Pomadiert und zugeknöpft: Die Junge Union demonstriert beim Grünen-Parteitag in Reutlingen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 246
Politik

Reaktionäre Turbolader

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 16.12.2015
Immer wieder in der Nachkriegsgeschichte hat der Nachwuchs in der CDU als leidlich innovative Kraft agiert. Heutzutage sind führende Köpfe der Jungen Union Modernisierungsbremser und allzu oft auch noch Snobs oder Schnösel.

Sie wollen, dass vor jedem DFB-Pokalspiel die deutsche Hymne gesungen wird, sie wollen die Einnahmen des Staates verringern mit Hilfe von Steuersenkungen und den Hartz-IV-Satz abkoppeln von der Lohnentwicklung. Sie wollen zum Soldatengedenken einen Veteranentag, einen bundesweiten Eignungstest für alle Gymnasiasten, keine Gender-Forschung mehr und keine Frauenquoten, dafür aber ein neues Kindergeld. Sie kommen nicht selten daher, als wären sie von vorgestern, und doch werden sich aus Kreisen der JU tragende Teile der künftigen Unions-Elite rekrutieren. Spätestens in der Nach-Merkel-Ära soll die Partei raus aus der Mitte und wieder nach rechts. "Wir müssen uns wieder unterscheidbar von der SPD machen", sagt Carsten Linnemann, 38 Jahre alt und smarter Chef des Wirtschaftsflügels, unter anderem ein mannhafter Kämpfer gegen Rettungsmaßnahmen für Griechenland.

Heinz Schwarz hingegen ist stolze 87 Jahre alt, hat seit seinem Eintritt in die Partei sofort nach ihrer Gründung noch nie einen Bundesparteitag der CDU verpasst und die JU mitbegründet. In Karlsruhe versteht er die Welt nicht mehr. "Nit mehr", sagt der berühmte Winzersohn, der es einst unter Ministerpräsident Helmut Kohl (Jahrgang 1930) zum rheinland-pfälzischen Innenminister gebracht hatte. Dass die JU, die er selber nach dem Zweiten Weltkrieg mitgegründet hat, der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage in den Arm fällt – Schwarz fehlen die Worte: "Da ist ja die Vorsitzende moderner und besser als unsere Jungen."

"Unsere Jungen", das waren Matthias Wissmann (Jahrgang 1949), der den Verband 1980 für Kontakte zur DDR öffnete und die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie zum Ziel erhob. Oder Gerd Langguth (Jahrgang 1946), der verstorbene Merkel-Biograph, der beklagte, dass es in der JU "nicht mehr so brodelt wie früher". Oder Günther Oettinger (Jahrgang 1953), der sich Mitte der Achtziger mit dem eben erst zum Kanzler aufgestiegenen Kohl anlegte und gleich zweimal in aller Öffentlichkeit dessen Rücktritt forderte: "wegen anhaltender Führungsschwäche und galoppierender Konzeptionslosigkeit". Und der erstmals drei Frauen in den Landesvorstand holte, mehr sind es heute auch nicht. Oder Andreas Renner (Jahrgang 1959), der mit einer Einladung an Winfried Kretschmann zur Diskussion für Furore sorgte.

40 Jahre programmatisches Auf und Ab

"Der JU ist es in den Jahrzehnten ihres Bestehens immer wieder gelungen, neue Themen zu setzen, wie die Umweltpolitik, die Generationsgerechtigkeit oder die Haushaltskonsolidierung", schreibt sogar der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus zum 40. Geburtstag des Landesverbands. In vielen historischen Abrissen ist das programmatische Auf und Ab beschrieben. Wie die JU-Mitglieder Anfang der Siebziger schon einmal verschrien waren, "reaktionärer als ihre Großväter" zu sein. Wie sie sich auf ihren Deutschlandtagen in der Folge modernisierten. Oder wie der im vergangenen Juli verstorbene Philipp Mißfelder (Jahrgang 1979) die Jungen gegen die Älteren positionierte und künstliche Hüftgelenke für alle über 85 nicht mehr von den Krankenkassen finanziert wissen wollte. Sein Nachfolger Paul Ziemiak (Jahrgang 1985) tritt heute in der Flüchtlingsfrage als einer der besonders Besorgten auf. Eben erst hat er die Losung ausgegeben, mehr als 250 000 Zuwanderer pro Jahr könne Deutschland keinesfalls verkraften. Wie er auf diese Zahl kommt, verrät er nicht. Der Sohn polnischer Einwanderer versteht seine JU aber "als Turbolader" für die Meinungsbildung in der CDU.

