Brandschutzübung im Bahnhof Stuttgart. Foto: Martin Storz

Brandschutzübung im Bahnhof Stuttgart. Foto: Martin Storz

Ausgabe 404
Politik

Warnsignal noch folgenlos

Von Jürgen Lessat
Datum: 26.12.2018
Bis ein Untersuchungsbericht für den heftigen ICE-Brand im September vorliegt, wird es noch Monate dauern. Schwere Mängel beim Brandschutz für Stuttgart 21 enthüllte der Unfall, der nach früheren Bahn-Aussagen nie hätte passieren dürfen, allerdings bereits. Was auf politischer Ebene aber kaum Nachhall fand.

Die "Fachmitteilung 23" klingt nach bestem Bürokraten-Deutsch: "Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) hat den Fahrzeugbrand zwischen Siegburg/Bonn und Montabaur (Fernbahnhof) am 12.10.2018 als Unfall gemäß Artikel 20 Abs. 1 der europäischen Sicherheitsrichtlinie eingestuft. Die BEU hat die Untersuchungen zur Ursachenermittlung aufgenommen".

Was sich nach harmlosem Funkenflug anhört, betrifft den wohl dramatischten Zugbrand in der jüngeren deutschen Eisenbahngeschichte: In den frühen Morgenstunden des 12. Oktobers war der ICE 511 auf der rechtsrheinischen Schnellfahrstrecke lichterloh in Flammen aufgegangen.

Loderndes Warnsignal

Ausgabe 394, 17.10.2018
Von Jürgen Lessat

Vergangene Woche brannte der ICE 511 zwischen Köln und Frankfurt. Die verkohlten Waggons auf offener Schnellbahnstrecke machen deutlich, dass der Brandschutz für Tiefbahnhof und Tunnel von Stuttgart 21 nichts taugt.

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Zwar will die BEU erst binnen Jahresfrist einen Zwischen- oder gar Endbericht vorlegen. Doch mehrere Medien vermeldeten bereits, dass einer der beiden unten am Waggon angebrachten Transformatoren am Waggon zerborsten sei, worauf sich auslaufendes Kühlöl entzündet habe. Etwas anders stellt ein Kontext-Informant das Geschehen nach. So meldete um 6.36 Uhr die Lagertemperaturüberwachung (LTÜ) im betroffenen Stromrichterwagen dem Lokführer eine Störung, zitiert er aus dem Störfallbericht der Bahn. Demnach hätte eine heißgelaufene Achse den Brand ausgelöst.

In der Folge übten Experten heftige Kritik an der Deutschen Bahn. Die Feuerwehr kritisierte, dass die Bahn die Rettungskräfte nicht ausreichend über die Gefahrenquellen im ICE informiert habe. Zwar seien die Einsatzkräfte nach elf Minuten vor Ort gewesen, diese hätten aber fast eine Dreiviertelstunde warten müssen, bis sie mit den Löscharbeiten beginnen konnten. Grund dafür sei gewesen, dass das Notfallmanagement der Bahn erst 40 Minuten nach der Alarmierung eingetroffen sei, um die Oberleitung zu erden.

Unser Informant betont zusätzlich, dass auch der in Brand geratene Stromrichterwagen mit seinen unter Hochspannung stehenden Kondensatoren hätte geerdert werden müssen. Dies ist durch Umlegen von vier über den Zug verteilten Erdungsschaltern notwendig, was angesichts des Brandgeschehens unmöglich war. Offenbar kam es zu einer Selbstentladung, was den Brandbekämpfern eine lebensgefährliche Überraschung ersparte.

In einem S-21-Tunnel müsste die Evakuierung doppelt so schnell gehen

Interessante Details verraten auch Augenzeugenberichte. "Der Zug kam plötzlich zum Stehen", zitiert "t-online.de" einen Fahrgast. "Uns wurden keine Informationen gegeben, es gab keine Durchsage". 20 Minuten seien zwischen Stillstand und Ausstieg vergangen.

Zum Vergleich: Bei einem Zugbrand in dem knapp 60 Kilometer langen Tunnelsystem von Stuttgart 21 sollen alle Reisenden innerhalb von 11 Minuten in Sicherheit sein, sprich, sich durch Querschläge in die Nachbarröhre selbst gerettet haben.

Dabei ist der Brand von ICE 511 kein Einzelfall. Seit 2008 hat es 39 Mal in ICEs der Deutschen Bahn gebrannt, so Recherchen von "Report Mainz". In 36 Fällen musste der Zug ganz oder teilweise evakuiert werden.

Zwar weigert die Bahn sich bislang, vor Abschluss der Untersuchungen über mögliche Konsequenzen zu sprechen. Vorsorglich beorderte sie aber nach dem Brand alle 60 Züge der betroffenen dritten ICE-Generation zum Sondercheck in die Werkstätten. Anschließend sollen auch die älteren ICE-Modelle auf entsprechende Schwachstellen überprüft werden.

Wenig Nachhall fand der Brand bisher auf politischer Ebene. In Stuttgart weigerten sich die S-21-Befürworter im Gemeinderat (CDU, SPD, FDP und Freie Wähler) ein knapp 170 Seiten starkes Brandschutzgutachten, das im Auftrag des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 erstellt worden war, zur Kenntnis zu nehmen. Beruhigt ging auch Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) Anfang November nach einer S21-Lenkungskreissitzung wieder zum Tagesgeschäft über. Bahn-Vorstand Ronald Pofalla habe ihm versichert, dass Brandschutz und Rettungskonzept für den geplanten Tiefbahnhof auf einen derartigen ICE-Brand ausgelegt seien. "Das war mir wichtig, nochmal nachzufragen, denn es gibt in der Stadt Stuttgart Bürger, die diese Frage natürlich stellen", so Kuhn bei der Pressekonferenz nach der Lenkungskreissitzung.

Dass ein derart heftiger Zugbrand nach allen früheren Aussagen der Bahn, etwa während der S-21-Schlichtung 2011, nie hätte passieren dürfen, war da schon vergessen.


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