Bleibende Baustellen zieren das Stadtbild, Fortschritte gibt's leider keine. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 300
Politik

Jetzt erst recht nicht

Von unserer Redaktion
Datum: 28.12.2016
499 mal hat sich Kontext in den vergangenen bald sechs Jahren mit Stuttgart 21 befasst. 499 mal Aufklärung, 499 mal Information, 499 mal Kritik an Verschleierung und Verdrehung – im Schulterschluss mit einer Bürgerschaft, die mit guten Argumenten immer weiter kämpft gegen ein sinnloses Projekt und die Verschleuderung von Milliarden. Unterkriegen lassen wir uns nicht.

Es war einmal eine ganz ordentliche Idee. Damals in den Siebzigern, als kluge Köpfe erste Überlegungen zu einer neuen, schnelleren Strecke zwischen Mannheim und Ulm anstellten. Bald schon waren mehrere Varianten geboren, darunter auch die eines viergleisigen Durchgangs- mit einem weiterentwickelten Kopfbahnhof. Alles hätte gut werden können oder wenigstens bedeutend besser, als es heute ist - wäre nicht mit den Planern die Phantasie und mit potentiellen Investoren die Gier durchgegangen: "Neue Stadt über Bahnhofstunnel", titelte die "Stuttgarter Zeitung" im Oktober 1990. 2,1 Milliarden gute alte deutsche Mark und damit die Hälfte der Gesamtkosten wollten findige Finanzjongleure erlösen. Mit tatkräftiger Unterstützung vor allem von CDU-Politikern, die eine einmalige Chance von 24.000 Arbeitsplätzen und Wohnungen für 11.000 Menschen herbei halluzinierten, wenn 180 Hektar früheres Gleis- und Bahngelände nicht mehr gebraucht, sondern verkauft würden.

Viele Geschichten, die mit "Es war einmal" beginnen, kennen gute und böse Zauberer. Im Fall von S 21 kamen gleich zwei davon aus Hamburg. Der eine, Johannes Ludewig, handelte im Geist kluger hanseatischer Kaufleute. Der andere - Rüdiger Grube - redete nur darüber. Ex-Bahnchef Ludewig, seit 2006 übrigens Vorsitzender des Normenkontrollrats und damit oberster Berater aller seitherigen Bundesregierungen für Kostenmessungen und Kosteneffizienz, stoppte das Projekt 1999 als "schlicht zu groß und für die Bahn zu teuer". Zwei Jahre später wurde es wieder wachgeküsst, und schließlich ab 2009, unter der Leitung von Grube, wurden endgültig die Weichen gestellt. Krakengleich verschlingt das Vorhaben seither Millionensummen, ohne allerdings im Stuttgarter Stadtgebiet nennenswert voranzukommen.

Wie alle spannenden "Es war einmal"-Geschichten kommt auch S 21 nicht ohne das dramatische "Plötzlich" aus: Ende 2016 begab es sich, dass ganz plötzlich(!) alte Probleme heftig aus den Kulissen drängten. Zu diesem Zeitpunkt wollten die Gierigen all ihre Grundstücke eigentlich schon seit mindestens zehn Jahren verkauft haben und die Halluzinierenden sahen die unterirdischen Züge bereits störungsfrei auf den acht Gleisen. Doch plötzlich(!) drohen auf 15 von 60 Tunnelkilometern im Stadtgebiet dauerhafte Schwierigkeiten, aufgrund der mannigfaltigen Anhydritschichten im Untergrund.

Plötzlich(!) geht es nicht mehr nur um den Bau, sondern auch um den Betrieb des "neuen Herz Europas", wie windige Werber das Milliardengrab tauften, als es Ende des vergangenen Jahrzehnts um wahrlich jeden Preis durchgedrückt werden sollte. Wenn Tunnel quellen, müssen sie regelmäßig gesperrt und saniert werden. Europas Herz müsste dann an eine Herz-Kreislauf-Maschine angeschlossen werden. Die ist aber natürlich bisher weder geplant geschweige denn finanziert. Aus der schnelleren Strecke zwischen Mannheim und Ulm würde in Stuttgart ein dead end, ein tatsächlicher Sackbahnhof, als welcher der Kopfbahnhof von seinen Gegnern immer diffamiert wurde und wird.

