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Vor 50 Jahren am Kaiserstuhl

Sasbach und der Siegeszug der Erneuerbaren

Vor 50 Jahren am Kaiserstuhl: Sasbach und der Siegeszug der Erneuerbaren
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Und es funktioniert doch: Wenn engagierte Menschen sich zusammentun, Ideen haben und Mut, können sie verändern. Beispiel: Die erste Messe für Solar- und Windenergie 1976, organisiert vom gesamten Dorf Sasbach.

Es waren bewegte Zeiten vor 50 Jahren am Kaiserstuhl und Oberrhein. Im Elsass wurde ein extrem umweltvergiftendes Bleichemiewerk durch eine grenzüberschreitende Bauplatzbesetzung unterbunden. Im badischen Wyhl, im französischen Gerstheim und im Schweizer Dorf Kaiseraugst wurde der Bau von Atomkraftwerken durch eine trinationale Umweltbewegung verhindert. Ein Fenster der Möglichkeiten hatte sich am Oberrhein geöffnet und beherzte Menschen ergriffen die Chancen, die ein solches geschichtliches Fenster der Gelegenheit bietet. In der Grenzregion am Oberrhein, im Dreyeckland, liegen wichtige Wurzeln der damals entstehenden neuen und erfolgreichen Umweltbewegung.

Ende Mai 1976 veranstalteten einige Aktive des damals frisch gegründeten Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen die weltweit erste und größte Ausstellung zu alternativen Energien in Sasbach am Kaiserstuhl. Der Widerstand gegen das im Nachbardorf Wyhl geplante AKW, das berühmte "Nai hämmer gsait" war den Aktiven nicht genug. Es galt nicht nur "dagegen zu sein", sondern auch die Alternativen zur Atomenergie aufzuzeigen.

Aus heutiger Sicht waren die Sasbacher Sonnentage eine kleine, ja geradezu winzige Ausstellung alternativer Energien. Doch die Aktiven sagten selbstbewusst und durchaus auch verwegen: "Das ist die Zukunft! Das sind die Alternativen zur Atomenergie." Und rückblickend zeigt sich der unglaubliche Erfolg der damaligen Idee und der umgesetzten Vision.

Aus den Hoffnungen und Visionen von 1976 ist Realität geworden Der Preis für Solarmodule ist seit 1976 um 99 Prozent gesunken. Der jahrzehntelang aggressiv bekämpfte Strom aus Wind und Sonne ist schon lange viel kostengünstiger als Gefahrstrom aus Kohle, Öl, Gas und Atom.

Vom 26.5.1976 bis zum 30.5.1976 fanden die Ausstellung und eine Vielzahl von Veranstaltungen statt. In den Bottichen der Sasbacher Winzergenossenschaft wurde Wasser solar erwärmt. Gezeigt wurden frühe, damals noch sehr teure Fotovoltaikanlagen. Es gab den Lörracher Trichter von Jürgen Kleinwächter, frühe Windradmodelle und erste Informationen und Vorträge zu damals exotischen Themen wie Energieeinsparung, Endlichkeit der Rohstoffe, Klimaschutz und Wärmedämmung. Das Vortragsprogramm war umfangreich. Referenten erklärten, dass irgendwann einmal der Liter Benzin 2 DM (1 Euro) kosten könnte. Manche hielten solch verwegene Prognosen und Aussagen für Spinnerei, denn der Benzinpreis lag damals bei 83 Pfennigen pro Liter.

Der örtliche Elektriker führte vor, wie es geht

Aktiv bei den Sonnentagen war auch der Sasbacher Tüftler Werner Mildebrath. Er führte damals mit seiner Frau Erika ein kleines dörfliches Elektrogeschäft in Sasbach. Wie viele aus der dörflichen Bevölkerung war er fest eingebunden in den örtlichen AKW-Wyhl-Widerstand, als Elektriker aber hatte er einige besondere Aufgaben. Bei vielen Kundgebungen und Aktionen war er zuständig für die Demo-Technik. Er organisierte die Elektrik, die damals noch neue Videotechnik und die Lautsprecheranlagen und bediente diese selbst. Im Wyhler Wald sorgte sein Aggregat bei Veranstaltungen für Strom. Durch die Volkshochschule Wyhler Wald war er sehr früh auf die damals absolut exotische thermische Erwärmung von Wasser mithilfe der Sonne aufmerksam geworden. Im Jahr 1975 baute der Elektriker, Tüftler und Handwerker für sein eigenes Haus eine sehr solide thermische Solaranlage, die heute nicht nur immer noch existiert, sondern auch noch funktioniert. Es dürfte sich dabei um eine der ersten praxistauglichen Solaranlagen in Deutschland gehandelt haben. Für Werner Mildebrath war dies alles der Einstieg in die kleintechnische Produktion von Solaranlagen. Er gründete eine kleine Firma und baute in der ganzen Region seine Anlagen, die heute noch funktionieren.

