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Mit Volldampf voraus

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Für die großen drei – Fritz Kuhn (Grüne), Sebastian Turner (CDU) und Bettina Wilhelm (SPD) – ist Hannes Rockenbauch (SÖS) der gefährlichste Gegner. Weil er eine Ikone des Widerstands ist, Gangolf Stocker an seiner Seite und Träume hat, die jeder einmal hatte: einen Looping spucken können. Wenn der rote Jungvater erzählt, fühlt man sich unweigerlich an Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer erinnert, die mit ihrer Emma durch die Lande dampfen.

Für die großen drei – Fritz Kuhn (Grüne), Sebastian Turner (CDU) und Bettina Wilhelm (SPD) – ist Hannes Rockenbauch (SÖS) der gefährlichste Gegner. Weil er die Ikone des Widerstands ist, Gangolf Stocker an seiner Seite und Träume hat, die jeder einmal hatte: einen Looping spucken können.

Manchmal hat er die Sorge, dass er mehr sendet als empfängt. Abends in Stöckach, wenn Mama Rockenbauch dem kleinen Hannes vorgelesen hat, war die Welt voller Abenteuer. Und Jim Knopf war das beste. Mit Emma in die weite Welt, durch das Land der tausend Vulkane und gegen den Drachen Frau Malzahn kämpfen, zusammen mit Lukas dem Lokomotivführer, der sogar einen Looping spucken konnte, das war wunderbar. Wer weiß, ob die Mutlanger Menschenkette, in der Hannes als Vierjähriger stand, nicht doch der Mund des Todes war, in dem man glatt verschluckt werden konnte.

So in etwa darf man sich die Kinderjahre des Rotschopfs vorstellen. Es sei eine "glückliche Zeit" gewesen, erzählt der heute 31-jährige Architekt und SÖS-Stadtrat, der bisweilen so verträumt guckt, als wäre gestern heute. Er sagt dann so Sachen wie: "Es gibt keine Demokratie ohne Träume." Man ist versucht, sich vorzustellen, wie das wäre, Gerechtigkeit für alle. Aber im Hintergrund tippt Gangolf Stocker, das Realitätsprinzip, in den Computer. Der 67-Jährige hat einen bandagierten Fuß in der linken Sandale.

Sein politischer Ziehsohn sagt, er habe immer nur ins Stöckacher Spielhaus gehen wollen, Lägerle bauen, und dabei gelernt, keine Angst zu haben. Aufstehen und hinstehen, das dürfte im Hause Rockenbauch wichtig gewesen sein, weil Mutter und Vater in der DKP waren, die damals noch von Staats wegen mächtig bekämpft wurde. Warum das so war, versteht heute keiner mehr so recht, möglicherweise auch Ministerpräsident Kretschmann nicht. Die Mutter, ausgebildete Architektin, wäre gerne Regierungsbaumeisterin geworden und fiel unter das Berufsverbot. Der Vater, auch er Architekt, hielt die rote Fahne als Vorsitzender des Waldheims Gaisburg hoch. Inzwischen ist die DKP für sie Geschichte.

Bloß kein Halstuch der Jungen Pioniere

Für den Sohn kam sie nie in Frage. Bloß keine Partei, bloß kein Fahnenappell. Wer mit Emma durch die Lüfte fährt, braucht kein Halstuch der Jungen Pioniere und die Völker die Signale hören zu lassen. Ein Graus sei's ihm gewesen, in Reih und Glied zu stehen, berichtet Rockenbauch junior. Dann doch lieber mit der Gasmaske vor dem Zeppelingymnasium stehen und Autos zählen, mit einem Abischnitt von 1,4 von dannen ziehen und für den Gemeinderat kandidieren, in einer Truppe, die sich "parteilos glücklich" nannte. Und dann auf Gangolf Stocker stoßen.

Zusammen mit Stocker fürchtet er sich vor nichts und niemandem.

