KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ausgabe 299
Wirtschaft

Eine schrecklich geschäftstüchtige Familie

Von Jürgen Lessat
Datum: 21.12.2016
Die Warbanoffs aus Esslingen galten als schwäbische Vorzeigeinvestoren. Bis der Vater mit den Söhnen beim Fellbacher Gewa-Tower zu hoch hinauswollte. Mit dessen Pleite endet eine schillernde Familiensaga, in der auch Bahnchef Rüdiger Grube und der einstige S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich auftauchen.

Die Stimme klingt beschwingter, als es angesichts der Umstände zu erwarten wäre. "Michael Warbanoff am Apparat", meldet sich fröhlich der Seniorchef der Esslinger Gewa-Gruppe. Während die Internet-Präsenz www.warbanoff.de seit kurzem ins Leere führt, ist das Büro im Vorort Mettingen besetzt. Die gute Laune des 70-jährigen Firmenpatriarchen verschlechtert sich jedoch, als der Anrufer Näheres zu einer der zahlreichen Gewa-Gesellschaften wissen will. Konkret zur Pleite der "GEWA 5 to 1 GmbH & Co. KG", die bis vor kurzem noch am spektakulären Turmbau zu Fellbach arbeitete. "Das hat Sie nichts zu interessieren", schreit der Unternehmer. Wenn einer Auskunft gebe, dann nur Mark Warbanoff. Doch der jüngste Sohn habe gerade Termine. "Versuchen Sie es später nochmals", bellt er und legt auf.

Überraschend hatte Warbanoffs Firma, die seit 2014 den dritt höchsten Wohnturm Deutschlands baute, Mitte November Insolvenzantrag gestellt. Seither muss die Wein- und Kongressstadt Fellbach vor den Toren Stuttgarts befürchten, eine 107 Meter hohe Bauruine als neues Wahrzeichen zu bekommen. Auch bangen Anleger, die 35 Millionen Euro in eine Turm-Anleihe steckten, um ihr Geld. Genauso wie die Käufer von 44 Wohnungen, die bereits Anzahlungen für "höchste Wohnträume" im Wolkenkratzer leisteten.

Dem Sohn tut's jedesmal weh, wenn er an dem Turm vorbei fährt

Anders als der Vater gibt sich Junior Warbanoff später auskunftsfreudiger, wählt seine Worte in nachdenklichem Tonfall. "Keine Ahnung" habe er, wie es mit dem unfertigen Wohnturm weitergehe. "Auch für uns ist es ziemlich schlimm, so etwas haben wir selbst noch nie erlebt", sagt der 37-Jährige zu den dramatischen Entwicklungen. Täglich fahre er an dem Turm vorbei. "Es tut jedes Mal weh", beteuert der Betriebswirt. Schließlich sei das Hochhaus auch ein Stück seines Lebenswerks, mit dem er sich seit Jahren intensiv beschäftigt habe. "Das fehlt jetzt", sagt Warbanoff, "wir wollen keine Bauruine. Wir wollen, dass das Projekt fertiggestellt wird".

Bis vor wenigen Wochen noch war die schwäbische Hochhauswelt in Ordnung. Anfang September feierte man mit Bauarbeitern und Lokalprominenz Richtfest am Rohbau. Sie hätten sich nicht mit kleinen Plänen aufgehalten, sondern den großen Wurf gewagt, lobte der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm die Immobilien-Familie. "Wer nicht an den Fortschritt glaubt und denkt, alles sei schon ausgereizt, der tut sich und der Nachwelt nichts Gutes", pries der CDU-Politiker die Warbanoffs auf Neuschwäbisch als "Risk-Taker", das Risiko Wagende.

Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Wenige Tage später wurde aus Risiko traurige Realität. Die Baufirma Baresel räumte Hals über Kopf die Baustelle. "Gespräche zur Klärung offener Punkte" mit der Traditionsfirma, so die verharmlosende Ad-Hoc-Meldung, scheiterten. Seitdem sucht der Insolvenzverwalter Geldgeber, die ein paar Millionen für die markante Immobilie übrig haben. Die Warbanoffs waren ihren Turm los. Scheitern gehört eben auch zum Geschäft, glaubt Sohn Mark: Dass das größte Vorhaben der Familie bislang in die Binsen geht, sei auch ein Stück weit Unternehmertum. Die Schuld sieht er bei anderen: "Wir sind sicherlich daran gescheitert, dass wir die falschen Partner hatten", sagt er.

Kontakt zu den "Alten Herren" schadet nie

Bis zur Pleite wirbelte der Warbanoff-Clan erfolgreich übers Immobilienparkett. Obwohl die Geschäfte zunächst andere waren. Vater Michael, Jahrgang 1946, übernahm in den Siebziger Jahren den elterlichen Apparatebaubetrieb in Esslingen. Parallel dazu gründete der Feinmechaniker und Wirtschaftsingenieur ein Systemhaus. Nach Verkauf beider Unternehmen an Mitarbeiter wechselte der Senior das Metier: 1998 gründete er die Gewa-Gruppe, die über Projektgesellschaften Immobilien entwickelte, baute und vermietete oder verkaufte. Den Firmennamen leitete er aus seinem zweiten Vornamen (Georg) und dem Nachnamen ab.

