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Juso-Chef zur SPD Baden-Württemberg

"Mir bricht es das Herz"

Juso-Chef zur SPD Baden-Württemberg: "Mir bricht es das Herz"
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Das Desaster der baden-württembergischen SPD bei der Landtagswahl am 8. März wühlt die Parteimitglieder auf. Zumindest die jüngeren. Juso-Landeschef Daniel Krusic fordert den Rücktritt von Sascha Binder vom Fraktionsvorsitz und eine Abkehr von der Funktionärspartei.

Herr Krusic, nur Stunden nach der Wahl von SPD-Generalsekretär Sascha Binder zum Chef der auf zehn Abgeordnete geschrumpften neuen Landtagsfraktion haben Sie dessen Rücktritt gefordert. Welche Reaktionen erreichen Sie?

Extrem positive. Natürlich habe ich Kritik aus der Fraktion vernommen, aber so viele Basismitglieder, gerade ältere Genossen, sagen, wie richtig diese Rücktrittsforderung ist und dass das Klingbeilen nicht mehr funktionieren darf. 

Daniel Krusic, 28, SPD, ist seit September 2024 Vorsitzender der Jusos Baden-Württemberg. Politisiert wurde er durch eine Reise in die Heimat seiner Eltern im alten Jugoslawien. Er spricht von einem prägenden Erlebnis und dem Wunsch, der in ihm entstanden sei, sich für Menschen zu engagieren, zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe. Er gründete den Jugendgemeinderat in Leinfelden-Echterdingen mit, war einer der Organisatoren des ersten Christopher Street Days in Esslingen 2023 und dort auch Juso-Kreisvorsitzender. Heute lebt er in Esslingen und studiert an der Verwaltungshochschule in Kehl.  (jhw)

Klingbeilen?

Der eine – im Fall von Saskia Esken die eine – geht, und der andere macht Karriere. Das darf in Baden-Württemberg nach diesem Ergebnis und diesem Wahlkampf, den Sascha Binder mitverantwortet, nicht so laufen. Er ist am Wahlabend zurückgetreten und zwei Tage später wiedergekommen. Das geht nicht. Natürlich braucht die Fraktion schnell eine Führung, um handlungsfähig zu sein, aber es sitzen zehn Leute von uns im Landtag. Binder könnte sich um die Strukturen kümmern und ums weitere Vorgehen. Er hätte nicht nur auf uns Jusos, sondern auch auf die Partei insgesamt zugehen müssen. Er hätte sogar sagen können: Ich übernehme für eine gewisse Zeit das Amt und auf diese Weise Verantwortung und trete dann zur Seite. Das hätten wir mitgetragen. Das hätte auch die notwendige Größe nach so einer Klatsche bewiesen. Stattdessen stellt er sich hin und will der neue starke Mann sein. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

Sondern? 

Wir werden uns weiterhin für eine andere Lösung starkmachen …

… und die SPD steht wieder zerstritten da. Ist so ein Personalstreit in dieser Situation wirklich geboten?

Gegenfrage: Wovor sollen wir uns noch fürchten bei 5,5 Prozent? Also: wann, wenn nicht jetzt?

Unumstritten ist das Vorgehen aber nicht. Mehrere Juso-Kreisverbände sind jetzt ihrerseits mit dem Vorstand nicht einverstanden. Wie soll das weiter gehen? 

Im Juso-Landesverband erfahren wir bereiten Zuspruch von vielen Juso-Kreisverbänden und Basismitgliedern. Wir fühlen uns von einer breiten Mehrheit in der Sache getragen und wertgeschätzt. Das gibt uns Antrieb, auch weiterhin für die Erneuerung der SPD im Land zu kämpfen.

Auf der mühsamen Suche nach einem positiven Aspekt fällt zumindest ein Punkt auf: Mit Blick auf die Gleichstellung der Geschlechter ist die SPD die größte Nutznießerin des neuen Wahlrechts mit der Möglichkeit, Männer und Frauen im Reißverschluss zu platzieren.  

Das stimmt und auch deshalb ist das Ergebnis so bitter. Wir könnten mit einer paritätisch besetzten Landesliste und einer großen Fraktion die gesellschaftliche Wirklichkeit in den Landtag tragen und zeigen, wie wichtig die Teilung politischer Macht ist. Jetzt sind wird durch fünf Männer und fünf Frauen vertreten in einem Parlament mit 157 Abgeordneten. Wir erwarten eine Fraktionsspitze, die zur Hälfte mit Frauen besetzt ist. Die Männer haben es vergeigt, die Frauen müssen mit aufräumen. Das ist leider noch immer das gesellschaftliche Problem in vielen Bereichen. 