Volker Lösch, der Schwabenstreich(l)er, weist den Weg. Den verantwortlichen Politikern fehle Entscheidendes: "Der politische Wille, dieses Projekt wenigstens - wie angekündigt - kritisch zu begleiten. Es fehlt der politische Wille zu einer Politik, die nicht in erster Linie Rücksicht auf die Interessen des Kapitals nimmt. Es gibt keinen politischen Willen, um ein offensichtlich destruktives Projekt zu kippen, keinen politischen Willen, um wider besseren Wissens Schaden von der Öffentlichkeit abzuwenden." Es gibt aber auch kein Naturgesetz, dass das so bleiben muss. Dass Strauße ihren Kopf in den Sand stecken, ist ein Märchen, dass Politiker ihn wieder herauskriegen, immerhin möglich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reagieren sie noch heute.

Spätestens zur 400. Montagsdemo würde der ultimative Erfolg für die Umstiegsfreunde und -innen gerade richtig kommen. "Kontext" jedenfalls könnte für die etwa 555. Befassung mit "Stuttgart 21" einen Jubel-Artikel versprechen. Der Vorfreude wegen und für ein mögliches Happy End, in weltweit so wenig erfreulichen Zeiten, hier schon mal ein Vorschlag, wie wir gerne titeln würden: "Grube kapituliert".


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16 Kommentare verfügbar

  • Frank Schweizer
    am 04.01.2017
    Ich vermisse in dem Artikel den Verursacher Oettinger und seine Unterstützerin Merkel. Grube und die anderenVorstände der Bahn AG sind doch ur die Vasallen der Politik. Haut die Esel und nicht die Säcke.
  • Schwabe
    am 02.01.2017
    Presseerklärung des Aktionsbündnisses vom 2.1.2017

    Aktionsbündnis unterstützt Kirche:
    Kein „Rund-um-die-Uhr-Betrieb“ bei Stuttgart 21!

    Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 begrüßt den Vorstoß des Landesbischofs der Ev. Landeskirche in Württemberg Frank Otfried July, der die Einhaltung der Sonntagsruhe auch auf den S21-Baustellen gefordert hat. Bündnissprecher und Rechtsanwalt Dr. Eisenhart von Loeper: „Es ist ein Skandal, dass die Bahn seit Jahren von Behörden unbehelligt das Feiertagsgesetz bricht“. Bahn und Behörden berufen sich auf angebliche Ausnahmerechte, „wegen der besonderen verkehrlichen Bedeutung des Projekts“.

    weiterlesen:
    https://www.bei-abriss-aufstand.de/2017/01/02/aktionsbuendnis-unterstuetzt-kirche-kein-rund-um-die-uhr-betrieb-bei-stuttgart-21/#more-62080
  • Fritz
    am 31.12.2016
    Und natürlich das S21-Pappkameraden-Skat mit Fred. Jetzt wieder Heine? Schon auf SZ und SWP kommentiert?
  • Auchnormalbürger
    am 30.12.2016
    @Jupp
    Ah, ich glaube jetzt hab ichs kapiert, das ist in etwa so wie wenn ich sagen würde... "Die Flüchtlinge sind Schuld an den Terror-Anschlägen".
    Das stimmt zwar nicht, sorgt aber für Aufregung und Stimmung ;-).
  • Blender
    am 30.12.2016
    Das Problem ist doch nicht, ob es Fortschritte gibt, ...Natürlich gibt es die..., sondern dass diese Fortschritte viel zu teuer erkauft sind und immer teurer werden. Ein Blick nach Berlin zeigt, auch der BER wird bald eröffnet, zwar wieder verschoben, aber nach dem vielen ausgegebenen Steuergeld stelle ich fest, die Verschiebungen werden kürzer. Soweit ist S21,22,23,... noch lange nicht.
  • Fred Heine
    am 30.12.2016
    "Besonders, da es mit K21 eine Alternative gibt, welche die problematischen Zufahrtstunnels nicht benötigt."

    Das heißt jetzt UMSTIEG 21. Ist aber im Prinzip der gleiche Mist wie K21. Und eine Frechheit außerdem. Wer der Bahn Lügen vorwirft und K21 als "Alternative" präsentiert, der sollte sich in Behandlung begeben. Wenn die Bahn so dreist lügen würde wie die K21er mit ihrem Projekt, dann wäre ganz Stuttgart auf den Beinen.
    Besonders frech finde ich den – sic! – grünen Strich mit der Linienführung durchs Stuttgarter Neckartal. Jedes Mal, wenn mir der bei einer Veranstaltung oder an der Wahnmache am Bahnhof gezeigt wird, muss ich nur lachen.
  • Jupp
    am 30.12.2016
    @auchnormalbürger
    Sie müssen noch viel lernen.
    Erstens wird hier stets reflexartig das Thema gewechselt wenn es um Fakten geht. Das ist normal.

    Zweitens ist S21 selbstverständlich am Feinstaub, den Staus etc schuld.

