KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Steffen Siegel (mit Schild) äußert seine Meinung auch gerne plakativ. Foto: Ulli Fetzer

Steffen Siegel (mit Schild) äußert seine Meinung auch gerne plakativ. Foto: Ulli Fetzer

Ausgabe 210
Politik

"Ihr unterstützt diese faule Option"

Von Gastautor Steffen Siegel
Datum: 08.04.2015
Im Kontext-Interview "Es gibt ein Leben mit und nach Stuttgart 21" hat Winfried Hermann den Filderkompromiss begründet. Heftiger Widerspruch kommt vom Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Filder. Der hält den Kompromiss für eine lächerliche Korrektur von etwas noch Schlechterem. Ein offener Brief an den grünen Verkehrsminister.

Lieber Winne Hermann, ich erinnere mich noch gern an die Zeiten vor 30 Jahren, als wir jung und voller Energie gemeinsam gegen die Startbahnverlängerung auf den Fildern kämpften. Und noch drei Wochen vor der letzten Landtagswahl im März 2011 hast Du uns bei einer Podiumsdiskussion der Schutzgemeinschaft Filder mit dem Bahnbeauftragten Fricke voll aus dem Herzen gesprochen und geendet mit der Aussage: "Wenn wir oben bleiben wollen, dann müssen wir ein paar andere runterholen." 

Inzwischen hat die Harmonie zwischen uns gelitten. Ich gestehe Dir gerne zu, dass Du immer gegen S 21 warst. Nur, wie kommst Du mit der jetzigen Entwicklung als Mitverantwortlicher zurecht und wie kannst Du den Kompromiss zum dritten Gleis auf den Fildern so freudig verteidigen, nachdem er ja nichts ist als die jämmerliche Korrektur von etwas noch Schlechterem?

Zwar sagst Du im Kontext-Interview, S21 sei zu groß, zu teuer und zu riskant aber dies relativierst Du sofort wieder durch Deine Aussagen, seit der Volksabstimmung hättest Du "kein Mandat mehr, das Projekt grundsätzlich zu bekämpfen" und durch die Mehrheitsverhältnisse im Land seist Du jetzt nur noch in der "Pflicht, Kompromisse zu suchen, um noch mögliche Verbesserungen zu erreichen".

Die Grünen ducken sich vor der Wahrheit weg

Wir alle wissen, dass bei der Volksabstimmung bewusst mit falschen Zahlen gehandelt wurde. Es war damals schon klar, dass die versprochenen 4,5 Milliarden Euro niemals reichen würden. Ich will das Ergebnis der Volksabstimmung nicht schönreden, aber warum duckt Ihr Grünen Euch vor der Wahrheit weg? Im Prinzip sagst Du, ganz wie unser "Landesvater", dass in der Politik nicht die Wahrheit über die Lüge entscheidet, sondern die Mehrheiten über Minderheiten. Ich meine, für die Wahrheit darf man in wirklich existenziellen Dingen keine Abstriche machen.

Jeder Häuslesbauer, der in seinen Bauanträgen die Entscheidungsgremien belügt, muss mit drastischen Strafen, ja mit dem Abriss seines Hauses rechnen. Bei S21 geht es um ganz andere Größenordnungen und hier soll gelten, dass, wenn eine Lüge eine Mehrheit gefunden hat, daran nicht mehr zu rütteln ist? Da muss man doch alles daransetzen, die Lüge zu widerlegen, auch mit dem Risiko, politisch Schiffbruch zu erleiden. Wollt Ihr als Grüne wirklich für dieses S21-Desaster für alle Zeiten mit verantwortlich zeichnen? Hier geht es ja nicht um ein untergeordnetes Straßenbauprojekt.

Uns Kritikern wirft man vor: Was regt Ihr Euch auf, es geht doch nur um einen Bahnhof? Ja schon, aber es geht um viel mehr. Eine pulsierende Stadt wird mit über 60 Kilometer langen Tunnels untergraben. Ein hervorragend funktionierender Bahnhof wird durch einen leistungsschwächeren, unterirdischen, niemals erweiterungsfähigen Sarkophag ersetzt mit zu engen Bahnsteigen und einer kriminellen siebenfach überhöhten Gleisneigung.