Die Suche nach den Gründen für die Wahlniederlage ist einfacher. Was war für Sie ausschlaggebend?

Es gibt ein systemisches Versagen der Fraktionen und der Partei in den vergangenen fünf bis zehn Jahren oder sogar noch länger, Verbände und Organisationen im Vorfeld zu halten, für uns zu interessieren und an uns zu binden. Schleichend kommt ein Kipppunkt. Irgendwann besteht zumal in den Ländern im Osten keine Möglichkeit mehr, diese Aufgabe zu übernehmen, weil wir gar nicht mehr genug Leute sind. Das führt in die Bedeutungslosigkeit. Konkret am 8. März hat die Schlussmobilisierung noch einmal zwei oder drei Prozentpunkte gekostet, denn viele haben Grün gewählt mit dem Ziel, Manuel Hagel von der CDU als Ministerpräsidenten zu verhindern. Aber selbst ohne diesen Effekt wäre das Ergebnis ein Desaster. 

Der Hauptgrund? 

Dass die Kampagne nicht gut war, konnte jeder sehen. Wir sind blass geblieben, wir waren nicht interessant. Jetzt nur mit dem Wahlkampf zu argumentieren, wäre aber falsch. Es geht um diese schleichenden Prozesse.

Die da wären? 

Die SPD erscheint immer mehr als Funktionärspartei, die am Alltag der Menschen zu wenig interessiert ist. Dabei gibt es sehr viele engagierte Menschen in der Partei, die sehr wohl konkret für Verbesserungen kämpfen, für niedrigere Mieten oder niedrigere Lebenshaltungskosten zum Beispiel. Das kommt kaum mehr rüber, und das hat üble Konsequenzen, weil ganz andere als Kümmerer-Partei wahrgenommen werden. Die AfD hat mit 18 Prozent eines ihrer besten Ergebnisse überhaupt hier in Baden-Württemberg eingefahren. Das ist nicht sehr weit hinter dem Osten. Und wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Abwanderung zur AfD nicht nur gebremst, sondern umgekehrt wird. Wir sehen ja die Entwicklung im Osten. Wenn wir den industrielle Abstieg, den tatsächlichen und den gefühlten, nicht aufhalten, müssen wir noch mit ganz anderen AfD-Ergebnissen rechnen.

In gut geführten Kellerverliesen stapeln sich hohe Papierberge mit Analysen der Wahlniederlagen seit Anfang der 1980er-Jahre, als Erhard Eppler nach 32,5 Prozent bei der Landtagswahl zurücktrat. Wie muss die Wahl diesmal aufgearbeitet werden?

Die Frage ist schwer und sehr einfach zu beantworten. Wenn gerade dieser parlamentarische Niedergang nicht gestoppt wird, dann braucht er nicht mehr gestoppt zu werden. Formal werden bis zum vorgezogenen Parteitag Ende Juni Regionalkonferenzen stattfinden. Wir bestehen auf einer Mitgliederbefragung. Natürlich ist die personelle Neuausrichtung wichtig – so wie in der Fraktion. Wir müssen uns aber auch damit befassen, wie wir unsere Inhalte künftig an die Leute bringen wollen.

Konkret? 

Da gibt es ein gutes Beispiel auf Landesebene, mit dem wir schlecht umgangen sind: das Volksbegehren zur Abschaffung der Kita-Gebühren. Das ist vom Innenministerium nicht zugelassen worden. Es hat uns aber niemand daran gehindert, das Thema weiter so zu beackern, dass wirklich alle, die nur im Ansatz beteiligt und interessiert sind – und das ist eine sehr große Gruppe –, dieses Thema mit der SPD verbinden. Das hätte uns große Vorteile gebracht, als andere – nämlich Grüne und CDU – auf den Zug aufsprangen. Nur Insider erinnern sich daran, dass wir die Urheber sind und wie wir dafür gekämpft haben. 

Als die SPD in der grün-roten Legislaturperiode nach 2011 den Finanz- und den Kultusminister stellte, gab es aber auch keine Lösung für dieses  Problem.

