Ausgabe 437
Überm Kesselrand

Rote Karte für alle

Von Helga Stöhr-Strauch
Datum: 14.08.2019
Probleme? Nicht in Brandenburg! Sie werden einfach so lange ausgesessen, bis sie normal sind. Das macht die Wahl am 1. September nicht einfacher.

Beamtenmikado ist eine in Brandenburg sehr beliebte Lebens- und Arbeitsform. Sie zeitigt zwar nicht immer die erhofften Erfolge in Sachen Aufschwung, hat sich aber, getreu dem Motto "Wer sich nicht bewegt, fliegt auch nicht raus", sehr bewährt, und hat so manches Problem ganz von alleine erledigt. Die baldige Eröffnung des BER zum Beispiel oder der hoffnungslos überlastete Bahnübergang, der die schöne Stadt Brandenburg/Havel seit vielen Jahren vom Vorort Wust trennt und Autofahrer zum Wahnsinn treibt: Man wartet einfach so lang, bis der Missstand zum Alltag gehört und kein Hahn mehr nach einer Lösung kräht.

Nun haben wir hier demnächst aber ein handfestes Problem. Es sind die Landtagswahlen am 1. September und die Strategie des Aussitzens gilt selbst unter hartgesottenen Brandenburgern nicht mehr als probates Mittel. Obwohl es gewichtige Gründe gibt, so ziemlich allen antretenden Parteien die rote Karte zu zeigen, was jedem Wahlverweigerer allerdings eine blaue Nase bescheren dürfte (um in der Farbmetaphorik zu bleiben). Oder anders formuliert: Wer nicht wählt, wählt die AfD. Indirekt natürlich.

Dieses Problem haben meine Brandenburger Freunde und ich auch erkannt, als wir uns anlässlich meines Geburtstags diesbezüglich unsere demokratischen Hirne zerbrachen. Herausgekommen ist natürlich nichts, denn das Problem ist einerseits komplex und andererseits nicht wirklich erheiternd. Also nicht geburtstagstauglich.

Fakt ist allerdings: Die AfD erhebt hierzulande die Landtagswahl zur Schicksalsfrage über den Sinn oder Unsinn der Wiedervereinigung. Mit Slogans wie "Vollende die Wende" wanzt sie sich ran an die legendär gewordenen "Abgehängten" und reklamiert so den Alleinvertretungsanspruch all derer, die "die Schnauze voll" haben von der "Lügenpresse", "denen da oben", "denen im Westen" und überhaupt. Die Botschaft ist simpel und lautet: Die AfD ist Allheilmittel und die originäre Wende-Partei.

Schau einer an: Ein Sozi wanzt sich an die AfD ran

Was natürlich hanebüchener Unsinn ist, denn die Vereinigung erfolgte erstens nicht unter Mitwirkung der AfD und zweitens nicht im Hinblick auf die Verwirklichung ihrer Ziele. Außerdem gab es die AfD Anfang der 90er noch gar nicht, so dass es von einer ziemlichen Dreistigkeit zeugt, die Ereignisse von vor dreißig Jahren für sich zu verbuchen. Der in München geborene Andreas Kalbitz, der gemeinsam mit Björn Höcke zum ultrarechten Flügel der AfD gerechnet wird und jetzt als brandenburgischer Spitzenkandidat auftritt, zählte 1989 gerade mal siebzehn Lenze und war strammes CSU-Mitglied. Für den reiferen Wessi wie meinen Mann und mich ist es jedenfalls ein schockierendes Déjà vu, ausgerechnet hier und heute mit dem "Freiheit oder Sozialismus"-Slogan eines Franz Josef Strauß' konfrontiert zu werden. Das hat schon etwas Zombiehaftes.

Andererseits ist klar, dass die seit Jahren regierende Brandenburger SPD viel von ihrem ursprünglichen Glanz verloren hat. Das sehen auch meine Freunde so. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke ist seit sechs Jahren im Amt und hat nicht zu Unrecht einen Heidenbammel vor der AfD, der ihrerseits 20 Prozent plus x prophezeit wird.