Was die Partei in Baden-Württemberg in vielen gesellschaftspolitischen Fragen um Jahrzehnte zurückwerfen würde. Beim Landesparteitag im November in Rust musste Annette Widmann-Mauz (Jahrgang 1966), selber – unter Oettinger – in der Nachwuchsorganisation sozialisiert, ihr Gewicht als Staatssekretärin in Berlin auf die Waagschale werfen, um einen aberwitzigen Beschluss zu verhindern: Die JU wollte durchsetzen, dass es für Genderforschung und einschlägige Lehrstühle keine Staatsknete mehr geben soll. Bravo-Rufe ernten jungenhafte Delegierte für den dringenden Wunsch, endlich diesen "grün-roten Gender-Quatsch" abzuschaffen.

Widmann-Mauz argumentierte mit der modernen, individualisierten Medizin und dass "Frauen nicht aus der Rippe Adams geschnitten und keine kleinen Männer sind", oder wies auf die unterschiedlichen Symptome etwa beim Herzinfarkt hin. Wirklich überzeugen konnte sie nicht, vorsichtshalber ließ das Parteitagspräsidium gar nicht erst abstimmen, aus Sorge, das JU-Begehren könne durchkommen. Draußen vor dem Saal machte sie aus ihrem Entsetzen kein Hehl. Wirklich beeindrucken lassen sich die jungen Rechten davon ohnehin nicht. Auch sie sind Kinder ihrer Zeit. Wie jene, die Willy Brandts lange nachhallende Losung "Mehr Demokratie wagen" aufgenommen hatten. Oder jene, die sich mit den neuen Grünen messen mochten. Heute bestimmen alte FDP-Sprüche aus dem Geiste eines abgestandenen Neoliberalismus wie "Leistung muss sich wieder lohnen" die Debatte des schwarzen Nachwuchses zumindest mit.

Der Kreisverband hieß im Netz "AK Hitler"

Die Ellenbogen auszufahren, programmatisch im übertragenen Sinne und wenn es um die eigene Karriere geht, hat wieder Konjunktur: Landtagsabgeordnete oder sicher scheinende KandidatInnen wurden von ehrgeizigen jüngeren Parteifreunden bei den Wahlkreisnominierungen vom Feld gekickt. Jutta Schiller (Jahrgang 1962), Sozialpolitikerin aus Göppingen, unterlag Simon Weißenfels (Jahrgang 1987), dem örtlichen JU-Vorsitzenden. Der läuft notorisch Sturm gegen die "grün-rote Chaostruppe", möchte die verbindliche Grundschulempfehlung wieder eingeführt sehen und hat 2010 die "Eislinger Erklärung" unterzeichnet.

Das 34-seitige Pamphlet wurde nach einigen Wochen und bundesweiter Aufregung zwar wieder eingesammelt, lohnt aber noch heute die Lektüre: gegen Krippenplätze, weil die "marxistisch" sind, gegen gleichgeschlechtliche Ehe und "muslimische Elemente in der Öffentlichkeit", für die deutsche Leitkultur. Und dazu der Hinweis, dass "Überfremdung" Milliarden kostet. Da seien eben "Maximalforderungen" gestellt worden, rechtfertigten JUler sich damals, weil man sich ja sonst kein Gehör verschaffen könne. Im Netz wurde der Kreisverband kurzerhand als "AK Hitler" gebrandmarkt. Fünf Jahre später, beim Kampf um die Nominierung, hat niemand mehr Weißenfels auf den Vorgang angesprochen.

