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Geburtstagsfest Kontext

Auf die nächsten elf

Geburtstagsfest Kontext: Auf die nächsten elf
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Elf Jahre Kontext und dazu ein Fest, das richtig Laune gemacht hat. 400 vergnügte Menschen, mitreißende Musik, spannende Debatten und eine Laudatio, die wohl zu den kürzesten in der Geschichte der Festreden gehört. Eindrücke von einem tollen Tag im Stuttgarter Theaterhaus.

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Ohne Unterstützung hätte er nicht herausgefunden, erzählt Gerhard Seyfried über seinen Aufenthalt im Irrgarten namens Hauptbahnhof Stuttgart. Über abgründig aufklaffende Baugruben führen hier Fußgängerstege, die abgesperrt sind, um sie herum lädt ein kunterbuntes Durcheinander von Pfeilen zu weitläufigen Spießrouten, die Gleise und Bahnhofsgebäude angeblich verbinden sollen und für die sich festes Schuhwerk empfiehlt. Der Berliner Kultzeichner kam hier am vergangenen Freitag mit einer für Deutsche-Bahn-Verhältnisse erstaunlich moderaten Verspätung von nur 70 Minuten an. Glücklicherweise hat Kontext-Redakteur und Karikaturist Oliver Stenzel das mit Stuttgart 21 verbundene Chaos über Jahre bis ins Detail studiert und konnte so für sicheres Geleit sorgen.

Die Wirren und Wehen um die weiterhin betriebene Bahnhofsruine waren auch ein beliebtes Motiv beim Comic-Workshop, für den Seyfried aus Berlin angereist ist und den unsere Redaktion in Kooperation mit der Stuttgarter Hochschule für Kommunikation und Gestaltung (HfK+G) ausgerichtet hat. Gezeichnet wurde zu den Themen Journalismus/Pressefreiheit und absurde Großprojekte (die entstandenen Werke der beteiligten Studierenden stellen wir nächste Woche ausführlich in Ausgabe 586 vor), und auch der Meister selbst hat zum Bleistift gegriffen: Nach einem Bandscheibenvorfall, einem Unfall und mehreren Operationen zeigt Seyfrieds erste Zeichnung seit rund einem Jahr einen verratzten Lüftungsschacht, aus dem eine siffige Plörre heraustropft, beschriftet mit einem Hinweis: "Stuttgart-Hbf Direkt-Zugang".

Bei der Präsentation der Workshop-Ergebnisse beim Kontext-Jubiläumsfest am Sonntag hielt Zeichnerlegende Seyfried die vielleicht kürzeste und bündigste Laudatio in der Geschichte der Festreden: Die Studenten waren sehr fleißig, er sieht jetzt keine mehr von ihnen im Publikum und weiß gar nicht, was er noch groß sagen soll. Mehr hat er dann auch nicht gesagt – "der Zeichner zeichnet und redet nicht", kommentierte Werner Schretzmeier, Chef des Theaterhauses.

Neben den Werken der Studierenden sind auch Karikaturen von Oliver Stenzel und die Ökodiktator-Comics von Björn Dermann und Peter Unfried ausgestellt (noch zu sehen bis zum 19. Juni!), ein älterer Herr schlendert kichernd daran vorbei und fragt dann gegen 18:15 Uhr wenig optimistisch: "Die Podiumsdiskussion zur Zukunft des Journalismus' ist wahrscheinlich schon vorbei, oder?" Ja, für die ist er leider drei Stunden zu spät. "Ahh, ich habe es befürchtet", seufzt er, "und ich wollte ja pünktlich sein. Aber Zugausfälle, überfüllte Waggons, eine Weichenstörung – Sie wissen ja, die Bahn ..."