Dessen ungeachtet preschte vor wenigen Wochen ausgerechnet Udo Wernitz vor. Wernitz ist SPD-Kandidat für den ländlichen, AfD-affinen Wahlkreis 16 in Potsdam Mittelmark, und brachte die AfD für eine Koalition ins Spiel. Er erklärte nämlich der "Märkischen Allgemeinen", man dürfe 20 Prozent der Bevölkerung nicht vernachlässigen. Vielleicht müsse man auch mal über eine Koalition mit der AfD nachdenken. Und außerdem wisse er nicht, wie der Landesvorstand dazu steht.

Das hätte er vielleicht vorher in Erfahrung bringen sollen. Die Reaktion kam jedenfalls umgehend. Johannes Kahrs, Bundestagsmitglied und haushaltspolitischer Sprecher der SPD, sprach von einer "traurigen Einzelmeinung", wobei das ja eine richtig diplomatische Formulierung ist. Dann drohte er mit einer "klaren Ansage der SPD" und von Herrn Wernitz kam erst mal nichts mehr. Aber ich glaube, er kandidiert immer noch.

Für mich als Stuttgart-21-Geschädigte kommt die SPD sowieso nicht wirklich infrage. Sie ist mir ist ein Dorn im Auge. Oder ein Stachel im Fleisch. So genau weiß ich das nicht. Jedenfalls etwas, was ziemlich weh tut. Und das hat nicht nur mit dem Untergang dieser ehemals ehrwürdigen Partei zu tun, sondern auch mit der Trauer darüber, dass eine Partei, die sich "sozial" nennt, durch Neid und Missgunst so zersetzt wurde, dass sie heute einfach nur noch verkommen wirkt. Darüber waren wir uns auch in der Geburtstagsrunde alle einig.

Die Linke ist so attraktiv wie geschmorte Paprika

Andererseits ist es für mich aber auch schwierig, der brandenburgischen Linken meine Stimme zu geben. Obwohl sie sich bemüht, das sehr spezielle Gerechtigkeitsempfinden der Ostdeutschen aufzugreifen und mit zum Teil sehr ausufernden Argumenten zu retten, was vielleicht noch zu retten ist.

Dass ich mich so schwer tue mit der Linken, liegt natürlich an der Geschichte dieser Partei hier im Osten. Seltsamerweise sehe aber nur ich als Zugezogene das so. Die, die hier schon immer lebten, sind entweder komplett "gegen" die Linke und "für mehr Wirtschaft", oder sie haben kein Problem mit ihr. Ansonsten spricht man hierzulande nicht über Politik. Das war schon immer so.

Hinzu kommt, dass die Linke (Ost) mit der Linken (West) ebenso wenig zu vergleichen ist wie die Grünen (West) mit den Grünen (Ost). Während nämlich Bündnis 90/Die Grünen im Osten wie junger Schnittlauch aus dem Boden schießt, haben die Grünen in Westdeutschland bereits eine spätherbstliche Schwarzfärbung erreicht. Die Linke im Osten ist dagegen ungefähr so attraktiv wie eine zu lang im eigenen Saft geschmorte, rotbraune Paprika, die mangels anderer Erfahrungen halt immer irgendwie unter Dampf stand. Und vor einem halben Jahr als Koalitionspartner der SPD die deutlich verschärften Brandenburgischen Polizeigesetze durchwinkte. Diskussionslos und stramm auf Linie. Ohne demokratische Umschweife und ganz in der alten Tradition. Das wird ihr nicht nur von mir übel angekreidet.

Was also bleibt? Die hierzulande gänzlich bedeutungslose FDP mit ihren atemberaubenden Slogans "Wirtschaft bekommt wieder einen Partner!" und "Fahnden wir nach Polizisten!"?

Bei der CDU fallen sogar die Christen vom Glauben ab

Oder die CDU?

