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Schlammkekse

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In vielen Berichten über das Elend in Haiti werden dünne, getrocknete Tonscheiben gezeigt. Arme Haitianer essen diese angeblich, aus Hunger. Das stimmt so nicht. Es handelt sich um ein Pflege- und Heilmittel.

Als Claudette Coulanges, zurück in Deutschland, zum ersten Mal einen Fernsehfilm über das Elend in Haiti sieht, ist sie schockiert. Dabei hatte die gebürtige Haitianerin an dem Film zum Teil selbst vor Ort mitgewirkt. Die deutschen Filmemacher zeigen dünne, getrocknete Scheiben aus Tonerde, die angeblich aus Schlamm, Salz und Butter gemacht sind. Eine Frau stellt im Elendsviertel Cité Soleil in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince die Tonscheiben her. Foto: dpaViele arme Leute essen diese Scheiben, heißt es in dem Film. "C'est incroyable", sagt die 51-Jährige. "Niemand isst diese Scheiben aus Hunger. Die Geschichte existiert nur in den Medien." Dass sie im Fernsehen in Deutschland immer noch verbreitet wird, kann die Frau nicht verstehen.

Coulanges hat zehn Jahre in Stuttgart gelebt. Kurz vor dem Erdbeben in Haiti vom Januar 2010 zog sie mit ihrer Familie nach Berlin. Doch die meiste Zeit verbrachte sie seitdem in Haiti, um zu helfen. Zurückgekommen nach Stuttgart ist sie nur für wenige Tage, etwa um mit "Brot für die Welt" Hilfsprojekte zu besprechen, den Vorsitzenden der Stiftung Geißstraße, Michael Kienzle, zu treffen und den Chef der Staatskanzlei, Klaus-Peter Murawski, zu besuchen. Murawski, damals noch Stuttgarter Krankenhausbürgermeister, hatte bei einer Haiti-Veranstaltung Unterstützung für traumatisierte Kinder zugesagt.

Claudette Coulanges hat ihr Handwerk als Filmemacherin an der Hochschule für Fernsehen und Film in San Antonio de los Baños auf Kuba gelernt. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes führte sie 1995 nach Deutschland, wo sie seitdem mit ihrer Tochter und ihrem deutschen Mann lebt. Ihr erster, in Deutschland geförderter Dokumentarfilm "Chercher la vie" aus dem Jahr 2000 zeigt den Überlebenskampf zweier Frauen in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince und zugleich die schlimmen Folgen der Globalisierung der Wirtschaft.

In einem Slum gibt es keine Butter

Gerne hätte die inzwischen eingebürgerte Filmemacherin, die fließend Deutsch spricht, über Haiti berichtet – vor allem in der Zeit der Hungerrevolten 2008 und nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010. Doch kein Sender hat sie als Autorin oder Koautorin engagiert. Trotzdem war die Deutschhaitianerin seit dem Beben an drei langen Fernsehdokumentationen als Rechercheurin, Aufnahmeleiterin, Dolmetscherin und Übersetzerin beteiligt. Sie hat Dreharbeiten in Haiti vorbereitet, die gewünschten Protagonisten und Drehorte gesucht, bevor das deutsche Team kam.

Claudette Coulanges kennt die Geschichte von den Lehmplätzchen schon länger. Anfang des Jahres hatte ihr ein deutscher Filmemacher wieder einmal die Geschichte der Lehmkekse erzählt, wie die Scheiben in den Medien auch genannt werden. Er bestand darauf, ihre Herstellung zu drehen. Claudette Coulanges ging dann mit zwei jungen Haitianern in das berüchtigte Elendsviertel Cité Soleil, in dem schätzungsweise 200 000 Menschen leben, um die Fernsehleute mit den Frauen bekannt zu machen, die die Schlammscheiben herstellen. Die Haitianerinnen erzählten, dass sie seit vielen Jahren aus Lehm und Wasser kleine Scheiben formen und an der Sonne trocknen lassen, um sie dann zu verkaufen. Salz oder Butter, wie immer wieder – auch im deutschen Fernsehen – behauptet wird, werde nicht zugegeben. Coulanges: "Völliger Unsinn, denn wer kann sich denn in einem Slum – ganz abgesehen von dem feuchtheißen Klima – Butter leisten?"

Die Tonscheiben dienten den Frauen in Haiti und der benachbarten Dominikanischen Republik als Heil- und Kosmetikartikel. Man benutze sie auch zum Peeling, zum Entfernen der obersten Hautschicht. Deshalb zeige keiner der Filme, die sie kennt, wie hungernde Haitianer die Tonscheiben essen. Coulanges: "Ich kann mich an einige Frauen erinnern, vor allem Schwangere, die gelegentlich getrocknete Tonerde knabberten oder lutschten. Doch das hatte nichts mit Hunger zu tun."

