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Dokumentarfilm "Girls don't cry"

Eine Stimme für mutige Mädchen weltweit

Dokumentarfilm "Girls don't cry": Eine Stimme für mutige Mädchen weltweit
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In ihrem siebten Jahr sind die Frauenfilmtage Tübingen zur Institution gereift. Am heutigen Mittwoch eröffnen sie mit einer Dokumentation der Stuttgarter Regisseurin Sigrid Klausmann: "Girls don't cry" folgt sechs jungen Frauen auf vier Kontinenten, die sich in schwierigen Situationen behaupten.

"Es war einmal ein Krieg", erzählt die Stimme eines Mädchens. Die Kamera streicht über eine Steppenlandschaft. "Viele Männer gingen weit fort, um zu kämpfen. Ihre Frauen ließen sie allein zurück. Als sie wiederkamen, hatten ihre Frauen mehr Kinder als zuvor. Da haben sich die Männer zusammengesetzt und überlegt, was sie tun könnten, um zu verhindern, dass ihre Frauen mit anderen Männern schlafen." Eine junge afrikanische Frau geht vorbei an Büschen, trägt ein Tongefäß auf ihrem Kopf, wendet sich um, blickt in die Kamera. "So kamen sie auf die Idee, dass alle Frauen beschnitten werden sollten, um ihre Sexualität zu unterdrücken." Dann wechselt die Erzählung den Ort und die Person. Selenna sitzt an ihrem Schminktisch. "Es gab Zeiten", sagt sie, "da habe ich zu meiner Mutter gesagt: 'Mama, warum kann ich keine Frau sein, wenn ich groß bin?'"

Ruhig und konzentriert stellt Sigrid Klausmanns Film "Girls don't cry" schon in den ersten zweieinhalb Minuten zwei sehr unterschiedliche Schicksale vor: Nancy, die sich in Tansania der weiblichen Genitalverstümmelung entzog, Zuflucht in einem Schutzhaus der Organisation "Hope for Girls and Women in Tanzania" fand, und Selenna, die als Transgender-Person in Chile lebt. Vier weitere junge Frauen werden ihre Geschichte erzählen: Sheelan, ein jesidisches Mädchen aus dem Nordirak, das vor dem IS floh und nun in Tübingen lebt. Nina, eine Roma, die aus Deutschland nach Novi Sad in Serbien abgeschoben wurde. Paige aus Coventry, Großbritannien, die sich mit 16 Jahren gegen eine Abtreibung entschied. Sinai, die in Südkorea, dem Land, in dem die meisten Schönheitsoperationen vorgenommen werden, den schönen Schein ignoriert und sich stattdessen auf die Weltmeisterschaften im BMX-Rennen vorbereitet. So unterschiedlich ihre Geschichten auch sind, all diesen Protagonistinnen ist eine stille Zuversicht gemein: Ihre Situation mag ungewöhnlich sein oder schwierig – sie sind entschlossen, sie zu meistern.

Ein Film, der Hoffnung verbreitet

"Girls don't cry" wird am heutigen Mittwoch die 7. Frauenfilmtage Tübingen eröffnen. Seit Klausmann und ihr Team den Film im Frühjahr 2025 fertiggestellt hatten, war er bereits auf mehr als 50 internationalen Festivals zu sehen, hat mehrere Auszeichnungen erhalten. Irene Jung, die Organisatorin der Frauenfilmtage, sah "Girls don't cry" zuerst beim Filmfest Frauenwelten in Berlin. "Mich hat die positive, hoffnungsvolle Note des Films, seine resiliente Haltung gleich gepackt", sagt sie. "Er stellt eine Art Rundumschlag dar durch viele Themen und Kulturen, die wir bearbeiten." Tatsächlich stellen mehr oder weniger alle Filme des Festivals – ob Dokumentar-, Spielfilme oder solche, die die Genres vermischen – mutige und selbstbewusste Frauen aus unterschiedlichsten Teilen der Welt vor.