Für jeden, der Ingo Senftlebens Wahlkampfsong gesehen oder gehört hat, erübrigt sich diese Frage vermutlich. Man sagt, sogar die wenigen ostdeutschen Christen fallen seit seiner Veröffentlichung vollends vom Glauben ab.

Splitter- oder Kleinparteien gibt es natürlich auch im Osten. Unter ihnen wirken vor allem die Freien Wähler auf mich seltsam inspirierend, da ich hinter der Botschaft "Wählt Freie Wähler!" und dem Hinweis "Gesunder Menschenverstand" selbstverständlich einen tieferen Sinn vermute.

Vielleicht die Idee einer unverstellten Authentizität und Kreatürlichkeit, die keines Friseurs, keiner Werbeagentur, keines Programms und vor allem keiner Botschaft bedarf. Nur wählen kann ich so was natürlich nicht.

Kurzum: Ich habe keine Ahnung, wie die Wahl ausgehen wird und rechne wirklich mit allem. Meine Bekannten sind entweder ratlos oder unentschieden, schwanken zwischen taktischem Wählen und Bauchgefühl. Die mir weniger Bekannten halten sich bedeckt. Wie gesagt: Über Politik wird nicht geredet hier im Osten. Und auch ich weiß nicht, wem ich meine Stimme geben werde. Obwohl die Auswahl an Parteien ja nun wirklich deutlich größer ist als noch vor der Wende!

Vermutlich werde ich mich der Disziplin des Beamtenmikados anschließen und auf eine höhere Eingebung warten. Denn wie heißt es doch so schön? Unverhofft kommt oft. Oder so ähnlich.


Vor einem Jahr ist Helga Stöhr-Strauch, 58, Miterfinderin der Montagsdemos gegen Stuttgart 21, nach Brandenburg gezogen, weil sie in einer "zu Tode gerittenen Stadt" nicht mehr leben wollte. Seitdem hat sie mehrere "Briefe aus Brandenburg" für Kontext verfasst. Zu lesen ist sie auch bei der taz.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

1 Kommentar verfügbar

  • Helga Stöhr-Strauch
    am 25.08.2019
    Update:
    Zwischenzeitlich haben sich die damaligen Bürgerrechtler in Brandenburg/Havel zu Wort gemeldet und folgenden Leserbrief veröffentlicht:
    Leserbrief: Nicht mit uns - Gegen den Missbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf
    Druckansicht

    Leserbriefe

    Erstellt: 25.08.2019 / 13:02 von Erhard Gottschalk

    Ehemalige DDR-Bürgerrechtler aus Brandenburg an der Havel schließen sich der bundesweiten Erklärung von DDR-Bürgerrechtlern an: Nicht mit uns: Gegen den Missbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf. 30 Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1989, die in der friedlichen Revolution und dem Sturz der Diktatur in der DDR gipfelten, wird allerorten an diese Zeit erinnert. Diese Erinnerung ist aus unserer Sicht wichtig und richtig. Die Wahlkampagne der AfD suggeriert den Wählern jedoch, dass die Zustände in der heutigen Bundesrepublik vergleichbar wären mit dem Alltag in der DDR.

    Mit Parolen „Vollende die Wende“ suggeriert sie, dass die Wende nicht erfolgreich war.

    Ziele dieser Revolution waren Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und offene Grenzen.

    Das Führungspersonal der AfD auf Bundes- und Landesebene stammt mehrheitlich aus den alten Bundesländern und hat die Wende hier nicht miterlebt und gestaltet.

    Gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution von 1989 und ihrer Ziele zu Wahlkampfzwecken verwahren wir uns ausdrücklich!

    Christina und Bernd Schulze,
    Dr. Hans Hoffmann
    Pfarrn. Cornelia Radeke-Engst
    Raymund Menzel
    Superintendent S.-Thomas Wisch
    Martina Geiersberg
    Dr. Michael Engst
    Ulrike und Philipp Mosch
    Christina Behrendt
    Christian Radeke
    Erhard Gottschalk
    u.v.m.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!