Eigentlich konnte das nicht gut gehen. Auf der einen Seite der junge Sponti, der im Leben nie das "Kapital" gelesen hat. Auf der anderen der Altkader, der Lenins "Was tun?" gewiss inhaliert hat. Aber wie das eben so ist mit Klischees, sie stimmen und sie stimmen wieder nicht. Der eine hat das politische Geschäft mittlerweile gelernt, der andere die Freiheit der Meinungen, und das ergibt einen Doppelpack, der nicht zu unterschätzen ist. Das Frische und das Erfahrene und die gemeinsame Lust, sich mit allen anzulegen und keine Angst zu haben. Das macht die beiden stark. Wenn ihn "Bild" einen "Randale-Stadtrat" nennt, grinsen beide darüber; wenn "Rocky" meint, der Gangolf habe ihm "Manieren beigebracht", dann brummt Stocker in seinen weißen Bart, als geniere er sich ein wenig dafür. Irgendwie erinnert das an Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer. Der eine soll ja von den Heiligen Drei Königen abstammen, der andere hatte immer einen Schraubenschlüssel zur Hand.

Die Frontleute der Bewegung werden ihm wohlgesinnt sein

Aber das Leben ist kein Märchen und Stuttgart schon gar nicht. Vor allem dann, wenn man in die OB-Schlacht ziehen will. Kuhn, Turner, Wilhelm, Hermann, Loewe und eine gespaltene Stadt. Und keiner weiß, wie's ausgeht. Der junge Familienvater Rockenbauch, das Töchterchen ist gerade fünf Wochen alt, hat sich das lange überlegt. Mit der Uni, wo er eine halbe Stelle als Architekt und Stadtplaner hat, ist die Sache geregelt. Mit seiner Frau Nadine, die ebenfalls Architektin ist, auch. Unter der Voraussetzung, dass sie eine private Person bleibt.

Ob er sich das gut überlegt hat? Da stockt der Redefluss, weil es Momente gibt, in denen er registriert, dass er wieder einmal mehr sendet als empfängt. Er weiß es selbst nicht so genau. Er weiß, dass er von den S-21-Gegnern vereinnahmt wird, dass er ihre Sache zu vertreten hat, als derjenige, dem sie am meisten trauen und zutrauen. "Der Hannes" ist ihre Ikone. Auch deshalb, weil er es war, dem der Brückenschlag zwischen Aktionsbündnis und Parkschützern als Einzigem gelungen ist, während sein Stocker längst alle Pfeiler eingerissen hatte. Er kann auch sicher sein, dass ihm die Frontleute der Bewegung, die Sittlers, Lösch, Hopfenzitz, Schorlau, Benz usw., wohlgesinnt sein werden.

Aber was ist, wenn's schiefgeht? Nochmals eine Niederlage – nach der Schlichtung, dem Stresstest und der Volksabstimmung?

Persönlich würde er es irgendwie wegstecken. Der Junge ist von einer Ausdauer, die Respekt abnötigt. Wer als Zehnjähriger gegen die Bürgerinitiative "Mein Papi braucht einen Parkplatz" anrennt, als Vierzehnjähriger gegen "Bild" lesende Stadträte ankämpft und als Dreißigjähriger im Haifischbecken des Tiefbahnhofs überlebt, der hat einen langen Atem. Oder einen Motor, der einen treibt. Bei Rockenbauch ist es die linke Utopie, dass ein Leben "ohne Ausbeutung von Mensch und Natur" möglich sei, und dass dies "zivilen Ungehorsam" verlange, der, wie er sagt, zu seinem "Lebensgefühl" geworden ist.

Er hat sich lange überlegt, ob er antreten soll.Das ist nicht einfach so dahingesagt, das verkörpert der SÖS-Stadtrat, der nicht von ungefähr an den jungen Cohn-Bendit erinnert. Das T-Shirt in der Schlichterrunde, die abgewetzten Jeans zwischen den Anzügen von DB-Kefer und MP Mappus, die respektlose Klappe inmitten des Wortgehölzes von OB Schuster und UM Gönner – wer hat sich da nicht, zumindest klammheimlich, an der "Rocky Horror Picture Show" gefreut? Der junge Wilde ist eine ideale Projektionsfläche für alle, die ihrem Chef mal so richtig die Meinung geigen wollen, sie aber nicht zu sagen wagen.

