Früher wurde hier demonstriert, heute blühen Blumen.

Ausgabe 252
Politik

Pril-Blumen statt Parkbäumen

Von Jürgen Lessat
Datum: 27.01.2016
In den Siebzigerjahren klebten sie überall: die Pril-Blumen. Eine ganze Generation ist mit den kultigen Klebern auf Herddeckeln und Küchenfliesen aufgewachsen. Jetzt erleben sie ihr Revival. Nein, nicht in blitzeblanken Designerküchen. Sondern im größten Dreckloch des Schwabenlands.

Wer über den Steg im Schlossgarten zu den Bahnsteigen im bestehenden Hauptbahnhof geht, kann zurzeit bei Dunkelheit blühende Baustellenlandschaften bewundern. Projektoren streuen die poppigen Pril-Blumen über den Troggrund des neuen Bahnhofs und auf die Abrissfassaden des alten. Die bunte Illumination haben sich die Werbestrategen des Bahnprojekts zu den offenen Baustellentagen Anfang des Jahres ausgedacht. "Wunderschön" – weil die Resonanz darauf so gut gewesen sei, wurden die Lichter nicht sofort ausgeknipst, als die S-21-Baustellen für die Öffentlichkeit wieder zur Tabuzone wurden, heißt es aus dem Verein des Bahnprojekts. Bis Ende Januar darf es weiterblühen.

Bei manchem weckt das bunte Blumenmeer dann doch ganz andere Erinnerungen. An die mehr als 280 Bäume, die an dieser Stelle des Schlossgartens standen. Pril-Blumen statt Parkbäumen? Ist das die neue Nachhaltigkeitsstrategie der Bahn? Wohl kaum. Zumal der milliardenschwere Bahnhofsbau an sich nicht nachhaltig ist, siehe den Artikel "Klimakiller Tiefbahnhof" in dieser Ausgabe: Beim Bohren, Baggern und Betonieren in Stuttgarts Untergrund entweichen rund 1,6 Millionen Tonnen Treibhausgase, die unser Klima erwärmen. Damit trägt das Zukunftsprojekt an einem schweren "ökologischen Rucksack", den es wohl nie wird ablegen können. Eine schlechte Nachricht der amerikanischen Weltraumbehörde NASA zum Klimawandel: Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war es so warm wie 2015.

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1 Kommentar verfügbar

  • Hoßfeld, Christiane
    am 27.01.2016
    Und ich habe gedacht, das ist eine ironische Kunstaktion von S21-Gegnern. Prilblumen sind für mich der Inbegriff der aufgehübschten Heile-Heile-Welt-Saga der Siebziger und Achziger. Zum Schmuck des Heimes als Burg gegen das gefährliche Außen, das Andere. Genauso künstlich und stilisiert haben sie den familieninternen Schmutz überklebt, Schadstellen unsichtbar gemacht. Auf eine gruselige Weise passen Sie hervorragend in diesen Trog. Das Einzige, was mich daran überrascht, ist, dass es die S12er selbst sind, die sich so darstellen. Das nenn ich mal Transparenz.

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