Es geht auch um die Zerstörung einer gut funktionierenden Bahninfrastruktur, um die Verhinderung eines Integralen Taktfahrplans, um die Schädigung des ÖPNV, um die Verlagerung von Güterverkehr auf die Straße. Dieser Schwachsinn auf Schienen übertrifft an Monstrosität alles, was bisher im Land gebaut wurde, aber das weißt Du ja alles!

Kompromisse trotz mutwilliger Zerstörung?

Kannst Du als Verantwortlicher wirklich Deine Pflicht allein darin sehen, "Kompromisse zu suchen, um noch mögliche Verbesserungen zu erreichen"? Nicht nur die Zerstörung des Bonatzbaus, auch die Zerstörung des genialen Tunnelgebirges zur kreuzungsfreien Einfahrt in den pünktlichsten Bahnhof Deutschlands, die drohende Zerstörung unserer Mineralquellen, die Zerstörung des Schlossgartens und Teile der fruchtbaren Filderfläche sind eine barbarische Kulturschande, garniert mit blauen Röhren.

Und schließlich geht es auch um Geld, viel Geld, unser aller Geld. Hätten wir 1828, also zu Goethes Zeiten, angefangen, jeden Tag, auch sonntags 100 000 Euro auf die hohe Kante zu legen, dann hätten wir schließlich heute diese ominösen 6,8 Milliarden für das teuerste Bahnprojekt Deutschlands beisammen. Diese Geldmenge ist so aberwitzig, dass man selbst dann Stuttgart 21 nicht einmal bauen dürfte, wenn Stuttgart 21 ein positives Projekt wäre.

Doch nun zu den Fildern, um die es aktuell geht: Gerade auch auf den Fildern stellt Stuttgart 21 einen klaren Rückbau der Bahninfrastruktur dar. Ein nicht optimaler S-Bahnverkehr soll überlagert werden von Fern- und Regionalbahnen. Im sogenannten "Filderdialog" hattest Du eine gute Ausarbeitung für einen Gäubahnerhalt eingebracht, aber, wenige Tage nach Beendigung des "Dialogs" haben Volker Kefer und Du (das war schon rätselhaft!), das von der Mehrheit gewünschte Ergebnis, nämlich genau diesen Erhalt der Gäubahnführung über die Panoramastrecke, ohne Begründung vom Tisch gewischt und dafür einfach einen anderen Flughafenbahnhof (Plus!) zum Dialogergebnis erklärt.

Nach 13 Jahren vergeblicher Mühe wurde im Herbst endlich ein Erörterungsverfahren auf Grundlage der sogenannten Antragstrasse begonnen. Ein von der Stadt Leinfelden-Echterdingen bestellter Gutachter aus Dresden bestätigte, dass man diese Infrastruktur nicht empfehlen könne, Verspätungen der S-Bahn nähmen zu. Das Erörterungsverfahren wurde, nicht zuletzt mit Hilfe der hervorragenden Arbeit der S21 Kritiker aus unseren Reihen, zum Fiasko für die Bahn. Die Politik hatte sich vornehm zurückgehalten, auch von Euch Grünen hörte man nichts. Und als sich das Fiasko abzeichnete, schwenkten fast alle wieder auf den sehr fragwürdigen Bahnhof Plus unter der Flughafenstraße um, der vergleichbar schlecht ist wie die Antragstrasse. Es wurde immer hektischer und in der Not bastelte man den jetzt vorliegenden Schnellschuss "Drittes Gleis". Warum habt Ihr dies nicht wenigstens ins Erörterungsverfahren eingebracht?