Verpasst hat er eine Runde mit Uwe Vorkötter, ehemaliger Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", Thomas Schnedler von Netzwerk Recherche, der taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann und Kontext-Redakteurin Anna Hunger, moderiert von Stefan Siller. Bei allen Anwesenden im Publikum bedankte sich Kontext-Mitbegründer Josef-Otto Freudenreich in einer kurzen Eröffnungsrede für die Tapferkeit, sich bei strahlendem Sonnenschein "dem Drang zum Biergarten widersetzt zu haben", aber immerhin gehe es ja auch um etwas wichtiges: Die Frage nämlich, wie sich bei zunehmender Klickzahlen-Orientierung und schleichender Boulevardisierung der Berichterstattung wenigstens ein bisschen Qualitätsjournalismus im medialen Meinungszirkus sicherstellen lässt (die ganze Rede finden Sie hier).

Dass der Status der Gemeinnützigkeit helfen könnte, darüber waren sich die Podiumsteilnehmer:innen einig – entschiedenen Widerspruch gab es aber für Freudenreichs These, dass der klassische Journalismus ("wie wir ihn gelernt haben") tot sei. Er werde sein Erscheinungsbild ändern, vielleicht nicht mehr gedruckt erscheinen, aber sicher nicht verschwinden, war der Tenor. Und Ulrike Winkelmann verwies darauf, dass auch vor 40 Jahren schon extrem meinungslastige Texte in namhaften Medien gestanden hätten, dass die Vielfalt der publizierten Perspektiven seitdem zugenommen habe und dass zwar auch bei der taz die Zahl der Printabos sinken würden, aber die Zeitung heute über das Internet mehr Leser:innen erreiche als je zuvor. 
 

Panel zur Zukunft des Journalismus. Video: Alfred Denzinger, Beobachternews

Für die Debatte interessierte sich auch Muhterem Aras (Grüne), die Präsidentin des Landtags Baden-Württemberg. Heftig aus dem Publikum heraus insistierend, will sie diskutiert haben, wie eine staatsferne Medienförderung durch Steuergeld aussehen könnte, wie eine freie Presse als "Lebensader unserer Demokratie" erhalten werden kann – und sendet die Glückwünsche ("Happy Birthday") subito per Twitter aus dem Theaterhaus in die Welt hinaus.

Zum Abschluss des Abends, moderiert von Gesa von Leesen, gab es – so viel Eigenlob muss erlaubt sein – noch ein mitreißendes Unterhaltungsprogramm mit der Sängerin Thabilé, die live besser klingt als viele andere auf Studioalben, und mit Kabarett von Jess Jochimsen, der Grenzerfahrungen beschreibt. Etwa, dass man als gesellschaftskritischer Satiriker, von der corona-bedingten Auftragsflaute genötigt, auch mal in einem Autokino auftritt und Blechkisten Witze erzählt, die nicht lachen, sondern hupen, wenn ein Gag zündet.

Dass Kontext als spendenfinanziertes Projekt ohne Werbung elf Jahre lang überlebt, hätte die Redaktion am Anfang selbst nicht geglaubt – und zwischendurch sah es durchaus finster aus in der Kasse. Heute müssen wir nicht mehr jeden Tag ums Überleben kämpfen, sagt Chefredakteurin Susanne Stiefel: "Wir sind von Pionier:innen zu Expert:innen in Sachen gemeinnütziger Journalismus geworden, deren Rat gefragt ist. Eins sagen wir den Journalist:innen immer wieder: Ihr braucht für ein solches Projekt Herzblut und eine gehörige Portion Wahnsinn. Aber ihr braucht vor allem einen guten Anwalt und einen, der etwas von Geld versteht. Wir haben beide." Namentlich der Rechtsgelehrte Markus Köhler und unser Finanzvorstand Johannes Rauschenberger. (Susanne Stiefels Rede ist hier nachzulesen.)