"Wer die Wahrheit wissen will, muss sich Zeit nehmen"

Dies bestätigt der Hamburger Filmemacher Michael Höft, der die Herstellung der Tonscheiben zwar gedreht, dies aber in seinem Film nicht verwendet hat, obwohl auch er "von der Symbolik und Emotionalität des Bildes" zunächst elektrisiert war. "Da man uns versichert hatte, dass die Geschichte nicht stimmt, haben wir verzichtet", sagt Höft. Dass es die Scheiben schon lange Die deutschhaitianische Filmemacherin Claudette Coulanges findet es unglaublich, dass die Geschichte von den Armen, die Ton essen, immer noch verbreitet wird. Foto: Jo Röttgersgibt, sagt auch der Münchner Kameramann Stephan Krause, der sie bei Dreharbeiten in Cité Soleil Mitte der 90er-Jahre gesehen hat.

Die Entwicklungshelferin Astrid Nissen, seit vielen Jahre in Haiti als Leiterin eines Projektbüros der Diakonie Katastrophenhilfe tätig, bestätigte der Kontext:Wochenzeitung, die getrockneten Scheiben aus saurer Tonerde seien ein traditionelles Heilmittel, zum Beispiel bei Verdauungsstörungen, "das man in den Märkten bekommen kann, wie man essigsaure Tonerde in Deutschland in Reformhäusern kauft".

Offensichtlich, so Claudette Coulanges, seien viele Journalisten auf Medienberichte aus der Zeit der Hungerrevolte hereingefallen, zumal die Geschichte einem guten Zweck diene. Doch wer die Wahrheit wissen wolle, "muss sich in Haiti Zeit nehmen". Denn die erste und zweite Version einer Erzählung stimme häufig nicht oder nur teilweise. Dies gelte vor allem für ausländische Journalisten, die ihren Informanten und Protagonisten Honorare bezahlten. "In der Not erzählt man dann auch die Geschichte, die gewünscht wird."

Windige Holzhütten aus deutscher Aufbauhilfe

Entsetzt ist Coulanges über einen deutschen Fernsehbericht, der einen dunkelhäutigen Pfarrer zeigt, der in gutem Englisch das Märchen von den Lehmkeksen erzählt. Der Sender habe nicht einmal die Organisation oder die Kirchengemeinde genannt, für die der Mann arbeitet. Coulanges wundert sich aber auch darüber nicht, denn deutsche Reporter bevorzugten oft englischsprachige Interviewpartner. Da sie die Landessprache Créole nicht beherrschen, könnten sie sich damit einen Dolmetscher sparen.

Von den zig Milliarden Dollar an Aufbauhilfe, so die Deutschhaitianerin, sei bisher nur wenig angekommen. Dirk Niebel, der deutsche Entwicklungshilfeminister, habe Haiti zwar besucht. "Doch er ließ auch ein Jahr nach dem großen Beben immer noch Übergangshütten aus Holz aufbauen, die allerdings nur drei Jahre halten sollen", sagt Coulanges. "Die Haitianer nennen sie deshalb verächtlich Kalòj (gesprochen: Kalosch), Vogelhäuschen." Dennoch gäbe es einige kleine Fortschritte auf dem Land – zum Beispiel in Value, einem kleinen Dorf circa zwei Fahrstunden von der Hauptstadt entfernt, wo sich Bauern ohne staatliche Hilfe erfolgreich organisiert haben, "eine Art Genossenschaft".

Coulanges selbst leitet Projekte in ihrem Geburtsort Aquin, eine Kleinstadt im Süden Haitis. So baut sie zurzeit mit Hilfe der deutschen Organisation "Weltgebetstag der Frauen" eine Brotfabrik auf, um die lokale Landwirtschaft zu unterstützen. "Doch wir backen unser Brot nicht aus Getreide, sondern aus Maniok. Das Brot nennt man bei uns Cassave. Seitdem Haiti aber mit billigen Westwaren überschwemmt wird, backen die Frauen immer seltener das traditionelle Brot." Und der Anbau von Maniok sei stark zurückgegangen.

Subventionierte Importware zerstört die heimische Landwirtschaft

Dies sei nur ein Beispiel für den Niedergang der haitianischen Landwirtschaft. Dieser hatte Mitte der 80er-Jahre begonnen, als die haitianische Regierung die Importsteuern auf Nahrungsmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs auf Drängen der Welthandelsorganisation und der US-Regierung drastisch senkte. Die Folge: massenhafte Einfuhr von preiswerten, zum Teil subventionierten Waren wie Getreide, Reis, Tiefkühlgeflügel oder Schweinefleisch. Und die örtlichen Produzenten blieben auf ihren Produkten sitzen. Dadurch haben sich auch die Essgewohnheiten geändert, sodass man heute kaum mehr Maniokbrot findet.

"Die Bauern in der Umgebung von Aquin bauen jetzt wieder mehr Maniok an, denn sie hoffen, dass die neue Maniokbrot-Fabrik ein Erfolg wird", sagt Claudette Coulanges. Die Landwirtschaft sei der Schlüssel für die weitere Entwicklung Haitis. "Wenn die Bauernfamilien wieder von ihrer Arbeit leben können, müssen sie nicht in die Slums von Port-au-Prince fliehen. Darüber sollten die Medien mehr berichten. Pseudo-Sensationen wie der Verzehr von 'Schlammkuchen' helfen nicht weiter."

Hermann Abmayr war zweimal für mehrere Wochen in Haiti und hat mehrere Artikel über das Land verfasst.


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