Die Projektpartner ersetzen mit der sogenannten "Kompromisslösung Drittes Gleis" ein Murksprojekt durch ein leicht verbessertes anderes. Es zeigt sich, auch dieser "faule Kompromiss" ist voller Probleme: Der Mischverkehr zwischen Rohr und Flughafen bleibt erhalten und damit eine massive Beeinträchtigung des S-Bahnbetriebs. Die S-Bahnen müssen zwischen Rohr und Flughafen dreimal halten und geraten in Konflikt mit den durchfahrenden Fern- und Regionalzügen; Verspätungen schaukeln sich auf; ein schon lange gewünschter, dichterer S-Bahn-Takt ist nicht mehr möglich; Lärm und Erschütterungen werden zunehmen; ein funktionierendes Notfallkonzept für die S-Bahn ist ohne die Nutzung der Panoramastrecke mit vernünftigem Anschluss in Stuttgart nicht möglich.

Vorschläge sind nur faule Eier

Das S-Bahnchaos vor wenigen Tagen konnte nur deshalb einigermaßen bewältigt werden, weil S-Bahnen die Gäubahntrasse nutzen konnten; die fragwürdige, zeitlich bis 2035 begrenzte Ausnahmegenehmigung muss weiterhin zugrunde gelegt werden; das dritte Gleis muss im eingleisigen, störanfälligen Gegenverkehrsbetrieb gefahren werden, mit zusätzlichen höhengleichen Kreuzungen; das Naturdenkmal Langwieser See muss in einer gigantischen Schleife über landwirtschaftlich genutztes Plieninger Gebiet umfahren werden; der unsichere, bahntechnisch problematische 27 Meter unter der Messe liegende Fernbahnhof bliebe mit all seinen, im Erörterungsverfahren zu Tage getretenen, zum Teil lebensbedrohlichen Nachteilen bestehen.

Und selbst der zunächst gut klingende Vorschlag, vom Flughafen entlang der Autobahn einen S-Bahn-Ringschluss ins Neckartal zu ermöglichen, entpuppt sich als ein ganz faules Ei. Wir schaffen es ja, nach Aussagen in der Schlichtung nicht mal, Regionalzüge aus Tübingen vernünftig zwischen die von Ulm heranbrausenden Züge über die einspurige Wendlinger Kurve einzufügen und da will Herr Bopp, Vorsitzender der Region Stuttgart, auch noch zwischen Flughafen und Wendlingen einen S-Bahnbetrieb auf dieser Schnellbahntrasse einrichten. Das ist ein lächerlicher Trick, um den Filderabschnitt schönzureden. Und Ihr Grünen unterstützt auch noch diese faule Option. 

Wir von der Schutzgemeinschaft Filder haben mit Fachleuten umsetzbare Vorschläge für einen S-Bahn-Ringschluss als Verlängerung der S-Bahn Bernhausen - Neuhausen erarbeitet. Für sehr gut halten wir den schon lange von uns geforderten Vaihinger Regionalhalt im sogenannten Kompromiss. Man braucht ihn jetzt allerdings ohnehin, da sich die Planer sicher sind, dass der Flughafenanschluss später fertig wird als der Rest von S 21. Dann nämlich müssen die Gäubahnzüge aus Zürich dort über Jahre Endstation machen und das ist ausschließlich die Schuld einer über 13 Jahre erbärmlich schlechten Bahnplanung. Warum also sollen die Steuerzahler des Landes verfassungswidrig für diese Kosten aufkommen?

Auch die Ausweitung des Tunnels unter der Rohrer Kurve für Fern- und Regionalzüge ist die Folge dieser zwingenden Nutzung des Vaihinger Bahnhofs Dies ist keine Verbesserung, es ist nur die Korrektur eines unverantwortlichen Rückbaus in den bisherigen Bahnplänen und damit allein von der Bahn zu zahlen.

Wir fordern den Erhalt der Gäubahnführung nach Stuttgart auf der Panoramastrecke und einen bequemen Umsteigebahnsteig in Vaihingen um einfach mit der S-Bahn zum Flughafen zu gelangen. Damit vermeidet man die wesentlichen oben genannten Filderprobleme auf einen Schlag.

