floh er im Ford Taunus 12M der Familie vor den Beamten. Nach über 20 Kilometern wilder Verfolgungsjagd eskalierte die Situation in der Nähe von Herrenberg: Ein junger Polizist durchsiebte mit dem gesamten Magazin seiner Maschinenpistole das Fluchtfahrzeug samt Fahrer. Eine Nacht, die deutschlandweit für Furore sorgte. In Herrenberg sollte eine Podiumsdiskussion gar der Frage nachgehen, ob die Polizei entwaffnet werden müsse.
Eigene Werkstatt. Foto: Jens Volle
In ganz Deutschland herrschte damals Angst vor der RAF und die Tübinger Polizist:innen ließen später verlauten, sie hätten den Flüchtenden für einen Terroristen gehalten. Epple gilt als erster Unbeteiligter, der im Kontext der RAF umgekommen ist und wurde in linken Kreisen als Opfer des (aus RAF-Angst) zum Polizeistaat aufrüstenden Rechtsstaat begriffen, als Opfer eines fatalen Verlustes der Verhältnismäßigkeit. Doch die nach Epples Tod ermittelnde Staatsanwaltschaft Stuttgart sah die "Grundsätze des Mindesteingriffs und der Verhältnismäßigkeit" beim Polizeieinsatz als nicht verletzt an und stellte das Verfahren gegen den Todesschützen nach drei Wochen wieder ein. Die Namenswahl für das neue Jugendzentrum war sicherlich eine Aneignung damaliger Linker ohne Reflexion oder Rücksprache mit der Familie, um einem durch Polizeigewalt ermordeten Jugendlichen ein Denkmal zu setzen, Märtyrer-Vorstellungen zu schärfen und anzuprangern, dass die oft brutalen Polizeiaktionen zur Zeit der ersten RAF-Generation keinerlei Konsequenzen für die Polizist:innen hatten.
Stadt, Kreissparkasse und Polizei fassten den Hausnamen als Provokation auf und nennen das Haus teilweise bis heute offiziell "Jugendzentrum Karlstraße 13". 1974 postulierte beispielsweise die CDU-Ortsgruppe im Gemeinderat: "In der Universitätsstadt Tübingen, die eine wissenschaftlich fundierte, vielseitige Bildungs- und Erziehungsarbeit leisten soll, darf nicht der Name eines jungen Rechtsbrechers ein Jugendhaus kennzeichnen. [...] Sorgen wir durch richtige Erziehung dafür, dass unsere Kinder nicht zur Plage der Familie werden, um eines Tages als unerzogene Erwachsene in kollektiver Neurose unseren Staat wegzufegen."
Die Stadt ist dem jugendlichen Willensdrang allerdings nie Herr geworden und das wohl bunteste Gebäude Tübingens heißt auch heute noch "Epplehaus". Es erinnert an Richard Epple – und daran, dass es sich lohnen kann, für etwas auf die Straße zu gehen, für etwas zu kämpfen, für etwas aktiv zu werden.
Obwohl das Epplehaus in über 50 Jahren durch die ein oder andere Krise ging, konnte es sich als linksalternatives und subkulturelles Kleinod im Herzen Tübingens bis heute selbstverwaltet halten. Nach ersten erfolgreichen Jahren in der Selbstverwaltung gaben die Jugendlichen jedoch 1985 äußerem Druck und inneren Konflikten nach und stimmten der Einstellung hauptamtlicher Sozialpädagog:innen durch die Stadt zu. Damit war die Selbstverwaltung erstmal passé, während gleichzeitig eine Phase der Professionalisierung begann. Das Haus bekam in den folgenden Jahren sechs Hauptamtliche, vier Sozialpädagog:innen und zwei Schreiner:innen. Am 2. März 1992 titelte das Schwäbische Tagblatt: "Jugendhaus mit vorbildlichem Ruf".
Mit der Stadt pflegte das Jugendzentrum mittlerweile ein respektvolles Verhältnis auf Augenhöhe: Das Epplehaus brauchte die finanzielle Unterstützung der Stadt und die wiederum das Haus, um gesellschaftliche Randgruppen dorthin "abzuschieben". Doch an konservativen Nörgler:innen mangelte es nie. Die CDU-Stadträtin Eva Riehm-Günther echauffierte sich 1995 bei der Jahreshauptversammlung des Epplehaus-Trägervereins darüber, im Einladungsschreiben als "MitgliederIn" tituliert worden zu sein. Dies sei "Sprachverhunzung" und ein "fürchterlicher Sexismus", da aus einem Neutrum ohne Not männliche und weibliche Versionen gemacht würden. Als "gefährlich" bezeichnete sie eine Discoveranstaltung unter dem Motto "Kill Your Parents": "Kann es nicht sein, dass das manche ernst nehmen?"
