KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ausgabe 299
Wirtschaft

Eine schrecklich geschäftstüchtige Familie

Von Jürgen Lessat
Datum: 21.12.2016
Die Warbanoffs aus Esslingen galten als schwäbische Vorzeigeinvestoren. Bis der Vater mit den Söhnen beim Fellbacher Gewa-Tower zu hoch hinauswollte. Mit dessen Pleite endet eine schillernde Familiensaga, in der auch Bahnchef Rüdiger Grube und der einstige S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich auftauchen.

Die Stimme klingt beschwingter, als es angesichts der Umstände zu erwarten wäre. "Michael Warbanoff am Apparat", meldet sich fröhlich der Seniorchef der Esslinger Gewa-Gruppe. Während die Internet-Präsenz www.warbanoff.de seit kurzem ins Leere führt, ist das Büro im Vorort Mettingen besetzt. Die gute Laune des 70-jährigen Firmenpatriarchen verschlechtert sich jedoch, als der Anrufer Näheres zu einer der zahlreichen Gewa-Gesellschaften wissen will. Konkret zur Pleite der "GEWA 5 to 1 GmbH & Co. KG", die bis vor kurzem noch am spektakulären Turmbau zu Fellbach arbeitete. "Das hat Sie nichts zu interessieren", schreit der Unternehmer. Wenn einer Auskunft gebe, dann nur Mark Warbanoff. Doch der jüngste Sohn habe gerade Termine. "Versuchen Sie es später nochmals", bellt er und legt auf.

Überraschend hatte Warbanoffs Firma, die seit 2014 den dritt höchsten Wohnturm Deutschlands baute, Mitte November Insolvenzantrag gestellt. Seither muss die Wein- und Kongressstadt Fellbach vor den Toren Stuttgarts befürchten, eine 107 Meter hohe Bauruine als neues Wahrzeichen zu bekommen. Auch bangen Anleger, die 35 Millionen Euro in eine Turm-Anleihe steckten, um ihr Geld. Genauso wie die Käufer von 44 Wohnungen, die bereits Anzahlungen für "höchste Wohnträume" im Wolkenkratzer leisteten.

Dem Sohn tut's jedesmal weh, wenn er an dem Turm vorbei fährt

Anders als der Vater gibt sich Junior Warbanoff später auskunftsfreudiger, wählt seine Worte in nachdenklichem Tonfall. "Keine Ahnung" habe er, wie es mit dem unfertigen Wohnturm weitergehe. "Auch für uns ist es ziemlich schlimm, so etwas haben wir selbst noch nie erlebt", sagt der 37-Jährige zu den dramatischen Entwicklungen. Täglich fahre er an dem Turm vorbei. "Es tut jedes Mal weh", beteuert der Betriebswirt. Schließlich sei das Hochhaus auch ein Stück seines Lebenswerks, mit dem er sich seit Jahren intensiv beschäftigt habe. "Das fehlt jetzt", sagt Warbanoff, "wir wollen keine Bauruine. Wir wollen, dass das Projekt fertiggestellt wird".

Bis vor wenigen Wochen noch war die schwäbische Hochhauswelt in Ordnung. Anfang September feierte man mit Bauarbeitern und Lokalprominenz Richtfest am Rohbau. Sie hätten sich nicht mit kleinen Plänen aufgehalten, sondern den großen Wurf gewagt, lobte der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm die Immobilien-Familie. "Wer nicht an den Fortschritt glaubt und denkt, alles sei schon ausgereizt, der tut sich und der Nachwelt nichts Gutes", pries der CDU-Politiker die Warbanoffs auf Neuschwäbisch als "Risk-Taker", das Risiko Wagende.

Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Wenige Tage später wurde aus Risiko traurige Realität. Die Baufirma Baresel räumte Hals über Kopf die Baustelle. "Gespräche zur Klärung offener Punkte" mit der Traditionsfirma, so die verharmlosende Ad-Hoc-Meldung, scheiterten. Seitdem sucht der Insolvenzverwalter Geldgeber, die ein paar Millionen für die markante Immobilie übrig haben. Die Warbanoffs waren ihren Turm los. Scheitern gehört eben auch zum Geschäft, glaubt Sohn Mark: Dass das größte Vorhaben der Familie bislang in die Binsen geht, sei auch ein Stück weit Unternehmertum. Die Schuld sieht er bei anderen: "Wir sind sicherlich daran gescheitert, dass wir die falschen Partner hatten", sagt er.

Kontakt zu den "Alten Herren" schadet nie

Bis zur Pleite wirbelte der Warbanoff-Clan erfolgreich übers Immobilienparkett. Obwohl die Geschäfte zunächst andere waren. Vater Michael, Jahrgang 1946, übernahm in den Siebziger Jahren den elterlichen Apparatebaubetrieb in Esslingen. Parallel dazu gründete der Feinmechaniker und Wirtschaftsingenieur ein Systemhaus. Nach Verkauf beider Unternehmen an Mitarbeiter wechselte der Senior das Metier: 1998 gründete er die Gewa-Gruppe, die über Projektgesellschaften Immobilien entwickelte, baute und vermietete oder verkaufte. Den Firmennamen leitete er aus seinem zweiten Vornamen (Georg) und dem Nachnamen ab.