Stimmt. Das ist eine weitere zentrale Frage, die wir durchdenken müssen. Wir gehen im Bund aus Verantwortung für das Land in die Regierung – nehmen Sie 2017 und die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen. Und wir haben insgesamt ziemlich lang regiert und mitregiert in den vergangenen 28 Jahren und werden oft als die Status-Quo-Bewahrer wahrgenommen, mit minimalen Veränderungen. Da fragen die Leute: Warum habt ihr eure Versprechen nicht schon lange umgesetzt? Das ist eine sehr gefährliche Frage. Oft waren wir der kleinere Partner in Regierungen und in der Ampel in einer komplizierten Konstellation unterwegs, wie alle miterleben konnten. Und es gelingt nicht, den Kompromiss statt als Übel als Errungenschaft demokratischer Prozesse und als Notwendigkeit positiv zu besetzen. Würde die Union mit der FDP regieren, hätte das auf den Alltag vieler Menschen gravierende Auswirkungen. Mit der Ansage, die verhindert zu haben, ist aber nichts zu gewinnen.

Was tun?

In den Verbänden und Organisationen Verbündete suchen. Wieder viel mehr auf Gewerkschaften zugehen. Da sitzen ja die Mitstreiterinnen und Mitstreiter … 

… und im Stuttgarter Gewerkschaftshaus feiert die Linke, auch wenn sie am Ende den Einzug in den Landtag nicht geschafft hat, rauschende Feste mit guter politischer Unterhaltung für Hunderte junger Leute.

Ich bin Gewerkschaftsmitglied. Ich suche den Schulterschluss. Mir bricht es das Herz mitzuerleben, wie die Verbindungen zu den Gewerkschaften ihre Tragfähigkeit verloren haben. Wir haben Leute mit Gewerkschaftserfahrung nicht in der Antragskommission, nicht ausreichend im Landesvorstand. Da muss man sich nicht wundern, wenn diese Perspektiven in unserer Partei zu kurz kommen und wir nicht mehr als Teil dieser Bewegung wahrgenommen werden. Ganz am Anfang meiner Zeit in der SPD habe ich den erzwungenen Abgang von Leni Breymaier miterlebt. Es war ein großer Fehler, dass der Landesverband sie nicht als Vorsitzende behalten hat. 

Da sind wir beim Thema Links-Rechts-Ausrichtung. Spielt das tatsächlich noch eine Rolle in der heutigen SPD?

Die Debatte ist zu unterkomplex für die Probleme, die wir haben. Das Abschneiden der Partei Die Linke zeigt aber, dass so viel Platz links auch nicht ist. Auch die sind zerrieben worden im personalisierten Kampf um das Amt des Ministerpräsidenten. Mehr Verteilungsgerechtigkeit, für die wir kämpfen, ist als Forderung eher links verortet im SPD-Spektrum. Aber es geht vor allem darum, dass wir an unseren Forderungen wie beim Thema Kita-Gebühren dranbleiben. Oder dass die Erbschaftssteuerdebatte, wenn sie am Ende zu einer Erhöhung führt, mit uns verbunden wird und nur mit uns. Wenn wir an die Reichen herangehen, können wir die Mitte entlasten. Irgendwann kommt demnächst das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftssteuer, und dann muss die SPD in der Koalition öffentlich für alle erkennbar ihre Chance nutzen. 

Kommunikation ist auch kein neues Thema, sondern in diesen alten Papierstapeln oft behandelt worden. Was tun, gerade in der neuen Welt der sozialen Medien?

Da war die Kampagne besonders schlecht. In den sozialen Medien haben wir den Zeitgeist ganz verloren. Gute Debatten sind wichtig, Themen per Pressemitteilung zu verbreiten zumindest noch nicht ausgestorben, aber sehr, sehr viele Menschen sind ganz anders zu erreichen. 

Einer macht es vor: Robin Mesarosch, der frühere Bundestagsabgeordnete, hat eine enorme Reichweite, nämlich mehr als 100.000 Follower. Nun hat er angekündigt, für den Landesvorsitz zu kandidieren. Kann er den Weg aus der Krise weisen?

Die SPD war immer dann erfolgreich, wenn sie Personen hatte, die die Menschen mitnehmen und begeistern konnten. Das haben wir schon sehr lange nicht mehr. Robin Mesarosch kann Menschen auf Augenhöhe ansprechen und begeistern. Robin hat als einer der wenigen in der SPD begriffen wie Social-Media funktioniert. Das sollte man nutzen.

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1 Kommentar verfügbar

  • Klaus Holzmann
    vor 4 Stunden
    Antworten
    "Die SPD erscheint immer mehr als Funktionärspartei, die am Alltag der Menschen zu wenig interessiert ist."
    Mitte der 80er war ich Vorsitzender eines SPD-Ortsvereins im Kreis Ludwigsburg und bin damals schon deswegen aus der Partei ausgetreten!
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Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / Peter Peh / vor 4 Tagen 15 Stunden
Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 17 Stunden
AfD = Agitation-für-Dumme

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