In des Vaters Fußstapfen stieg der ältere Sohn Niko, indem er an der Esslinger Fachhochschule Wirtschaftsingenieur studierte. Gleich im ersten Semester schloss sich Niko der Verbindung Staufia an, bei der schon sein Vater Mitglied war. Davon habe er im Studium, aber auch danach profitiert, sagte er später der "Eßlinger Zeitung". Natürlich schade es nicht, wenn man als Student Kontakt zu den "Alten Herren" der Verbindung hat, die oft einflussreiche Positionen in der Wirtschaft bekleiden, räumte er ein. Sowohl ein Auslandssemester in Singapur als auch der erste Job bei der Mercedes-Benz-Bank kamen durch die Vermittlung eines Bundesbruders zustande.

Der jüngste Warbanoff, Mark, widmete sich direkt den Geldgeschäften. Er lernte Bankkaufmann, danach studierte er Betriebswirtschaft. Wie sich Kapital vermehrt, erlebte er beim Immobilienfinanzierer BF.direkt AG, wo er ab 2005 die gewerbliche Finanzierungsvermittlung für Bauträger und Projektentwickler aufbaute. 2007 stieg er als geschäftsführender Gesellschafter in die Gewa-Gruppe ein. Wie man gute Geschäfte macht, erzählte er später etwa beim Property Lunch im Oktober 2014: "Projektfinanzierung ohne Banken am Beispiel des Fellbacher Gewa-Towers", lautete sein Vortag im Hotel Graf Zeppelin, für den Zuhörer 190 Euro inklusive Mittagessen berappten.

Damals liefen die Gewa-Geschäfte noch ausgezeichnet. Michael Warbanoff hatte zunächst in vermietete Bestandsimmobilien investiert. Zur Jahrtausendwende realisierte er sein erstes Neubauobjekt: das Arbeitsamt mit Einzelhandelsläden in Backnang. Alle aufgekauften oder neugebauten Immobilien sollten langfristig im Gewa-Bestand bleiben. Mit der Zeit stiegen die Investitionen auf zweistellige Millionensummen, die fertigen Gebäude umfassten tausende Quadratmeter Nutzfläche. Mit "Ihr Partner für Großprojekte", begrüßten Vater und Sohn Mark zuletzt die Besucher auf der inzwischen stillgelegten Homepage. Seit der Unternehmensgründung habe man Projekte für rund 250 Millionen Euro realisiert, bewarben sie ihre Expertise.

Daimler war der wichtigste Kunde

Nach Ladenpassagen, Büros und Studentenbuden baute Warbanoff in großem Stil auch Industriehallen. Wichtigster Kunde in diesem Segment: die Stuttgarter Daimler AG. Die Geschäfte mit dem Autokonzern begannen 1998, als Michael Warbanoff in der Sindelfinger Kolumbusstraße eine Halle erwarb, in die die PKW-Versuchsabteilung einzog. Im November 2000 kaufte er einen leerstehenden Supermarkt unweit des größten Daimler-Werks, vermietete ihn nach Umbau als Lager an den Autokonzern. Im Jahr 2001 baute er unweit des Daimler-Stammsitzes in Stuttgart-Untertürkheim für sechs Millionen Euro ein Autohaus für Werksangehörige. 2003 erstellte Warbanoff auf dem zugeschütteten Hafenbecken 3 im Stuttgarter Neckarhafen für 12,5 Millionen Euro eine Logistikhalle für den Überseeversand des Konzerns. Drei Jahre später errichtete er für 16 Millionen Euro den zweiten Bauabschnitt des Zentralversands.

Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com
Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com

Mitten in der Finanzkrise zogen die Warbanoffs ihr größtes Geschäft mit dem Autobauer an Land: Im Juni 2009 wurde der Spatenstich für das neue Daimler-Presswerk Kuppenheim bei Rastatt gefeiert. Nach zwei Jahren Bauzeit sollte in den 92 000 Quadratmeter großen Hallen die Produktion von Karosserieteile beginnen. Als Gesamtinvestition wurden 70 Millionen Euro genannt.

Beim Festakt schaufelten jedoch nur Vater Michael und Junior Mark um die Wette. Sohn Niko fehlte. Dabei hätte der ältere Sprössling in doppelter Rolle mitfeiern können: als Geschäftsführer der Gewa-Kuppenheim Komplementär GmbH, die Bau und Vermietung der Immobilie verwaltete; und als ehemalige Daimler-Führungskraft, zu der er nach dem Wechsel von der Mercedes-Bank zum Mutterkonzern aufgestiegen war. Seit Februar 2008 diente der Warbanoff-Filius sogar dem damaligen Daimler-Vorstand Rüdiger Grube als persönlicher Referent. Zu Grubes Ressort gehörte zuletzt auch der Bereich Real Estates, der die Mietgeschäfte auch mit den Warbanoffs abwickelte.