In des Vaters Fußstapfen stieg der ältere Sohn Niko, indem er an der Esslinger Fachhochschule Wirtschaftsingenieur studierte. Gleich im ersten Semester schloss sich Niko der Verbindung Staufia an, bei der schon sein Vater Mitglied war. Davon habe er im Studium, aber auch danach profitiert, sagte er später der "Eßlinger Zeitung". Natürlich schade es nicht, wenn man als Student Kontakt zu den "Alten Herren" der Verbindung hat, die oft einflussreiche Positionen in der Wirtschaft bekleiden, räumte er ein. Sowohl ein Auslandssemester in Singapur als auch der erste Job bei der Mercedes-Benz-Bank kamen durch die Vermittlung eines Bundesbruders zustande.

Der jüngste Warbanoff, Mark, widmete sich direkt den Geldgeschäften. Er lernte Bankkaufmann, danach studierte er Betriebswirtschaft. Wie sich Kapital vermehrt, erlebte er beim Immobilienfinanzierer BF.direkt AG, wo er ab 2005 die gewerbliche Finanzierungsvermittlung für Bauträger und Projektentwickler aufbaute. 2007 stieg er als geschäftsführender Gesellschafter in die Gewa-Gruppe ein. Wie man gute Geschäfte macht, erzählte er später etwa beim Property Lunch im Oktober 2014: "Projektfinanzierung ohne Banken am Beispiel des Fellbacher Gewa-Towers", lautete sein Vortag im Hotel Graf Zeppelin, für den Zuhörer 190 Euro inklusive Mittagessen berappten.

Damals liefen die Gewa-Geschäfte noch ausgezeichnet. Michael Warbanoff hatte zunächst in vermietete Bestandsimmobilien investiert. Zur Jahrtausendwende realisierte er sein erstes Neubauobjekt: das Arbeitsamt mit Einzelhandelsläden in Backnang. Alle aufgekauften oder neugebauten Immobilien sollten langfristig im Gewa-Bestand bleiben. Mit der Zeit stiegen die Investitionen auf zweistellige Millionensummen, die fertigen Gebäude umfassten tausende Quadratmeter Nutzfläche. Mit "Ihr Partner für Großprojekte", begrüßten Vater und Sohn Mark zuletzt die Besucher auf der inzwischen stillgelegten Homepage. Seit der Unternehmensgründung habe man Projekte für rund 250 Millionen Euro realisiert, bewarben sie ihre Expertise.

Daimler war der wichtigste Kunde

Nach Ladenpassagen, Büros und Studentenbuden baute Warbanoff in großem Stil auch Industriehallen. Wichtigster Kunde in diesem Segment: die Stuttgarter Daimler AG. Die Geschäfte mit dem Autokonzern begannen 1998, als Michael Warbanoff in der Sindelfinger Kolumbusstraße eine Halle erwarb, in die die PKW-Versuchsabteilung einzog. Im November 2000 kaufte er einen leerstehenden Supermarkt unweit des größten Daimler-Werks, vermietete ihn nach Umbau als Lager an den Autokonzern. Im Jahr 2001 baute er unweit des Daimler-Stammsitzes in Stuttgart-Untertürkheim für sechs Millionen Euro ein Autohaus für Werksangehörige. 2003 erstellte Warbanoff auf dem zugeschütteten Hafenbecken 3 im Stuttgarter Neckarhafen für 12,5 Millionen Euro eine Logistikhalle für den Überseeversand des Konzerns. Drei Jahre später errichtete er für 16 Millionen Euro den zweiten Bauabschnitt des Zentralversands.

Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com
Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com

Mitten in der Finanzkrise zogen die Warbanoffs ihr größtes Geschäft mit dem Autobauer an Land: Im Juni 2009 wurde der Spatenstich für das neue Daimler-Presswerk Kuppenheim bei Rastatt gefeiert. Nach zwei Jahren Bauzeit sollte in den 92 000 Quadratmeter großen Hallen die Produktion von Karosserieteile beginnen. Als Gesamtinvestition wurden 70 Millionen Euro genannt.

Beim Festakt schaufelten jedoch nur Vater Michael und Junior Mark um die Wette. Sohn Niko fehlte. Dabei hätte der ältere Sprössling in doppelter Rolle mitfeiern können: als Geschäftsführer der Gewa-Kuppenheim Komplementär GmbH, die Bau und Vermietung der Immobilie verwaltete; und als ehemalige Daimler-Führungskraft, zu der er nach dem Wechsel von der Mercedes-Bank zum Mutterkonzern aufgestiegen war. Seit Februar 2008 diente der Warbanoff-Filius sogar dem damaligen Daimler-Vorstand Rüdiger Grube als persönlicher Referent. Zu Grubes Ressort gehörte zuletzt auch der Bereich Real Estates, der die Mietgeschäfte auch mit den Warbanoffs abwickelte.