Wir fordern wenigstens eine unabhängige verkehrswissenschaftliche Untersuchung der Variante Drittes Gleis, etwa vom Dresdner Institut. Ihr müsst doch, bevor Ihr ins nächste Fiasko schlittert, erst mal wissen, ob das System stabil funktioniert. Wir bezweifeln dies. Allerdings müsste der Untersuchungsraum über die Fildern hinausgehen, denn sehr oft kommen S-Bahnen schon ordentlich verspätet dort an.

Warum holt ihr keinen Rat bei Fachleuten?

Lieber Winne, der OB von Leinfelden-Echterdingen hat es Euch doch vorgemacht. Er holt einen seriösen Gutachter, der aufzeigt, dass der Mischverkehr nicht fahrbar ist und bringt damit die Antragstrasse zu Fall. Warum habt Ihr Grünen das nicht vor Jahren gemacht? Warum, wenn die Bahn es schon jahrzehntelang verweigert, lasst Ihr nicht von Fachleuten die zu erwartenden Passagierströme untersuchen? Wie viele der Gäubahnnutzer wollen nach Vaihingen, wie viele wollen nach Stuttgart und wie viele wollen wirklich ab Stuttgart fliegen? Dann wird sich zeigen, dass die Gäubahnführung über den Flughafen sehr wenig mit echten Bedürfnissen zu tun hat.

Warum lasst Ihr nicht den von unseren Fachleuten erarbeiteten Gäubahnanschluss unten in Stuttgart detailliert prüfen? Dieser Anschluss ist billiger, zerstört kein neues Gelände, hindert nicht mal die windigen Immobiliengeschäfte und wäre sowohl beim Kopfbahnhof als auch beim Tiefbahnhof machbar.

Im Finanzierungsvertrag von 2009 steht an völlig untergeordneter Stelle, dass man direkt zum Flughafen fahren wolle. Aber inzwischen wissen wir, dass diese Gäubahnführung die allermeisten Probleme beim Filderabschnitt herbeiführt und es eine bessere und zudem kostengünstigere Alternative dazu gibt. Es scheint, als wolle man geradezu zwanghaft die völlig unnötige Führung der Gäubahn über den Flughafen retten. Selbst Heiner Geißler meldete hier Zweifel an. 

Ich weiß, umdenken ist schwer, insbesondere, wenn die anderen nicht wollen, vermutlich aus reinen Machtfragen. Dann muss man seine Vorstellung eben mit noch mehr Fakten untermauern. Alles andere wäre ein Wegducken vor der Verantwortung. Im Übrigen sind im Laufe der Jahre schon einige Aussagen aus dem Finanzierungsvertrag stillschweigend geändert worden. Warum lasst Ihr nicht endlich seriös die Leistungsfähigkeit von S21 prüfen?

Warum besteht Ihr nicht auf einer Feststellungsklage, einem nachvollziehbaren Kostenplan für die Zukunft? Erst wenn dies klar ist, darf weiter gebaut werden. Warum arbeitet Ihr nicht mit uns und unseren großartigen Fachleuten (Ingenieure, Juristen, Architekten, Schutzgemeinschaft Filder) zusammen? Wir arbeiten an diesen Themen doch nicht aus Lust und Tollerei in unserer Freizeit. Uns liegt an einer bahnfreundlichen, lebenswerten Stadt.

Wir kämpfen mit großem Einsatz dagegen, dass unsere Stadt und jetzt auch unsere Filderheimat hingerichtet werden sollen, und das höchste der Gefühle ist, dass man uns noch die Wahl zwischen verschiedenen Hinrichtungsarten zugesteht.

Wir werden weiter kämpfen, mit aller Macht. Was denn sonst?

 

Foto: Joachim E. Röttgers
Foto: Joachim E. Röttgers

Steffen Siegel ist seit vielen Jahren Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder e.V.. Der 70-Jährige war Studiendirektor für Mathematik und Physik am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch und wohnt in Neuhausen auf den Fildern.


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