Um die Jahrtausendwende kamen pro Abend 60 bis 100 Menschen ins Haus. Gerade die Unterstützung der Jugendlichen bei der konstruktiven Gestaltung ihrer Freizeit wurde gut angenommen. 2001 überlegte die Stadt dennoch, das Epplehaus aufgrund seiner überdurchschnittlichen Größe dichtzumachen. Ein Jahr später stellte das Land die Förderung für junge Arbeitslose im Jugendzentrum ein, der Auftakt zu weiteren Kürzungen. 2004 strich die Stadt fast die Hälfte der Stellen, die verbliebenen Hauptamtlichen wurden an das im ersten Stock neu eingerichtete Jugendmediencafé übertragen. Dadurch betreute die Stadt ein Viertel des Hauses, während die restlichen drei Viertel wieder in kompletter Selbstverwaltung lagen. Hinzu kam Ende der 2000er eine gezielte Selbstentmachtung des Trägervereins, dessen Vorstandsmitglieder ihre Entscheidungsbefugnis auf das Haus-Plenum übertrugen. Bis heute ruht die Hauptlast auf den Schultern von Ehrenamtlichen, die sich im offenen Plenum treffen.
Backstage-Bereich des Konzertsaals. Foto: Jens Volle
Von 2008 bis 2012 herrschte eine Art "goldenes Zeitalter": Die Plena besuchten mehr als 30 Leute, die Stimmung war gut und pro Woche fanden bis zu vier Events statt. 2012 feierte das Epplehaus seinen 40. Geburtstag mit einem 40-stündigen Festival. An drei Tagen spielten über 20 Bands und Solo-Artists vor Hunderten von Zuschauer:innen. Damals wie heute ist das Epplehaus wichtiger linksalternativer und subkultureller Kulturträger der Region. In den vergangenen 50 Jahren gaben im Epplesaal bereits kultverdächtige Musiker:innen ihre Tunes zum Besten: "Blumfeld", "Die Sterne", "Egotronic", "Sportfreunde Stiller", "Götz Widmann" oder die "Toten Hosen".
"Goldene Zeitalter" werden jedoch meist erst im Nachhinein ausgerufen, besonders, wenn die Gegenwart einem schlechter erscheint als die Vergangenheit – nichts ist für die Ewigkeit. Ab 2012/13 gab es zunehmend Streitereien, Polit-Diskussionen und persönliche Brüche unter den Ehrenamtlichen. Wer Jugendhäuser und ihr unsichtbares Innenleben aus eigener Erfahrung kennt, weiß, dass der Mitarbeit in dieser Art von ehrenamtlichen Projekten diverse Motive zugrunde liegen: Es geht um Cliquen-Dynamiken, um Liebeleien und Flirts, um Musik-Fantum, um Subkultur und um Selbstermächtigung. 2020 verfiel das Haus schließlich bis zum 50-jährigen Jubiläum in einen Corona-Winterschlaf, dessen Auswirkungen noch heute durch stagnierende Aktivenzahlen spürbar sind.
Doch das Epplehaus lebt weiter. Immer wieder wagen es junge Menschen über die Türschwelle zu treten und sich zum ersten Mal an einem Plenum zu beteiligen. Wer hier aktiv war, nimmt etwas mit: Erfahrungen, Freund:innen, Skills. Im Rückblick schwärmen Ex-Aktive oft von ihrer starken Prägung im Jugendzentrum. Das Epplehaus formt nicht nur den Charakter, es hat auch selbst einen eigenen, bis hin zum Geruch. Auf die Frage, wie das Epplehaus denn rieche, antworteten Ehemalige: "Schöne Kombination aus kaltem, sich in den Wänden festgefressenem Rauch und dieser Geruch von Elektrogeräten" / "Nach schalem Bier und kaltem Rauch" / "Obwohl ich seit Jahren kaum mehr da bin, riecht es immer noch nach dem Ort, an dem ich mal so verdammt viel Zeit verbracht habe – und deswegen vor allem nach Zuhause."
Matratzenlager für Gäste. Foto: Jens Volle
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