    Der viele Feinstaub und die Staus entstehen durch die Baustellen auf denen, siehe Bildunterschrift, gar nix passiert.

    Ist doch logisch.

    Gegnerlogik. Am Anfang tut man sich etwas schwer damit. Ist irgemdwann ganz einfach zu begreifen. Und das wird sich auch im 500. Artikel nicht ändern.
  • Auchnormalbürger
    am 30.12.2016
    @Fritz: Wer ist wir?

    Es ging doch jetzt in meiner Aussage um den Baufortschritt.
    Wieso kommen jetzt Argumente wie Staus, Feinstaub usw. verstehe das nicht. Das wurde durch die Baustellen sicher nicht weniger, bestreitet auch keiner. Der Feinstaub und die Staus entstehen aber sicherlich nur zu einem sehr geringen Teil durch die Baustelle.
  • Fritz
    am 30.12.2016
    "Auchnormalbürger"... euch fällt wirklich nix mehr ein?

    "Ich fahre jeden Tag durch die Stadt und bekomme die Fortschritte mit."

    Kostenexplosion, Feinstaub, Staus und Behinderungen der öffentlichen Verkehrsmittel sind "Fortschritt"?

    Und, schau, der Jupp-Nick wird auch mal wieder ausgegraben! Muss wohl schon recht verzweifelt zugehen auf der Befürworterseite.
  • Thomas A
    am 30.12.2016
    2010 waren es 4,5Mrd Kosten. 2016 sind es laut Bahn nur noch 4,5Mrd (6,5 - 2 verbaute Milliarden). Laut BRH sind es mehr.
    2011 sollte 2019 fertig sein . 2016 wird es laut Bahn 2023. Aus noch 8 Jahren wurde in 6 Jahren noch 7 Jahre Restbauzeit. Das Projekt ist potentiell unsterblich und unendlich teuer.
    Jetzt soll nachts gebaut werden. Ohne Zusatzkosten. Wo gibt es keinen Nachtzuschlag ? Das ist öffentlich angekündigt ein Rechtsbruch Der Krebs der Stuttgart befallen hat macht Fortschritte.
  • Auchnormalbürger
    am 29.12.2016
    Ich empfinde das auch mittlerweile als Hetze und Wild-Macherei.
    "Baustellen - Fortschritte gibts leider keine." - Das stimmt doch überhaupt nicht. Ich fahre jeden Tag durch die Stadt und bekomme die Fortschritte mit. Wie soll man das bitte verstehen?
  • Normalbürger
    am 29.12.2016
    Jupp.

    Ich finde es prima, wie Sie angebliche 'Unwahrheiten' und 'Faktenresistenz' ausgerechnet auf der anderen Seite suchen, und die über Jahre verteilten, systematisch begangenen, gefühlten 100.000 Lügen dieses Lügenprojekts einfach mal unter den Teppich kehren. Das erhöht Ihre Glaubwürdigkeit immens.

    Weiter so!
    :-)
  • Jupp
    am 29.12.2016
    Wow 499 Artikel. Meist geschrieben von Schauspielern, Kunstmalern ider Theaterregisseuren oder Juristen die von 100 Klagen 99 verlieren. Macht ja nichts, solange diese vim Spendengeld leben. Jeder darf sich hier zu den komplexesten Themengebieten äußern. Egal was er an Wissen mitbringt.

    Und begonnen wird in der ersten Bildunterschrift wieder mal mit einer Unwahrheit.
    "Fortschritte gibt es leider keine"
    Lol.
    Gefühlte 100 der 499 Artikel bejammerten den vielen Lärm und Dreck der Baustellen: -) und jetzt ist plötzlich jahrelanger Stillstand. Sorry Leute, das könnt ihr einem Stuttgarter schlecht weismachen.
    Euer Problem ist, dass die ersten 20 Tunnelkilometer so schnell und belastungsfrei gebaut wurden, dass ihr es nicht mal mitbekommen habt.

    Wie wäre es mal mit einem selbstkritischen Artikel? Einfach mal die 499 Artikel auf FFaktenund Wahrheit durchleuchten. Da bleiben nicht viele übrig.
  • Klaus Steinke
    am 28.12.2016
    Nach Auskunft des Verkehrsministeriums vom 22.12.2016 ist dieses Gutachten dort bekannt:

    Kurzgutachten: Risikoanalyse
    der mit Bau und Betrieb der Zufahrtstunnels verbundenen Risiken für S21 von
    Hans Albrecht Schmid (Prof. Dr. Dipl.-Ing.)
    basierend auf Schlichtungsvortrag und in Zusammenarbeit mit
    Dr. Jakob Sierig

    Vom 2.12.2012 mit editorischen Änderungen vom 7.12.2016

    Zusammenfassung der Ergebnisse
    Es wurde eine Risikoanalyse für S21 Tunnels bzgl. Bau und Betrieb in Gipskeuper-Anhydrit Gesteinsformationen durchgeführt
    S21 hat 4 Zufahrtstunnels, von denen jedes durch Gipskeuper-Anhydrit Gesteinsformationen fuehrt.