Aber Kritik perlt ohnehin ab. Wenn es um die unterentwickelten Berührungsängste zur AfD geht, um die überkommene Haltung zu Frauen, um andere Reizthemen wie die klassische Familie als Keimzelle der Gesellschaft, das dreigliedrige Schulsystem oder nur die Manieren bei Debatten mit Andersdenkenden. Der gerne leicht blasierte Habitus wird dann zur Tünche, bröselt schnell, wie die aufgeregten Zwischenrufe der Jungen in der Landtagsfraktion belegen. Das sei eben das Vorrecht des Nachwuchses, sagte Fraktionschef Guido Wolf einmal, angesprochen auf die immer neuen Empörungsrituale. Ein Vorrecht, das schon mal reichlich überdehnt wird. Kürzlich stürmte der Esslinger Andreas Deuschle (Jahrgang 1978) während einer Kretschmann-Rede völlig außer sich aus dem Plenarsaal. "Der ist doch nicht ganz sauber", lautet sein Urteil über den Regierungschef. Und der Rechtsanwalt, der eine eigene Kanzlei führt, hatte gar nichts dagegen, dass zahlreiche Journalisten seinen Auftritt mitbekamen. Auch eine schlechte Kinderstube schärft das eigene Profil.


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6 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 19.12.2015
    Göppinger JU mit verquastem und diskriminierenden Gesellschaftgsbild! Einer dieser Rückwärtsapostel (Simon W. ) kandidiert nun für den Landtag.

    Im ehemaligen "Analyse- und Strategiepapier zur konservativen Erneuerung der CDU/CSU" der Jungen Union Göppingens wurde 2010 gefordert:; "Nationale Symbolik sollte wieder ein unerlässlicher Teil des öffentlichen Lebens werden." Verlangt wurde dazu wie die Faust auf's Auge passend "Eine punktuelle Abkehr von der Selbstgeißelung mit den Verbrechen des Dritten Reiches, wie sie von der politischen Linken seit Jahren betrieben wird, muss stattfinden." An einer anderen Stelle des Papiers wurde über den "Verlust der deutschen Ostgebiete" geklagt. Und über die "Fremden" - unsere Mitübrger mit ausländischen Wurzeln - begann damals schon wie heute bei AfD und NPD mit fahrlässig-leichtfertiger Zunge die Hetze. Allerdings auch gegen Merkel, Schavan und von der Leyen.

    Die Zauberlehrlinge der damals und bis heute viel zu jungen oder dürfte man sagen "dummen" - Union aus dem Voralb-Landkreis Göppingen haben von aktuell notwendiger Gesellschaftspolitik nicht die geringste Ahnung. Sie wollen die Errungenschaften, die - auch in der CDU (!) - verantwortungsvoll vorangetrieben wurden, wieder rückgängig machen - nach dem Motto von Asterix und den Römern.

    Nur dass diesmal die Römer (hier die Bundes-CDU) weiter sind als die durchaus nicht komischen Zauberlehrlinge in dem kleinen schwäbischen Dorf. Wenn der Mini-Pr-Kandidat Wolf von solchen Leuten abhängig sein wird, dann gute Nacht Baden-Württemberg.
  • Peter Boettel
    am 17.12.2015
    Es steht zu befürchten, dass sich die Weimarer Republik wiederholt.

    Die Rechten werden überlaut und sind gewalttäig. Und die CSU sowie Teile der CDU versuchen, sich diesen anzubiedern. Während die vormals Liberalen in der CDU (Sozialausschüsse), die zwar vom mächtigen Wirtschaftsflügel immer abgebügelt wurden, nun völlig verstummt sind, besteht die Gefahr, dass die Weißenfels - Clique zunehmend in Gemeinschaft mit Wolf u.a. die Vorherrschaft in Baden-Württemberg übernimmt.