Das ganze Dorf Sasbach, geprägt vom AKW-Wyhl-Protest, war mit allen Vereinen an der Ausgestaltung der ersten "Sonnentage" aktiv beteiligt. Die Winzergenossenschaft stellte das Gelände für die Ausstellung und gleich daneben war der Festplatz des Musikvereins. Auch die alternative Volkshochschule Wyhler Wald war dabei. Zum alemannischen Sänger- und Dichtertreffen kamen André Weckmann, Roger Siffer und das Babbedeckel Theater. Unter den hohen Laubbäumen des Festplatzes war das Ganze ein großes Volksfest mit Flohmarkt, Wein- und Bierausschank und (heute undenkbarem) Meerschweinchenrennen. Über 12.000 Besucher:innen kamen 1976 zu diesen ersten "Sonnentagen" nach Sasbach.

Es war tatsächlich eine sehr überschaubare weltgrößte Ausstellung und es ist beeindruckend, was sich in 50 Jahren aus diesen "Sonnentagen" entwickelt hat. In den Jahren 1977 und 1978 wurde die Messe in Sasbach wiederholt, wuchs dann aber so schnell, dass sie nach Freiburg umziehen musste. Aus den Sasbacher Sonnentagen wurden die großen Öko-Messen des BUND, aus denen sich die Intersolar-Messe entwickelt hat. Eine Messe, für die bald sogar das Freiburger Messegelände zu klein geworden war. Zwischenzeitlich haben Windräder, Fotovoltaikanlagen, Umweltprodukte und Umweltideen längst die kleinen Nischen verlassen. Ökoprodukte und Umwelttechnik, die vor 50 Jahren in Sasbach noch bestaunte neue Sensationen waren, gibt es heute im Baumarkt um die Ecke.

Die vielen privaten Solaranlagen auf den Dächern führten auch zu einer Demokratisierung der Energieerzeugung. Zum Ärger der Energiekonzerne wurde ihr Energieerzeugungsmonopol gebrochen. Heute, 50 Jahre nach den Sonnentagen, versucht Wirtschaftsministerin und Gaslobbyistin Katherina Reiche (CDU) eine energiepolitische Zeitenwende rückwärts durchzusetzen, indem sie für private Solaranlagen die Einspeisevergütung streichen will.

Fossile Lobby scheiterte an der Ökostrom-Bewegung

Noch im Jahr 1993 behaupteten die vier großen deutschen Energieversorger und Atomkonzerne in einer Anzeige in der "Zeit": "Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4% unseres Strombedarfs decken." Im Jahr 2025, 32 Jahre nach dieser Anzeige, hatten die erneuerbaren Energien einen Anteil von 59 Prozent an der Nettostromerzeugung erreicht. Bis heute lässt die Kohle-, Öl-, Gas- und Atomlobby die kostengünstigen und umweltfreundlichen Energien mit Bürokratie und Fake News bekämpfen. Doch Strom aus Wind und Sonne ist schon lange kostengünstiger als Strom aus einem neuen AKW. Wie sagte ein US-Präsident: "It's the economy, stupid."

Solarstrom ist inzwischen weltweit fast überall am günstigsten: In der Wüste von Saudi-Arabien wird er für nur einen US-Cent pro Kilowattstunde (kWh) erzeugt, in Portugal für 1,4 US-Cent pro kWh. Heutige Kriege für Öl und die aktuelle Energiekrise belegen, wie wichtig die zukunftsfähigen Energien für eine kostengünstige und nachhaltige Energieversorgung sind. Der Atomkraftwaffenkrieg gegen den Iran zeigt auch mehr als deutlich die Verbindung zwischen der zivilen und der militärischen Nutzung der Atomkraft und die Gefahren, die durch den Bau und Export von neuen kleinen AKW entstünden.

Im Wyhler Wald steht ein Gedenkstein, der an das "Nai hämmer gsait", an den Erfolg der AKW-Gegner:innen erinnert. Millionen von Solaranlagen auf den Dächern erinnern an einen Traum, der vor 50 Jahren in Sasbach und Wyhl geträumt wurde. In Sasbach am Kaiserstuhl liegen wichtige Wurzeln des heutigen Solar- und Windbooms. Im Sommer 1976 war die Zeit reif für diese neuen Ideen.

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", soll Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einmal gesagt haben. BUND-Aktive und Bürgerinitiativen haben sich damals nicht an den Spruch des Altkanzlers gehalten, sondern ihre Träume in Realität umgesetzt. Sonnen- und Windenergie sind inzwischen selbstständige Wirtschaftsbereiche geworden. Die "Kinder" der Sasbacher Sonnentage sind groß, eigenständig und mehr als lebenstüchtig geworden.


Axel Mayer war fast 30 Jahre lang BUND-Geschäftsführer für die Region Südlicher Oberrhein, saß für die Grünen im Emmendinger Kreistag und engagierte sich als junger Umweltschützer in Wyhl und bei den Sasbacher Sonnentagen.

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