Dabei wollte Sigrid Klausmann im Grunde gar keinen Film für Frauenfestivals drehen. "Solche Themen standen für mich nie im Vordergrund", sagt sie. "Mein Interesse galt immer den Heranwachsenden und den Menschen, die mit ihnen zu tun haben." Unabhängig vom Geschlecht: Im Dokumentarfilm "Nicht ohne uns" von 2016 etwa lässt sie 16 Neun- bis Zwölfjährige aus 15 Ländern und fünf Kontinenten, Mädchen und Jungen, unkommentiert über ihre Träume sprechen, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Am Ende ihrer Karriere habe sie aber den Wunsch gehabt, einmal nur den Mädchen allein eine Stimme zu geben.

Der Weg zur Filmemacherin war bei Sigrid Klausmann nicht unbedingt vorgezeichnet. 1955 in Furtwangen geboren, arbeitete sie zunächst als Sportlehrerin. "Mit 25 Jahren, spät also, bin ich dem Tanz verfallen", erzählt sie. Eine erste Filmarbeit entstand, als sie das Musical der Kunstschule Labyrinth in Ludwigsburg dokumentierte. Es sollte nicht die letzte sein: Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Walter Sittler, gründete sie vor nun 30 Jahren die Produktionsfirma Schneegans Productions. Die beiden veröffentlichten seither eine Reihe von Lang- und Kurzfilmen. Dazu gehört nicht zuletzt das seit 2012 laufende globale Serienprojekt "199 kleine Held*innen", begonnen mit dem Ziel, aus jedem Land der Erde ein Kind auf seinem Schulweg zu porträtieren. Aus 16 Episoden daraus entstand vor neun Jahren "Nicht ohne uns".

Kultusministerin Schopper initiierte eine Episode

Auch "Girls don't cry" war zunächst als Film konzipiert, der von Kindern erzählen sollte. Schon 2018 hatte sich Sigrid Klausmann bemüht, eine Finanzierung für dieses Projekt zu finden, zunächst vergeblich. Nun ist die Filmförderung Baden-Württemberg zu einem Drittel an den Produktionskosten beteiligt. Jene Episode, die von Nina erzählt, dem Roma-Mädchen, das aus Stuttgart nach Serbien abgeschoben wurde, finanzierte eine Stuttgarter Bürgerin privat.

7. Frauenfilmtage in Tübingen

Hervorgegangen sind die Frauenfilmtage aus dem Tübinger Festival Frauenwelten. Aufgebaut hatte das vor allem Irene Jung Anfang der Nullerjahre. Von 2001 an präsentierten die Frauenwelten 19 Mal mehr als 30 Filme, dann wanderte das Festival nach Berlin ab. Damit in Tübingen keine Lücke entstand, organisierte Irene Jung mit einem kleinen Team einen Ableger des Festivals: die Tübinger Frauenfilmtage. Zeigten sie bei der Premiere 2020 über drei Tage sechs Filme, sind es bei der diesjährigen siebten Ausgabe zehn Filme über fünf Tage. Irene Jung, die vor einigen Jahren noch in Rente gehen wollte, gibt sich entspannt: "Für uns steht nun fest, dass das Festival keine Eintagsfliege ist und wir längerfristig arbeiten wollen", sagt sie. Im eingespielten Zweierteam mit Pia-Lina Multhaup will sie weiter organisieren, unterstützt von einem Kreis von rund 20 Helfer:innen.

Auf dem Programm stehen dieses Jahr vier Dokumentarfilme, drei Spielfilme und zwei Filme, die Dokumentation und Fiktion vermischen. "Manas" von Marianna Brennand etwa erzählt von einem Mädchen, das versucht, der patriarchalen Gesellschaft auf einer kleinen Insel im brasilianischen Amazonas-Urwald zu entkommen, "Nawi – The Future Me" dreht sich um ein Mädchen in Kenia, das in die Ehe verkauft werden soll – für acht Kamele, sechzig Schafe und einhundert Ziegen. Und "The last Ambassador" von Natalie Halla stellt Manizha Bakhtari vor, die als afghanische Botschafterin in Wien, abgeschnitten von ihrem Land, gegen die Taliban arbeitet. Bakhtari wird am Freitag, 27. Februar auf dem Festival zu Gast sein.  (mora/red)

Die 7. Frauenfilmtage finden statt vom 25. Februar bis 1. März im Kino Museum, Am Stadtgraben 2, Tübingen, und im deutsch-amerikanischen Institut, Karlstraße 3, Tübingen.