Ein derart kurzer Draht zwischen Investoren-Clan und Konzernvorstand könnte Anlass für Spekulationen sein. "Es lief alles legal, es gab weder Machen- noch Seilschaften", explodiert Mark Warbanoff auf Nachfrage am Telefon. Wer heute mit diesen alten Geschichten komme, wolle der Familie noch mehr in den Rücken fallen, schimpft er. Eintöniger reagiert Daimler: "Zu Auftragsvergaben bei Lieferanten und Dienstleistern äußern wir uns grundsätzlich nicht", teilt ein Sprecher auf Kontext-Nachfrage mit. 

"Es gibt keinen irgend gearteten Zusammenhang zwischen den von Gewa-Projektgesellschaften errichteten Projekten für die Daimler AG und der Tätigkeit von Herrn Niko Warbanoff als persönlicher Referent von Daimler-Vorstand Dr. Grube", antwortet ausführlicher die Deutsche Bahn, zu der Grube und Niko Warbanoff im Mai 2009 wechselten. Der neue Bahn-Chef nahm damals seinen Stuttgarter Assistenten als "Leiter für besondere Aufgaben" zum Berliner Staatskonzern mit, wo dieser rasant Karriere machte. Kaum ein Jahr später wurde der damals 34-Jährige Leiter des neuen Bereichs "Internationale Geschäftsentwicklung". Heute ist Niko Warbanoff Chef der DB-Tochter Engineering & Consulting mit 3800 Mitarbeitern. "Sämtliche genannte Projekteninitiierungen datieren laut Herrn Warbanoff auch aus einer Zeit vor Februar 2008, als Herr Niko Warbanoff seine Arbeit als persönlicher Referent für Dr. Grube aufnahm", betont der Bahn-Sprecher.

DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de
DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de

Auch habe Warbanoff die Deutsche Bahn "über seine Funktion als Mitgesellschafter der Gewa-Gruppe mit Beginn seiner Tätigkeit bei der DB unterrichtet", ergänzt er. Diese Informationen dürften inzwischen veraltet sein. Die Kuppenheimer Daimler-Hallen wurden im Februar 2015 an die Bensheimer Dietz AG verkauft. Der hessische Immobilienkonzern hatte den Warbanoffs bereits in 2012 das Daimler-Logistikzentrum im Stuttgarter Hafen abgekauft. Vergangenes Jahr schied Bahn-Manager Niko Warbanoff auch als geschäftsführender Gesellschafter der inzwischen insolventen Gewa-Wohnturm Gesellschaft aus.

Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff

Ein weiser Entschluss, denn inzwischen beschäftigt die Hochhaus-Pleite Anwälte, die die Ansprüche der Anleihegläubiger sichern sollen. Einen Totalverlust schließen die Fachleute zwar aus. Doch wie viel am Ende verloren ist, hänge davon ab, wie schnell der Turm fertig gebaut wird. Man prüfe, ob die Projektmanager "gegen Mitteilungspflichten und gegen Bestimmungen der Makler- und Bauträgerverordnung verstoßen" haben, teilte der Deutsche Mittelstandsfonds mit, der zu den Gläubigern gehört. Sollte dies der Fall sein, werde man notfalls im Rahmen der gesetzlichen Durchgriffshaftung auch auf das Vermögen der Familie Warbanoff zugreifen, drohte der Fonds.

Viel zu holen gibt es nicht, glaubt man Mark Warbanoff. "Unser Geld ist komplett weg", beteuert er. Die Verluste der Familie gingen in die Millionen. Außer zwei Bestandsimmobilien gebe es keine Projekte mehr, die den Namen Warbanoff tragen, behauptet er. Wer im Internet googelt, wird dennoch fündig. Auf www.gewa-realestate.de bewirbt Mark Warbanoff das Neubauvorhaben Stuttgarter Tor in Backnang, wo 30 Eigentumswohnungen und Ladeneinheit entstehen sollen.

Auffallend dabei ist, dass auch eine BW Projektgesellschaft das Projekt vermarktet, mit identischem Internetauftritt (www.bw-projekt.de) wie Gewa Real Estate. Geschäftsführer dieser Firma, an der Mark Warbanoff laut Handelsregister früher beteiligt war, ist Tobias Schlauch. Und der ist kein unbeschriebenes Blatt in hiesigen Kreisen: Schlauch managt vom gleichen Firmensitz im Stuttgarter Westen aus auch die Quattrex Sports AG, die ihr Geld in bedürftige Profi-Fußballclubs investiert (Kontext berichtete). 

Gegründet und bis vergangenen August als Aufsichtsratschef kontrolliert wurde die Quattrex Sports AG von Wolfgang Dietrich, dem einstigen Stuttgart-21-Projektsprecher und heutigen Präsidenten des VfB Stuttgart. Dietrich gilt als Freund von Bahnchef Grube.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:













Ausgabe 321 / Feuer unterm Dach / Matthias Kiemle / vor 3 Tagen 9 Stunden
Ich auch.....



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!