    Da kann man nur sagen: "Wehret den Anfängen!" Oder wie der Jurist Gritschneder sagte: "Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen!"
  • Jona Gold
    am 17.12.2015
    Sehr geiler Artikel!
    Merci!
    ...die Burschen erinnern an pubertierende Brüllaffen. :)
    Der Sohn polnischer Einwanderer macht gegen Flüchtlinge mobil und ein anderer hat nichtmal den politischen/demokratischen Minimalanstand die Rede des politischen Gegners anzuhören....ohne demonstrative Abwertung.
    Ich brech.................zusammen!
    [Macht man da jetzt einen lachenden oder einen heulenden Smilie hin??]
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 16.12.2015
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich danke Ihnen, dass Sie - wie es der christlich-konservativen Richtung Ihrer Zeitung entspricht - einen sehr kritischen Artikel über die Junge Union verfasst haben. Denn auch wenn die Forderungen der Jungen Union teilweise redlich sind, ist diese Organisation abzulehnen: Schließlich handelt es sich um eine JUGEND-Organisation, und Sie wissen ja sicherlich alle, dass die Jugend die Wurzel allen Übels ist!

    Zugegeben, die JU ist wenigstens noch ein klein wenig weniger unredlich als andere Partei-Jugendorganisationen (z.B. die unredlichen Julis oder die diabolischen Jusos!), dennoch ist von unserer arbeitsfaulen, verkommenen, verweichlichten, frechen, dummen und aufmüpfigen Jugend bekanntlich rein gar NICHTS zu erwarten, selbst wenn sie sich unter dem Dach der relativ redlichen CDU versammeln!

    Sehen Sie sich das doch mal an: Während ein redliches normales CDU-Parteimitglied selbstverständlich immer keusch ist, sich redlich mit Anzug und eng gebundener Krawatte bekleidet, am Sonntag die Kirche besucht und selbstverständlich nur gute Musik (Volksmusik, Klassik, Barock, Kirchenmusik) hört, hören die Mitglieder der Jungen Union häufig scheußliche Krachmusik, ziehen sich schlampig oder sogar unkeusch an, verletzen die Sonntagspflicht und praktizieren auch noch diese widernatürliche, unredliche, unhygienische und extrem ekelerregende sogenannte "Sechs"-Sache da! Was will man mit einem solchen Parteien-Nachwuchs anfangen? Wie ich schon schrieb: Das Problem ist, dass die JU nur aus Jugendlichen besteht, und von denen ist eben nichts außer Unredlichkeit zu erwarten!

    Die einzige wenigstens annähernd redliche Partei-Jugendorganisation sind die "Jubis" (Junge bibeltreue Christen) - ich werde daher meinem redlichen Vorzeige-Neffen Rhabanus empfehlen, in diese Partei-Jugendorganisation einzutreten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Jugendforscher, Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
  • CharlotteRath
    am 16.12.2015
    Als Frau sehe ich viele Parallelen zwischen dem Frauen- und Familienbild junger Konservativer und den kulturellen Gepflogenheiten, welchen Menschen islamischen Glaubens zugeordnet werden.
    Krampfhafte Ablehnung (bzw. von "Multikulti") aufgrund der großen Ähnlichkeit? ;-)
    Oder ernster: Was da der CDU gerade an Wählerpotenzial zuwächst ...
  • Hartmann Ulrich
    am 16.12.2015
    Ich bin kein CDU-Anhänger, aber ich stoße mich an dem Wort "reaktionär", denn es entstammt dem Sprachgebrauch totalitärer Regimes. In der Demokratie kann man eine Meinung nicht abtun, indem man sie, wie der Artikel, als "überholt" bezeichnet (es sei denn, sie beruhe auf eindeutig falschen Annahmen), sondern man muß inhaltliche Argumente dagegen vorbringen. Und daß man den Ellenbogen einsetzt - ist das für einen Politiker wirklich ein Vorwurf? Gibt es einen, der das nicht tut?

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