"Es war schon immer mein Wunsch, einem Kind eine Stimme zu geben, das abgeschoben wurde", sagt Klausmann zu dieser Episode. "Zu zeigen, was das bedeutet, welche Erfahrung das speziell für ein Kind ist. Nina hätte einen ganz anderen Weg gehen können, hätte sie in Stuttgart bleiben können."

Die Geschichte von Sheelan wiederum, dem jesidischen Mädchen, das nun in Tübingen lebt, initiierte Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper. "Sie interessierte sich dafür, wie es heute den Töchtern der Frauen geht, die 2015 von der Landesregierung nach Baden-Württemberg geholt wurden", erzählt Klausmann. Ohne Schopper wäre sie nicht auf die Geschichte eines jesidischen Mädchens gekommen.

Unterstützung von Co-Regisseurin Lina Lužytė

Für ihr weltumspannendes Projekt holte sich Sigrid Klausmann ihre erfahrene Kollegin Lina Lužytė mit ins Boot. Durch diese Aufgabenteilung war es möglich, den Film in einer überschaubaren Zeit fertigzustellen. Sigrid Klausmann drehte als leitende Regisseurin in Tübingen, Großbritannien und Serbien, Lina Lužytė als Co-Regisseurin für die Produktion in Chile, Tansania, Südkorea. Einfach gestaltete sich das in keinem Fall, Hilfe von professionellen Rechercheur:innen, Hilfsorganisationen, Sozialarbeiter:innen musste bei allen Episoden in Anspruch genommen werden. Dennoch entstand ein Film, der große Nähe zu den Lebenswelten der sechs jungen Frauen entstehen lässt.

"Ich stamme selber aus einer großen Familie", sagt Sigrid Klausmann. "Wir waren fünf Geschwister, wir hatten wenig Geld. Ich brauche heute keine wohlhabende Umgebung, um mich wohlzufühlen, und ich habe keine Berührungsängste." Auf die Menschen, mit denen sie zu tun habe, gehe sie stets mit offenen Augen und Herzen zu, erzählt die Regisseurin. "Das war in England so bei einer siebenköpfigen Familie mit zwei Kampfhunden und auch in Serbien, in der Roma-Siedlung. Wir waren so willkommen in diesem Häuschen. Ich hatte mit allen Familien, mit denen wir gearbeitet haben, selbst Kontakt."

Dennoch wird "Girls don't cry" wohl Sigrid Klausmanns letzter Kinofilm bleiben. Die Regisseurin ist mit 71 Jahren insbesondere des Ringens um die Finanzierung von Filmen müde. "Als meine Enkeltochter geboren wurde, sagte ich mir: Nun mache ich diesen Film doch noch und habe ihn ihr gewidmet. Ich habe mich gefragt, wie die Welt wohl sein wird, wenn sie eine Teenagerin ist." Sie ist sehr froh, dieses eine Projekt noch umgesetzt zu haben. "Wir können zwar nicht die Welt retten, aber wir haben etwas geschaffen, mit dem wir dazu beitragen, dass Mädchen sich gestärkt fühlen."


"Girls don't cry" läuft am heutigen Mittwoch, 25. Februar um 20 Uhr im Tübinger Kino Museum als Eröffnungsfilm der 7. Frauenfilmtage. Als Gäste bei der Eröffnung werden erwartet: Sigrid Klausmann, Walter Sittler und Jihan Alomar, Aktivistin, ehemals Gefangene der IS. Das volle Programm der Frauenfilmtage gibt es hier.

Bundesweiter Kinostart für "Girls don't cry" wird voraussichtlich der 23. April sein.

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