Von Geißler bescheinigt: schnell im Denken und Reden

Aber der helle Kopf, dem Heiner Geißler bescheinigt, "schnell im Denken und Reden" zu sein, weiß auch, dass das nicht reicht. Er soll das Kunststück fertig bringen, Timo den Fahnenschwenker und die Perlenkettenwitwe vom Killesberg zu gewinnen, was bei der zweiten Klientel heftige Konkurrenzkämpfe auslösen wird. Dort wird der Grüne Fritz Kuhn angreifen, der auf Stuttgarts Halbhöhen eine geneigte Kundschaft erwarten darf, und auch die Sozialdemokratin Bettina Wilhelm wird nicht nur im Hallschlag werben. Beide versichern im Übrigen, schon immer gegen S 21 gewesen zu sein und eigentlich dem Murks nur zähneknirschend zuzustimmen, weil das Volk anders gesprochen habe. Die Sphinx Turner ist wenigstens an diesem Punkt ohne Wenn und Aber: für den Tiefbahnhof.

Rockenbauch will deshalb zweigleisig fahren. Gegen Stuttgart 21, selbstverständlich. Da ist er der glaubwürdigste Vertreter. Aber um Himmels willen nicht nur Bahnhof. Bloß keine reine Widerstandskandidatur. Das Leben ist weitergegangen, und deshalb will er die Gleise neu verlegen, auf denen die "Stuttgarter Republik" gestartet ist. Will sagen: er will den Schwung des Aufbruchs mitnehmen und ein neues Schienennetz schaffen, das alle Orte durchzieht.

Emma soll durch die Stadtteile dampfen, befeuert von den vielen Bürgerinitiativen, die wissen, wo der Kittel brennt. In den Kindergärten, den Schulen, den Wohnvierteln, beim Verkehr, Feinstaub, Strom, Wasser, Gas und, und, und. "Kommunalpolitik als Bürgerprojekt" nennt er das. Die Stuttgarter müssten ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen, sonst nähmen sie eine "weitere Zerstörung" ihrer Stadt billigend in Kauf, fordert er. Und deshalb heißt sein Wahlprogramm auch nicht "Oben bleiben", sondern "Stuttgart bewahren, gestalten, verändern".

Er will es direkt, nicht repräsentativ.Auf den Gemeinderat, dem er seit 2004 angehört, mag er dabei nicht vertrauen. Zu viel Oberbürgermeister, zu viel Partei, zu viel Privatinteressen, zu wenig Ahnung. So lautet seine Kurzfassung der "Betonpolitik", die er im Rathaus sieht. Was Wunder, dass einer wie er dem mittlerweile geläufigen Politsprech misstraut, der direkte Demokratie preist und dann doch wieder auf die repräsentative verweist. Den haben alle Parteikandidaten, von Kuhn über Turner bis Wilhelm, drauf. Mag er sie, in seinem radikalen Sinne, als verstaubt, langweilig und machtgeil empfinden – zwischen ihnen wird das Rennen entschieden.

Auch das ist ihm bewusst. Letztendlich wird es also darum gehen, wie viel Stimmen er sammeln kann, bei seinem Spagat zwischen Parkschützern und noch bewegten Bürgern. Wenn es viele sind, werden sich Kuhn oder Wilhelm darauf gefasst machen müssen, dass der Preis für eine Unterstützung im zweiten Wahlgang hoch sein wird. Sie haben dann eine Truppe an der Backe, die das Erbe der "Stuttgarter Republik" als Vermächtnis betrachtet. Und das ist nicht mehr Lummerland.


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1 Kommentar verfügbar

  • OB Anwärter Schroeder (OBAn)
    am 09.05.2012
    Antworten
    Toller Artikel ! ? Ich wurde wieder nicht erwähntn.

    Seit klar ist, dass Walter Sittler nicht antritt, lieg ich in allen Wahlumfragn ZU deutlich vorne.

    Es verbleibn für die weiblichn Wähler aufgrund meiner Attraktivität kaum noch Alternativn, sodass mich die letzten Umfragen bei deutlich über…
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