Kontext-Langzeit-Wetterer Peter Grohmann, der unsere thematisch bisweilen etwas düster gestimmten Ausgaben seit einem Jahrzehnt mit seinem beißenden Humor auflockert, gratulierte der "hochverehrten Gemeinde", den "lieben Waffenbrüdern und Beatschwestern" (nachzulesen hier), Ulrike Winkelmann verrät, dass sie in ihrem Leben noch keine 14 Tage im deutschen Südwesten verbracht habe – und trotzdem schaffe es Kontext "mich genau bei dem bisschen Baden-Württemberg, das ich kenne, zu erwischen" (nachzulesen hier). Und sogar der Kolumnist und Stadtflaneur Joe Bauer, dem manch eine:r eine gewisse Griesgrämigkeit nachsagt, konnte sich zu einer Art Lob durchringen: "Elf Jahre sind kein Fliegenschiss." (Nachzulesen hier.)

Besonders freut uns, dass Kameramann Steffen Braun, unterstützt von Anna Hunger – wie auch schon zu unserem fünfjährigen Jubiläum – einen Film über unser Projekt gedreht hat, der einfach klasse geworden ist.

Elf Jahre durchhalten und weitermachen. Das ist nur möglich dank der solidarischen Unterstützung der Kontext-Gemeinde, die will, dass ihre Zeitung noch größer wird. Und wenn jene immer wieder kommen, die von Anfang an dabei waren, dann kann eigentlich nichts schiefgehen: Andreas Schairer, der Anschubfinanzierer, Susanne Bächer, die großzügige Unterstützerin, Edzard Reuter, der Beiratsvorsitzende, und Anton Hunger, der Helfer in der Not. "Toni", einst Sprecher von Wendelin Wiedeking (Porsche), lebt in Berg am Starnberger See, wo er sich den Spaß erlaubt, auch mal als Sozi für den Gemeinderat zu kandidieren, was im Homeland der CSU so sicher ist wie ein Fünfer im Lotto. Sein Trost fürs Scheitern: Nachbar Johano Strasser, ehemals Juso-Vordenker und PEN-Präsident, hat noch schlechter abgeschnitten. Und jetzt hilft Kontext zurück: Hungers nächstes Buch ist fertig, trägt den Titel "Mord a la Mode" (Molino Verlag), beschäftigt sich mit der Mafia im Modebusiness und erscheint zur Frankfurter Buchmesse. Der Held ist natürlich ein Journalist.

Mit den Helden ist das so eine Sache, weshalb wir die Latte etwas tiefer legen und versichern, dass wir unser Bestes geben, gute Arbeit abliefern und darauf hinfiebern, in elf Jahren mit möglichst vielen die nächste Schnapszahl zu feiern. Stuttgart 21 wird bis dahin – da sind wir zu wetten bereit (und füllen weiterhin unser Dossier) – immer noch nicht fertig sein, und so bleibt wohl nur zu hoffen, dass sich die baustellenbedingten Zumutungen nicht noch weiter verschärfen und wir nicht nur übers Internet erreichbar bleiben.

Gerhard Seyfried war jedenfalls nicht der einzige Gast aus der Bundeshauptstadt, der seine Erlebnisse mit Stuttgart-Hbf irgendwie verarbeiten musste. Auch Ulrike Winkelmann twitterte bei ihrer Abreise: "Worüber auch immer ihr meckert in Berlin – die Stuttgarter Bahnhofs-Baustelle ist beispiellos. Stuttgart 21 ist wahrscheinlich ein verdecktes Unternehmen der örtlichen Autoindustrie, die Menschen über viele Jahre vom Bahnfahren abzuschrecken. Faszinierend auch, dass der Stuttgarter Hbf faktisch von einer einzigen Riesenkreuzung umgeben ist – ohne Fußgängerüberwege! Es gibt eine Unterführung, in der sich nur Menschen zurechtfinden, die schon darin geboren wurden." Und wenn das Projekt einmal fertig wird, sind sie alt genug, für Kontext zu spenden.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Nowak
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Ein sehr lebendiger Bericht über diesen Treffen, da kann ich mir auch als ein Bild machen, wenn ich nicht dabei war. Jedes oppositionelle linke Medium, das sich in diesen Zeiten halten und seinen Einfluss noch ausbauen kann, ist ein Erfolg. Vielleicht hätte es der Kontext-Geburtstagsfeier gut getan,…
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