    Diese Risiken sind schon fuer einen einzelnen Tunnel sehr hoch. Aber ein besonderes Problem für S21 ist, dass der Bahnhof 4 problematische Zufahrtstunnels hat. Schon wenn ein einziges davon ausfällt, funktioniert der Bahnhof nicht richtig. Damit wird für S21 das ohnehin schon sehr hohe Risiko, das für einen einzigen Zufahrtstunnel gegeben ist, stark vergrößert.

    Ergebnisse der Risikoanalyse:
    Das Risiko, dass Bauprobleme in einem einzigen Zufahrtstunnel (Bau kann nicht wie geplant durchgeführt werden. Daraus resultieren Zusatzkosten und zeitliche Verzögerungen.) auftreten, beträgt 62,5%.

    Das Risiko, dass Betriebsschäden in einem einzigen Zufahrtstunnel (Schäden, welche eine Reparatur oder Sanierung des Tunnels bedingen. Mit Vollsperrung oder Teilsperrung für längere Zeit verbunden.) in einem Zeitraum von 24Jahren auftreten, beträgt 50%.

    Das Risiko für S21 bzgl. des Auftretens von Bauproblemen in mindestens einem der Zufahrtstunnels (Bau kann nicht wie geplant durchgeführt werden. Daraus resultierende Zusatzkosten und zeitliche Verzögerung.) beträgt 98%.

    Das Risiko für S21 bzgl. Betriebsschäden bei den Zufahrtstunnels (Schäden, welche eine Reparatur oder Sanierung des Tunnels bedingen. Mit Vollsperrung oder Teilsperrung für längere Zeit verbunden.) innerhalb von 24Jahren beträgt 94%.

    Das bedeutet dass bei den S21 Zufahrtstunnels mit einer 98% Wahrscheinlichkeit Bauprobleme auftreten, die erhebliche Zusatzkosten und zeitliche Verzögerungen beim Bau zur Folge haben, und dass

    mit einer 94% Wahrscheinlichkeit in einem Zeitraum von 24Jahren Betriebsschäden auftreten, welche eine Reparatur oder Sanierung mindestens eines Tunnels bedingen und mit einer Vollsperrung oder Teilsperrung für längere Zeit und erheblichen Zusatzkosten verbunden sind.

    Ergebnisse der statistischen Absicherung des Bauproblem- und Betriebsschadenrisikos durch eine Konfidenzanalyse (Definition im Detailteil):
    Das Risiko für S21 bzgl. Bauproblemen ist mit einer 90%-en Sicherheit größer als 76%.
    Das Risiko für S21 bzgl. Betriebsschäden ist mit einer 90%-en Sicherheit Risiko größer als 72%.

    Folgerungen:
    Es scheint schon mehr oder weniger grobfahrlässig, bei einem praktisch sicheren Risiko von über 76% für Bauprobleme und bzw. von über 72% für Betriebsschäden in den Zufahrtstunnels das Projekt S21 durchführen zu wollen.

    Besonders, da es mit K21 eine Alternative gibt, welche die problematischen Zufahrtstunnels nicht benötigt.
  • Stefan Urbat
    am 28.12.2016
    Kein Fortschritt? Aber nein, die Kostenexplosion entwickelt sich großartig, immer schön so wie Projektkritiker es seit vielen Jahren mit einigem Vorlauf vorhersagen. In ein paar Jahren wird die DBAG die 10 Milliarden einräumen, die Vieregg+Rössler sowie der Bundesrechnungshof voraussagen und letztere werden dann schon wieder ein paar Milliarden mehr prognostizieren. Ob allerdings die Entscheider der DBAG, der Bundesregierung und der politischen Projektpartner noch halbwegs zeitig die Kurve kriegen, steht auf einem anderen Blatt - was den Stuttgarter Gemeinderat hinsichtlich seiner Mehrheit angeht, bin ich aufgrund vieler Live-Erfahrungen nicht sehr optimistisch.
  • pebo
    am 28.12.2016
    an die Redaktion:

    Sehr gut, bitte dranbleiben, bis der letzte Absatz des Beitrags Realität wird.

    Es wäre zu Zeiten schlechter Nachrichten endlich mal was Positives, und die Mühen wären nicht umsonst gewesen.

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