Ein derart kurzer Draht zwischen Investoren-Clan und Konzernvorstand könnte Anlass für Spekulationen sein. "Es lief alles legal, es gab weder Machen- noch Seilschaften", explodiert Mark Warbanoff auf Nachfrage am Telefon. Wer heute mit diesen alten Geschichten komme, wolle der Familie noch mehr in den Rücken fallen, schimpft er. Eintöniger reagiert Daimler: "Zu Auftragsvergaben bei Lieferanten und Dienstleistern äußern wir uns grundsätzlich nicht", teilt ein Sprecher auf Kontext-Nachfrage mit. 

"Es gibt keinen irgend gearteten Zusammenhang zwischen den von Gewa-Projektgesellschaften errichteten Projekten für die Daimler AG und der Tätigkeit von Herrn Niko Warbanoff als persönlicher Referent von Daimler-Vorstand Dr. Grube", antwortet ausführlicher die Deutsche Bahn, zu der Grube und Niko Warbanoff im Mai 2009 wechselten. Der neue Bahn-Chef nahm damals seinen Stuttgarter Assistenten als "Leiter für besondere Aufgaben" zum Berliner Staatskonzern mit, wo dieser rasant Karriere machte. Kaum ein Jahr später wurde der damals 34-Jährige Leiter des neuen Bereichs "Internationale Geschäftsentwicklung". Heute ist Niko Warbanoff Chef der DB-Tochter Engineering & Consulting mit 3800 Mitarbeitern. "Sämtliche genannte Projekteninitiierungen datieren laut Herrn Warbanoff auch aus einer Zeit vor Februar 2008, als Herr Niko Warbanoff seine Arbeit als persönlicher Referent für Dr. Grube aufnahm", betont der Bahn-Sprecher.

DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de
DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de

Auch habe Warbanoff die Deutsche Bahn "über seine Funktion als Mitgesellschafter der Gewa-Gruppe mit Beginn seiner Tätigkeit bei der DB unterrichtet", ergänzt er. Diese Informationen dürften inzwischen veraltet sein. Die Kuppenheimer Daimler-Hallen wurden im Februar 2015 an die Bensheimer Dietz AG verkauft. Der hessische Immobilienkonzern hatte den Warbanoffs bereits in 2012 das Daimler-Logistikzentrum im Stuttgarter Hafen abgekauft. Vergangenes Jahr schied Bahn-Manager Niko Warbanoff auch als geschäftsführender Gesellschafter der inzwischen insolventen Gewa-Wohnturm Gesellschaft aus.

Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff

Ein weiser Entschluss, denn inzwischen beschäftigt die Hochhaus-Pleite Anwälte, die die Ansprüche der Anleihegläubiger sichern sollen. Einen Totalverlust schließen die Fachleute zwar aus. Doch wie viel am Ende verloren ist, hänge davon ab, wie schnell der Turm fertig gebaut wird. Man prüfe, ob die Projektmanager "gegen Mitteilungspflichten und gegen Bestimmungen der Makler- und Bauträgerverordnung verstoßen" haben, teilte der Deutsche Mittelstandsfonds mit, der zu den Gläubigern gehört. Sollte dies der Fall sein, werde man notfalls im Rahmen der gesetzlichen Durchgriffshaftung auch auf das Vermögen der Familie Warbanoff zugreifen, drohte der Fonds.

Viel zu holen gibt es nicht, glaubt man Mark Warbanoff. "Unser Geld ist komplett weg", beteuert er. Die Verluste der Familie gingen in die Millionen. Außer zwei Bestandsimmobilien gebe es keine Projekte mehr, die den Namen Warbanoff tragen, behauptet er. Wer im Internet googelt, wird dennoch fündig. Auf www.gewa-realestate.de bewirbt Mark Warbanoff das Neubauvorhaben Stuttgarter Tor in Backnang, wo 30 Eigentumswohnungen und Ladeneinheit entstehen sollen.

Auffallend dabei ist, dass auch eine BW Projektgesellschaft das Projekt vermarktet, mit identischem Internetauftritt (www.bw-projekt.de) wie Gewa Real Estate. Geschäftsführer dieser Firma, an der Mark Warbanoff laut Handelsregister früher beteiligt war, ist Tobias Schlauch. Und der ist kein unbeschriebenes Blatt in hiesigen Kreisen: Schlauch managt vom gleichen Firmensitz im Stuttgarter Westen aus auch die Quattrex Sports AG, die ihr Geld in bedürftige Profi-Fußballclubs investiert (Kontext berichtete). 

Gegründet und bis vergangenen August als Aufsichtsratschef kontrolliert wurde die Quattrex Sports AG von Wolfgang Dietrich, dem einstigen Stuttgart-21-Projektsprecher und heutigen Präsidenten des VfB Stuttgart. Dietrich gilt als Freund von Bahnchef Grube.


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